Robert Gryczke

Early Years 01 - Das Ticket

Der Wecker klingelt. Zeit zum Aufstehen. Halb 6 fährt der Zug nach Halberstadt. Gähn!
Von da aus dann nach Magdeburg und weiter zu mir nach Hause. Gähn!  Genthin. Eine Kleinstadt - gelegen zwischen den "Hexenkesseln" Magdeburg und Brandenburg.

Ich freute mich tierisch wieder zu Hause vorbeizuschauen. Familie, Freunde und der unumstößliche Fakt dass eine Waschmaschine dort stand trieben mich immer wieder hierher.
Ich hatte einen Tag frei bekommen. Das hieß für mich dass ich mit der frühesten Zugverbindung nach Hause fahren würde, nur um knapp 15 Stunden später schonwieder die Rück-
reise anzutreten. Pünktlichkeit wird ja bei Köchen groß geschrieben - bei Koch-Azubis ist es eine Leuchtreklame!
Folglich mussten die nächsten 24 Stunden optimal genutzt werden. Berge versetzen. Spaß haben. Die Wände zum Einsturz bringen.
Zunächst jedoch: Wasser ins Gesicht und Kauleisten schrubben...gleich...gleich...
Mit einem Blick, welcher dem eines frischgebohrenen Hamsters nicht unähnlich war, beäugte ich das Ziffernblatt meines Weckers.
Der kleine Zeiger stand auf der 4, der große brauchte noch 5 Minuten um auf die zwölf zu kommen. Es war also 5 vor 4 - MORGENS!.
Mit einer routinierten Handbewegung stellte ich den Alarmknopf „off“. Wo leben wir denn, tzz!?
Zum Bahnhof brauchte man 20 Minuten zu Fuß. Da blieben doch noch 10 Minuten übrig um die Äuglein zu schließen! Zähneputzen wird eh überschätzt.
Ich schloss die Augen. Etwas entspannter und nicht mehr so übermüdet setzte ich mich aufrecht hin. Ein Knaller was 10 Minuten so ausrichten können.
Da fühlt man sich gleich richtig entspa.....
Hastig drehte ich meinen Kopf und blickte auf das Klingelmonster. 5 Uhr. Halbe Stunde bis zur Abfahrt. Wie von einer Wespe gestochen sprang ich auf und zog mich hastig an.
Im Vorbeirauschen erkannte ich noch den Umschlag in der Zugfahrkarten lagen. In diesem Umschlag ruhte eine Fahrkarte, abgelaufen zwar, jedoch Sammelobjekt da ich, dümmlicherweise,
annahm meine Mutter könne diese von der Steuer absetzen. Zuviele Gedanken und nur noch 25 Minuten um meinen Zug zu bekommen. Letzter Ausweg. Fahrrad. Mit vollem Dreckwäschegepäck.
IPanisch und mit hagelkorngroßen Schweißperlen auf der Stirn schnappte ich mir mein Gepäck und rannte aus der Wohnungstür. Tausende Gedanken liefen mir dabei durch den Kopf.
Warum musste MIR sowas passieren? Konnte nicht einmal alles glatt laufen? Und was sind das ständig für laute Stöhngeräusche aus Nachbars Wohnung?
Hastig verschloss ich die Tür und griff nach meinen Sachen. Noch 20 Minuten. Natürlich war dies schwer, aber mit der Macht des Wahnsinns konnte man alles schaffen - AAALLES!
Raschen, dennoch überlegt und vorsichtig eilte ich die steile, wacklige, knarzige und offensichtlich als Stolperfalle konzipierte Holztreppe hinunter und begab mich g`schwind zum Fahrradhäuschen.
Mein rabenschwarzer Beachcruiser stand eingekesselt zwischen zwei Mountain Bikes. Gemütlichkeit, eingekeilt zwischen Sportlichkeit. Am liebsten hätte ich diese Fahrräder...**##*++##**#+#++#****.
Zerrend befreite ich meine Kette aus meiner Hosentasche und schloss mein Fahrradschloss auf. Das pure Adrenalin pumpte mir durch die Adern. Da artet Pünktlichkeit gerne mal zur Tour de France aus.
Mein Gefährt zog ich so hastig aus dem Fahrradständer dass ich die beiden Mountain Bikes mitriss. Sollte ich sie wieder richtig hinstellen und mein Gewissen befriedigen?
Auf meinem Ausweis stand immernoch Gryczke, nicht Christus!!  Keine Zeit mehr. Schon 2 Minuten weg. Jetzt musste ich noch die große Massivholztür überwinden und die Fahrt konnte losgehen.
Links meine Laptoptasche. Rechts meine -Ich Hab Nur 35 Kilo Dreckwäsche-Reisetasche übergeschmissen. Ich sprang also auf meinen treuen Drahtesel und......kippte um.
Ich hatte noch Glück, mein Ellenbogenknochen fing den Sturz auf die Pflastersteine ab. Trotz meines ledierten Ellenbogens, welcher jetzt aussah als würde ich eine Vorliebe für Stahlwolle-Waschlappen haben,
machte ich mich auf den Weg in Richtung Bahnhof. Da ich eine Abkürzung nahm schaffte ich den Weg in windigen 10 Minuten. Ich fühlte mich wie Knight Rider persönlich und schloss meinen eisernen Begleiter an.
Schnell huschte ich, mit der Grazie eines Nashorns, durch den Bahnhof - weg von der Stadt, hin zum Gleis.
(Sowas. Immer wenn ich dieses Wort schreibe, also "Gleis", muss ich an die alten Zeiten denken. An die Zeiten in denen man am Wochende bis zum nächsten Morgen durchgefeiert hat und wie ich damals mit
meinen Freunden auf Schaumpartys in unserer StammDisco „Gleis 1“ war. [Anm. d. Autors: Die Urfassung dieses Textes liegt mittlerweile 9 Jahre zurück - natürlich hab ich das Durchfeiern in der Zwischenzeit für mich
wiederentdeckt.] Doch nun zurück zur Geschichte.)

