Gerda Schmidt

Wen die Götter lieben ... Die Olympiade 274 v.Chr.

„Tot. Direkt vor den Türen des Stadions? Deidalos schaute Theokrates mit weit aufgerissenen Augen an.
„Zum Glück hat er nicht die heilige Stätte des Stadions mit seinem Tod entweiht.“
„Weiß man den schon mehr. Wer er war und woher er kam?“ Immer noch etwas entgeistert fragte Deidalos Theokrates nach Details, die dieser als Trainer der Läufer allen anderen zuvor hatte. Bisher hatte noch niemand etwas von dem Vorfall mitbekommen.
„Gerüchten zufolge gibt es einige Rätsel über diesen Mann. Bis heute Abend werden wir mehr erfahren.“ Theokrates setzte sich nun schwerfällig neben seinen Freund. In seiner Jugend hatte er selbst an den, den Göttern geweihten Spielen teilgenommen. Er war besser als die anderen und nur einen einzigen konnte er nicht übertrumpfen, aber es gab nun mal nur den Sieger.

Die Zuschauer hatten sich schon seit Stunden im Olympischen Stadion eingefunden. Einige saßen auf den heißen Quadersteinen, während die meisten dicht gedrängt standen. Heute sollte die Eröffnungszeremonie mit anschließendem Stadionslauf stattfinden. Bis zum Einmarsch aller Olympioniken dauerte es noch eine Weile. Die meisten Anwesenden verkürzten sich die Zeit mit Plaudereien über die letzte Olympiade, die vier Jahre zurück lag. Wenige der damaligen Teilnehmer hatten die Qualifikation für die diesjährigen Spiele geschafft. Der Sieger der letzten Olympiade, Timestos, hatte sich auch dieses Mal die Teilnahme gesichert.

Wie üblich fand eine Selektion der besten des Landes statt, an der ausschließlich freie, griechische Bürger teilnehmen durften und vier Wochen vor Beginn der Spiele mussten sich alle Qualifizierten zum Training in Olympia einfinden. Ab diesem Zeitpunkt ruhte jede Waffe und es durften keinerlei Streitigkeiten und Kriege geführt werden. Somit sorgte der Wettkampf für den Frieden des Landes. Während der Trainingszeit konnte jeder Sportler unter den Originalbedingungen üben und es konnte gleichzeitig eine Überwachung der Teilnehmer stattfinden. Keinerlei Hilfsmittel waren zugelassen. In diesem Jahr fanden sich 120 Siegeswillige ein, die zu Ehren der Götter Zeus und Rhea unsterblichen Ruhm erlangen wollten.

Alle jungen Männer wurden in sechs Gruppen zu je zwanzig Mitgliedern aufgeteilt. Timestos, kam in die Gruppe, die Theokrates zugeteilt wurde. Er fing das Programm, das 28 Tage dauerte langsam an, steigerte schnell auf den höchsten Trainingsgrad und behielt dieses Niveau bis zum Schluss bei. Deshalb war er als Schinder verrufen. Doch das störte ihn wenig, wusste er doch selbst aus schmerzlicher Erfahrung, dass nur ein hartes Training Erfolg brachte.

