Werner Gschwandtner

Schuld war nur der Alkohol

„Ferdinand Müller, Sie haben das letzte Wort. Wollen Sie Ihrer Aussage noch etwas hinzufügen?“

Der Angeklagte, ein magerer Mann Mitte der Dreißig erhob sich und spielte nervös mit seinen Fingern. Verzweifelt blickte er den strengen Richter an. Es war alles vorbei.

„Nein, es wurde bereits alles gesagt.“

„Meine Damen und Herren, Herr Staatsanwalt, Herr Verteidiger und auch Sie, Herr Angeklagte, erheben Sie sich. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.“

Alle Anwesenden erhoben sich. Ferdinand Müller wischte sich über die nasse Stirn. Die letzten Minuten vor dem endgültigem Aus.

„Wie bin ich nur in diese verflixte Geschichte hinein gerutscht?“ Unsicher biss sich Müller auf die Lippen, sein Geist wanderte zwanzig Tage zurück. An jenen verhängnisvollen Tag, als er sich einbildete bei dem Milliardär Krause einen Super Coup landen zu müssen.

 

Seit drei Wochen hatte Ferdinand Müller den exzentrischen Milliardär Sebastian Krause observiert. An jedem Tag hatte er alle Schritte verfolgt, die der steinreiche Mann und Besitzer der Krause & Co. Diamanten Corporation getan hatte. Jetzt war sich Müller sicher, der Tag seines absoluten Glücks war endlich gekommen.
Krause ging so gut wie nie aus dem Haus, alles wurde geliefert und wenn Not am Mann war, dann wurden die Geschäfte auch von der Villa aus bearbeitet. Nur bei extremen Ausnahmen zeigte sich Krause in der Öffentlichkeit.

Der Plan war bis ins letzte ausgeklügelt, so dachte sich Müller zumindest. Am Freitagabend ist die beste Zeit für den Übergriff. Ab 20 Uhr ist Krause alleine zuhause und über das Wochenende kommt keine Seele zu Besuch. Mit Ausnahme des Steuerberaters.

Dann kam sie, die Freitagnacht. Schon seit vier Stunden überwachte er das Haus von seinem kleinen Mazda aus, dann, gegen 22:30 Uhr postierte sich Müller in der Telefonzelle, nur fünf Schritte von der Villa Krause entfernt. Noch brannte in dem großen Haus überall das Licht und laut pfeifend schritt drei Minuten vor 23 Uhr der Finanzheini um die Ecke. Als dieser vor dem Gartentor kurz verweilte, hastete Müller rasch näher und schlug den nichts ahnenden Mann mit einem kräftigen Fausthieb in den Nacken zu Boden. Dann fesselte er den Bewusstlosen und verbarg ihn einstweilen im Gebüsch, das rund ums Haus wuchs. Leise schlich sich Müller an die Haustüre und läutete. Nach ein paar Minuten öffnete Krause den Spion und fragte.

„Bitte sehr? Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Guten Abend Herr Krause, mein Name ist Philip Leonard. Ich komme von Ihrem Steuerbüro, wir haben einen Termin.“

Ja, Müller hatte wirklich an alles gedacht. Jeden Freitag erschien eine Stunde vor Mitternacht, ein Vertreter der Franklin AG um die Verdienste der Woche zu koordinieren. Krause schöpfte keinen Verdacht, weil er eigens um einen wöchentlichen Personalwechsel gebeten hatte.

„Guten Abend Herr Leonard, einen Augenblick bitte.“ eine Kette rasselte, dann öffnete der noch recht junge Milliardär die Wohnungstür. „Kommen Sie doch bitte weiter.“

Sebastian Krause war nicht viel älter als Müller. Er war ebenfalls recht mager und wirkte nicht wie ein milliardenschwerer Geschäftsmann, nein. Eigentlich verglich man eher die lockere Gestalt Krauses mit einem Rennbahnspekulanten.

Die Tür fiel hinter Müller ins Schloss und dieser handelte sofort. Wortlos zog er einen Revolver aus der Tasche und feuerte. Ein Schuss reichte, er hatte gut gezielt und traf den sorglosen Mann genau ins Herz. Schweigend trat Müller in den Garten, schnell schaffte er den noch immer leblosen Körper des Steuerberaters ins Haus und verfrachtete ihn und den toten Milliardär im Keller.
Dann machte sich Müller an die Durchsuchung der Villa, Bargeld lag fein aufgestapelt, bereit zur Kontrolle der Wocheneinnahme auf dem Schreibtisch. Es war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag.

 

Müller machte es sich gemütlich, zog einen Morgenmantel des Milliardärs an, hatte er die bestens bestückte Hausbar gefunden. Alles was das Herz begehrte, war zu haben, Müllers Kehle lechzte nach einem großen Glas Whiskey. Freudig goss er sich einen Schwenker voll und trank ihn, in einem Zug aus. Dann schenkte er sofort nach.

Es klopfte, Müller zuckte zusammen. Wer stand da wohl vor der Türe? So was hatte es noch nie gegeben.

