Jochen Dormann

Wikinger im Sattel

Jonas hatte Birgit vor ein paar Wochen beim Reiten kennen gelernt. In dem Reitstall stand auch Attila, sein Pflegepferd. Er hatte einige Reitstunden in einer Schule genommen, was ihm einen gewissen Vorteil gegenüber den reinen Freizeitreitern im Stall verschaffte, die sich im Laufe der Zeit mit den Unarten ihrer Pferde und ihren eigenen Fehlern arrangiert hatten, ohne jemals proffesionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber die ewige Reiterei in der Halle während seiner Ausbildung war nicht der Grund, weshalb er damit anfangen hatte und die hohen Kosten für drei- bis viermal die Woche reiten konnte er sich auch sparen, seit er sich um das Pferd von Herrn Sindel kümmern durfte. Er musste nur täglich nach dem Wallach sehen und konnte reiten, wann immer er wollte. Das war schon toll! Oft fuhr er schon in aller Frühe zu Attila, die Morgendämmerung hatte den Tau auf den Grashalmen noch nicht aufgelöst und die kühle, klare Luft die er atmete vertrieb die letzte Müdigkeit aus seinem Kopf. Leise holte er dann den Sattel und das Zaumzeug aus der Kammer neben dem Wohnhaus des Bauern um den großen, weißen Schimmel für den Ausritt über die Wiesen, Felder und Waldwege vorzubereiten. Er genoss die Ruhe und die Stimmung, konnte er doch so unbeschwert seinen Gedanken nachhängen. Jonas war ein guter Reiter. Obwohl er schon immer mit seinem Übergewicht zu kämpfen hatte, war er eigentlich gar nicht so schlecht, was seine sportliche Kraft und Ausdauer betraf. Wenigstens war sein Ballast einigermaßen gleichmäßig verteilt, so dass er eher groß und stämmig wirkte und kein auf zwei Stelzen stehender Bauchträger war. Vielleicht hätte er mal mit seinen 1,85m als Wikinger gute Chancen gehabt, Häuptling zu werden, denn es spross auf seinem Kinn auch ein Bärtchen, das nicht die Fülle und Dichtigkeit eines Erwachsenen hatte, aber welches leicht rötlich im Kontrast zu seinen dunkelblonden Haaren seiner stattlichen Erscheinung einen Hauch von Wildheit verlieh. Er ritt das einmeterachtzig große Pferd vorsichtig warm. Attila hatte immer leichte Probleme mit seinen Bändern und Jonas wollte ihm natürlich möglichst keinen Schaden zufügen. Nach einer Viertelstunde Schritt trabte er an und folgte den ihm bekannten Wegen durch ein nahegelegenes Waldstück. Attila hatte einen raumgreifenden Trab und bald war er auf einer Lichtung mit einem abgeernteten Feld angekommen. Sein Pferd ging in den Galopp über und Jonas fegte in einer Staubwolke über die Stoppeln hinweg, dabei sah er neben sich und freute sich innerlich über sein Schattenbild, das ihn verfolgte. So wie die Silhouette, die sich ein paar Meter neben ihm auf den vorbeifliegenden Stengeln eines Maisfeldes abzeichnete, so wünschte er sich möge Birgit ihn sehen. Einen großen, starken, begehrenswerten Man, der seine Geliebte vor allen Gefahren beschützen konnte wie ein edler Ritter in alten Zeiten. Birgit, die ihren Haflinger im stall zwei Boxen weiter stehen und in der letzten Zeit ganz schön vernachlässigt hatte war sein heimlicher Schwarm. Nur zwei mal war er bisher mit ihr ausgeritten und für Jonas war es immer das größte gewesen. Sie ritten nebeneinander und Jonas hatte eine gute Aussicht auf die blonde, kecke 17jährige, die ihm vor allem wegen ihrer unkomplizierten Art mit ihm zu reden auffiel, schließlich saß er einen guten halben Meter höher als sie. Er war sehr schüchtern was Mädchen anging. Er konnte sich normal mit ihnen unterhalten, aber sobald es an der Zeit war die Initiative zu ergreifen traute