Björn Gottschling

Das Bruttofußprodukt

Am Nachmittag eines Werktages bekommt Familie Sohle Besuch eines Herrn mit Aktentasche. In der Eingangstür kommt es zu folgendem Gespräch:

Herr mit Aktentasche: „Guten Tag, Frau Sohle. Ich komme vom Finanzamt und wollte mich erkundigen, ob Sie ihre Füße angemeldet haben.“
Frau Sohle (ins Haus rufend): „Erwin! Hier möchte jemand über unsere Füße bescheid wissen. Kommst du mal bitte?“
Herr m.A.: „Es ist so, dass die öffentlichen Gehwege überholt werden müssen. Und Bund und Länder sind sich einig, dass der Bürger soviel zur Instandhaltung beitragen soll, wie er auch zur Abnutzung beigetragen hat.“
Frau S. (ins Haus schreiend): „Erwin!!“
Herr m.A.: „Es geht nun darum, dass pro Fuß eine Art Steuer zu zahlen ist, wenn Sie so wollen.“
(Herr Sohle, Erwin, tritt in die Eingangstür.)
Frau S. (zu Herr S.): „Erwin, das ist dein Gebiet.“
Herr m.A.: „Guten Tag, Herr Sohle. Ich komme vom Finanzamt und wollte...“
Frau S.: „Fußsteuer! Es geht um die Fußsteuer. Sag mal, Erwin, hast du schon was von einer Fußsteuer gehört?“
Herr S. (zu Herrn m.A.): „Womit kann ich Ihnen dienen?“
Herr m.A.: „Herr Sohle, haben Sie Füße?“
Herr S.: „Ob ich Füße habe?“
Herr m.A.: „Richtig. Und wenn ja, wieviele?“
Herr S.: „Na wieviele Füße soll ich wohl haben?“
(Herr m.A. blättert kurz in seinem Handbuch nach, lässt es aber schnell wieder bleiben.)
Herr m.A.: „Sie dürfen beliebig viele haben. Das kann auch von Zeit zu Zeit schwanken. Es geht mir vorerst um die aktuelle Anzahl.“
Herr S.: „Na wieviele sehen Sie denn?“
Herr m.A.: „Oh das kann täuschen. Soviele Füße, wie ich in meinem Job zu Gesicht bekomme, da kann einem leicht mal ein Fuß durchgehen. Und sie werden ja auch des öfteren unter Schlaghosen oder sonstigen Trickkisten versteckt.“
Herr S.: „Warum sollte ich denn meine Füße verstecken?“
Herr. m.A.: „Oh, da gibt es zwei gute Gründe. Erstens: Die Füße könnten stinken.“
Herr S.: „Meine nicht!“
(Herr m.A. schnuppert, lässt es aber schnell wieder bleiben.)
Herr m.A.: „Zweitens: Warum verstecken Schwarzseher ihre Fernseher, wenn die Herren der Gebührenzentrale an die Tür klingeln? Weil es natürlich günstiger ist!“
Herr S.: „Na schön. Ich bin nicht kriminell, ich gebe zu: Ich habe zwei Füße.“
Frau S.: „Und ich habe auch ein Paar Füße! Aber ganz kleine!“
Herr m.A.: „Könnte ich sie bitte sehen?“
(Herr S. wibbt auf und ab, Frau S. stützt sich bei Herrn S. ab und hebt dann erst das eine, dann das andere Bein.)
Herr S.: „Sehen Sie?“
Frau S.: „Sehen Sie?“
Herr m.A.: „Eins, zwei. Eins, zwei. Alles klar, dankeschön.“
(Herr m.A. holt aus der Aktentasche Block und Stift und beginnt zu schreiben.)
