Hans Pürstner

Der Mörder war nicht der Gärtner, Teil 5


5.Kapitel
Elf Uhr vormittags bei der großen Kapelle des Hauptfriedhofs Ohlsdorf. Hunderte großteils schwarz gekleidete Trauergäste hatten sich versammelt, um dem „Vater aller Schnäppchen“ die letzte Reverenz zu erweisen. Erstaunlicherweise gab es dem Anlass entsprechend nicht das übliche Hamburger Schmuddelwetter, sondern die Sonne lachte von einem blauen Himmel auf das versammelte Volk, so als ob selbst er keine allzu große Trauer zeigen wollte über den Abgang des alten Rabbisch. Zum Unterschied zu kleineren Beisetzungsfeiern, bei denen ein einsamer Organist oder Bläser dem Verstorbenen die Lieblingsmelodie mit auf den letzten Weg gibt, hatte die Familie keine Kosten gespart, um dem Verblichenen einen standesgemäßen Abschied zu bieten. Die Anzahl der Musiker hätte für ein Kammerkonzert in der Musikhalle locker gereicht, und der Blumenschmuck legte den Schluss nahe, dass der Hamburger Floristengroßmarkt wohl für heute und morgen ausverkauft sein durfte. Livrierte Diener am Eingang begrüßten die Trauergäste und sortierten sie nach Rang und Wichtigkeit, bevor sie von einem Angestellten an ihren Platz geleitet wurden. Die gesamte Gruppe Woldmann der Hamburger Mordkommission war ebenso aufmarschiert, um sich am Rande der Beisetzungsfeierlichkeiten umzuschauen und vielleicht den einen oder anderen zum Kreis der Verdächtigen Gehörigen ein paar Fragen stellen zu können. Da sie weder wie Verwandte noch wie enge Geschäftspartner aussahen, komplimentierte man sie etwas ruppig in eine der hintersten Reihen. Woldmann war nahe daran, seinen Dienstausweis zu zeigen um eine etwas bessere Behandlung zu erfahren, ließ es aber dann doch sein. „es muss ja nicht gleich jeder hier wissen, dass wir von der Polizei sind!“, entschuldigte er seine Zurückhaltung vor den Kollegen, die das ganze nicht so lustig fanden. Sie drängelten sich zwischen einige ältere Menschen, denen man ansehen konnte, dass sie nur aus Anstand und Höflichkeit der Trauerfeier beiwohnten. In Wirklichkeit war von Trauer bei ihnen nicht viel zu sehen. Woldmann erkannte in einem der Männer Herrn Bühler, den ehemaligen Inhaber der traditionsreichen Kaffeerösterei Bühler&Söhne. Er nickte ihm kurz zu und dieser grüßte erfreut zurück, als er erkannte, wer neben ihm stand. Vor einigen Monaten war die traurige Geschichte der Firma durch die Presse gegangen. Nach drei Generationen musste Bühler die Kaffeerösterei aufgeben, kurz bevor sie der älteste der Söhne übernehmen sollte. Sie war nicht klein genug, um als Nischenanbieter nur für einige Stammkunden überleben zu können, andererseits bei weitem nicht groß genug, um den Kampfpreisen der Discountläden Paroli zu bieten.
„Was macht denn die Polizei hier, Herr Woldmann?“, fragte Bühler erstaunt. Die beiden kannten sich schon Jahrzehnte lang, Woldmann lebte seinerzeit am Eppendorfer Weg, ganz in der Nähe des Stammgeschäfts der Rösterei. Er schwor auf die hauseigene „Milde Röstung“. „Aromatisch und trotzdem magenfreundlich, dafür gebe ich gerne ein paar Groschen mehr aus“, pflegte er sich zu rechtfertigen, wenn ihm seine Frau mal wieder den viel günstigeren Pfundpreis im nahen Supermarkt unter die Nase rieb. Nach dem Tod seiner Frau war er umgezogen nach Wandsbek und man hatte sich aus den Augen verloren.
