Martina Brandt

Schützenfest

Es dämmerte, die Sonne machte Feierabend. Mit leisen Schritten ging ich zu seinem Haus. Meine Gedanken wandern wieder Jahre zurück. Damals waren wir jung und verliebt. Damals......es war so lange her. Hier hab ich gelebt, hier wollten wir alt werden. Ach, genug geschwelgt in Erinnerungen. Es ist schon lang vorbei.....
Warum mußte ich ihn zufällig treffen? Es war Schützenfest, er stand am Bierstand- wie immer! Manches ändert sich eben nie. Früher hatte ich es gehasst, wenn Männer sich betranken. Das ist auch heute noch so.
Nun stand er also da. Zwanzig Jahre wurden in Sekunden zurückgedreht, wir waren wieder jung. Unsere Blicke trafen sich und die alte Vertrautheit war wieder da, als wäre sie nie fort gewesen. Mein Kopf war leer, ich konnte nicht klar denken. Nur lauschen, seiner Stimme, so nah. Es war ein schöner Abend. Zum Abschied versprach ich ihm, morgen auf einen Sprung vorbei zu kommen. Ich muß betrunken gewesen sein, von Alkohol den ich nicht trank, oder von seiner Anwesenheit. Immer bringe ich mich in so idiotische Situationen. Wie macht er das nur? Alle anderen lassen mich kalt, aber er scheint ein Privileg zu haben.
Egal, nun steh ich hier. Verlassen konnte man sich immer auf mein Wort. Hoffentlich sieht mich keiner. Mein Mann würde sich bedanken, wenn seine Frau zu ihrem Exlover schleicht. Oh Mann was tu ich hier? Herr- lass Hirn vom Himmel regnen...
Zu spät, die Tür öffnet sich und ich husche hinein. Ich fühle mich wie ein Dieb in der Nacht. Ich kenne den Weg und gehe nach oben. Tür zu, nun fühle ich mich etwas sicherer. Was grinst er denn so unverschämt? Ach ja, die gleiche Situation hatten wir schon mal. Irgendein Schützenfest. Manches ändert sich nie.
Warum macht man den gleichen Fehler zweimal??? Laß mich noch mal raus - ich hab meinen Verstand vor der Tür stehen lassen...Er grinst! Wir gehen ins Wohnzimmer, ich schaue mich um. Es hat sich nicht viel verändert. Nur seine Freundin wurde ausgetauscht. Sie wohnen noch nicht zusammen, trotzdem komme ich mir vor wie ein Eindringling. Was tu ich hier?
Er holt mir das gewünschte Getränk- meine Güte, er hat immer noch das halblange seidige Haar. Ich weiß genau wie weich es damals schon durch meine Finger floss. (mein Verstand schien auch zu fließen...)
Sein Blick trifft mich, fast zärtlich lächelt er mich an. Ich fühlte mich hilflos. Ich sollte gehen, bevor ich mich lächerlich mache. Zu spät, er redet mit leiser Stimme zu mir. Hirn- komm sofort her! Immer wenn er kommt, verläßt du mich. Mein Blick streift seine Lippen. Oh Mann, küssen konnte er gut!
Ich hab so viel vergessen, warum nicht auch das?
Er beugt sich unbewußt näher zu mir. Meine Alarmglocken klingeln., und ich bin taub. Er weiß genau, was für eine Wirkung er auf mich hat. Er ist so unschuldig süß. Ein großer Teddybär. Und genau dagegen war ich machtlos. Die Zeit verging- die Spannung stieg. Ich weiß ich darf es nicht, aber meine Hand macht sich selbständig um sein Haar zu fühlen. Das bin nicht ich...ich bin gar nicht mehr da. Die Frau ist mir fremd.....Immer wenn er da ist- bin ich mir fremd. Wie kommt mein Mund auf seine Lippen? Herrgott, ich weiß nicht was mein Körper da macht. Er schmiegt sich an ihn und dabei sitz mein Verstand noch auf dem Sofa.
Komm wieder her, du kannst dich nicht von meinem Kopf trennen und eigene Wege gehen.
Ich hab die Verantwortung für dich! Hat mein Kopf keine Ohren und mein Verstand keine Stimme? Sie scheinen zwei selbständig getrennt voneinander lebende Persönlichkeiten zu sein. Ich müßte gehen....ich müßte fort. ..ich müßte....Error
Und in einem Jahr ist wieder Schützenfest....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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