Georg Kaiser

viator

Viator

Ich beobachte die Leute die im Sommer mit zufriedener Laune und meistens mit
einem Velo unterwegs nach Hause fahren, ich sitze gerne in Lokalen und Bars
wo meistens junge dynamische Menschen in Gruppen sitzen und umgeben von
Drinks und Snacks die Sonne auf ihre Häupter geniessen als ob eine geheime
Segnung ihre Wirkung auf sie entfaltet ohne, dass sie es merken, vor allem mag ich
die Orte in der Nähe des Bankenviertels wie „strozzis piu“ oder „Toto’s“ wo
unter gediegener urbanen Kulisse mit dem entsprechenden Hauch von Luxus und
Prunk die Vertreter der erfolgreichen Schichten untereinender plaudern,
trinken,essen und herrlich Lächeln...es ist die Leinwand auf welcher sich das
abspielt was ich hätte sein können aber nie sein werde, die Kulisse genügt
mir irgendwie, die Szenerie ist Inhalt genug und obwohl mancher mich für ein
erfolgreicher Mann hält ohne mich zu kennen fühle ich mich nicht zu
denjenigen gehörig, die rein äusserlich Erfolg in der Liebe und im Leben überhaupt
geniessen,all die schöne Gestalten und Menschen sind nur die willkommene Statisten in
langen Abenden von Sonnenuntergang, Zigarrentabak und Weizenbier, vielleicht
existiert ihr Glück wirklich, vielleicht sind alle diese Umarmungen und
freundliche Töne frei von Neid und dunkle Wünsche, vielleicht die Stimmung
in ihren Häuser oder Wohnungen passt zu den schicken Kleider und die gut gebügelten
Hemden oder sogar zu den Autos die sie fahren (BMW’ s, Bentleys, Mercedes
oder sogar Ferraris), irgendwie will ich daran glauben und es würde mich für sie
freuen, aber in meiner Wahrnehmung es ist alles wie ein Film, wie Szenen aus
einer Dimension die ich nicht kenne und von welcher man auf Schritt und
Tritt hört wie spannende Reiseberichte aus einer fremden Land das von einem
Schleier des unbekannten, verträumten und geheimnisvollen umgeben ist.

Seit Jahren spielt sich mein Liebesleben in fast kryptischen Rahmen ab, fern
vom Sonnenlicht und von den Blicken meiner Mitmenschen weit entfernt, wenn
ich mit einer meiner Liebhaberinnen zusammen bin würde niemand auf die Idee
kommen, dass ich mit der Frau auf meiner Seite etwas habe oder
ausdrücklicher:dass ich mit dieser Frau ein Bett teile und Sex haben kann wie jemand der in
einer festen Beziehung lebt und in seinem Freundeskreis dies zur Schau
stellt, nein... bei mir ist diese Dimension der Beziehung am Tag
verschwunden,alles spielt sich im dunkeln ab, unter dem elektrischen Schein der
Neonlichter und beim Lärm der letzten Trams auf der Strassen wie ein Doppelagent der in
eine andere Rolle schlüpft sobald die Umstände es erfordern.

Sabine ist ein perfektes Beispiel dafür.

Ich kannte Sabine im „Les Arcades“, besser gesagt Sabine lernte mich dort
kennen, denn sie war es die das Wort zuerst an mich gerichtet hatte. Es fing
an wie ein banales Gespräch zwischen zwei Erwachsenen die in der lärmenden
Leere des Bahnhofscafes sich dezent und stilvoll langweilen, bald merkten
wir,dass Protokolle ebenso langweilig sind und nach 3 Minuten Standardfragen wie
„Was machst du im Leben?“ oder „Wie gefällt dir der Ort“ wechselte sie das
Thema sehr abrupt mit einer Frage die auf mich einschlug wie eine Rakete:

-„Sag mal...bist du Schwul?“

Ich hatte zwei Möglichkeiten, nämlich entweder zu fragen wieso sie so eine
dermassen bescheuerte Frage stellte oder als Antwort zu sagen: „Komm zu mir
Heute Abend und ich zeige dir, dass es nicht so ist“, aber ich wählte die
erste Variante.