Ich war also auf dem Gleis und wartete mutterseelenallein auf den Zug. Direction:Halberstadt.
MOMENT! In jeder guten Story kommt ja bekanntlich eine hübsche Frau vor. Ich mache da keine Ausnahme. Meine Schritte brachten mich zielgerichtet zu einer Sitzbank auf der Carolin saß -
eine mir nicht ganz fremde Schönheit. Sie machte eine Ausbildung bei Crysler, sah gut aus und fuhr jeden Tag nach Magdeburg. Diese Dame würde künftig also mehr in einem Monat verdienen, als
(und jetzt hergehört ihr Rentenreformer) mein Opa Rente in einem Jahr bekommen hat. Ich hatte Sie bereits einmal auf dieser Strecke begleitet und könnte schwören das sie nichts dagegen hatte.
Hauptsächlich freute ich mich aber über Ihre Gesellschaft da sie, anders als ich, den Fahrplan im Kopf hatte. Außerdem brauchte ich jemanden mit dem ich quatschen konnte.
Müsste ich meinen Redefluss mit einem bekannten Gewässer vergleichen, wären es sicher die Niagarafälle. Nach all den Strapazen endlich Ruhe und die Reise genießen.
Das war mein Lohn. Wir unterhielten uns ganz nett, lachten viel und erzählten uns über unsere Berufe die tollsten Sachen.
(So toll dass ich was auf`n Deckel bekommen hätte wenn ich auch nur ein Sterbenswörtchen niedergeschrieben hätte!)
Zwischendurch störte uns die Schaffnerin. "Die Fahrscheine bitte". Zum Glück hatte ich wenigstens diesen dabei, sonst hätte ich angefangen zu schreien.
Ganz lässig öffnete ich die Vorderseite meiner Tasche, nahm den Umschlag und reichte ihn der aus Fels gehauenen Deutsche Bahn-Statue. Sie würde den Schein mit ihrem „Knipsgerät“ markieren und...
Plötzlich fing die Dame an zu sprechen, wobei ich bisher immer mit der festen Annahme gelebt hatte das jene Wesen von der deutschen Bahn keine anderen Sätze außer „Fahrkarten bitte!“ und “Das kostet sie jetzt 40 Euro“ beherrschten.
Falsch gedacht, denn “Dieser Fahrschein ist ungültig“ gehörte jetzt wohl auch zu ihrem Standartreportoir.
„AAAAAAHHHHHHHHHHH“!
Ich fragte in perfektem „Jenthinerisch“(1): „Wat? Wieso is`n die jetz unjültich?“
„Weil diese Fahrkarte schon seit einer Woche abgelaufen ist!“
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen vom Fisch. Der Umschlag neben meinem Fernseher!! - NO WAY! F***
Womit hatte ich das denn verdient? Ich hatte noch nie geklaut, Bunga Bunga gemacht und/oder einen umgebracht.
[Mit 16 jungen Jahren stellte ich damit eine deutliche Ausnahme dar!]
Ich persönlich vertrete ja die These das es jeden Tag, überall ein paar Leute gibt denen das Pech ganz besonders übel mitspielt: An diesem Tag war ich wohl dieser Jemand.
Lange Rede, gar kein Sinn. Ich hatte jedenfalls keine Fahrkarte dabei, die gültig war und überlegte nun krampfhaft wie das Problem zu lösen sei. Während meiner Überlegungen sprach mich der uniformierte Alptraum vor mir an:
„Also, junger Mann, wie soll es nun weitergehen?“ Ich erklärte ihr den Sachverhalt und hatte tatsächlich geglaubt sie würde bei einem jungen Sympatikus in Not eine Ausnahme machen und vielleicht Gnade vor Recht ergehen lassen...
HAA!!! Da kannte ich die „Deutsche Bahn“ noch zu schlecht. Ich musste der “Herr der Lage“ werden, einen kühlen Kopf behalten und die Situation objektiv bewerten.
„Ich bitte sie, junge Dame“ -und so etwas diesem Brauereipferd zu sagen fiel mir echt schwer- „ich muss unbedingt diesen Zug nehmen damit ich nach Hause komme! Ich habe bloß einen Tag frei bekommen und.....“
ES winkte ab. Meine, herzerweichende Geschichte, war dieser Ausgeburt des Bösen piep egal. Tja es kam was kommen musste. Mir wurde aufgetragen eine Fahrt nach Halberstadt und zurück nach Wernigerode zu zahlen.
Die kostete 3,50 Euro. Jedoch steckten in meinem Portmonaie nur 2,50 Euro, dazu eine Pfandmünze einer bekannten Kette dessen Name das Gegenteil von Minus ist.
In diesem Moment kam Carolin ins Spiel und rettete mir den Tag - und das nur mit einem Euro...


