Guido J.F. Gdowzok

Das Einhorn

Friedrich hatte Langeweile. Die hatte er manchmal, wenn er allein in seinem Zimmer saß. Wenn ihm ganz besonders sterbenslangweilig war, dachte er an das Einhorn. Von dem hatte ihm seine Oma einmal erzählt. In einem großen Buch hatte sie geblättert und ihm ein Bild gezeigt. Das Einhorn galoppiert nachts über die Wolken, hatte sie gesagt. Und es nimmt den, der es sieht, mit auf eine phantastische Reise in das Land, das die Erwachsenen nicht sehen können.

"Ach das wäre toll, wenn ich auf dem Einhorn reiten könnte", dachte Friedrich, und weil die Sonne schon untergegangen war, saß er am offenen Fenster und lauschte. Denn wenn ein echtes Einhorn über die Wolken galoppiert, das muss man ja schließlich hören. Doch so sehr Friedrich sich auch anstrengte, er hörte niemals mehr als das Rauschen der Blätter im Wind oder das Fauchen vom fetten Kater von den Leuten, die im Haus unter ihnen wohnten. "Puste mir mal ins Ohr", bat er seinen Freund Frank, "dann höre ich vielleicht besser, wenn das Einhorn über die Wolken galoppiert." Klar, dass Frank ihm ins Ohr pustete. Sogar in alle beide. Half aber alles nichts.

"Vielleicht kann man das Einhorn gar nicht hören", sagte Frank eines Tages, "das ist bestimmt wie eine Sternschnuppe, und die leuchten nur." Das war eine gute Idee. "Weißte was", sagte Frank, "ich werde gucken, ob ich das Einhorn sehe, und dann sage ich dir schnell bescheid." Von nun an saß auch Frank jeden Abend an seinem Fenster. So sehr er sich aber auch anstrengte, er sah niemals mehr als das Funkeln der Sterne oder den Schatten vom fetten Kater von den Leuten, die im Haus über ihnen wohnten. "Probiers mal mit einem Streichholz", sagte sein Freund Felix zu ihm, "dann siehste im Dunkeln besser, wenn das Einhorn über die Wolken galoppiert." Klar, er probierte das mit dem Streichholz. "Autsch!", jetzt hatte er sich die Finger verbrannt. Half aber alles nichts.

"Wenn man das Einhorn nicht hören und nicht sehen kann", sagte Felix, "dann kann man vielleicht nur einen Luftzug fühlen, wenn das Einhorn über die Wolken galoppiert." Das war die beste Idee der Welt, fanden Friedrich und Frank. "Und wenn das Einhorn über die Wolken kommt, dann komme ich schnell zu euch gelaufen", versprach Felix seinen Freunden. Und nun saß auch Felix jeden Abend an seinem Fenster, spukte auf seinen Zeigefinger und hielt ihn in den Abendwind, so wie es die Seefahrer tun. So sehr sich Felix aber auch anstrengte, er spürte niemals mehr als das Pieksen einer Mücke oder das Fell ... richtig, vom fetten Kater von den Leuten, die im Haus gegenüber wohnten, denn der schlich um seine Beine. "Spuck du mal", sagte er zu Friedrich, "vielleicht geht's mir deiner Spucke besser." Klar spuckte Friedrich. Und auch die Spucke von Frank probierte Felix aus. Und hielt seinen Zeigefinger tapfer in den Abendhimmel, bis er eine Gänsehaut bekam. Half aber alles nichts. Da waren d! ie Freunde enttäuscht. Dabei wären sie zusammen so gerne auf dem Einhorn über die Wolken geritten in das Land, das die Erwachsenen nicht sehen können.

Eines Tages aber rief die Oma von Friedrich an. Friedrich erzählte ihr von dem Plan, das Einhorn zu finden, und dass alles schiefgegangen wäre. "Du must nicht traurig sein", sagte Oma, "das Einhorn kommt nämlich nicht auf den Regenwolken galoppiert, sondern auf den Wolken der Phantasie. Und die sind in dir drin, ganz nah bei deinem Herzen. Wenn du das nächste mal am Fenster sitzt, dann hälst du dir ganz fest die Ohren zu, dass du keinen Mucks mehr hörst. Frank kneift ganz fest seine Augen zu, aber er darf nicht blinzeln. Und Felix macht eine Faust, so fest bis sein Daumen blau wird."

Und genau das taten die drei. Friedrich steckte die Finger in beide Ohren. Und als er in sich reinhorchte, da konnte er plötzlich auch das Einhorn galoppieren hören. Frank schloss die Augen, das war leicht. Und als er in sich reinschaute, da konnte er endlich auch das Einhorn über den Wolken sehen. Felix machte eine Faust, zuerst mit der rechten, dann mit der linken Hand. Und dann zur Vorsicht auch mit allen beiden. Und als seine Daumen fast ganz blau waren und wie sein Herzschlag pochten, da konnte er das Einhorn spüren, wie es dicht an seinem Herzen vorbei galoppierte. Und weil die drei dicke Freunde waren, war ihr Einhorn groß und stark. Und es nahm sie mit in das Reich der Phantasie. Hoch über die Dächer der abendlichen Stadt ...

Du denkst jetzt bestimmt, das gäbe es nur im Märchen. Stimmt nicht: Auch wenn Du erwachsen bist, kannst du auf die Suche nach dem Einhorn gehen. Denn dazu ist es nie zu spät. Du brauchst nur ein wenig Mut, und wenn du ganz vorsichtig in Dein Herz schaust, dann wirst Du es sehen, hören, spüren. Vergiss, das Du erwachsen bist, und Du wirst es finden, und dann ... halt Dich gut fest!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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