Ines Wertenbroch

Impressionen


Es war ein warmer und verhangener Sonntagnachmittag, ende Juni. Die Villa befand sich mitten in der Stadt. Links und rechts wurde sie von einfachen Reihenhäusern umrahmt. Selbst als wir noch auf dem Bürgersteig standen, hatte ich das Gefühl, dicht vor diesem riesigen Gebäude zu stehen. Der Eingang war mit violettverblühendem Rododendrohn an den Seiten geschmückt, doch auch wenn man die Vorderseite kaum im Ganzen sehen konnte, wirkten die Sträucher schon jetzt zu klein geraten.

Die schwere Tür aus altem Holz stand offen. Schobert, ein Bekannter, der mich an diesem Tag in die Stadt gefahren hatte, wies mich mit seiner Hand, in die Villa zu gehen.
„Das ist die Villa Weets. Wir können einfach hineingehen. Meine Frau ist schon seit drei Uhr da. Um sechs wird die Ausstellung abgebaut, bis dahin solltest du dir alles angesehen haben.“
Ich nickte nur und ging vor. Schobert folgte mir.
Wir gingen direkt auf eine nach oben führende Treppe zu. Auf der oberen Etage sahen wir von unten zwei Frauen und drei Männer. Eine Frau winkte mir vom Geländer aus zu. Schoberts Frau. Sie war eine zierliche Person mit glatten dunkelblonden Haaren und graublauen Augen. Hinter ihrer silbernen runden Brille sahen sie sehr viel kleiner und sogar etwas aus-druckslos aus. Ich wollte zu ihr hinaufgehen, um sie zu begrüßen, doch Schobert zeigte auf den Flügel, der in der Eingangshalle stand.

„Hast du nicht Lust, mit mir etwas Vierhändiges zu improvisieren?“ Er holte einen zweiten Hocker. Ich ging langsam um das Klavier herum. Mit einer Hand fuhr ich über das Holz. An einigen Stellen war die Lackierung abgesplittert. Alte grauweiße Wachstropfen sammelten sich stattdessen um den Kerzenständer. Ein Stapel Noten lag weiter hinten auf der Abde-ckung. Ich hob die oberen Hefte herunter und sah, dass die Noten von ersten einfachen An-fängerstücken bis hin zu Beethoven und Mozart ging. Die Zusammenstellung schien mir un-geordnet und wahllos. Es mussten schon sehr unterschiedliche Menschen an diesem Flügel gespielt haben.
Schobert kam mit dem zweiten Hocker und stellte ihn dicht an den anderen. „Spiel du die Melodie und ich die Begleitung“, gab er vor. Er setzte sich vor die tieferen Tasten und bot mir den Platz neben sich an.
Er begann zu spielen. Die Töne erfüllten die kleine dunkle Halle und zogen in die obere Etage hinauf, als sei unten nicht mehr genug Platz für die neuen. Ich hörte, wie die Stimmen oben verstummten und stellte mir vor, dass einige an die Balustrade kamen und uns von hinten an dem Klavier sitzen sahen. Meine Finger zitterten bei dem Gedanken. Ich setzte dennoch ein und ergänzte Schoberts Spiel mit einer kleinen fremden Melodie. Sie erinnerte mich an eine Spieluhr. Ich wollte nicht, dass sie so klang. Ich hatte bei dieser Melodie das Gefühl, als würde ich mich an ein Leben vor diesem erinnern. Ich konnte der Tonfolge aber keine wesentliche Entwicklung geben, weil alles andere falsch klang. Langsam wurde ich leiser, um unser Spiel abebben zu lassen.
Schobert atmete tief ein: „Das war wunderschön. Ich habe irgendwann wie in Trance gespielt. Wie in einer ganz anderen Zeitrechnung.“ Hatten wir länger gespielt als es mir vorkam?
Ich sah Schobert neben mir sitzen. Das Gegenlicht vom Fenster war so schwach, dass sein Profil wie in blaue undeutliche Konturen gehüllt wirkte. Er drehte sich zu mir und schaute mir in die Augen. Sie verrieten, dass er mir etwas sagen wollte, doch er behielt seinen Gedanken für sich.
Von oben nahm ich wieder die Stimmen der anderen wahr. Ich wartete, bis Schobert aufstand. Es kam mir vor, als stünde er bei jeder seiner Bewegungen dicht bei mir.
Dann sagte er mit bestimmten Tonfall: „Wenn du dir die Bilder noch ansehen willst, musst du dich beeilen. In einer halben Stunde bauen sie ab.“
Ohne zu antworten ging ich die mit rotem Teppich ausgelegte Treppe hoch. An einem wuchtigen Tisch aus dunklem Holz saßen außer Schoberts Frau noch die Besitzerin der Villa und einige weitere Personen. In sich zusammengesunken und vor häufiger gefüllten Kaffeetassen sitzend machten sie den Eindruck, als warteten sie schon den ganzen Tag auf einen größeren Andrang, der auch in dieser letzten Stunde ausbleiben würde. Schobert und ich waren an-scheinend die einzigen an diesem Tag, die die Ausstellung als Gäste ansehen würden.

