Roman Scherer

West Sahara Delegation November 1997

Der Flughafen von Tindouf liegt mitten im Nichts. Ein sandfarbenes Gebäude im kolonialen Stil der 50er Jahre mitten in einer staubigen Einöde. Die Maschine war von Algier kommend, pünktlich gelandet. An Bord ein buntes Gemisch aller Mittelmeertypen, Mahgrebiner, Schwarze, gekleidet nach westlichem Vorbild, ebenso wie in traditionellen Gewändern. In der Abfertigungshalle werden wir kontrolliert. Zuhause werden die EU-Bürger bevorzugt behandelt, hier sind wir die Fremden. Fast fühle ich mich wie ein Eindringling in eine fremde Welt. Dies ist immer noch der Orient, wenn auch der Orient des 20. Jahrhunderts. Die Ankunftshalle ist klein und nun überfüllt mit Reisenden. Koffer werden geöffnet, in verschiedenen fremden Sprachen gefragt, geantwortet und geschimpft. Uns Europäer nimmt man zur Seite. Der Soldat will Peters silbernen Metallkoffer sehen, ausgerechnet den. Obenauf liegt eine Flasche Whisky aus dem Duty free shop in Frankfurt. Hier werden wir die kommenden Tage sicher nirgendwo Alkohol finden. Wir schauen etwas peinlich berührt, der Soldat lächelt als hätte er nichts anderes erwartet und bricht die weitere Kontrolle ab. Ein zweiter kontrolliert meinen Paß, wahrscheinlich kann er lateinische Buchstaben nicht lesen, denn ich bemerke deutlich wie er sich auf mein Photo konzentriert und vergleicht. Der Mann ist schlank und mit etwa 1,80 m auffallend groß, zumindest in diesem Teil der Welt. Lächelnd reicht er mir den Pass zurück und winkt mich mit einer fast weiblich wirkenden, feingliedrig schlanken Hand weiter. Die Linke liegt auf dem dunklen Lauf seiner umgehängten Kalaschnikow. Lächelnd nehme ich den Ausweis zurück und blicke ihn zum Abschied an. Seine Augen sind gerötet, in den Augenwinkeln hat sich Staub gesammelt. Der Mann ist kein Wüstenbewohner, wahrscheinlich ein Wehrpflichtiger aus einer der algerischen Küstenstädte.

Als ich aus dem Gebäude trete erschlägt mich die Weite dieses Landes. Ich schlucke zwei mal und mache einen Schritt vorwärts. Was soll ich auch tun, dies ist eben kein Land für Agoraphobiker. Vor dem Haus haben sich Jeeps gesammelt, die die Ankommenden aufnehmen. Es geht laut zu, Männer suchen eine Mitfahrgelegenheit, feilschen um den Preis und werfen dann ihre Koffer und Taschen auf die Ladeflächen der Wagen.
Auf uns wartet ein Pick-up für das Gepäck und zwei Toyota-Geländewagen wie ich sie in Europa noch nie gesehen habe. Kein Wunder, das sind keine Wagen von Wochenend-Offroad-Abenteurern, das sind Autos die täglich den extremen Belastungen dieses Landes gewachsen sein müssen. Neben der Windschutzscheibe führt ein dickes Rohr zum Dach hinauf, der Luftfilter. Der Lack der Wagen ist stumpf und wie mit Schmirgelpapier bearbeitet. Nach dem Einsteigen fällt mir auf, daß das Fahrzeug keine Gummis auf den Scheibenwischern hat.
Zum ersten mal habe ich den Geschmack der Wüste auf den Lippen, Sand, Staub überall, ohne daß man ihn sofort sehen könnte. Als Brillenträger bin ich sogar noch etwas geschützt, aber nach nur wenigen Minuten im Freien spürt man ihn überall, in den Ohren, den Augen, der Nase und zwischen den Zähnen.
Unser Fahrer spricht mit Nadjat unserer einheimischen Begleiterin. Von der Sprache verstehe ich nicht einmal einzelne Worte. Nadjat wirkt sehr glücklich ihr Land zu sehen und ihre Sprache zu sprechen. Der Fahrer bringt unseren Wagen auf die vorerst noch geteerte Piste und fährt westwärts dem Sonnenuntergang entgegen. Um uns herum eine Landschaft so flach wie ein Brett. Ich bin absolut nicht in der Lage eine Entfernung zu schätzen. Es fehlen dem Europäer einfach die Bezugspunkte.

Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten wir das schachbrettartig angelegte Wüstenstädtchen Tindouf. Schlechte Straßen, eine „Prachtavenue“ in der Mitte der schachbrettartig angelegten Bergarbeiterstadt, auf einem Felsen im Zentrum erhebt sich eine nostalgische Wüstenfestung, die mich jeden Augenblick eine Patrouille singender Fremdenlegionäre erwarten läßt. Die Stadt macht einen elend heruntergekommenen Eindruck. Nachdem wir ein knochentrockenes Flußbett überquert haben erreichen wir aber erst die armen „Vorstädte“. Flache würfelförmige Hütten reihen sich dicht an dicht, dazwischen Unrat und unzählige Kinder aller Altersgruppen die uns lachend zuwinken und der langsam fahrenden Kolonne nachlaufen.

Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren erneut hinaus in die unendliche Weite der Wüste. Die Teerpiste endet abrupt. Neben der staubigen Rollbahn liegen Rohre. Nadjat erklärt uns, daß die Polisario draußen in der Wüste so viel Wasser gefunden hat, daß man nun Tindouf damit versorgen kann. Der Fahrer vergrößert den Abstand zum vorausfahrenden Jeep damit die Sicht in der Staubwolke, welche die Wagen hier hinter sich her ziehen etwas besser wird. Die Landschaft wird hügeliger, wie eine Art Endmoränenlandschaft, aber ohne jedes Grün, Vegetation gibt es nicht. Das Abschätzen der Entfernungen fällt mir nun aber etwas leichter. Mitten im Nirgendwo steht ein Kontrollpunkt. Die Grenze des feindlichen Marokko ist nicht weit. Der Fahrer zeigt den Passierschein bei dem algerischen Soldaten vor der uns darauf lässig weiterwinkt. Ein paar Kilometer weiter werden wir erneut gestoppt. Diesmal von einer Straßensperre der Polisariorebellen. In der Landschaft steht ziemlich beliebig ein Schlagbaum und ein weißes Wachhäuschen das aussieht wie ein auf dem Kopf stehender Eierbecher. Die Wachen sind staubig, gekleidet mit unterschiedlichen, sehr individuell gestalteten Uniformteilen. Waffen sind noch keine zu sehen. Um den Posten haben sich zwei Dutzend Männer versammelt die auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Wir haben keinen Platz. Der Jeep rumpelt durch die Schlaglöcher weiter Richtung Sonnenuntergang.

Nach etwa einer Stunde verlangsamt unser Fahrer die Fahrt. Auf einem Hügel voraus erhebt sich ein Wasserturm. Er sieht aus wie von einer Eisenbahnlinie im Wilden Westen geklaut. Hinter dem Hügel liegt ein flacher Gebäudekomplex und viele Zelte. Um einen großen Wirtschaftshof gruppieren sich gelb getünchte Häuser die mich entfernt an eine spanische Hazienda erinnern. Über dem Tor auf der östlichen Hofseite weht eine rot-weiß-grüne Fahne mit Dreieck und Stern, die Flagge der Demokratischen Republik Westsahara. Wir haben unser Ziel erreicht, „Hotel Polisario“, äußerster Vorposten oder letzte Erinnerung an die Annehmlichkeiten westlicher Wohnkultur.

Ich bin ganz und gar erschöpft. Schlafen und nichts als schlafen habe ich jetzt im Sinn. Wir beziehen ein Zelt, da die Häuser von Angehörigen verschiedener Hilfsorganisationen besetzt sind. Dies ist das letzte Hotel auf tausendfünfhundert Kilometer bis zum Atlantik. Die Matratzen sind weiß bezogen, wenn auch etwas sandig, was sich hier nicht vermeiden läßt. Darüber liegen dicke Kamelhaardecken für die man bei uns ein Vermögen bezahlen würde und die mir vorerst noch viel zu warm erscheinen. Doch schon in der kommenden Nacht würde ich sie zu schätzen lernen. Beim Begutachten der Sanitäranlagen machen meine Begleiter einen etwas schockierten Eindruck und ein Algerier, der hier für die Polisario einen Rundfunksender aufbaut, macht sich auch noch über uns lustig, bis er bemerkt, daß ich sein Kolonialfranzösisch recht gut verstehe. Bei dem dünnen Wasserstrahl der aus der Dusche plätschert lasse ich alle Hoffnung fahren den Sand aus Haaren und von der Haut spülen zu können. Der Speisesaal befindet sich im Hauptgebäude am westlichen Ende des nach Osten offenen Wirtschaftshofes. Er ist ganz in einem hellen blau gehalten. Peter erklärt, daß man glaubt diese Farbe würde Ungeziefer abhalten. Auf den Tischen stehen bereits dampfende Schüsseln. Man hat uns bereits seit langem erwartet. Es ist eine Kartoffelsuppe wie man sie im Saarland nicht besser machen könnte, es fehlt nur der Speck und etwas Salz. Das Fladenbrot, offenbar ungesäuert und ebenso ohne Salz, dafür aber leicht sandig, ist hochgradig gewöhnungsbedürftig. Mit großem Appetit esse ich. Reisen macht hungrig und müde. Es wird Zeit zu Bett zu gehen. Morgen ist auch noch ein Tag, „so Allah will“, und was das heißt kann man nur hier ermessen.