„Wir sind dabei, die Umstände des Todes von Herrn Rabbisch zu klären. Da wir noch ziemlich am Anfang stehen, hoffe ich, dass wir vielleicht hier ein paar Anhaltspunkte für die Ermittlungen finden“, antwortete er. „Na, denn mal viel Spaß, hier gibt es bestimmt so einige, die ihm nicht nachtrauern, wenn nicht sogar ihm den Tod gewünscht haben!“, meinte Bühler sarkastisch. „Haben sie eine Ahnung, wie viele Tante-Emma-Laden besitzer, kleine Fachhändler und deren langjährige Angestellte allein der Rabbisch auf dem Gewissen hat? Dabei lieben ihn seine Kunden und lassen nichts auf ihn kommen. Auf den ersten Blick sind ja auch alle zufrieden. Die Kunden, die für wenig Geld gute Ware bekommen, und der Alte, der durch seine Marktstellung einer der reichsten Männer Deutschlands geworden ist. Aber keiner fragt, wer eigentlich dafür zahlt. Des Einen Freud ist nun mal des Anderen Leid!“ Aus der Reihe vor ihnen drehte sich eine ältere Dame um und zischte empört „Können sie den nicht wenigstens während der Trauerrede den Mund halten?“ Dankbar über die erzwungene Unterbrechung verkniff sich Woldmann die geplante Erwiderung auf die Brandrede Bühlers. Schließlich kaufte er selbst auch schon seit Jahren im Rabbisch Markt ein und ließ sich auch sonst kaum ein billiges Schnäppchen entgehen. Bisher hatte ihn deshalb auch kaum schlechtes Gewissen geplagt. Aber jetzt gaben ihm die Worte seines Nachbarn doch zu denken.
Aus der Reihe der neben ihnen stehenden drängte sich nun ein noch etwas jüngerer Mann neben Woldmann. „Ich habe gerade mitgekriegt, dass sie von der Polizei sind, meine Herren“, fing er an sich einzumischen. Britta Wilhelm guckte ihn giftig an, da er sie offenbar nicht für voll genommen hatte. „Entschuldigen sie, gnädige Frau“, versuchte er sich noch schnell rauszureden, „ich dachte sie wären die Begleitung eines der Herren“, aber der Erfolg ließ zu wünschen übrig. Britta würdigte ihn fortan keines Blickes mehr.
Trotzdem wollte er unbedingt sein Wissen loswerden. „Wussten sie eigentlich, dass der Alte seine Firma in eine Stiftung umwandeln wollte?“ Die Beamten rückten interessiert näher. Stolz erzählte er weiter. „Sein Sohn hat ja vor einigen Jahren die Nachfolge angetreten und war alles andere als einverstanden mit der Idee seines Vaters. Er wollte mit einem Partner in den USA zusammen in den dortigen Markt einsteigen. Der Alte wollte aber die Rabbisch Kette verkaufen und das Geld in einer Stiftung verwalten.“ Woldmann wiegelte ab. „Das ist ja alles ganz interessant, Herr.....“flüsterte er dem aufdringlichen jungen Mann zu. „Entschuldigen sie!“, antwortete der erschrocken, „mein Name ist Meyer, mit e und Ypsilon geschrieben. Mein Stiefvater hat den Rabbisch früher mit Wein beliefert.“
„Wie schon gesagt, Herr Meier, das ist zwar interessant, aber der Sohn wird ja deshalb wohl kaum seinen Vater vergiften. Aber wir müssen ohnehin noch mit einigen Familienangehörigen sprechen, da ist ihr Hinweis sicherlich hilfreich. Vielen Dank noch mal!“. Und schon hatte er sich wieder demonstrativ der Trauerrede zugewandt, gerade noch rechtzeitig, bevor sich die Dame von vorhin noch einmal beschweren konnte. Inzwischen begann sich die offizielle Feier dem Ende zu nahen und der Grossteil der Gäste drängte sichtlich erleichtert zum Ausgang. Woldmann beschloss, mit seinen Leuten in dem kleinen Cafe gegenüber dem Haupteingang des Ohlsdorfer Friedhofs zu warten, bis auch die eigentliche Beisetzung, die nur im engsten Familienkreis stattfand, vorüber sein würde.