-„Du bist sehr höflich...sehr dezent, deswegen habe ich gefragt aber ehrlich
gesagt, du siehst nicht so aus.“

In diesem Augenblick verstand ich, dass meine neue Bekannte nicht an normale
Behandlung seitens der Männer gewöhnt war, in diesem Moment strahlte Sabine
etwas rohes und hartes aus trotz seine 21 Jahren und als sie an ihren
„Parisienne mild“ nippte war sie in meinen Augen nicht nur bloss schön sondern
leicht lasziv und herausfordernd.

Um ihre Neugierde zu befriedigen erzählte ich von den durchgetantzten
Nächten, von den Adrenalin, Ephedrin und Alkoholexzessen an der
Elektropartys, vom Sex aus purer Neugierde mit den dementsprechenden Enttäuschungen, je mehr
ich darüber erzählte desto heller strahlten ihre blaue Augen. Sabine schien
jedes Wort aufzusaugen, keine Erzählung war zu derb aber ich musste bald
sehen,dass meine Lebensgeschichte bis dahin, Exzessen hin oder her relativ harmlos
war im Vergleich mit dem was Sabine an erlebter Vergangenheit anzubieten
hatte: Nächtelang mit Kokain und Sex in den Backstages des „UG“ oder Pillen mit
anschliessender Orgie in den wintherturer Klubs, Anphetaminen, noch mehr Sex
in allen Stellungen, Opium und anschliessender Penetration nach etlichen Klub-
Besuche, als ich das alles hörte hatte ich dass Gefühl eine echte
Überlebende der wilden Party- Welt vor mir zu haben. Sabine schoss mit
Kaliber 88 mm und ich hatte bloss Kaliber 40 mm entgegenzusetzen.

Ein Eis schmolz sofort unter uns und zwischen uns, irgendwelche Barrieren
fielen und wir sprachen die selbe Sprache obwohl unsere jeweilige
Dimensionen völlig anders waren. Sabine verdiente ihr Leben als Kindergärtnerin und ich
als Mathematiklehrer, meine neue Bekannte war gerade aus der Partywelt
ausgestiegen und suchte die Ruhe die sie bis dahin nicht hatte in ihrem
neuen Freund und sie war auf dem besten Weg dazu, trotzdem war unsere Neugierde zu gross
um darüber zu denken, denn schon beim ersten Treff im „Plüsch“ um 20:00 und
drei Caipirinhas später war uns klar wo die Nacht enden würde.

Bevor sie zu mir kam war mir etwas aufgefallen, nämlich dass andere Frauen
Sabine mit den Augen am liebsten hätten zerfetzen wollen während Männer sie
anstarrten, Sie sagte ein Mal mit einem gewissen Spur weiblicher Arroganz:
„hast du nicht bemerkt wie die andere Frauen mich beobachten,? ich glaube
manchmal ich sei in eine Schlangengrube geraten“ und ich muss gestehen, dass
das nicht ein Produkt ihrer Einbildung oder ihrer Frauenstolz gewesen ist.
Frauen hatten eine Art angeborene Feindseligkeit gegen Sabine, vor allem wenn diese
in einer Gruppe sassen und Sabine an ihnen vorbeilief.

Meine Bekannte behielt trotz Ausstieg aus der Partywelt diesen leicht
lasziven, provokanten Unterton in der Stimme, nicht nur das, denn sie hatte
eine sehr schöne Figur die sie immer und unter allen Umständen pflegte und schon
die Bewegung ihrer Hüften als sie neben anderen Frauen lief liess ahnen, dass
sowohl ihre Libido als auch ihre Vergangenheit nicht aus dem selben Stoff zu
sein schien als beim Rest der anwesenden Studentinnen, Assistentinnen,
Sekretärinnen und Möchtegernmodels im „Plüsch“, ihre Manieren waren direkt,
fast charmant roh und ungeniert, und wurden unkomplizierter je mehr Alkohol sie
trank,so unkompliziert, dass es für mich keine Frage war sie an irgendeinen
eleganten Ort mitzunehmen um zu essen, sagen wir es mathematisch korrekt:
ihre körperliche Schönheit war zu ihren Manieren umgekehrt proportional.

