Karin Ernst

Der Zwillingsbaum

Jedes Jahr im Frühjahr freute ich mich aufs Neue über sein Erwachen. Fragte mich immer wieder, wird es in diesem Jahr wieder so sein? Häufig blieben auch Spaziergänger stehen, um sich das Wunderwerk der Natur anzuschauen. Stand ich am Fenster, sah ich sie lächelnd weitergehen.

Vor unserem Nachbarhaus, das mit unserem eine Einheit bildet, steht ein hoher Baum. Die Häuser sind 20 Jahre alt, und wir wohnen von Anfang an in unserem. Als wir damals unsere Wohnung bezogen, war der Garten hinter dem Doppelhaus und der Vorgarten von einer Gartenbaufirma neu bepflanzt worden. Mit viele Arten von Bäumen, Büschen und Blumen, wie auch Rasenflächen.

Damals war der prächtige Baum noch ein winziges Bäumchen. Eine japanische Zierkirsche, im Frühling leuchtendrosa blühend. Der Stamm und die Äste, fast schwarz, bilden zu den zarten Blüten einen herrlichen Kontrast.

Nach einigen Jahren bemerkte ich jeweils im Frühjahr, wenn der Baum zu blühen begann, einige weiße Blüten inmitten der rosa Pracht. Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Dieses Wunder aber verstärkte sich von Jahr zu Jahr.

Bis ich den Grund entdeckte. Mit wachsender Neugier beobachtete ich den Baum weiter, und irgendwann erkannte ich, dass die Japanische Kirsche aus zwei Bäumen bestand. Ich sah in ihnen ein Wunder.

Nach weiteren Jahren hatten die Bäume bereits eine stattliche Höhe erreicht. Eines Sommers entdeckte ich an dem Zweitbaum, der sich zärtlich an den Kirschbaum schmiegte, Früchte. Kleine runde, gelbe, rote und orangefarbene. Ich ging näher und erkannte Mirabellen. Die Zierkirsche trug keine Früchte.

Für mich war das Wunder komplett.

Viele Menschen eilten an dem Doppelbaum vorbei, nahmen nicht wahr, dass zwei verschiedene Arten miteinander verbunden waren.

Ich aber machte mir immer wieder meine Gedanken. Nachbarn, die ich ansprach, hatten den seltsamen Baum selten bewusst wahrgenommen, es interessierte sie nicht besonders, was für ein Wunder der Natur hier heranwuchs.

Dennoch blieb mein Interesse herauszufinden, wie diese Bäume sich vereint hatten, und ich kam ins Sinnieren …

Die erste Version, die mir einfiel, begann während der Bauzeit des Hauses. Ein Bauarbeiter hatte Pause, nahm sein Butterbrotpäckchen heraus. Seine Frau hatte ihm liebevoll einige Mirabellen als Vitaminkost mit eingepackt. Beim Kauen der Früchte spuckte er einen Kern so weit, dass er genau neben der Japanischen Zierkirsche landete, und sich dort im Boden einnistete.

Eines schönen Tages schloss ich die Augen und …fand die Lösung!

Das kleine Zierkirschenbäumchen aus dem fernen Japan fror entsetzlich, als ein Gärtner es im Frühherbst in kalte, nasse Erde pflanzte. Er stampfte mit seinen dicken Gummistiefeln die Erde fest, begoss es mit eiskaltem Wasser, und das Bäumchen fühlte sich sehr einsam und verlassen. Vorsichtig schaute es sich in seiner Nachbarschaft um, aber neben ihm stand nur eine dicke gemauerte Kiste, hinter der später die Mülltonnen verstaut werden sollten.

Kein weiterer Baum war weit zu breit zu erkennen, weil alle mit ihm gepflanzten im hinteren Garten standen und die Hecke vor ihm noch unscheinbar wirkte. Auch der frisch gesäte Rasen zeigte erst zarte grüne Spitzen, so dass er niemanden zur Unterhaltung hatte.

Das Bäumchen war unendlich traurig und weinte still in sich hinein. Sein Schutzengel im Himmel spitzte die Ohren und machte sich flugs auf den Weg zur Erde. Als er über dem Baum schwebte, sah es das Bemühen des Baumes, Haltung zu bewahren, trotz der Widrigkeiten, in denen er sich befand.

Der Engel dachte lange nach. Suchend schaute er sich in der Nähe um. Plötzlich erkannte er ein paar Häuser weiter ein paar gelb-orange-rote Tupfen. Zwar war er ein bisschen kurzsichtig, flog aber sofort in den Garten, in denen an einem großen Baum kleine, kugelrunde Früchte wuchsen.

Es war ein herrlicher Mirabellenbaum, der durch vielen Sonnenschein kraftvoll herangewachsen war. Der Engel lächelte und flog langsam um den Baum herum. Auf dem Grasboden unter dem Baum fand er, was er suchte.

Vorsichtig schaute er und verglich und betrachtete. Ein besonders schönes Exemplar sollte es sein. Eine heruntergefallene, dicke orange-rote Mirabelle war im Gras zerplatzt, offen lag ein kräftiger Kern. Sorgsam ergriff der Engel diesen Stein, der voller Leben war, mit beiden Händen, und flog vorsichtig zurück zur Japanischen Zierkirsche.

Der Boden um das Bäumchen herum war nicht überall gleichmäßig festgetreten. Der Engel suchte eine lockere Stelle, legte den Mirabellenkern sachte in die Nähe des Stammes und strich sanft die Erde fest.

In aller Ruhe betrachtete er sein Werk. Einem kleinen mitgebrachten Beutelchen an seinem himmelblauen Gürtel entnahm er behutsam eine ordentliche Prise Sternenstaub und bestäubte damit das Bäumchen und den eingesetzten Kern.

„Wachst! Von nun an gehört Ihr zusammen“, sagte er mit leise beschwörender Stimme.

Bevor er sich freudig auf seinen Rückweg begab, beobachtete er, wie das Zierkirschenbäumchen liebevoll zur Erde unter sich schaute.

Dann atmete das Bäumchen tief ein und lächelte ….



© Karin Ernst


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Nachsatz: Ihr solltet diesen Baum jetzt in vollem Sommerkleid sehen: Die Japanische Zierkirsche trägt braunrote Blätter, die Mirabelle kraftvoll-grüne. Sie sind eben zweieiige Zwillinge! Es ist immer wieder eine Freude, sie anzuschauen!
















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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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