Morgens um 6°° Uhr ließ er seine Gruppe zum ersten Lauf durch einen Olivenhain antreten und er duldete keine Verspätung. Danach wurde ein gemeinsames Frühstück eingenommen. Um 8°° Uhr standen alle bereits im olympischen Stadion. Wer es zum ersten Mal betrat, wurde von Ehrfurcht gepackt. Das war also der Ort, der den ersehnten Sieg brachte. Nach einem kurzen Gebet und einer kleinen Opfergabe, die für die Gesundheit der Olympikonen bürgen sollte, begann das Training. Obwohl alle siegen wollten und als Konkurrenten hierher gekommen waren, bildeten sich doch kleine Grüppchen, die sich nach Sympathien formierten. Nur Timestos mied die anderen. Er hatte sich isoliert und sprach nie ein Wort. Doch er tat sich als hervorragender Kämpfer hervor. Stets lief er die Bestzeiten und war ein geschickter Ringer. Auf die zuerkennenden Beifälle reagierte er nicht und zog sich nach erfolgtem Einsatz in eine Ecke zurück. Das war sehr auffällig und bewirkte genau das Gegenteil von dem, was er bezweckte. Alle beobachteten ihn aufmerksam. Nach ein paar Tagen sprach ihn Theokrates deshalb an.
„Timestos, warum hältst Du Dich von den anderen fern?“
„Leicht errötend zog dieser seine Kapuze noch mehr ins Gesicht. Dann antwortete er.
„Ich trage eine Erkältung in mir und möchte niemanden anstecken.“
Mit dieser Antwort gab sich der Trainer vorerst zufrieden. Timestos dagegen versuchte sich etwas mehr bei den anderen zu integrieren, um weniger aufzufallen. Er stellte sich zu den anderen und lauschte deren Gespräche, ohne jedoch einen Beitrag zu leisten. Nach einer Woche sprach ihn Argomenes unverhofft vor allen an.
„Warum bist du so scheu uns gegenüber. Liegt es an Deiner eher knabenhaften Figur? Vorgestern fiel mir beim Ringen auf, dass Deine Schultern schmal gebaut sind. Doch hast Du Kraft, wie ein Stier. Du besiegtes mich mit dem Geschick und der Schnelligkeit einer Schlange.“
Nun begannen die restlichen vier zu lachen. Timestos wollte sich durch Flucht der Antwort entziehen, stieß beim herumdrehen jedoch an Theokrates. Er mochte es nicht, wenn man sich über die schwächere Natur eines Mitstreiters lustig machte, zumal er selbst nicht gerade dem Abbild eines Adonis glich. Trotzdem ließ er diese Frage zu. Mit unsicherer Stimme antwortete der Befragte.
„Meine Familie stammt von den Inseln des Dodekanis. Mein Bruder und ich wurden eher in der Kunst der Heilung unterwiesen. Ich kletterte mehr im Baum des Ipokrates und sammelte Misteln, als das ich gefallen an der Kunst des Speerwerfens fand. Geschmeidigkeit und geringes Gewicht ist dabei mehr gefragt. Die stoische Ruhe wurde mir im Tempel des Asklepion beigebracht. Ist sie doch oft wichtiger im Leben, als animalische Kraft.“
Alle lauschten sie mit zunehmendem Erstaunen über diese, mit leiser Stimme vorgetragene Antwort. Von diesem Zeitpunkt an ließen sie Timestos in Ruhe. Nur Theokrates gab sich nicht damit zufrieden.

Theokrates war der Meinung, dass gemeinsame Hygiene am Morgen nicht förderlich sei, da dies die einzige Möglichkeit des Tages war, die Sportler sich selbst zu überlassen. Deshalb konnte jeder soviel Zeit dafür verwenden, wie er brauchte. Timestos zog sich deshalb zurück und nahm sein morgendliches Bad alleine in der eigens für die Sportler gedachte Badeanstalt. Beim Verlassen des Bades betrat Theokrates den Raum, um mit ihm darüber zu reden.
„Mein lieber Timestos, es ist mir bei den letzten olympischen Spielen gar nicht aufgefallen, dass Du Dich stets abseits aufhältst. Auch Dein Verhalten gab keinen Anlass der Besorgnis. Was hat Dich so verändert?“
Ordentlich in eine saubere Tunika gekleidet verströmte er den Duft lieblicher Essenzen, dass es Theokrates den Gedanken aufdrängte, Timestos sei homosexuell veranlagt. Sein welliges, blondes Haar trug der Sportler gepflegt kurz, wie die anderen jungen Männer und doch wirkte es weicher.
„Darf ich denn nicht um vier Jahre gereift sein. Das kindliche Lächeln ist mir nicht mehr eigen. Ein ereignisreiches Leben hat Spuren hinterlassen.“
Nun liefen beide in Richtung des Olivenhains, in dem der Tagesablauf begann. Alle hatten sich bereits eingefunden und warteten nur noch auf die beiden. Nun wollte Samenokles auch eine Frage beantwortet haben.
„Wieso trägst Du immer eine Tunika? Bei den Wettkämpfen werden wir alle nackt antreten. Das gilt auch für Dich.“
Ohne langes Zögern antwortete Timestos
„Ich leide an einer starken Hauterkrankung, die es mir verbietet meinen Körper der Sonne auszusetzen. Erst bei den Wettkämpfen werdet ihr mich unverhüllt sehen.“
Wieder hatte er damit weiteren Fragen das Fundament entzogen. Das Training wurde bis zum Schluss durchgezogen.

