Es war einmal eine Zeit, die liegt so lange zurück, dass sich nicht einmal eure Großeltern daran erinnern können, da gab es keinen Tag und es war immer Nacht. Damals lebte in einem Dorf am Ende der Welt ein kleiner gelber Drache. Er war noch jung, aber allein, denn seine Eltern waren in den Himmel geflogen, um dort die Sterne zu bewachen. Oft saß er deshalb am Rand der Klippen und schaute zum Mond hinauf. Am liebsten wäre er dort oben bei den Sternen, da hätte er viele Freunde und wäre immer mit seinem Drachenpapa und seiner Drachenmama zusammen. Wie sehr wünschte er sich einen Freund. Doch die Wesen im Dorf hatten Angst vor ihm und mieden deshalb seine Nähe. Auch diesmal saß er wieder allein an der Klippe. Das Meer brauste gegen die Felsen und ein warmer Wind zog über die Gräser hinweg. Der Drache lag auf dem Rücken, seine Flügel hatte er ausgebreitet und sein langer Schwanz war zu einer Schnecke zusammen gekringelt. Da blitzte es am sternenübersäten Himmel auf. Sofort schreckte er hoch.
Ein Stern, ein Stern war entkommen, schoss es ihm durch den Kopf. Seine Eltern hatten ihn übersehen. Sicher würden sie sein Verschwinden zu spät bemerken. Schnell, sagte sich der Drache, ich muss den Stern finden und zurück bringen. Er rannte in sein Drachenhaus und holte seine wichtigsten Sachen, die er unter einer seiner goldgelben Schuppen verbarg, und außerdem holte er seinen langen Umhang, mit dem er fliegen konnte. Er hatte zwar große Flügel, doch wusste er nicht, wie man sie benutzt, denn das hatte ihm ja niemand beigebracht. Er stieg auf das Dach und mit einem Zauberspruch, der wie „Sahim!“ klang versiegelte er das Haus, denn es steckte noch voller geheimnisvoller Schätze. Dann breitete er seinen Umhang aus und hob ab, hinauf zu den Wolken, doch weiter hinauf kam er nicht, denn dafür war der Umhang nicht gemacht. Da landete er auf einer dicken Wolke, auf der ein kleiner Engel saß.
„Guten Tag Engel!“
„Guten Tag kleiner gelber Drache, was machst du hier auf meiner Wolke?“
„Ich wollte dich fragen, ob bei dir gerade ein Stern vorbei geflogen ist?“
„Ja, ja!“ Sagte der Engel. „Ein feuriger unhöflicher Stern war das, er hat mich nicht einmal begrüßt.“
„Wohin ist er geflogen?“
„Da hinab auf die Erde, hinein in den Wald und dann zwischen die Büsche. Ich hatte schon Angst, dass die Bäume Feuer fangen. Dann hätte ich mit meiner Wolke hinabschweben müssen, um den Brand zu löschen.“
„Vielen Dank Engel. Jetzt werde ich ihn sicher finden.“
„Aber richte keinen Schaden mit deinem heißen Atem an,“ rief ihm der Engel hinterher, denn schon sauste der kleine gelbe Drache im Sturzflug hinab in den Wald, der damals noch so groß war, das man drei Jahre brauchte um einmal hindurch zulaufen. Sanft landete der Drache auf einer Lichtung, auf der zwei Waldgötter Kräuter sammelten. Erschrocken drückten sie sich ängstlich aneinander.
„Nicht schon wieder,“ keuchte der eine. „Das man nicht mal ein Kräutlein in Ruhe auflesen kann.“, erboste sich leise der andere.
„Entschuldigung,“ sagte der kleine gelbe Drachen,“ ich wollte Sie nicht stören. Sie sind doch Götter dieses Waldes. Haben Sie vielleicht einen Stern hier landen sehen.“
„Ob wir einen gesehen haben?,“ wiederholter der eine die Frage. „Gesehen?“, spottete der andere. „Überrumpelt hat er uns, die gesamte Ernte dieser Nacht hat er uns zerstört.“
„Jawohl, zerstört. Auf der ganzen Lichtung lagen die Heilkräuter verteilt.“ „Nicht zu fassen, Sterne gehören an den Himmel und nicht in den Wald.“ „Und dann ist er einfach verschwunden...einfach in den Büschen verschwunden, ohne sich zu entschuldigen.“
„Wohin ist er genau verschwunden? Ich will ihn zurück in den Himmel bringen.“
„Da hinten ist er lang, zum Waldsee. Aber sei vorsichtig kleiner Drache, der Typ ist gefährlich.“
„Habt vielen Dank.“ Der kleine gelbe Drache verbeugte sich und schlug sich dann zum Waldsee durch. Und da auf einem Felsen sah er ihn, den gelb glühenden Stern. Er betrachtete gerade sein Spiegelbild im Wasser. Als er den Drachen bemerkte, der langsam näher getreten war, schreckte er auf. Fast wäre er in den See geplumpst.
