Hans Pürstner

Der Mörder war nicht der Gärtner, Teil11 und Schluss


„Wo ist eigentlich das Vernehmungsprotokoll von Frau Rabbisch?“ fragte Woldmann in die Runde. Ausgerechnet um die Gattin des Mordopfers hatte er sich bisher kaum gekümmert, sich sofort in andere Theorien verbissen gehabt. Doch nun musste er sich aber unbedingt einmal mit ihr befassen. „Und zwar persönlich“, sprach er halblaut vor sich hin. Der Beamte, der Frau Rabbisch am Tag nach dem Mord befragt hatte, legte ihm die Mappe auf den Schreibtisch und setzte erklärend dazu „Sie hat sich bei meiner Befragung völlig normal verhalten. Nicht übermäßig erschüttert zwar über den Tod ihres Gatten, aber die zwei waren schließlich schon fast vierzig Jahre verheiratet!“ Woldmann musste schmunzeln und nahm sich die Akte genauer vor. „Vereinbaren sie doch einen Termin in der Villa Rabbisch“, rief er dem Kollegen zu, „möglichst noch für heute!“ Britta Wilhelm kam mit dem Bericht der französischen Polizei über den Selbstmord von Alwin Bellmann. „Wir haben endlich die deutsche Übersetzung des Tatortprotokolls bekommen. Er hatte eine Fahrkarte von Bordeaux nach Trier in der Tasche. Warum er in Straßburg die Fahrt unterbrochen hat, ist bisher ein Rätsel. Die Kollegen aus Frankreich sind natürlich wenig interessiert daran, das herauszufinden. Es liegt eindeutig Selbsttötung vor“. „Kann ich verstehen“, murmelte Woldmann, „aber vielleicht kann uns Jean-Paul, der Koch sagen, warum ? Bloß müssten wir ihn erst mal zu fassen kriegen!“ Seufzend wählte er die interne Nummer von Kriminaloberrat Berger und bat ihn, bei der Interpol noch mal Druck zu machen und um beschleunigte Behandlung des Fahndungsersuchens in Sachen Morell zu bitten. „Frau Rabbisch erwartet Sie in der Villa, Chef!“, rief ihm unterdessen der Kollege zu. „Super, dann fahre ich gleich los. Mal sehen, ob sie mir diesmal mehr erzählt als bei der ersten Befragung“.
„Guten Tag, Herr Kommissar!“, begrüßte ihn die Witwe von Rabbisch freundlich, nachdem er an der Tür geklingelt hatte. Sie öffnete selbst die Tür und meinte entschuldigend „Meiner Haushälterin habe habe ich frei gegeben, sie kümmert sich um Frau Bellmann. Die Arme hat eben die Nachricht vom Tod ihres Mannes bekommen. Ich bin selbst auch ganz weg. Mein Gott, der alte Bellmann, was mag ihn bloß dazu getrieben haben? Oder glauben Sie am Ende gar, dass e r meinen Mann vergiftet hat?“ Woldmann folgte ihr ohne auf die Frage zu antworten ins Besucherzimmer und nahm dankend den angebotenen Stuhl an. Frau Rabbisch schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein ,deutete auf die Milch- und Zuckerbehälter und sagte „Bedienen Sie sich bitte selbst, Herr Kommissar. Ich habe mich schon gewundert, dass Sie nicht schon früher bei mir erschienen sind und nur einen ihrer Leute geschickt haben“. Woldmann blickte sie erstaunt an und fragte nach. „Gibt es denn etwas, was Sie noch nicht ausgesagt haben, Gnädige Frau?“. Verlegen rutschte die Dame auf dem filigranen antiken Stuhl herum und wand sich, bis sie seine Frage endlich beantwortete. „Es ist nicht so einfach, davon zu sprechen. Ich bin dreißig Jahre mit meinem Mann verheiratet. Uns ist es immer gut gegangen, aus den Kindern ist etwas geworden. Aber das, was ich von der beruflichen Tätigkeit meine Mannes im Laufe der Zeit so mitgekriegt habe, hat mir nicht immer gefallen!“. Interessiert forderte er sie auf, weiterzusprechen. „Mein Gatte ist immer rücksichtslos vorgegangen, wenn es darum ging, einen Vorteil zu ergattern. Und das nicht nur geschäftlich. Damit hatte er die letzten Jahre sowieso nicht mehr viel zu tun. Auch privat hat er alle nur benutzt.“ Sie setzte sich betont aufrecht hin und fuhr fort „Einmal muss es alles heraus. Ich habe viel zu lange zugeschaut! Der Bellmann zum Beispiel, der war früher Weinimporteur. Er lieferte französische Weine exklusiv an die Rabbisch Läden. Einer seiner Produzenten war Morell, der jetzt als Koch im Waldschlösschen arbeitet“. „Morell ist verschwunden“, unterbrach sie Woldmann. „Na, das wundert mich nicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn er an allem schuld ist. Auf jeden Fall kannten sich die beiden schon länger beruflich, bis mein Mann einmal die ganzen Restbestände eines Jahrgangs von Morell´s Bordeaux kaufte. Der Wein schlug ein wie eine Bombe, acht Mark fünfzig für einen erstklassigen Bordeaux, das war Tagesgespräch unter den Weinliebhabern in Deutschland. Viele, die sich bisher zu fein gewesen waren, bei Rabbisch einzukaufen, parkten plötzlich ihren Mercedes vor der Tür und kauften kistenweise ein!