Eveline Dächer

Falsch verbunden



Das Telefon klingelt lange und durchdringend,
Ich hetze die Treppe runter, schnappe den Hörer
„Ja bitte?“
„Ich würde gern Frau Sander sprechen.“
„Es tut mir leid, hier gibt es keine Frau Sander,
kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
„Dann habe ich mich wohl verwählt. Aber bitte................
legen Sie nicht auf, Ihre Stimme klingt sehr sympathisch !“
„Na ja, ich bin nun mal hier unten, dann können wir uns auch weiter unterhalten.“
„Das ist eine gute Idee, ich bin Karl-Heinz, ein gut aussehender Mann in den besten Jahren, na, vielleicht schon etwas drüber aber
immer noch top fit.“
„Und gar nicht von sich eingenommen, nicht wahr ?
Was gibt es sonst noch für Nettigkeiten über Sie selbst?“
„Oh eine ganze Menge, doch wie heißt denn die sympathische Drahtstimme am anderen Ende,
Ich muss doch wissen, wie ich Sie ansprechen kann.“
Hallo Karl-Heinz, hier spricht Brigitte, doch Sie dürfen mich Biggi nennen, alle Welt nennt mich so.“
„Aha Biggi“, klang es fröhlich, dann noch einmal „Biggi“, nun war die Stimme einige Nuancen dunkler und hatte so einen Kick, der mich hell auflachen ließ.
„Biggi, warum lachen Sie ?“
„Weil ich es so lustig finde, wenn Sie versuchen Ihrer Stimme einen besonderen tenoralen Klang zu verleihen.“
„Sie sind eine sehr fröhliche Frau, Biggi, hab ich recht ?“
„Ja, es stimmt, ich bin ein fröhlicher Mensch“
„Kein Mensch“ unterbrach er mich, „eine Frau, man hört es, eine richtige Frau.“


„Machen Sie immer so schnell Komplimente, sie Charmeur ?“
„Nein, eigentlich nicht immer, aber....wie sehen Sie aus, Biggi?,
Nein, sagen Sie nichts, lassen Sie mich raten, ich schätze,
Sie sind eine moderne, erfahrene Frau, die bestimmt keine Twiggyfigur hat.“
Ich musste schallend lachen, „das besagt natürlich gar nichts“
„Oder alles“ unterbricht er mich.
Mir fängt es an Spaß zu machen, flirten per Telefon, per Draht.
„Schade, dass ich Sie jetzt, gerade jetzt in diesem Augenblick nicht sehen kann, ich habe leider noch kein Bildtelefon,
dann könnte ich bestimmt ein strahlendes Lächeln mit blütenweißen Zähnen und offene Augen sehen, ein sympathisches Antlitz ,
Welche Farbe haben Ihre Augen ?“
„Oder Sie würden sofort auflegen, weil Sie eine kleine blonde Hexe mit vielen Falten, Runen und Brille ansieht.“
Jetzt lacht er gewinnend sympathisch
„Vielleicht sollten wir Zwei uns doch mal treffen und gemeinsam einen Kaffee trinken ,
Wohin hab ich übrigens angerufen ?“
„Sie sprechen mit der Medienstadt Hürth, jedoch weder mit RTL, WDR, SAT, VOX, oder sonst einem Sender, sondern ganz privat mit Biggi.“
Sehen Sie, dann bin ich doch ganz in Ihrer Nähe, ich wollte mit Frechen telefonieren.

Wollen wir beide uns morgen früh, sagen wir um 11 Uhr, treffen?
„Warum eigentlich nicht, auf diesen Spaß gehe ich ein,“
„Das ist kein Spaß!“ sagte er mit einem Unterton, „das ist ein ganz reelles Interesse.
Also, bis morgen Autobahnabfahrt Frechen, Raststätte“
„Stopp, wie erkenne ich Sie denn?“
„Ich fahre einen schwarzen Mazda mit Leverkuser Kennzeichen und wie gesagt, ich bin ein sehr netter Mann.“
„Aha, das hätte ich doch glatt vergessen ! Ich halte dann Ausschau nach einem netten Mann, ich schätze mal, so Mitte bis Ende 60 aus Leverkusen.“
- 3 -
„Ja, genau so ist es, und wohin soll ich schauen ? Blonde Hexe, Brillenschlange von Runen und Falten total zerknittert?.“
Er lacht schallend
„Genauso ist es , mit uraltem BMW ich freue mich schon drauf!“
ruf ich aus und hänge ein.
Was habe ich jetzt gemacht ? Nun habe ich das Telefonat unterbrochen,
sogar beendet und weiß nicht mal einen Namen oder eine Nummer.
Wie hieß er? Karl-Heinz glaub ich, mit schwarzem Mazda und
Lev - Kennzeichen,
Ob ich den noch mal wiedersehe?
Es wäre schade um ihn, wir haben so nett geflirtet.
Moment mal, der braucht doch nur auf Wahlwiederholung drücken, ob er daran denkt ?
Ich warte gespannt ½ Stunde, kein Rückruf, schade !
Aber, ich fahre da morgen hin , ich bin viel zu neugierig.

Heller Sonnenschein weckt mich am frühen Morgen, heute ist doch der Tag, welcher.....
Ich springe aus dem Bett „Aua, mein Kreuz!“ ein stechender Schmerz, ja Biggi, deine Knochen machen dieses Tempo nicht mehr mit.
Ich watschele ins Bad wie eine Ente.
Da helfen auch keine Wechselduschen, da muss Schmerzspray hin, verdammt noch mal, gerade heute.
,Selber Schuld’ sagt meine innere Hexe, warum stehst du nicht so auf, wie es deinem Alter entspricht, du bist keine 40 , keine 50 mehr, du bist schon 65 Jahre, jetzt hab ich auf dich geschossen.’

