Roman Scherer

Ein Wintertag in Sarajevo

Der Wind pfeift durch die Ritzen des verrammelten Fensters in meinen Nacken. Das kleine Windlicht im verdunkelten Zimmer erhellt die Schäbigkeit nur unvollkommen, dafür macht es die hübsche junge Frau die mir gegenüber am Tisch saß um so reizender. Ihre schlanken langen Finger liegen um das Besteck mit dem Sie den Thunfisch aus der Konservendose in sich hinein stopfte. Ich sitze regungslos am Tisch und sehe Sie nur an. Mit leicht zittrigen Händen drehe ich mir eine Zigarette. Das Adrenalin in meinen Adern baut sich nur langsam ab. Obwohl ich schon eine Woche hier bin kann ich mich an den Gefechtslärm, der von Zeit zu Zeit verebbt, aber nie aufhört nicht gewöhnen. Das Mädchen mir gegenüber hingegen registriert das Stakkato der Maschinenwaffen die in der Ferne zu hören sind nicht. Sie ist am Essen, als ob es Morgen nichts mehr gebe; vielleicht gibt es Morgen tatsächlich nichts mehr. Sie hält beim Kauen nur kurz inne als irgendwo in den Bergen vor der Stadt eine Artilleriesalve abgefeuert wird. Ich zucke zusammen und erwarte die Einschläge. Sie bewahrt die Ruhe. Leicht Artillerie, die trägt nicht bis hierher. Sie lächelt mich bedauernd an.
„Die Granate die dich trifft, die wirst du nicht hören. Sie schlagen ein bevor du noch den Abschuß hören kannst.“ Das beruhigt mich wenig aber ich versuche mich ruhig zu stellen. Es bleibt beim Versuch, unbewußt knabbere ich an meinen Fingernägeln. Die Kälte des Winters kriecht durch meine dicke Daunenjacke. Im Fenster hinter mir ist kein Glas sondern Sandsäcke. Das Hotel liegt unweit vom Olympischen Dorf. Die Front, oder was man dafür hält ist nur ein paar Straßenzüge entfernt. Wer weiß ob sie im Augenblick näher oder weiter entfernt ist als vor einer Stunde. Die Winternächte sind lang und jede hier ist eine Nacht der langen Messer. Auf der Straße raucht niemand mehr. Die Sniper zielen auf 800 Meter auf die Glut der Kippe – und sie treffen. Rauchen außerhalb geschlossener Räume ist tödlich in dieser Stadt des Grauens.
Das Mädchen schiebt die leere Fischdose von sich. Sie ist sehr hübsch, auch wenn man nur das Gesicht sehen kann. Den Rest ihrer Figur versteckt ein langer Wintermantel unter dem hohe Schaftstiefel hervorschauen. Ihr Gesicht ist rosig, aber wahrscheinlich vor Kälte. Wir sitzen in einem Hotel ohne Fensterscheiben und ohne Heizung. Ich habe sie erst am Vormittag kennen gelernt. Wir trafen uns in einem Keller.