er sich stets nicht den ersten Schritt zu tun. Dabei war er hoffnungslos in Birgit verliebt. Er fühlte sich so wohl in Birgits Nähe. Die Flugzeuge in seinem Bauch kreisten zwar nicht zum erstenmal um ein Mädchen, aber bei Birgit flogen sie auch noch Loopings! Sie behandelte ihn nicht von oben herab und wenn ihre Unterhaltung mal ins stocken kam war Sie es, die mit einer unverfangenen Art auf ein neues Thema einlenkte. In den letzen Tagen und Wochen hatte Jonas viel Zeit mit Birgit verbracht. Er dachte sich dass das vor allem mit dem Umstand zu tun hatte, das Birgits Freund, ein Türke, dem man seine Herkunft nicht sofort ansah, weil er komplett in Deutschland aufgewachsen war, mit einem seiner Onkeln für 4 Wochen in seinem Heimatland war um ihm zu helfen. Jonas kannte Birgits Freund kaum und die Erzählungen der anderen Mädchen im Stall reichten aus, um in ihm nicht den Wunsch zu erwecken ihn kennen zulernen. Wie konnte es nur immer wieder passieren, dass Mädchen einen Freund hatten von dem alle wussten, dass er untreu war nur nicht das Mädchen selbst. Auch Jonas Freunde tuschelten öfter über ihren Freund. Angeblich hatte er was mit Drogen zu tun. Jonas machte gegenüber Birgit diesbezüglich jedoch keine Anmerkungen. Viel zu groß waren seine Bedenken, Birgit wollte vielleicht nichts mehr mit ihm zu tun haben wenn sie dachte er würde ihren Freund schlecht machen.
Für das nächste Wochenende war eine Feier im Reiterstüberl angesagt und auch Birgit wollte kommen. Jonas hatte sich mittlerweile ziemlich in seine Verliebtheit hineingesteigert und wollte sich keinen Korb holen. Er genoss das wohlige Gefühl von Übelkeit das ihn beschlich, wenn er natürlich rein zufällig mit seinem Auto an Birgits Haus vorbeifuhr. In dem Moment als er um die Ecke bog hoffte er dann allerdings dass sie ihn nicht dabei erwischte, denn er wollte auf keinen Fall aufdringlich wirken. Am Samstag nachmittag vor der Feier ritten einige aus dem Stall zusammen aus. Jonas und Birgit waren auch dabei und als sie um fünf wieder zurückkamen führen die meisten noch mal nach Hause um sich für die Feier umzuziehen. Birgit war ebenso wie Jonas nicht so scharf darauf zu Hause aufzukreuzen, denn dort würden sicherlich wieder ihre Mütter, die beide geschieden waren, ihren Kindern vorhalten warum sie schon wieder in den Stall müssten, wo schließlich die ganze Arbeit zuhause nur an ihnen hängen bliebe und so ging Jonas schon mal ins Reiterstüberl wo Birgit gerade mit dem Rücken zur Tür Kaffee machte und auffällig leise war. Er setze sich an den Tisch und blätterte wahllos in alten Pferdemagazinen herum. Irgendetwas stimmte nicht, Birgit stand noch immer an der Küchenzeile. Zwischen den Geräuschen der Kaffeemaschine war auf einmal ein leises Schluchzen zu hören. Birgit weinte! Er ging zu ihr und als er hinter ihr stand und sie fragte was los sei, drehte sie sich um und fiel ihm in die Arme. Jonas wusste nicht wie ihm geschah. Seine große Liebe gestand ihm das sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, weil sie dahinter gekommen war dass er sie betrog. Die Tränen die sie weinte waren aber hauptsächlich Ausdruck ihrer Wut darüber, dass es alle wussten wie sie im Nachhinein erfuhr, nur nicht sie selbst. Jonas tröstete Sie eine Zeitlang, aber dann öffnete Birgit die Umarmung, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. Sie wurde ein wenig rot und bevor sie etwas zu Jonas sagen konnte, meinte dieser: ?Ist schon okay! Dafür sind Freunde doch da, oder??. ?Danke, Jonas, es gibt selten Jungen, die so gut zuhören