„Hab keinen Angst Stern! Ich will dir nichts tun,“ beruhigte ihn der Drache.
„Natürlich willst du mir was tun,“ schimpfte der Stern plötzlich, „ du bist ein Drache und die Drachen halten die Sterne im Himmel gefangen.“
„Ich habe vor dir noch nie einen Stern gesehen.“
„Das erzählst du blos, damit ich dir vertraue, aber mich sperrt keiner mehr am Himmel ein!“
Der Stern hüpfte wütend auf und ab, so dass er Funken sprühte.
„Aber glaub mir doch, es ist wirklich so. Nur meine Eltern machen das, wie gern wär ich jetzt bei ihnen.“
„Wie sehen, denn deine Eltern aus und wie heißen sie, vielleicht habe ich sie schon einmal gesehen?“
„Mein Vater ist An, der erdbraune Drache und meine Mutter ist Tiamat der ozeanblaue
Drache.“
„ An und Tiamat, die Beherrscher der Sterne. Jeder Stern kennt sie. Doch sie wollten mich nicht gehen lassen. Immer nur sehe ich die Erde von ganz oben, nie kann ich ein Gesicht erkennen. Sie waren gemein, aber ich habe sie ausgetrickst.“
„Meine Eltern sind nicht gemein. Sie machen nur, was sie tun müssen.“
„Aber sie sind nicht bei dir und du bist immer allein.“
„Ja,“ seufzte der kleine gelbe Drache und legte sich seine Flügel um die Schultern.
„Aber sie müssen doch den Sternenstaub sammeln, sonst können wir Drachen nicht mehr existieren, wir würden einfach verschwinden.“
„Und wenn die Drachen den Sternenstaub nicht sammeln, würde bald der ganze Himmel davon voll sein und er würde grell glühen.“
Eine Weile schauten der Stern und der Drache stumm nach oben zu den Sternen.
„Trotzdem,“ unterbrach der Stern die Ruhe,“ trotzdem hätten sie mich einmal gehen lassen sollen, damit ich die Erde erkunden kann, dann hätte ich nicht ausreisen müssen. Außerdem ist es mir viel zu voll da oben mit meinen Tausenden Geschwistern. “
„Und mich hätten sie mal mitnehmen können, um mir die Sterne von Nahen zu zeigen. Denn die sind wunderschön, auch du bist wunderschön.“
„Und du bist für einen Drachen gar nicht so übel.“
Sie schauten sich lange an.
„Ich hab’s“ sagte der Stern, „wir beide sehen uns ziemlich ähnlich, beide sind wir schön gelb, wer uns nicht kennt, könnte uns leicht verwechseln.“
„Ja, ja,“ sagte der Drache,“ meine Eltern sagten mir auch schon, als ich noch ganz klitzeklein war, dass ich wie ein Stern aussehe.“
„Siehst du! Lass uns die Rollen tauschen, du gehst für mich in den Himmel und ich habe Zeit mir die Erde anzusehen.“
„Aber..., aber ich kann doch gar nicht so hoch fliegen. Nur mit meinem Umhang kann ich fliegen.“
„Ich mache Sternenstaub darauf, siehst du, und schon kannst du bis zum Rand des Universums fliegen.“
„Vielen dank lieber Stern.“ Der Drache freute sich, dass er einen Freund gefunden hatte. Der Stern zauberte eine rote lange Muschel hervor.