Wir hatten unsere LKW zum Flughafen gefahren, in der Hoffnung dort von den UN-Truppen genug Kraftstoff zu erhalten um die lange und gefährliche Heimreise antreten zu können. Andere Hilfsconvois sammelten sich auch hier. Aber der Kessel war zur Zeit dicht. In einem Schützenpanzer fuhren wir dann zurück in die Innenstadt, kein Sprit zur Zeit. Die französischen Blauhelme versprachen uns sich um den Diesel zu kümmern, Morgen vielleicht. Der Panzer wurde zu einem Einsatz gerufen und die Legionäre, einer war ein Sachse ließen uns irgendwo heraus. Claude, mein Beifahrer fluchte und schimpfte auf die Soldaten, aber Befehl war Befehl. Wir mußten allein durch die Stadt. Ich hatte keine Ahnung in welche Richtung. Wir schlugen uns in eine Seitenstraße. Auf den breiten Hauptstraßen war Niemand unterwegs, zu viele Scharfschützen. Der Tag war eisig kalt, aber trocken. Der Himmel war blau, bis auf einige Brandwolken aus den Vororten. Zuhause würde ich mich dick anziehen und an der Mosel spazieren gehen. Anschließend noch ein Glühwein. Meine Gedanken gingen nur einen Augenblick mit mir durch. Claude ging einige Schritte vor mir. Links eine von Splittern und Kugeln zersiebte Hauswand rechts am Straßenrand ausgebrannte und durchlöcherte Busse, Straßenbahnen und LKW als Sichtschutz. Um uns herum in dem engen Hohlweg viele Menschen, welche die Zeit nutzten um etwas zum Essen zu besorgen, Wasser zu holen oder nur einige Augenblicke ans Licht zu kommen. Kinder spielten als sei hier alles in bester Ordnung. Nur die Bewegungen der Menschen schienen etwas unnatürlich. Sie schienen einen Augenblick zu verharren bevor sie mit einem Satz an einer Lücke zwischen den LKW-Wracks vorbeigingen. Der Hüpfer sah irgendwie komisch aus. Claude machte einen Sprung um die drei Meter breite Lücke rasch zu passieren. Auf der anderen Seite drehte er sich zu mir um. Irgendwie hab ich in diesem Augenblick gezögert. Was mich hielt kann ich nicht mehr sagen. Ein junger Mann in Uniform rempelte mich an und drängelte sich an mir vorbei. Ein kroatischer Freischärler, er drehte sich im Gehen um und murmelte etwas wie eine Entschuldigung. Ich wollte ihm gerade mit einer Geste zu verstehen geben, daß nichts passiert war, als es geschah. Ein dumpfes, ploppendes Geräusch war zu hören, dann ein Schuß aus der Ferne. Sein Käppi flog davon. Für einen Moment war noch Leben in seinem Blick, dann wurden die Augen starr. Knochen und graue Hirnmasse spritzte mir ins Gesicht. Ich schrie wie ich nie geschrien habe in meinem Leben. Blut lief durch mein Gesicht, seines nicht meines. Zwischen meinen Zähnen war etwas, hart ekelerregend---blutige Haare. Claude stand fünf Meter von mir entfernt. Um uns herum stand die Zeit still. Männer und Frauen verharrten. Ich hörte nichts, gar nichts. Wie in Zeitlupe lief ein Film um mich ab. Der Freischärler kippte um wie ein Sack. Ich stolperte gegen den verbrannten Bus und ging in die Knie. Erst jetzt hörte ich Claude schreien. Er schrie meinen Namen. Ich blickte nur wie gebannt auf den Soldaten auf dem Asphalt. Um das was von seinem Kopf übrig war bildete sich eine riesige Blutlache. Claude faßte mich unterm Arm und zog mich hoch. „Dans la cave!! Allez vite.“ Er zerrte mich in einen Hauseingang. Ich stolperte eine Kellertreppe herunter. Oben brach das Chaos aus. Es knallte von allen Seiten. Kugeln und Querschläger pfiffen auch durchs Treppenhaus. Die Menschen quollen in den Kellervorraum. Claude zog mich in einen Verschlag. „Restes ici. Je reviendrai.“ Draußen schlugen jetzt Granaten ein. Staub fiel von der Decke, ich konnte kaum Atmen. Der Staub vermischte sich mit dem Blut in meinem Gesicht und auf meiner Jacke zu einer klebrigen, schmierigen Masse. Ich wischte mir übers Gesicht, dann drehte ich mich zur Wand und erbrach mich. Gegen die Wand wollte ich mich lehnen, aber meine Beine versagten mir den Dienst. Ich scheuerte am abblätternden Putz vorbei und blieb sitzen.
Als sich der dichte Staub legte merkte ich, daß ich nicht allein war. In dem Verschlag saß mir ein Mädchen gegenüber. Durch das Kellerfenster fiel ein einziger Lichtstrahl auf Ihr Gesicht. Ihre langen Haare waren grau vom Staub. Wir sahen uns an. Ich krabbelte zu ihr hinüber. Sie wischte den Rest vom Blut des Soldaten aus meinem Gesicht. Wir sagten nichts. Draußen schlugen Granaten von Maschinenkanonen ein. Von irgendwo in den Hügeln ballerte irgendwer in die Stadt hinein, wahllos, gnadenlos, gedankenlos. Es kam über uns in einem kalten feuchten Keller. Wie es geschehen konnte, kann ich mir nicht erklären. Ich weiß auch nicht mehr von wem von uns beiden die Initiative dazu ausging. Ich machte es mit einer Frau noch bevor ich ein Wort mit ihr gewechselt hatte. Wie lange wir es in dem Kellerverschlag machten weiß ich nicht. Es war noch hell als wir aus dem Keller krochen. Der Freischärler lag noch vor der Tür, wo er gefallen war. Irgend jemand hatte ihm die Stiefel ausgezogen. In seinen Strümpfen waren Löcher. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte es. Ambulanzwagen fuhren herum. Wir kamen an einem Sanitätspanzer vorbei. Ein Franzose fragte mich ob ich verletzt sei. Das Mädchen zerrte mich weiter. Irgendwann trafen wir auf Claude. Vielleicht wären wir noch den Rest des Tages umhergeirrt, wenn er uns nicht zufällig getroffen hätte. Ein Lieferwagen, der das Equipment von CNN beförderte, nahm uns mit bis zum Hotel. Eine Rezeption gab es nicht, der Portier schaute meine Begleiterin vorwurfsvoll an, sagte aber nichts. Ich nahm sie bei der Hand und zog sie die Treppe hinauf in den vierten Stock. Wir liebten uns erneut, diesmal in meinem Bett. Irgendwie wußte ich erst jetzt, daß ich noch lebte.

Sie schob die Thunfischdose in die Tischmitte und drehte sich eine Zigarette. Unsere Blicke begegneten sich, sie lächelte.
„Ich heiße Dana. Wie heißt du Deutscher?“

Was geschehen ist, ist geschehen. Ich rede nie darüber, wie sollte ich. Diejenigen, die solche Erfahrungen teilen, sind in unserem Land steinalt, die Zeit hat ihren Blick auf das Erlebte verklärt oder gar vernebelt.

Tod und Sex scheinen derartig ursprüngliche Dinge zu sein, daß alle Rationalität kurzfristig abhanden kommen kann.

Ich verabscheue Krieg, sinnlose Gewalt, und alle, die auch nur daran denken, derartiges könnte sich für irgendein Ziel lohnen. Ich liebe das Leben und die Menschen.
Roman Scherer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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