können wie Du? antwortete Sie. Auf einmal kam Steffi ins Stüberl und beide wandten sich etwas verlegen der Vorbereitung für die Party zu. Es war schön. Sie hörten laut die aktuellen Charts im Radio und fanden immer ein Thema zum quatschen, am liebsten lästerten sie natürlich über die anderen Reiter im Stall. Nach und nach trudelten dann auch diese ein und als das Stallbesitzerehepaar ebenfalls gekommen war, setzten sich alle an eine große Tafel und fingen zu Essen an. Jonas hatte Chili gekocht und von den restlichen hatten alle den Auftrag bekommen, sich um Salate zu kümmern. Es schmeckte allen sehr gut und Karin, die ihr Pferd neben Attila stehen hatte meinte sie würde sich auch mal einen Mann wünschen, der so gut Kochen kann. Jonas wurde sofort Rot als Birgit ihr beipflichtete dass das gar nicht so schlecht wäre und sie auch gerne mal von ihrem Freund bekocht werden würde. Jonas schlug das Herz höher. Gott sei Dank begann Karin unmittelbar darauf mit einer Erzählung über den letzten Missglückten Kochversuch ihres Mannes und während alle ausgiebig lachten, bemerkte keiner wie Jonas wohl auch ein wenig wegen des Alkohols den er getrunken hatte Birgit mit verliebten Augen ansah. Sie zwinkerte ihm zu und langsam entwickelte sich ein richtiger Flirt. Jonas konnte flirten! Das Mädchen gegenüber sah nicht verstohlen zur Seite, wenn er zu ihr hinübersah, nein, sie sah ihm geradewegs in die Augen und lächelte ihn auf eine Weise an, die er so bei ihr noch nicht kannte. Der weitere Abend war sehr lustig, und gegen Mitternacht verließen nach und nach die Besucher die Party, bis nur noch die Besitzer und Jonas und Birgit am Tisch saßen. Sie grinsten alle ein bisschen über den Bauern, der das Angebot an alkoholischen Getränken etwas zu sehr genossen hatte, wohlwissend, dass ihn seine Frau eher kurz hielt. Jonas hatte ihm mal eine Flasche Schnaps für einen Gefallen geschenkt, und der Bauer ging damit gleich auf den Heuboden, um sie vor seiner Gemahlin zu verstecken. Als Jonas dies am darauffolgenden Abend Birgit erzählte kam bei der anschließenden Unterhaltung heraus, wie sehr die beiden den alten Bauern mochten. Jetzt aber stützte die Bäuerin ihren Mann, nicht ohne ihn vorher mit einem scharfen Blick gestraft zu haben, um den Bierseligen ohne Schaden hinüber ins Wohnhaus zu bekommen. Birgit blickte den beiden nach und flüsterte zu Jonas, dass der Bauer morgen wahrscheinlich wohl noch was erleben würde!
Auf einmal waren die beiden allein. Die Atmosphäre der Feier lag noch im Raum und Jonas Herz polterte wie wild. Sollte er zu ihr gehen und Sie umarmen? Er traute sich nicht. Er hatte solche Angst davor abgewiesen zu werden, dass er die Chance nicht ergriff. Birgit jedoch kam auf ihn zu und sagte leise sie wolle noch kurz nach den Pferden sehen, und ob er sich nicht begleiten könne. Langsam tasteten sich beide über den Hof zum Stall ohne Licht anzumachen, damit die Pferde nicht in ihrer Nachtruhe gestört werden würden. Kurz vor der Tür nahm Birgit seine Hand, die mittlerweile ganz heiß war und sie gingen im Dunkel des Stalls zu den Boxen. Vor Attilas Tür drehte sie sich um und schaute Jonas lange tief in die Augen. ? Ich glaube Du bist ein ganz ein Lieber? flüsterte sie und während der Mond einen silbernen Strahl durch ein Stallfenster auf Ihr Gesicht warf, nahm er allen Mut zusammen, umfing ihre Hüfte und küsste sie! Birgit drückte ihn fest an sich: ?Dich geb´ ich nicht mehr her!?


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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