Als Schoberts Frau mich sah, kam sie auf mich zu und hielt mir zur Begrüßung ihre Hand entgegen. Ich ergriff sie und spürte, dass ich sie nicht fest drücken durfte.
„Schön, dass Sie kommen konnten. In der Küche können Sie sich Kaffee und Kuchen holen. Es ist noch viel übrig. Dabei hat Frau Weets nur zwei Napfkuchen gemacht. Ich musste letztens noch an Sie denken. Ich habe eine Geschichte gelesen, die mich an Ihren Stil erinnert hat. Am Ende stirbt der Mann in einem Fahrstuhl und seine Frau weiß das und lässt ihn sechs Wo-chen dort einfach liegen. Bitte schreiben Sie nicht solche Geschichten, aber der Schreibstil war wie Ihrer.“ Während sie sprach, schaute sie mir ohne Unterbrechung in die Augen. Sie wirkten hinter dem Brillenglas seltsam kühl. Ich konnte ihren Blick nicht lange erwidern. Ü-ber ihren Kopf hinweg sah ich bereits einige der ausgestellten Bilder an der gegenüberliegen-den Wand.
Die Gruppe am Tisch schien in Bewegung zu geraten. Schobert hatte sich inzwischen Kaffee und Kuchen besorgt und wollte sich an den mächtigen Tisch setzen. Ein Mann stand im gleichen Moment auf. Im Gegensatz zu Schobert war er groß und schmal. Im Gesicht trug er am Kinn einen dunklen spitzen Bart. Ob so der Mann im Fahrstuhl ausgesehen hatte?

„Können Sie mir sagen, wo die Küche ist?“ fragte ich Schoberts Frau.
„Oh ja, natürlich. Links und dann immer geradeaus.“ Sie zeigte mit ihrer Hand vage in eine Richtung. Anscheinend wollte sie nicht mitkommen.
Ich versuchte, in die angewiesene Richtung zu gehen und gelangte nach ein paar Schritten in einen kurzen dunklen Flur. Die Tür am Ende war nur halb geschlossen und Kaffeeduft strömte aus dem Spalt. In Erwartung, dass jemand in der Küche war, öffnete ich langsam die Tür. Vielleicht war die Frauenstimme auch aus einem naheliegenden Raum gekommen. Ich betrat die kleine, aber überraschend helle Küche. Leise, als könnte ich stören. Auf der Anrichte vor dem Fenster fand ich zwei angeschnittene Kuchen und eine volle Kaffeekanne. Ich fühlte mich nicht wohl dabei, in einem fremden Haus selbst nach Geschirr suchen zu müssen, doch das hatten sicher alle tun müssen.
Vor dem Fenster stand ein Kirschbaum. Seine Blätter in der Baumkrone waren auf der gege-nüberliegenden Seite der Küche als schwache Schatten zu sehen. Sie bewegten sich durch einen sachten Wind angetrieben und auch die Schatten an der Wand nahmen das Spiel auf. Ein paar unreife Kirschen lagen aufgeplatzt auf dem kurzen Rasen unter dem Baum. In die-sem Haus schien ein Gefühl von Sommer nie ganz möglich zu sein. Die Kirschen lagen noch ohne ein warmes Rot schon wie Abschied unter dem gerade fruchtbar gewordenen Baum.
Ich legte ein Stück von dem trockenen Kuchen auf einen Unterteller. Eine Tasse für den Kaffee hatte ich nicht mehr finden können.
Eine Frau kam in die Küche. Wortlos füllte sie ihre eigene Tasse mit Kaffee und ging wieder hinaus. Ich folgte ihr durch den kleinen Flur in Richtung der Stimmen der anderen.