Caro kam bestimmt auch noch irgendwann in Magdeburg an (und arbeitet hofffentlich immernoch bei Crysler!)...
Die Schaffnerin knippst bestimmt immernoch Fahrkarten und sagt “Das kostet sie jetzt 40 Euro"...
Und ich? Naja...ich bin auch noch irgendwann angekommen...
Versprochen sei dass es zu Hause nicht minder turbulent zuging!
Nachzulesen im Zweiten Teil meines kleinen Rückblicks...
 

(1) Zu "Jenthinerisch"
Tja, lieber Leser. Dies ist ein Dialekt den wir
>echte Genthiner< sprechen. Es ist eigentlich nichts weiter als Berliner-Dialekt, leicht abgewandelt.
Denn obwohl uns die meisten mit Magdeburg assoziieren, sehen die meisten Genthiner es lieber als "Berliner-Kodderschnauze" bezeichnet zu werden.
Dies war schon vor der Wende so.
Mittlerweile hat sich in der Kleinstadt unter den Jugendlichen eine Art "Neu-Slang" breitgemacht. Dieser besteht aus dem sogenannten "Berlinern", sowie einem Stück "Bayrisch", welches einfach aus Lust und Laune hinzugefügt wurde, und einer ganzen Reihe von "Wort-Neuerfindungen" welche prinzipiell aus Fantasieworten oder englischen Ableitungen entstanden sind. Alles in allem würde ich es mal als "Neu-Jenthinerisch" bezeichnen.
Vielen Dank, auch hier, für ihre Aufmerksamkeit.
Robert Gryczke, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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