Es blieb mit unseren Treffs alles im Dunkel. Die Nacht war unser Reich
geworden, was mich erstaunte war, dass sie immer über ihren Freund in einem
sehr guten Ton sprach, ich erlebte sogar wie Sabine ihn 5 Mal hintereinander an
einem Abend SMS schickte um nachher in mein Zimmer zu kommen wo ich sie
nackt stundenlang und mit 33 Grad Aussentemperatur mit einem Schwamm massierte
(der Schwamm war vorher in eiskaltem Wasser getaucht), Nacht überall. Schwarzer
Schleier die uns umhüllte um dieses Doppelleben zu tarnen, ich verstand
warum die Nacht eine Verbündete der Verschwörer ist, das beste Refugium derjenigen
die etwas zu verbergen haben und ein Hauch von hart erkauften Freiheit
spüren wo möglicherweise keine ist, jedes Mal war wie ein perfektes Verbrechen mit
Erfolgsgarantie und ohne Zuschauer, manchmal denke ich dass die einzige
fremde Zeugen unserer Geschichte die blaue Autobusse der Linie 33 waren oder die
Wände der „Roten Fabrik“ oder die Kreuzungen der Tramlinien unter
unzähligen gelb leuchtenden Strassenlampen und Verkehrsampel mitten in einer urbanen
Dschungel aus Beton und netter Gleichgültigkeit, gebadet von Sommerregen
und den Lärm. Sabine zog sich sofort aus nachdem sie mein Zimmer betrat , immer mit
einem Lächeln auf den Lippen, ihre Kleider landeten in der Regel irgendwo
zwischen Bücherregal und Stereoanlage.

Aufzustehen war kein Problem, gar keine peinliche Angelegenheit trotz hohem
Alkoholpegel am Tag vorher, keine falsche Nettigkeit am Tag nach dem Sex,
kein Bereuen und schon gar nicht irgendwelche improvisierte Rechtfertigungen und
leere Blicke. Sabine wurde mit Küssen und Berührungen in ihren intimsten
Stellen geweckt lange nachdem die Sonne aufgegangen war und sie genoss das
in vollen Zügen ohne ein Wort darüber zu verlieren wie konnte sie trotz fester
Beziehung dorthin landen wo wir waren um sich schnell mit einem Kuss zu
verabschieden mit dem vielleicht leeren Versprechen, dass wir uns bald sehen
würden.

Der einzige ,erste und letzte Tag an welcher wir beide die Sonne genossen
war nicht lange her. Wir verliessen meine Wohnung nach einer langen Nacht
mit viel Weizenbier, Hasch und gegenseitigem sich befriedigen, das Aufstehen war
ebenfalls langsam und zärtlich, an diesem Tag gab es auch keine
Rechtfertigungen und schlechtes Gewissen obwohl ihr Freund wieder 5 oder 6
SMS während der ganzen Nacht gesendet hatte (2 davon unbeantwortet), Sabine und ich gingen
in einen kleinen Lokal in der Nähe der Tramstation Wollishofen um reichlich
Kaffe und Mineralwasser zu trinken und so den Tag anzufangen, sie strahlte
und an diesem Tag waren ihre Manieren ausnahmsweise und ausserordentlich gut,
sie sass wie ein artiges Mädchen in ihrem Stuhl und trank den starken Kaffe mit
Ruhe, immer wieder mit einem sanften Lächeln durchs Fenster schauend denn
der Morgen war ebenfalls so strahlend und ruhig wie ihr Gesicht, ihre blaue
Augen oberhalb ihrer gebräunten Wangen, genauso wie ihr Kleid in Blumenmuster in
welchem sie sich offenbar gut und ausgeruht fühlte während unserem Gespräch.
Als ich mich von ihr mit einem langen Kuss verabschiedete musste ich sie
lange beobachten wie sie sich entfernte und den Tram 7 nahm unter dieser Sonne die
eigentlich nie unser sein sollte, nur für diesen Tag.

24 Stunden später sass ich in der Mathematikbibliothek um die Geheimnisse
der Linienintegrale und andere ausgewählte Themen des Vektoranalysis zu
lüften als mein Handy einen Kurznachricht mit ihrem Name eingeblendet zeigte: „Ruf
nie wieder an, verschwinde aus meinem Leben. Sabine“.

Die einzige Momente der Harmonie unter der Sonne waren vielleicht ein zu
hohes Privileg um nicht ungestraft genossen zu werden, Gott bestrafte die
ersten Menschen weil sie aus dem verbotenem Baum des Erkenntnisses gegessen hatten,
ich weiss nicht welcher Gott uns trennte weil wir Augenblicke der Normalität
unter einen blauen Himmel und sengenden Sonne erlebt haben aber ich konnte
einen gewissen Stolz empfinden, denn das Gefühl ihr etwas kostbares gegeben
zu haben stärker als jede Melancholie war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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