Kevin Kasperski

Die Matrix Revolutionen

Beim Penny Markt um die Ecke versammeln sich die Penner morgens pünktlich um sieben. Vielleicht ist Penner das falsche wort. Vielleicht sind es ja Lebenskünstler, Glücksritter oder Pechvögel, gesellschaftlich in der Minderheit operierende Subjekte. Oder einfach nur Säufer, die nur einmal am Tag Bier trinken, und um sieben fangen sie halt an.
Man geht hin, setzt sich auf die Bank oder stellt sich neben den Eingang und trinkt ein Rostocker, Jever, Becks, Berliner, Holsten, Eders, Feldschlösschen, Fosters, Faxe und oder ein Paulaner. Die Avantgarde trinkt Kräuterschnaps aus 2cl Fläschchen, Korn, Doppelkorn, Mehr Korn für alle, Baileys, Bourbon und Gin. Dann geht man wieder rein, steckt die leeren Flaschen in einen Automaten und die Finger zittern, wenn man den Bon abreisst, der an der Kasse locker mal fünfzehn Cent wert ist. Noch mal fünfunddreissig Cent drauf und die nächste Viertelstunde ist geritzt. Bei 30 Cent pro Pils kostet die Stunde einen Euro zwanzig. Acht Stunden kosten neun sechzig, sechzehn Stunden würden neunzehn siebzig kosten, aber so lange hat kein Penny Markt auf. Also wird auf Vorrat geshoppt.
Das Arbeitslosen Netzwerk liefert mit an Null grenzender Verzögerungszeit die neuesten Tips und Gerüchte. Und dann setzt sich der ganze Tross in Bewegung, weils irgendwo den Sechser grad im Angebot gibt. Der aufmerksame Kunde reagiert schneller als die OPEC auf Ölpreisschwankungen.
Ausser einem, der bewegt sich kein Stück. Er wünscht den anderen einen schönen Tag und bleibt vorm Penny Markt sitzen. Ausser ?Einen Schönen Tag noch? beherrscht er nur noch einen einzigen Satz.
Er ist nicht teil dieser ständig wachsenden Zielgruppe der Alkoholliebhaber. Er ist nicht mal Teil unserer Welt. Er ist irgendwo dazwischen, ein stummer Zuschauer, der nichtssagend vielsagend die Geschicke anderer Menschen abnickt, im Takt einer vielgenutzten Bedarfsampel vielleicht. Und wenn man Glück hat, wirklich Glück, dann steht er auf, stellt sein Bier neben den Müllcontainer und sagt sich verbeugend :
?Hallo, Mr. Anderson.?
Danach setzt er sich wieder hin, nippelt weiter am Pils und es kann sich nur um einen Irrtum handeln, denn es endet immer so.
Und fragt mal einer, und das passiert nicht oft, denn die Menschen schauen gerne weg, so nickt er alleswissend unwissend ab, und nimmt einen Schluck Bier.
Gegen Abend ist das Team wieder vollzählig. Viele haben die Sonderangebote genutzt. Der Ideale Kunde ist informiert. Am Horizont geht die Sonne unter und ein Geschäftsführer des Penny Markt schliesst die Markisen. Er trägt ein schwarzes Sakko und eine schwarze Krawatte. Die Markise knistert leise im Wind, als wollte sie flüstern.
Der Penner erhebt sich, schaut den Manager herausfordernd an, nickt allwissend nichtssagend, und sagt : ?Hallo, Mr. Anderson.?
Der Marktleiter zeigt sich erstaunt.
?Ja??, sagt er.
Die übrigen Saufbrüder zucken mit den Schultern. Der Prophet ist schon gegangen. Er hat sein Tagwerk vollbracht.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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