Da sich die Bilderausstellung über einen großen Teil der Räume erstreckte, begann ich dort, wo die anderen saßen. Ich sah Schobert am Treppengeländer neben dem Mann mit den spitzen Bart stehen. Anscheinend hatte er mich nicht wahrgenommen, denn er sprach über mich: „Sie hat Augen wie eine orientalische Frau. Ganz besonders, wenn sie sich einen Schleier davor halten würde. Das Mädchen in der roten Jacke. Ich habe sie in einer Ausstellung von Karola kennen gelernt.“
Ich sah Schoberts Frau auf der nächst höheren Etage. Sie stand eine Weile vor einem Bild, auf dem ich Wasserwellen zu erkennen glaubte. Was Schobert wohl dachte, wenn er ihre Augen sah? Auf dieser dunklen Etage wirkte sie verloren. Ich kannte ihre kleinen Skulpturen, die trotz ihrer Zerbrechlichkeit viele weibliche Rundungen zeigten. Sie war eine Frau, der man nicht zutraute, dass sie den Kern von Weiblichkeit in Schönheit und Natürlichkeit ausdrücken konnte. Ob Schobert sie jemals so wahrnahm? Ich sah sie, wie sie auf ein Spinett zuging und den Deckel hochhob. Sie drückte im Stehen vorsichtig auf die mittleren Tasten, ging auf die rechte Seite und schloss den Deckel wieder. Dann verschwand sie in einem Nebenraum.

Schobert kam auf mich zu: „Hast du schon alles gesehen? Es ist nicht mehr viel Zeit.“
„Nein, ich bin gerade erst angefangen. Ich werde mich beeilen“, antwortete ich.
Wie zur Bestätigung begann die Standuhr zu schlagen. Zwölfmal. Nach dem letzten Schlag sagte die Besitzerin der Villa bestimmt: „Ich habe die Uhr schon lange nicht mehr gestellt. Bin ich froh, dass wir hier nicht noch sechs Stunden sitzen müssen. Es wird zwar sehr leer aussehen, wenn die Bilder bald wieder abgehängt werden, aber es kommt ja sowieso niemand mehr.“ Frau Weets ging mit diesen Worten eilig auf die Uhr zu und drehte die Zeiger auf halb fünf.
„Es ist schon halb sechs“, machte der Spitzbart sie aufmerksam.
„Ja, natürlich“. Ihre Stimme wirkte jetzt peinlich berührt.

Ich ging in die anliegenden Räume und lief an den Bildern vorbei. Immer wieder knallbunte Bilderbuchmotive und neblige Schiffs- und Meeresbilder. Zwischendrin standen die kleinen Skulpturen von Schoberts Frau. Weiß, mit liebevollen Rundungen. Als würde ein Mann den Körper einer Frau mit seiner Hand in allen Details nachvollziehen. Sie bezeichnete sich nicht als freischaffende Künstlerin so wie die anderen es taten, vielleicht weil sie nicht so aussah und zu sehr Schoberts Frau war.

Ich ging wieder nach unten. Am Tisch saß zwischen den anderen eine Frau mit einem etwa fünfjährigen Kind auf dem Arm. Vor ihr lag ein Buch. Mit einer Stimme, die schon als Sprechstimme leicht schwankend und für eine erwachsene Frau zu hoch wirkte, sang sie „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die anderen unterhielten sich weiter. Nur der Spitzbart fragte sie: „Bist du eigentlich sehr katholisch?“
Die Frau unterbrach ihren Singsang: „Nein, aber man soll ja mit Kindern viel singen und Tuffi wollte das jetzt gern.“ Das Kind auf ihrem Arm reagierte nicht, als sie es wie zur Bestätigung anschaute. Als wäre sie nicht unterbrochen worden, sang sie ungestört weiter. Der Spitzbart setzte sich in einen breiten Sessel vor eines seiner Meeresbilder.
Ich wunderte mich, dass niemand sonst auf den Gesang der Frau reagierte. Als wollten sie nur noch die verbleibende Zeit absitzen.

Worauf wartete ich überhaupt? Ich hatte die Ausstellung gesehen und meinen Kuchen gegessen. Ich musste nicht auf Schobert und seine Frau warten. Es fuhr jede halbe Stunde ein Zug zurück. Der Gesang klingelte weihnachtlich und schräg durch meine Ohren. Ich wollte mir nicht vorstellen müssen, wie man in diesem Haus Weihnachten feierte. Es war Sommer draußen und ich wollte dorthin zurück.
Auf dem Weg in die Eingangshalle traf ich auf Schobert. Ich sagte ihm, dass ich gehen wollte und mit dem Zug nach Hause fahren würde. Seine Augen verrieten, dass er sich von mir allein gelassen fühlte, aber er sprach kein Bedauern aus.

Endlich konnte ich aus der Tür gehen. Selbst wenn es ein grauer Tag war, fühlte ich die Wärme der Luft, die mich begrüßend umgab.
In fünf Minuten fuhr der Zug. Ich rannte los.
Er war schon fast abfahrbereit, als ich einstieg. Ich setzte mich auf einen Platz in Fahrtrich-tung.
Es kam mir vor, als rannte der Zug mit mir vor der Villa weg. Das erste Mal an diesem Tag holte ich tief Luft. Das Rattern der Bahn hatte rücksichtslos die Dämmerung in dem großen Haus zerschnitten.


(Ines Wertenbroch, (10./11. Juli 2004)

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