Herr m.A.: „Ich weise Sie darauf hin, dass Sie jetzt die letzte Möglichkeit haben, die Angaben zu korrigieren.“
Herr S.: „Nein, das ist nett, aber wir sind uns sicher. Wir haben keine Füße zu verbergen. Sie sind warzen- und blasenfrei und haben jeweils fünf Zehen.“
(Herr S. schlüpft aus seinen Pantoffeln, zieht die Socken aus und hält voller Stolz dem Herrn m.A. seine Füße hin)
Herr m.A.: „Oh, ich sehe, dass ich bei Ihnen, Herr Sohle, noch Typ P notieren muss.“
Herr S.: „Typ P?“
Herr. m.A.: „Ja, P wie Plattwüße. Schließlich beeinflusst so etwas ja auch die Gangart und den Druck, mit dem sie dann aufstampfen. So leid es mir tut, aber Plattfüßler zahlen mehr.“
(Herr m.A. setzt das Notieren fort)
Herr m.A.: „Wie steht´s mit Ihnen, Frau Sohle? Auch Typ P?“
Frau S.: „Nein, ich habe keine Plattfüße!“
Herr. m.A.: „Fein. Dann steht jetzt bei mir: Herr Sohle, Füße: 2, Bemerkung: Typ P; Frau Sohle, Füße: 2, Bemerkung: keine. Einverstanden?“
Herr S. und Frau S.: „Einverstanden.“
Herr m.A.: „Also gut. Dann brauche ich jeweils das Körpergewicht, die Schrittlänge, die Schuhgröße und die Breite des Profils.“
Frau S.: „Des Profils?“
Herr m.A.: „Ja, die Dicke des Profils, das Sie unter den Schuhen tragen. Das ist wichtig, weil Sie sich anhand dieser Angaben in eine Fußgruppe einteilen lassen, die dann Auskunft darüber gibt, wie stark Sie Gehwege beanspruchen. Je stärker die Beanspruchung, umso höher der Beitrag zur Instandhaltung der Wege.“
Frau S.: „Hm, bei mir variiert aber die Schuhgröße.“
Herr S.: „Und ich kenne meine Schrittlänge nicht. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich sehr große Schritte mache. Dann muss ich doch weniger zahlen, oder?“
Herr m.A.: „So einfach ist das nicht. Sie sollten mir ohnehin ein paar Schritte vorlaufen, damit ich sehen kann, wie Sie die Füße abrollen. Wenn Sie zum Beispiel mit der Hacke zuerst auftreten, ist das schädlicher für den Weg, als wenn Sie auf Zehenspitzen laufen würden. Hackenläufer leben zwar gesünder, zahlen aber mehr.“
Frau S.: „Ha! Das ist gut! Ich habe nur Schuhe mit hohem Absatz und somit laufe ich immer auf Zehenspitzen.“
Herr. m.A.: „Das ist zwar korrekt, zahlen tun Sie trotzdem mehr, da hohe Absätze bei weitem untergrundunfreundlicher sind, als Schuhe mit flachem Absatz. (Er wendet sich an Hern S.) Tragen Sie auch manchmal hohe Absätze, Herr Sohle?“
Herr S.: „Natürlich nicht!“
Herr m.rA.: „Natürlich? Sagen Sie das nicht! Bei meiner letzten Befragung verlangte der Nebenjob des Herrn das Tragen von absatzhohen Schuhen. Was sind Sie denn von Beruf?“
Herr S.: „Vertreter.“
Herr m.A.: „Im Außendienst?“
Herr S.: „Ja.“
Herr m.A.: „Oh, dann wird zu ihrem Zahlungsbeitrag noch eine Extra-Summe wegen überdurchschnittlich starker Fußbeanspruchung, also auch starker Gehwegbeanspruchung, berechnet werden müssen.“
Herr S.: „Extra-Summen gibt´s auch noch?“
Herr m.A.: „Extra-Summen und Kategorien, ja. Ich muss dafür ferner noch wissen, ob Sie Einlagen tragen, ob beim Gehen noch zusätzlich Gewichte getragen werden, beispielsweise Einkaufstüten, ob Sie in Stresssituationen zum Rennen geneigt sind, vielleicht um den Bus zu erreichen...“
Frau S.: „Und woher wollen Sie wissen, ob wir in Anbetracht der plötzlichen Kosten, die unsere Füße machen, die richtigen Angaben machen? Nachher können wir uns keine Füße mehr leisten!“
Herr m.A.: „Mag sein, mag sein. Es ändert sich durch die Fußreform so einiges. Wer bisher glaubte, Golf sei eine teure Sportart, der soll sich mal informieren, wie teuer der Marathon wird. Aber gut. Verzichten wir auf die Extra-Kategorie und die Fußabrolldemonstration. Kommen wir zu den Punkten, die nachweisbar sind: Sind Sie im Besitz eines oder mehrerer Autos?“
Frau S.: „Wir haben nur einen kleinen Fiat.“
Herr m.A.: „Na das ist doch erfreulich! Umso weniger laufen Sie zu Fuß. Sonstige Fortbewegungsmittel?