„Wenn du Probleme hast, blas hinein, dann bin ich so schnell es geht bei dir.“
Sie umarmten sich und dann hob der Drache ab, hinauf in den Himmel, bis die Erde nur noch ein kleiner Punkt war. Er sah sich um und überall waren Sterne, die funkelten und glitzernden. Vor Freude machte er einen Salto in der Luft. Da drehten sich drei Sterne zu ihm um und machten energisch: „Pssst! Wir wollen in Ruhe funkeln!“ Erschrocken wurde der gelbe Drache ganz leise. Alle Sternen hatten ihren vorgegebenen Platz, an dem sie standen und dann wanderten sie einmal um die Erde herum, das dauerte genau einen Tag. Das alles hatte ihm ein alter Stern mit Bart gesagt, der nur noch matt glänzte. Der Drache hatte Angst, dass er ihn erkannt haben könnte, doch der alte Stern lächelte ihn nur an und zwinkerte sogar.
Endlich fand er den Platz, an dem sein Stern von der Erde vorher gefunkelt hatte. Er marschierte einfach mit, zwischen den anderen Sternen fiel er gar nicht auf. Alle sahen so gleich aus, wunderschön, aber gleich und keiner schaute ihn an. Er trotte vor sich hin und obwohl er hier unter Tausenden von Sternen war, fühlte er sich genauso einsam wie allein auf der Erde. Doch da hörte er ein lautes Brüllen, von der anderen Seite des Himmels und schlingernd und fauchend erkannte er rechts und links vom Mond seinen Drachenpapa und seine Drachenmama, die gerade Sternenstaub einsammelten. Da konnte er sich nicht länger halten und stürzte auf sie zu. Vor lauter Freude, spuckte er eine riesige Feuerfontäne aus, die den ganzen Himmel erhellte. Nun wusste auch der letzte Stern, dass er ein kleiner gelber Drache war und keiner von ihnen. Seine Eltern aber kamen auf ihn zu und umarmten ihr Kind. „Mein Kleiner,“ sagte seine Mama,“ wie bist du hier hinauf gekommen? Hast du das Fliegen gelernt?“ „Ein Freund hat mir gezeigt wie es geht, aber mit meinen Flügeln klappt es noch nicht. Ich habe dafür den Zauberumhang.“
„Welchen Zauberumhang?“ fragte sein Papa. Der kleine Drache schaute sich um und tatsächlich, sein Umhang war verschwunden, wahrscheinlich hatte er ihn unterwegs verloren. Er konnte nun mit seinen Flügeln fliegen.
„Mama, Papa, ich hab euch so vermisst.“ Er kuschelte sich an sie.
„Es ist etwas passiert, ein Stern ist verschwunden,“ sagte sein Papa,“ hast du ihn gesehen?“
„Ja Papa, aber ich muss euch etwas sagen. Ein Stern sein ist sehr langweilig, ich dachte so einsam, wie auf der Erde kann man nirgendwo sein, aber hier war ich auch einsam. Immer muss man am selben Ort sein und die Erde ist so klein, dass man nichts auf ihr erkennt.“
„Aber was sollen wir machen? Die Sterne sind die einzigen, die Licht auf die Erde schicken.“
„Aber auch die Sterne sind einsam. Mama, Papa ich habe eine Idee, was haltet ihr davon, wenn ihr den Sternen, den halben Tag frei gebt. Dann können sie die Erde erkunden oder sich mal woanders hinstellen und mit anderen Sternen sprechen.“
„Das würden wir gerne machen, mein Kind, doch dann wäre es auf der Erde stockduster, wer erhellt in dieser Zeit den Himmel?,“ fragte seine Mutter.
„Das mache ich, ich werde einen Feuerball spucken, der einen halben Tag lang glüht und dann rot mit der Erde verschmilzt. Dann bin ich mit bei euch im Himmel und wir können immer zusammen sein.“
„Mein kleiner Drache, das ist eine sehr gute Idee. Wenn du das willst, dann machen wir es so.“
Der kleine gelbe Drache holte die rote Muschel und blies hinein. Es dauerte nicht lange, da kam der Stern von der Erde nach oben gesaust. Als er An und Tiamat sah, versteckte er sich zitternd hinter dem kleinen Drachen. „Keine Angst,“ sagte dieser und erklärte ihm alles. Der Stern war so froh, dass er mit dem Drache über die Himmelswiese tanzte. Als sie auf einem Meteoriten verschnauften, fragte der Stern den kleinen gelben Drachen: „Wie heißt du überhaupt?“
Und dieser strahlte ihn an:„Mann nennt mich Sonne.“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2004.
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