“. „Und so“, erzählte sie weiter, „Begann die ganze unglückliche Geschichte. Bellmann bekam vor vier Jahren den Auftrag, für das nächste Jahr bei Morell den neuen Jahrgang der selben Sorte zu kaufen, und zwar in einer Menge, die doppelt so hoch war wie dessen letzte Jahresproduktion. Morell schloss also Lieferverträge mit umliegenden Weinbauern ab, vergrößerte seinen Gärkeller, kaufte eine neue Abfüllanlage und bestellte entsprechend viele Flaschen bei der Glasfabrik. Seine Schwester hatte sich unterdessen in Bellmann verliebt, obwohl dieser verheiratet war. Sie war es auch, die den erst zaudernden Bruder dazu überredet hatte, derart zu expandieren. Dem war die Sache wohl von Anfang an nicht ganz geheuer. Die Verkaufsverhandlungen führten sie immer im „Le Provencal“ in Idar-Oberstein. Einmal durfte ich sogar mit. Der Patron war Wilfried Scholz, der jetzt das Restaurant seiner Frau, das Waldschlösschen führt.“ Sie holte aus der Küche eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser und schenkte beiden ein. „So redet es sich besser“, meinte sie entschuldigend. „ Im Jahr darauf begann die Bordeaux Hysterie etwas abzuebben, die Leute wollten nicht mehr jeden Preis bezahlen. Daraufhin warfen etliche Chateaus ihren Wein zu erheblich günstigeren Preisen auf den Markt und auch die Rabbisch Einkaufsabteilung wurde mit Angeboten überhäuft. Kurzerhand stellten sie Bellmann ein Ultimatum, wenn er den Preis nicht noch mal erheblich senken würde, wäre die nur mit Handschlag besiegelte Abnahmeverpflichtung hinfällig. Der arme Jean-Paul hatte noch dazu gerade das kleine Restaurant auf seinem Chateau modernisiert gehabt. Alles auf Kredit natürlich, in Erwartung der gesicherten Abnahme seiner Jahresproduktion. Wenn er aber im Preis noch mal runter gegangen wäre, hätte er nicht mal die anderen Weinbauern auszahlen können. Am Ende hat er weniger Bordeaux Weintrauben zugekauft, dafür seine Cuvee mit billigerem spanischen Rotwein gestreckt, um den Preis reduzieren zu können. Das kam natürlich heraus, er verlor das AOC Prüfsiegel, die Sympathien der anderen Weinproduzenten und mein Mann ließ öffentlichkeitswirksam seinen Wein aus dem Sortiment von Rabbisch entfernen“. Woldmann war ziemlich hin und her gerissen zwischen der Befriedigung einerseits, dass sich nun immer mehr das Motiv und der Täter herauskristallisierten und der Abscheu andererseits über die Methoden der Discounter. „Wenn ich gewusst hätte“, sinnierte er, „wie solch günstigen Preise entstehen, und wer am Ende dafür bezahlen muss, dann hätte ich niemals so leidenschaftlich gerne Schnäppchen eingekauft!“ “Und der Gipfel war dann“, sprach Frau Rabbisch weiter, “nachdem Bellmann Pleite gemacht hatte, stellte mein Mann noch ganz generös seine Frau als Köchin bei uns ein. Sogar Bellmann selbst überrededete er nach einem Jahr, seine Blumen zu pflegen. Und im Waldschlösschen, seinem Lieblingslokal in Blankenese, kochte bald Jean-Paul Morell, sein ehemaliger Weinlieferant. Den er um die Existenz gebracht hatte. Na, dann guten Appetit, hab ich ihm damals nur gesagt. Aber er war sowas von abgebrüht. Der fand das alles noch ganz amüsant“.Woldmann schüttelte angewidert den Kopf, war aber andererseits auch zufrieden. Nun brauchte er eigentlich nur noch die Verhaftung Morells abzuwarten, und der Fall konnte an die Staatsanwaltschaft gehen. Er fuhr zurück in die Dienststelle und dort erwartete ihn schon sein freudig erregter Chef. „Morgen wird er uns überstellt, der Koch!“, rief er schon von weitem. Tatsächlich traf Morell am nächsten Morgen ein und schon nach kurzer Zeit gab er zu, das Atropin in die Flasche gegeben zu haben. „Diese alten Weine werden oft entkorkt, um den einwandfreien Zustand zu prüfen. Anschließend werden sie wieder neu verschlossen. Deshalb wäre es dem Alten gar nicht aufgefallen, selbst wenn er ausnahmsweise mal selbst die Flasche geöffnet hätte“, erzählte er ohne jegliche Rührung. Erst als man ihm vom Selbstmord Bellmanns erzählte, schossen ihm Tränen ins Gesicht. „Ich musste ihm das doch erzählen, dass meine Schwester schwanger war von ihm. Bei ihrem Selbstmordversuch verlor sie nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch das Baby. Sie hatte es nicht ertragen können, mich zu der Sache überredet zu haben. Das Chateau, seit Generationen in unserer Familie, war weg, unser guter Ruf zerstört. Da wollte sie nicht mehr leben. Der Rabbisch hat es nicht anders verdient, aber dass Alwin auch noch dran kaputt gegangen ist, das ist zuviel!“ Woldmann ließ ihn das Protokoll unterschreiben und raunte seinem Chef zu, „auch wenn Bellmann den Wein eingeschenkt hat, er hatte jedenfalls nicht gewusst, dass dieser von Morell präpariert war. So war also einmal doch nicht der Gärtner der Mörder!“

Uff, endlich geschafft! Die Geschichte hat sich von Kapitel zu Kapitel weiterentwickelt. Deshal bitte ich zu entschuldigen, falls sich einige Fehler in der Logik eingeschlichen haben. Ich bin halt kein Georges Simenon.Hans Pürstner, Anmerkung zur Geschichte

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