Herr S.: „Ich besitze neuerdings Inline-Skates.“
Herr m.A.: „Au, Herr Sohle, das kostet leider wieder. Inline-Skates bringt Sie deshalb in eine höhere Fußstufe, weil sie in einer gleitenden Bewegung unterwegs sind. Das Gleiten hat die Eigenart viel häufigeren Bodenkontakt zu haben, als das Gehen. Hinzukommt, dass der sogenannte Schrittradius erweitert wird – ihre Fortbewegungsbahn wird einfach breiter. Ganz zu schweigen davon, dass die Schuhgröße eine andere ist, und die Rollen nicht so untergrundfreundlich wie gewöhnliche Schuhprofile sind. “
Frau S.: „Aber Erwin kann ja noch nicht einmal fahren! Wir haben die Dinger bei der Dorftombola gewonnen!“
Herr m.A.: „Da kann ich leider nichts machen. Wenn die Herren von der Gebührenzentrale kommen, interessieren sie sich auch nicht dafür, ob der Fernseher bei Ihnen nur zur Zierde steht, oder ob er täglich 24 Stunden läuft.“
Frau S.: „Und wenn wir Ihnen die Inliner mitgeben?“
Herr m.A.: „Dann gelten sie für die jetzige Zählung leider immer noch. Wie sieht es denn mit Fahrrädern aus?“
Frau S.: „Sind Fahrräder denn gut oder schlecht?“
Herr m.A.: „Es kommt ganz darauf an, ob Sie immer auf der Straße fahren, oder doch auch hin und wieder auf öffentlichen Gehwegen.“
Herr S.: „Notieren Sie, dass wir immer auf der Straße fahren, oder keine Räder besitzen.“
Herr m.A.: „Na schön. Haben Sie sonst noch Füße im Haushalt?“
Frau S.: „Ja, Opa wohnt noch bei uns.“
Herr m.A.: „Mit wieviel Füßen?“
Herr S.: „Mit zweien.“
Herr m.A.: „Sind Sie sicher?“
Herr S.: „Also wir kennen ihn nun seit vielen Jahren und haben ihn immer nur mit zwei Füßen gesehen.“
Herr m.A.: „Also auch zwei. Na das ist ja einfach zu merken!“
Frau S.: „Aber er sitzt im Rollstuhl. Zählt das dann auch?“
Herr m.A.: „Das ist egal. Jeder kann mit seinen Füßen machen, was er will.“
Herr S.: „Aber sie berühren doch noch nicht einmal den Boden!“
Herr m.A.: „Das kann ich nicht beurteilen. Seien Sie froh, dass ich ihn nicht in die Rollen- und Gleiterkategorie zu den Inline-Skatern zähle.“
Frau S.: „Kann man ihm die Füße nicht abnehmen?“
Herr m.A.: „Amputieren wäre sicherlich eine Möglichkeit. Wenn Sie möchten, kann ich dafür jemanden vorbeischicken.“
Herr S.: „Ich glaube nicht, dass das günstiger wäre. Wenn er im Heim wäre, würde er sicherlich noch ein paar Jahre machen. Aber bei uns... Nein, eine Amputation rentiert sich nicht.“
Frau S.: „Und wenn wir nur einen Fuß abnehmen ließen?“
Herr m.A.: „Empfiehlt sich auch nicht, denn ab sechs Füßen pro Haushalt gehören Sie in die Gruppe der Vielfüßler und zahlen weniger.“
Frau S.: „Na dann... Wie wäre es denn dann mit der Anschaffung von Hunden?“
Herr m.A. (lacht): „Nein. Wenn dann Spinnen, die haben in der Regel sechs Beine. Aber Haustiere zählen nicht in das Bruttofußprodukt. Aber vielleicht denken Sie mal über die Anschaffung von Kindern nach.“
Herr S.: „Rechnet sich das?“
(Herr m.A. rechnet, lässt es aber schnell wieder bleiben.)
Herr m.A.: „Wenn Sie zu kleine Schuhe kaufen und es zudem fertig bringen, dass die Kleinen möglichst große Schritte machen, dann bestimmt. Ich gebe Ihnen einfach mal meine Karte, dann können Sie mich anrufen, wenn es soweit ist. Bis dahin empfehle ich Ihnen das Fußpensum nicht zu überschreiten. Lieber ein Laufband anschaffen, als auf Gehwegen zu joggen!“
Frau S.: „Wird gemacht. Wir fahren dann auch besser bei Strecken über hundert Meter mit dem Auto.“
Herr m.A.: „Gute Entscheidung. Ich sehe, Sie sind auf dem richtigen Weg. Vielleicht sollten Sie sich auch noch überlegen, Opa wieder am Stock gehen zu lassen. Schließlich haben Sie für seine Füße gezahlt!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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