Nach einer guten halben Stunde wurden die gegenüber vom Cafe stehenden Chauffeure der bereitstehenden Mercedes Limousinen unruhig, rückten ihre Uniform zurecht und begannen die Türen zu öffnen für die nach und nach eintreffenden Familienangehörigen. Woldmann verließ seinen Tisch und wollte auf die andere Straßenseite gehen, um doch noch zu versuchen, irgendein Mitglied der Familie ansprechen zu können, da sah er, wie eine Dame mittleren Alters auf zwei junge Männer einsprach und kurz darauf ihrem Chauffeur ein Zeichen gab, ohne sie wegzufahren. Die drei wollten allem Anschein nach herüber zum Cafe kommen und als sie gerade das Lokal betreten wollten, sprach er sie an. „Gestatten, Oberkommissar Woldmann von der Mordkommission des Hamburger Landeskriminalamts. Wir führen die Ermittlungen im Tötungsfall Rabbisch und würden sie bitten, uns ein paar Fragen zu beantworten.“
Die Dame verzog das Gesicht und antwortete hochnäsig„ „Muss das denn ausgerechnet jetzt sein, wir wollten gerade mit meinem Sohn und meinem Neffen unsere Trauer aufarbeiten“ Er blieb ganz cool und erwiderte „Natürlich nur, wenn es ihnen nichts ausmacht, gnädige Frau. Ich wollte ihnen bloß eine Vorladung in unsere Dienststelle ersparen!“. „Na wenn das so ist, Herr Oberkommissar, so fragen sie halt“. Großzügig schlug sie vor „Vielleicht könnten wir uns ja in die Nische da hinten setzen, da sind wir ungestört und wir können endlich etwas zu uns nehmen!“. „Na, dann nehmt doch was zu sich, Eure Hochnäsigkeit!“, dachte Woldmann bei sich, schnell fiel ihm wieder sein Vorgesetzter ein, Kriminaloberrat Berger. Der würde ihm bestimmt sofort einen Rüffel erteilen, wenn er höherstehende so unfein behandelte. Er gab sich einen Ruck, setzte sein verbindlichstes Lächeln auf und rückte ihr sogar formvollendet den Stuhl zurecht, worauf sie sich endlich hinsetzte. Die beiden jungen Männer, vielleicht um die achtzehn saßen bereits und hatten sich, wenig fein, bei der vorbeieilenden Serviererin schon zwei Cola bestellt, ohne auf die Dame zu warten. Sie warf ihnen einen missbilligenden Blick zu und schaute Woldmann erwartungsvoll an. Der rückte seinen Stuhl zurecht und begann „ich nehme an, dass sie zum engeren Familienkreis zählen, Frau....“, „Wichmann, Marika Wichmann, geborene Rabbisch“ beantwortete herablassend seine Frage, „ich bin die zweitälteste Tochter. Meine ältere Schwester hat mir schon erzählt, dass man uns Fragen stellen würde. Sie wurde gestern am Telefon kalt erwischt von einem ihrer Hilfskräfte“. Pallhuber fühlte sich angesprochen und antwortete sarkastisch „Es tut mir leid, dass unser Polizeipräsident sie nicht persönlich befragen konnte, aber der ist gerade zur Kur. Wir hätten Sie natürlich auch alle in unser Büro zitieren können. Wäre ihnen das lieber gewesen?“. „Nein, natürlich nicht! Seien sie doch nicht gleich so empfindlich, Herr...Hauptkommissar Pallhuber glaube ich?“. „Na ja, ihr familieninterne Nachrichtendienst arbeitet ja sehr exakt, Frau Wichmann. Uns interessiert, seit wann sie und ihre Geschwister wussten, dass das Familienoberhaupt die Firma in eine Stiftung umwandeln wollte. Möglichst präzise, bitte!“. Sie bemerkte sehr wohl die Art wie er Frau Wichmann sagte, anstatt des in ihren Kreisen anscheinend obligatorische „Gnädige Frau“. Sie warf ihm einen Blick zu wie die Queen von England, wenn mal eine Besucherin den Hofknicks verpatzt hatte und antwortete „Ich weiß davon erst seit dem fraglichen Abend. Bevor wir im Salon Platz genommen hatten, erzählte mir mein Bruder Heinrich davon. Stillt das ihren Wissensdurst, Herr Pallhuber?“. Aus Rache für seine uncharmante Anrede verweigerte sie ihm natürlich jetzt die Nennung seines Dienstgrades. Woldmann wandte sich an seine Mitarbeiter und sagte „Dann knöpfen wir uns eben den Sohn vor, er scheint wohl derjenige zu sein, der es schon länger wusste. Und der auch am ehesten Nachteile davon hatte.

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