-*-


Seit 1975 kämpft die Polisario für die Unabhängigkeit der Westsahara und ihres Volkes. Erst gegen die spanische Kolonialmacht, dann gegen die Marokkaner an die sie die undankbaren Kolonialherren verkauft haben. Mit wechselndem Erfolg und großen Opfern wurde hier über zwanzig Jahre ein fast vergessener Krieg um ein Stück Wüste geführt. Die Sahauries betrachten es als ihr Heimatland in dem sie ihre Herden als Nomaden weiden, den Marokkanern ist es ein scheinbar unerschöpfliches Reservoire an Phosphat, und als eines Tages Erdöl in der Gegend vermutet wurde, entbrannte der Konflikt erst richtig.
Zweihunderttausend Menschen flohen aus ihrer Heimat, hinein in die algerische Wüste. Erst hier, an einem ausgesprochen unwirtlichen Ort, kaum Wasser, kaum Grün, konnten sie vor den marokkanischen Verfolgern sicher sein, konnten sie die Grundlagen für einen Staat, für ein freiheitliches Gemeinwesen legen. Ein Staat und ein ganzes Volk im Exil, ein Staat ohne Territorium aber mit der Erinnerung an ein gelobtes Land, ein Staat ohne Geldwirtschaft, aber mit zehntausenden Händen die für ihn und eine bessere Zukunft arbeiten. Ein Staat in dem mehr als zwei Drittel der Bevölkerung jünger als 20 Jahre alt sind. Ein Volk, das den Weg sucht, nomadische Tradition mit den modernen Werten von persönlicher Freiheit und Demokratie zu verbinden. Ein Volk in dem der Islam und der freiheitliche Sozialismus fest verwurzelt sind. Ein Land ohne Moscheen aber voller Glauben und Hoffnung.

