Samuel Bieri

Mondliebe

Es ist wie in einem Raum. Ein Raum ohne Wände und ohne Begrenzung im Denken. Ich sitze auf einem Bett. In diesem Bett hat es noch ein zweites. Sie sitzt nehmen mir. Die Tür ist geschlossen. Wir betrachten die Wände. Das Fenster. Dächer sind zu sehen. Der Teil eines Hauses, welcher von der Strasse nicht beachtet wird. Ein unscheinbarer Teil im Leben der Passanten. Und doch er gibt uns Schutz. Er zieht sich der Länge nach hin und endet im Fluchtpunkt des Daches. Ohne den Dachgiebel wären wir schutzlos.
Das Fenster ist ein Lichtspender. Die Verstrebungen im Fenster erscheinen als dunkles Kreuz im Gegenlicht der Lichter der Strasse. Das Lichtchen des Laptops leuchtet schwach in den Raum.
Zwei Türen ermöglichen den Zugang zum Zimmer. Doch sie bleiben still und geschlossen. Wir sitzen auf dem Bett. Ich folge den Lichterspielen an den Wänden. Autos fahren unten auf der Strasse. Ihre Lichter tanzen von der Tür über unsere Gesichter und verschwinden aus dem Fenster. Wie künstlerische Rhomben sehen sie aus und lassen unsere Gesichter erleuchten.
Im Raum ist Stille. Ich lehne an der Wand. Sie ebenfalls. Wir betrachten uns. Wir wissen, dass wir fühlen. Eine Einheit. Eine Verschmelzung. Es ist wie eine Umkreisung des Mondes. Man betrachtet die Erscheinung des Mondes voll Bewunderung und spürt die Anziehungskraft, welche physikalisch nicht sehr gross ist, aber psychisch nicht definierbar. Man kreist und schaut und betrachtet. Man ist eingenommen. Man fliegt von der Rückseite zur Vorderseite und zurück. Man sieht das Gesicht des Wesens und dann verschwindet es wieder. Und es kommt wieder. Die Faszination geht nie verloren. Man geniesst dieses Sein an einem Ort des eingenommen Seins. Ein Ort der Unwirklichkeit, weil er nur von der inneren Energie bewohnt werden kann. Man möchte gar nicht mehr. Man möchte für einen Moment lang nicht eintreten in diese Welt. Es ist ein Abwarten auf den richtigen Moment. Der Moment, in dem die innere Welt das Okay gibt hinein zu gleiten. Doch es gibt Zeiten und Momente in denen man den Mond nicht betreten kann. Die Zeit ist noch nicht eingetroffen. Die Sonne und die Erde müssen übereinstimmen. Die inneren Kräfte, die inneren Energien geben bekannt, wann die Zeit günstig ist.
Mein geistiges Auge umkreist uns. Es nimmt die Energien wahr. Sie fliessen.
Diese Berührungen lassen spüren wie es ist, Energien auszutauschen. Ich umkreise sie. Ich gleite dem Kopf entlang. Ich spüre ihre Halsseite. Wir bewegen uns nicht. Es strömt. Wir schweben umeinander. Ich fühle, wie meine Seele sich regt und sich auf den Weg macht, um hinaus zukommen. Es ist wie Magie.
Das Licht der Strasse zeigt ihr Gesicht. Und es verschwindet wieder. Doch das Licht auf ihrem Gesicht scheint ewig zu brennen. Ich berühre ihre Lippen. Folge den Kurven von Mundwinkel zu Mundwinkel. Ich schaue ihr in die Augen. Sie erzählen mir von ihrem Herz. Doch eine Energie fehlt. Der Zauber zerfällt in sich. Langsam.
Die Lichter werden stumm. Die Stille bleibt und die Gewissheit. Die Gewissheit eine andere Welt gefunden zu haben. Ein anderes Wesen in sich berührt zu haben und zu wissen, dass auch der Mond sich erst frei gibt, wenn der Zeitpunkt richtig ist.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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