Als nun der Tag der feierlichen Eröffnung der Spiele begann, wurde er von einem Mord überschattet. Alle Spieler sollten sich zu einer langen Schlange formatieren. Nur 119 Olympioniken standen bereit zum Einlass in das Stadion. Jede Stadt hatte ihre Sportler zusammengestellt, um sie jubelnd zu empfangen. Nur der Platz der kleinen Insel Kos blieb verwaist, nachdem man den blutigen Leichnam abtransportiert hatte. Was war geschehen?
Eine Sonderkommission konnte am Abend genauere Informationen weitergeben.

Nachdem sich Deidalos und Theokrates am Ende des ersten Wettkampftages getrennt hatten, trafen sie sich am Abend beim Festmahl wieder. Theokrates berichtete vom Vorfall.
„Als man den gefundenen Leichnam entkleidete sah man, dass es sich um eine Frau handelte. Sie hieß Elena und war die Zwillingsschwester von Timestos.“
„Gibt es denn einen Grund, weshalb eine Frau so dumm sein kann, hier anzutreten?“
„ Nachdem er die Qualifikation bestanden hatte wurde er bei einem osmanischen Überfall auf ihre Insel von den Türken hinterhältig ermordet. Elena sollte den Ruhm ihres Bruders und der Insel verteidigen. Deshalb schickte man sie anstatt seiner zur Teilnahme nach Olympia.“ „Das wäre einer Entehrung dieser Spiele gleichgekommen. Dafür wäre sie bestraft worden.“
„Die Strafe hatten Bürger der Stadt Sparta vorweggenommen. Sie sahen nur diese Frau als wahre Konkurrenz für ihren Favoriten. Wahrscheinlich wird er nun gewinnen.“
Deidalos hatte schon als Gerücht vernommen, dass Sparta einen Sieg unter allen Umständen erringen wollte. Nur einer konnte die olympischen Spiele gewinnen.
„Nun muss jeder mit sich selbst ausmachen, wer die wahre Schuld trägt.“
Theokrates antwortete darauf.
„Wen die Götter lieben holen sie früh zu sich.“
„Ich dachte, Du verachtest Frauen, die sich Männern gleichtun. Weshalb sollte sie von den Göttern bevorzugt werden. “
„Timestos starb in jungen Jahren.“ Die Frau erwähnte er mit keinem Wort.

http://www.eulenschreibkleckse.de/

Aufgabe Juli 2004 Olympiade
www.autoren-im-netz.de
Gerda Schmidt, Anmerkung zur Geschichte

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gerda Schmidt).
Der Beitrag wurde von Gerda Schmidt auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Gerda Schmidt als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. von Ronald Henss



Kurzgeschichten aus dem Internet. Eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Im Frisiersalon“ auf www.online-roman.de Eine bunte Mischung, die für jeden Geschmack etwas bereit hält: mal ernst, mal heiter, unterhaltsam, kritisch, sentimental, skurril, phantastisch... Liebesgeschichte, Humor, Krimi, Spannung, Alltag, Kindergeschichte, Nachdenkliches...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Phantastische Prosa" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gerda Schmidt

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Welcher Hund passt zu mir? von Gerda Schmidt (Phantastische Prosa)
Ein Tag mit Karli (witzig) von Margit Kvarda (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen