Holger Gerken

Wer will schon Millionär werden?

Günter Jauch holte tief Luft. Im Studio war es mucksmäuschenstill.
„Wir sind jetzt bei der Fünfhunderttausend-Euro-Frage und Sie haben noch alle drei Joker.“
Der Kandidat nickte, scheinbar unbewegt, fläzte sich in seinem Stuhl und schaute den Quizmaster fast gelangweilt, aber grinsend, an.
So überhebliche Gäste sind nicht gut für die Quote. Den mögen die Zuschauer nicht. Ganz mechanisch waren die Antworten bei ihm bislang gekommen, ohne jegliche Regung, ohne längeres Überlegen, ohne Zweifel.
„Also es geht um eine halbe Million Euro: ‚Wie heißt die fünftgrößte Insel der Erde?’ A) Madagaskar; B) Sumatra; C) Sri Lanka oder D) Baffinland“
Einen Augenblick runzelte der Kandidat die Stirn, dann schaute er auf und lächelte. „Da möchte ich sehen, ob das Publikum das weiß.“
In den Zuschauerreihen rumorte es. Günter Jauch las die Frage noch einmal vor, und dann wurde im Publikum eifrig gedrückt.
„So, das Ergebnis: Sumatra 63 %, Madagaskar 28 %, Baffinland 7 % und Sri Lanka 2 %. Das sieht ja schon recht eindeutig aus.“ Aufmunternd schaute Jauch den Kandidaten an.
„Wissen Sie es?“ fragte der Kandidat.
„Ich habe nicht den Dunst einer Ahnung.“
„Das haben Sie wahrscheinlich mit 93 % der Zuschauer gemein. Die richtige Lösung ist D: Baffinland.“
„Das wissen Sie?“ Ungläubig beugte der Moderator sich vor. „Warum verschenken Sie denn den Joker? Und dann entscheiden Sie sich gegen diese klare Mehrheit? Wollen Sie das nicht wenigstens absichern?“
„Wenn es Sie beruhigt, kann ich ja noch den Fifty-Fifty-Joker ziehen und Ihnen zeigen, dass ich Recht habe.“
„Also gut: streichen wir zwei falsche Antworten.“
Übrig blieben ‚Sumatra’ und ‚Baffinland’.
„Ihr Favorit ist ja noch stehen geblieben“, sagte Jauch. „Aber es stehen immer noch 63 % gegen 7 %.“
„Man muss dem Publikum nachsehen, dass es bei einer solchen Frage überfordert ist.“
Ein Raunen und einige Buhrufe gingen durch das Studio.
„Sie bleiben also bei Ihrer Antwort ‚Baffinland’?“
Der Kandidat nickte.
„Gut, wir haben eingeloggt.“ Der Moderator schaute auf seinen Monitor und kniff die Augen zusammen. „Madagaskar ist die viertgrößte Insel.“ Pause.
„Sumatra hingegen… ist nur die sechstgrößte. Dazwischen liegt Baffinland. Sie haben die fünfhunderttausend Euro!“
Es gab nur verhaltenen Applaus.
„Sie stehen jetzt vor der Eine-Million-Euro-Frage und können immer noch jemanden anrufen.“
Jetzt musste Günter Jauch die Spannung halten. Er spürte, dass die Zuschauer dem Kandidaten den Gewinn nicht gönnten.
„Was würden Sie mit einer Million Euro machen?“ Etwas Menschliches war immer gut für die Quote.
Der Kandidat überlegte kurz. „Das würde ich anlegen und von den Zinsen leben.“
„Sie sind aber ein langweiliger Mensch!“ entfuhr es Jauch und einige Zuschauer wollten schon klatschen.
„Gibt es keinen geheimen Wunsch, den Sie sich schon immer mal erfüllen wollten?“
„Keinen, den man sich mit Geld kaufen könnte.“ Er schaute den Quizmaster verlegen an und griff zum Wasserglas. Seine Hand zitterte.
„Wollen wir uns die Eine-Million-Euro-Frage mal anschauen?“
„Ich bitte darum.“
Dann kam der große Tusch und die letzte, alles entscheidende Frage erschien auf dem Bildschirm. Günter Jauch stutzte kurz und lächelte dann innerlich. Jetzt zeigen wir ihm seine Grenzen.