II


Die Nacht war lausig kalt. Unter den dicken Kamelhaardecken kam ich zeitweise zum Schlafen. Aber gegen halb sieben in der Frühe gab ich auf. Draußen war es noch dunkel. Am östlichen Wüstenhimmel erschien ein heller Streifen. Es schien, als ob das Licht langsam und zäh über den Rand der Welt fließe und über die Wüste schwappe. Dann ging alles sehr schnell. Kaum war die Sonne groß und rot über den Horizont gerutscht, war es auch schon taghell. Die Sonnenstrahlen begannen sofort zu wärmen, sofern man sich im Windschatten aufhielt. Meine Begleiter pellten sich mehr oder weniger ausgeschlafen aus den Decken. Ich ging zum Frühstück. Es gab Fladenbrot und Marmelade. Der Kaffee war extrem stark und schmeckte irgendwie nach Salz. Wie ich später bemerkte war das Trinkwasser, das man hier fand ganz besonders salzhaltig. Das Fladenbrot enthielt dafür gar kein Salz. Die Laune der Reisenden stieg mit steigender Wirkung des Kaffees. In der Kantine trafen sich alle Gäste der Polisario. Ärzte von „Medico International“, „Medecins sans frontieres“,UNO-Mitarbeiter die die Volkszählung und die Wahllisten für das Referendum erstellten, die Delegation der algerischen Radiotechniker war ausgesprochen guter Dinge.
Nach dem Frühstück bestiegen wir unseren Jeep. Über die Piste rumpelten wir los. Um meinen Kopf hatte ich mir gegen Sand und Sonne meinen PLO-Feudel gebunden. Wir besichtigten eines der Lager, Daila. Die unglaubliche Zahl junger Menschen und Kinder fällt sofort ins Auge. 72% der Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt. Zahlen von denen Blüms Rentenkasse nur träumen kann. Die wenigen Erwachsenen sind vor allem Frauen. Ihnen obliegt die Verwaltung der Lager, sie sind Sekretärinnen, Krankenschwestern, Verwaltungskräfte, Ärztinnen und Lehrerinnen. Der alte Maire des Lagers war der wohl älteste Mann den ich hier sah, jedoch konnte ich sein Alter nicht bestimmen. Unter dem schwarzen Turban stachen hinter einer Brille dunkle Augen hervor, die uns eindringlich und abschätzend musterten. Seine Nase war gebogen wie der Schnabel eines Geiers, die Haut dunkel und von tiefen Falten durchzogen. Er trug eine grüne Militäruniform, mit der rechten Hand stützte er sich auf einen Gehstock. Als er uns zum Zelt voraus ging bemerkte ich, daß er stark hinkte. Sein rechtes Bein war offenbar steif. Dennoch trug der den Kopf stolz erhoben und strahlte die Autorität eines Patriarchen aus. Die traditionellen Zelte der Sahauries werden in den Lagern als Wohn und Schlafzimmer der Familien genutzt, um sie herum baute man hofähnlich angeordnet eine aus Lehmziegeln gefertigte Küche, ein Lagerraum und Sanitäranlagen. Stolz führt uns der Scheik in sein Zelt. Frauen und Männer müssen die Schuhe ausziehen, der Herr des Zeltes bietet uns die Plätze an. Die älteste der Frauen nimmt an einer Art kleinem Beistelltisch platz. Schweigend bereitet sie den Pfefferminztee. Der heiße Tee wird mit viel Zucker durch gießen in mehrere Gläser schaumig aufgegossen. Der Geschmack ist intensiv, auch wenn man den Salzgehalt des Wassers immer noch herausschmeckte. Dreimal wird der Pfefferminztee aufgegossen und sich gegenseitig zugetrunken. Der erste Aufguß ist „bitter wie das Leben“, der zweite „süß wie die Liebe“, der dritte ist „sanft wie der Tod“. Erst wenn die Teezeremonie beendet ist, die aus der sahaurischen Gastfreundschaft nicht wegzudenken ist, beginnen die Gespräche.