„Nur die Nerven bewahren, es kann nichts geschehen.“ Ferdinand Müller trat an den Spion und linste hinaus.

„Sie wünschen?“ Ein Streifenpolizist stand draußen, freundlich legte er zwei Finger an die Mütze und grüßte.

„Guten Abend Herr Krause, Entschuldigen Sie die Störung, aber es wurde gemeldet, dass aus Ihrer Villa ein Schuss gefallen sei. Ich muss dieser Angelegenheit leider nachgehen.“

„Aber natürlich, kommen Sie herein. Es ist alles in Ordnung.“ Müller könnte sich Ohrfeigen, auf den Schalldämpfer hatte er ganz vergessen. Nun gut, jetzt war es geschehen und es war nicht mehr zu ändern, er musste das Beste daraus machen.

„Wir hatten hier noch nie einen Einsatz“, feixte der Beamte lustig, „ich habe Sie noch nicht einmal bisher gesehen.“

Müller atmete erleichtert auf, damit war er wieder aus dem Wasser. Der Polizist blickte sich überall suchend um und sah auch das viele Bargeld im Büro.

„Nein, das Geld ist die Wocheneinnahme und wird noch in den nächsten Stunden von meinem Steuerberater abgeholt.“

„Na dann ist es gut, es scheint wirklich alles in Ordnung zu sein. Mit Sicherheit hat sich der Anrufer geirrt, war womöglich nur eine Fehlzündung.“

Müller hatte sich bei der Ausführung des Beamten wieder ein Glas Whiskey ein geschenkt und trank es zügig aus. Dann sah er den Blick des Polizisten, Müller konnte ihn nicht richtig einschätzen, war es eine Frage nach einem Glas?

„Darf ich ihnen ein Glas anbieten, Wachtmeister?“

„Danke nein, ich bin im Dienst.“

„Dann erlauben Sie, dass ich mir noch einmal nach schenke. Der Stress heute war wieder sehr anstrengend.“

Der Polizist nickte mit einem weiteren verwirrenden Blick, sagte aber nichts mehr sondern verabschiedete sich freundlich.

„Ich wünsche Ihnen noch ein schönes und ruhiges Wochenende, Gute Nacht.“

„Gute Nacht und noch einen geruhsamen Dienst.“

Der Polizist ging, Müller versperrte die Tür und tänzelnde laut lachend in das Büro zurück. So leicht wie heute hatte er die Polizei noch nie an der Nase herum führen können! Es war wirklich sein Tag heute, zuminderst glaubte Müller daran.

 

Eine Stunde später stürmte ein Sonderkommando der Polizei die Villa und erwischte Ferdinand Müller im geräumigen Whirlpool, mit einer beinahe leeren Flasche Whiskey, vollkommen besoffen. Die Gerechtigkeit konnte obsiegen.

Die Untersuchung zeigte, dass Sebastian Krause erschossen und der Steuerberater Rudolf Mannheim durch den Genicksschlag in ein tiefes Koma gefallen und daran letztendlich gestorben war.
Streifenpolizist Thomas Landmaiers Bericht war für das Gericht sehr aufschlussreich, er gab glaubwürdig kund – Zitat, „Herr Sebastian Krause war für mich ein Unbekannter, ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Aber ich wusste, genauso wie alle anderen in diesem Distrikt, dass der Milliardär ein eingefleischter Anti-Alkoholiker war. Für Gäste und Bekannte hatte er stets die Bar mit dem Besten gefüllt. Aber er selber trank nie einen Schluck.“

 

„Meine Damen und Herren, Richter Samuel Holzmann.“

Der Gerichtsdiener kündigte den Richter an, und wieder erhoben sich alle. Müller hatte die Situation noch immer nicht richtig verdaut. Alles hatte gut angefangen, doch zum Abschluss verlor er mehr, als er jemals zu gewinnen gewagt hatte.

„Meine Damen und Herren, Herr Staatsanwalt, Herr Verteidiger. Es ergeht folgendes Urteil im Namen des Volkes.“

Ferdinand Müller senkte seinen Kopf, er wusste von vornherein wie das Urteil lautete.

„Der Angeklagte wurde des zweifachen Mordes überführt, in Tateinheit mit schwerem Raub. Der Angeklagte Ferdinand Müller wird daher zu einer lebenslänglichen Gefängnishaft verurteilt, die Kosten fallen dem Angeklagten zur Last.“

 

Ferdinand Müller schritt zwischen zwei Vollzugsbeamten, sein Blick war leer. Durch eine kleine Unwissenheit hatte er sein ganzes restliches Leben weg geworfen. Aber woher hätte er auch wissen können, dass Sebastian Krause, obwohl seine Hausbar bis oben voll mit den edelsten alkoholischen Tropfen war, ein kompletter Abstinenzler war. Niemals hatte und hätte der Multimilliardär auch nur einen Schluck genommen und Müller hatte vor den Augen eines Polizisten sogar gleich zwei volle Schwenker geleert.


Schuld war nur der Alkohol

© Werner Gschwandtner

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