„Also, die Eine-Million-Euro-Frage: ‚Für welche Münzstätte stand auf französischen Geldstücken von 1540 bis 1796 der Buchstabe N?’ A) Nizza; B) Bordeaux; C) Montpellier; D) Nantes“
Der Kandidat schwieg und starrte regungslos auf den Bildschirm. Günter Jauch fixierte ihn genau. Die Frage war viel zu speziell. Er hatte zwar noch einen Joker, aber wen sollte man in dem Fall anrufen? Unwahrscheinlich, dass das jemand zu Hause wissen konnte. Außerdem: wen sollte dieser Mensch denn überhaupt kennen?
Der Kandidat drehte sich auf seinem Stuhl, griff wieder nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber er schien nicht unzufrieden zu sein, fast zuversichtlich. Anscheinend hatte er einen Entschluss gefasst.
„Und was machen wir jetzt?“ Jauch wurde ungeduldig. Die Zuschauer mögen keinen Leerlauf, er könnte doch wenigstens mal laut nachdenken.
„Ich möchte Andrea Schneider anrufen.“
„Andrea Schneider? Was qualifiziert diese Frau denn? Ist sie Bankerin oder Münzsammlerin?“
„Sie ist eine gute Bekannte.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit.
„Also gut, rufen wir die Frau einmal an.“
„Ich hoffe, sie wird die Frage zu meiner Zufriedenheit beantworten“, seufzte der Kandidat und atmete tief durch.
„Andrea Schneider“, meldete sich eine helle und freundliche Stimme.
„Hallo, hier spricht Günter Jauch.“
„Guten Abend.“
„Frau Schneider, bei mir sitzt der Olaf Schulze, Ihr Bekannter. Ich hätte ja nicht gedacht, dass so ein Mensch eine Bekannte hat, aber gut. Er hat sich bislang sehr gut geschlagen, Sie sind sein letzter Joker, allerdings sind wir auch schon bei der – und jetzt halten Sie sich bitte gut fest – bei der Eine-Million-Euro-Frage.“
„Oh.“
„Sie haben dreißig Sekunden Zeit – ab jetzt!“
Olaf setzte sich rasch aufrecht in seinen Stuhl, schluckte und räusperte sich.
„Hallo Andrea, ich kann die Frage auch ohne deine Hilfe beantworten. Die Million habe ich also schon sicher. Du hast ja vielleicht gemerkt, dass ich dich liebe. Deswegen habe ich an dich nur eine Frage: willst du mich heiraten?“
Ein kurzer, überraschter Juchzer ging durch das Publikum, aber sofort trat eine gespannte Stille ein. Günter Jauch erstarrte auf seinem Sitz. Sensationell! Das war einmalig bei dieser Sendung. Davon würde man noch tagelang sprechen und gegen Ende des Jahres könnte man die beiden noch in die „Menschen“-Sendung einladen. Das wollen die Leute sehen.
Vom anderen Ende des Telefons hörte man noch nichts. Fünfzehn Sekunden blieben Andrea, um sich für ihr künftiges Leben zu entscheiden.
Nach einigen Sekunden Stille schauten sich Olaf Schulze und Günter Jauch angespannt an.
Dann brach es los: „Sag mal Olaf, spinnst du, mich so unter Druck zu setzen? Das Geld ist mir doch egal. Du hättest doch schon früher mal was sagen können, stattdessen verkriechst du Streber dich hinter deinen Büchern und… ach, Olaf mit uns ist es…“
Aus. Die Zeit war abgelaufen, die Verbindung wurde unterbrochen.
Im Studio herrschte verlegenes Schweigen.
Hilflos blickte Jauch zur Seite. Kam jetzt vielleicht eine Anweisung von der Regie? Das könnte man ja später herausschneiden. Aber darauf war niemand vorbereitet.
Der Kandidat starrte leer vor sich hin.
„Die richtige Antwort ist ‚C) Montpellier’.“ Er schluckte, und das Sprechen fiel ihm schwer.
„Aber ich brauche und will das Geld nicht. Deswegen sage ich ‚A) Nizza’.“
Jauch schaute den Kandidaten lange an. „Soll ich wirklich ‚Nizza’ einloggen?“
„Ja.“
„Okay.“
Das grüne Licht leuchtete auf.
„Die richtige Antwort ist ‚C) Montpellier’.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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