III



Ein neuer Tag, eine neue Tour. Heute geht es früh los. Wir wollen hinaus in die befreiten Gebiete. Etwas mulmig ist mir trotz Waffenstillstand schon. Der Jeep donnert mit 80 km/h durch die Wüste. Erst ist die Piste noch breit, dann wird sie immer schmaler bis man die einzelnen Fahrzeugspuren voneinander unterscheiden kann. Es geht durch eine trostlose Steinwüste. Über Kilometer fehlt sogar das vereinzelt wachsende gelb verdorrte Gras. Dort wo nur ein wenig Feuchtigkeit unter dem Sand ist wachsen Dornenbüsche. Wir halten, sahaurische Hirten treiben Kamele zwischen den dürren Dorngewächsen hindurch. Die Trampeltiere kauen gelangweilt auf den trocknen Blättern herum, würdigen uns nur mit wenigen ihrer arttypischen arroganten Blicke. Wir setzen die Fahr im engen Jeep fort, die Wüste gleitet eintönig vorüber, es wird zunehmend staubiger im Wagen. Die Kehle wird trocken, die Augen beginnen hingegen zu tränen. Wir machen Pause auf einem unendlich weiten Steinfeld. Um uns ist nichts. Die Erde scheint eine Scheibe zu sein, oder besser eine unbelegte Pizza, daran erinnert zumindest die rotbraune Farbe des Landes. Plötzlich entdecken wir etwas außergewöhnliches. Die Steine, kleine wie große die um uns herum liegen sind Fossilien, Muschel, Blätter und Pflanzenteile lassen sich deutlich erkennen. Es ist leicht sich auszumalen, wie dieses Gebiet vor Zeiten der Grund eines urtümlichen Meeres war. Es scheint als sei alles Leben hier zu Stein erstarrt, seien die Versteinerungen die letzte Erinnerung an ein an Tieren und Pflanzen reiches Meeresparadies. Der Geländewagen rollt weiter, am Horizont werden sanfte Hügel erkennbar. Unser Fahrer hält, schaut sich genau um. Zu leicht könnte es geschehen, daß er sich hier verfährt und auf eine marokkanische Patrouille trifft, die das befreite Gebiet, das von Marokko beansprucht wird, kontrolliert. Wir halten am Hang eines Hügels. Zu sehen ist erst einmal nur ein tarnfarbener Toyota-Geländewagen. Aus einem getarnten Unterstand am Hang kriechen vier abenteuerliche Gestalten. Schwarze Turbane, staubige Uniformjacken und Kalaschnikows. Dazu trägt der gepflegte Guerillakrieger Badelatschen. Unser Fahrer palavert mit den Kämpfern, dann erklären sich zwei von ihnen bereit uns in die Nähe der Front zu begleiten. In ihrem Wagen fahren sie vor uns her. Wir überwinden den Hügel. Die Fahrzeuge können hier ihre Geländegängigkeit beweisen. Mehr als einmal rutschen wir zurück, müssen neuen Anlauf nehmen um einen Abhang zu nehmen. Auf der anderen Seite liegt wieder die gleiche Steinwüste. Im Gelände liegen die Überbleibsel des Krieges, Granathülsen, Kriegsschrott aller Art, ein umgekipptes Auto und jede Menge Patronenhülsen glänzen in der Sonne. Ich frage mich ob es hier auch Tretminen gibt. – Nein, die gibt es nicht in der Steinwüste, nur auf Sandflächen muß man achten !!! Zwischen zwei Hügeln lassen wir die Autos stehen. Gebückt geht es hügelan. Wir sind etwa 400 m von den marokkanischen Linien entfernt, irgendwo im Niemandsland. Unsere beiden Begleiter erklären uns die Lage. Die Marokkaner haben quer durch die ganze Wüste einen mehrtausend Kilometer langen Schutzwall errichtet, der täglich mit Planierraupen erneuert werden muß. Dies ist der zumindest vorläufig erfolgreiche Versuch die Polisariokämpfer am Eindringen in das marokkanisch besetzte Gebiet zu hindern. Wir schauen auf dem Boden kauernd aus der Deckung des Hügelkamms hinüber zum Wall. In einem schmalen Geländeeinschnitt in Richtung des Hügels hinter uns liegt eine Steinanordnung die an ein Boot erinnert. Mit großen Steinen ist ein Oval errichtet worden. An den spitz zulaufenden Enden stehen zwei große Steine, das Grab eines gefallenen Kämpfers. Ich sitze auf dem Hügelkamm in einer flachen Mulde im steinigen Boden. Erst nach einiger Zeit wird mir bewußt, daß der ganze Hügel mit solchen sehr flachen Mulden wie mit Pockennarben übersät ist, ich sitze im Trichter eines Granatwerfers.
Plötzlich gebietet einer der Soldaten uns mit einer Handbewegung die Köpfe einzuziehen. Wir spähen über den Hügel Richtung Wall. Auf dem Wall ist ein Blitzen zu sehen, ein Marokkaner der uns mit einem Fernglas beobachtet, die Linsen reflektieren das Sonnenlicht. Wir bleiben regungslos liegen. Auf dem Wall versammeln sich einige Gestalten.
„Was werden die jetzt tun?“---
„Seit dem Waffenstillstand drohen sie vom Wall aus und rufen unflätige Worte.“---
Geduckt kehren wir zu den Fahrzeugen zurück. Ich inspiziere den Wagen unserer militärischen Begleiter. Im Fußraum der Beifahrerseite steckt in einem kunstvoll gefertigten Lederhülle eine Kalaschnikow, auf der Ladefläche stehen Kisten in denen ich Munition und Granaten vermute. Trotz der Waffenruhe ist man noch bis an die Zähne bewaffnet. Müde von der langen unbequemen Fahrt und voller Bilder und fremder, nie gekannter Eindrücke kehren wir zum „Hotel Polisario“ zurück.

IV


Die Hauptleidtragenden eines Krieges sind die Zivilisten, Frauen und Kinder vor allem. In diesem jahrzehntelangen Konflikt aber sind es auch die Gefangenen. In den Gefängnissen Marokkos warten etwa zweitausend Polisariokämpfer auf den Tag des Kriegsendes und ihrer Befreiung. Aber auch die Sahauries haben Gefangene gemacht. Männer die in der Wüste gefangen genommen, Piloten die abgeschossen wurden, Soldaten welche die Gefangenschaft dem weiteren Kampf vorzogen und desertierten. Das Lager der marokkanischen Kriegsgefangenen ist neben Auschwitz einer der bedrückensten Orte die ich in meinem Leben besucht habe. Es ist nicht die Art und Weise wie die Gefangenen Leben. Es wird für sie gesorgt, sie müssen nicht hungern, ihre medizinischen Versorgung ist ebenso gut wie die der Sahauries. Der Horror findet im Kopf statt.
Wie alle Bauten im sahaurisch kontrollierten Gebiet wird das Lager überragt von einem Wasserturm. Von außen sieht man eine 6-8 Meter hohe Mauer. Rechteckig umschließt sie etwa die Fläche eines halben Fußballfeldes. Die Eingänge scheinen unbewacht zu sein, was ich aber nicht ganz sicher sagen kann. Als ich in das Lager kam war ich überrascht. In den Mauern glaubte man sich in ein marokkanisches Dorf versetzt. Weiße würfelförmige Häuser mit der typischen Kuppel umstanden einen Platz In drei Ebenen wuchsen die malerischen Häuschen von der Mitte her die Mauern hinauf, so daß die Kuppeln der oberen Ebene die Mauer gerade knapp überragten. Auf dem Platz ein Freilichtkino und ein Fernsehapparat. Die Atmosphäre trübten nur die Menschen die diese Filmkulisse bevölkerten. Ich sah nur Männer, sie saßen stumpf auf Klappstühlen. Alle waren sie zwischen Mitte dreißig und fünfzig Jahren alt. Nur wenige sprachen miteinander, blickten ins Leere. Wir schauten uns um, um zu vermeiden einem Propagandatrick aufzusitzen suchten wir uns einen Mann aus der nicht auf dem Platz , sondern in einem der Gäßchen die auf eine höhere Ebene führten vor einer der hübschen Hütten saß. Er sprach französisch und ich fragte ihn wie alt er sei.
„Fünfundvierzig Jahre bin ich.“
Er erzählte mir, daß er bereits 20 Jahre hinter diesen Mauern saß. Ein Flieger, der mit seiner Maschine abgeschossen worden war. Vor drei Jahren konnte er zum ersten mal einen Brief an seine Frau in Marokko schreiben. Antwort hat er aber keine bekommen. Sie würden hier den Umständen nach ganz gut behandelt, dürften sich auch außerhalb der Mauern frei bewegen. Ich wollte wissen ob nicht schon jemand von hier geflohen sei. Er antwortet mir das sei früher öfter passiert, aber man habe von den Flüchtlingen nichts mehr gehört.
Wir haben von ihnen gehört. Der König von Marokko leugnet standhaft das es in den von ihm besetzten Gebieten einen Krieg gibt. Wo es keinen Krieg gibt, gibt es aber auch keine Kriegsgefangenen, gibt es keine Kriegsgefangenen, so können logischer Weise auch keine heimkehren. Das erzähle ich meinem Gesprächspartner natürlich nicht. Er ist ein Opfer der höheren Politik. Sein Land und sein König haben ihn verraten, verkauft, betrogen und jetzt lassen sie ihn in einem Wüstenloch verrotten. Die Welt hat diese Männer vergessen, ihre Kinder sind ohne sie aufgewachsen, ihre Frauen wissen seit zwanzig Jahren nichts von ihnen, vielleicht hat man ihnen gesagt sie seien tot.
Vor diesem psychischen Elend kann man nur sprachlos werden. Ich schenke dem Mann ein Päckchen Zigaretten. Lächelnd nimmt er sie und zündet sich eine an.
Ich sage ihm noch, daß ich auch für ihn hoffe, die Volksabstimmung im Herbst 1998 werde den Krieg beenden. Dann könne er heim. Der Mann lächelt nur, zwanzig Jahre wartet er schon, auf ein Jahr mehr kommt es nun nicht an. Ein Zweiter ist skeptisch, man hat uns jahrelang vertröstet, an uns denkt niemand mehr.
Ich wende mich ab und verlasse diesen Ort. Wieviel Männer hier Selbstmord begangen haben, habe ich nicht gefragt. Aber ich habe mich gefragt ob ich es hier zwanzig Jahre lang aushalten könnte. Die Antwort darauf ist die Frage, ob ich es hier zwanzig Jahre lang aushalten wollte!!!

Gewidmet den Kämpferinnen und Kämpfern der Frente Polisario, die seit fast 30 Jahren, vergessen von der ganzen Welt, um ihr Recht auf Heimat und Erhaltung ihrer uralten Nomadenkultur kämpfen müssen.

Möge Gott dem König von Marrokko Einsicht und dem Volk der Sahaouis Frieden schenken, und das bald.
Roman Scherer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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