Ich bin nervös und gespannt, ich habe Schmetterlinge im Bauch, oder ist es ein Bienenschwarm ?
Egal was es ist,
es ist schön!
Nein, es ist wunderschön ! !
Wann hatte ich dieses Gefühl schon mal?
O mein Gott, das müssen mindestens 40 Jahre her sein.
Ich komme mir vor wie eine 16jährige.
Ich genieße es richtig, Es tut gut nach all der Zeit.


Wie mag diese sympathische Stimme aussehen ?

Ich stehe vor meinem geöffneten Kleiderschrank, ratlos.
Siehst du, nichts hat man anzuziehen!
Es ist immer dasselbe.
Ich entscheide mich für einen Hosenanzug.
Nehme ich den flaschengrünen oder den orangen?
Beide Farben sind in. Ich entscheide mich für den grünen.

‚Nehmen se jrün, Frollein, jrün hebt!’
Das hellgrüne Top dazu ? Nein! Da ist ja ein Flecken drin!
Gut nehme ich eben das cremefarbene,
Creme ist edel und passt zu allem.
Wer weiß, was das für ein konservativer Typ ist.
Die hellen Schuhe drücken immer noch, obwohl ich sie schon sooft anhatte, langsam müssten sie doch passen.
Die helle Tasche - na ,ist die nicht zu dick aufgetragen? Straußenleder, sündhaft teuer,
ein Erbstück meiner Tante, die braucht sie im Altenheim nicht mehr. Tja, Tantchen, du hast auch schon mal bessere Tage gesehen, wer weiß, wo ich einmal landen werde.?

Jetzt wird es aber langsam Zeit, was nehme ich für ein Parfum ?
Ach mir ist heut so nach „Flower by Kenzo“
Na dann bitte, ja das wird passen,
es ist ja schließlich erst 11 Uhr vormittags und Sommer.
Noch ein letzter Blick in den Spiegel, mein Gott du hast doch gut geschlafen, wie siehst du denn aus ?
Jetzt ist es auch egal, mir ist vor Aufregung ganz schlecht.
Ob er wohl kommt ?
Mensch Biggi, reiß dich zusammen! Wie alt bist du? 16 oder 65 ?
Du bist eine moderne erfahrene Frau !
Jawohl, ich bin eine erfahrene Frau. Ich schließe die Türe ab, gehe in die Tiefgarage , steige in meinen uralten BMW
Und ab geht es Richtung Frechen- Gewerbegebiet.
Mein Gott wo bin ich hier ?

Was ist hier gebaut worden ?
Mit Müh und Not finde ich die Raststätte.
Ich fahre einfach über LKW-Parkplatz.
Auf dem für PKW s ist natürlich alles besetzt.
Da hinten ist noch ein Parkplatz, ich fahre in die Gasse rein, da kommt mir einer entgegen, ich muss zurück.
Was ist das denn ?
Da läuft mir doch tatsächlich jemand hinten vor den Wagen,
ich drehe das Fenster runter, hole tief Luft um ein fürchterliches Donnerwetter loszulassen, als ich höre:
„Sie müssen Biggi sein ! Die kleine blonde Hexe !“
Ich schnappe Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Ja, ich bin es , kommen Sie bitte hinter mir her, hier ist kein Parkplatz mehr, wir fahren in die Stadt.“
Er ging zu seinem Wagen, ich wartete im Auto.
Ja ,wie sieht er denn nun aus ? Ich weiß es nicht, Ich sehe nur sein herzhaftes Lachen bei meinen Bemühungen einen Parkplatz zu finden.
Ich schaue in den Rückspiegel, kann aber nicht viel sehen, da die Sonne blendet.
Fahren wir mal, an der Ampel sehe ich wieder nur dies unverschämte Lachen,
Na warte Jung, das wird dir schon vergehen !
Warum eigentlich ? er ist doch nett .
Noch eine Kreuzung, dann links, ich blinkte an einem freien Parkplatz für ihn, er hat auch geschaltet. Ich nahm den nächsten Parkplatz. Motor aus, tief durchatmen Biggi, dreimal mindestens. Ganz langsam

Tür auf,
strahlend kommt er mir entgegen.
„Genauso habe ich mir Sie vorgestellt, Biggi,“ begrüßte er mich.
Ich war sprachlos, gab ihm die Hand und sagte ziemlich steif: „Schön, dass Sie da sind.“
Er nahm meine Hände und küsste mir die Fingerspitzen,
ganz Kavalier der alten Schule.
Mir wurde heiß und kalt.
Er war sehr sympathisch, zwar etwas sehr beleibt, aber na ja, ich bin ja auch nicht gerade der Schlanksten eine.
- 6 -
Wir gingen in das nette Restaurant, der Kellner wies uns einen Tisch am Fenster an.
Wir setzten uns und schauten uns erst mal gegenseitig an.


Er hat blaue Augen, nimmt öfter seine randlose Brille ab, er hat sie erst kurze Zeit.
Er ist wirklich konservativ, graue Hose, blauer Blaser, hellblaues Hemd, blaugemusterte Krawatte.
Der Kellner nahm die Bestellung auf, wir wählten beide Scholle Helgoländer Art.
Er nahm Wasser, ich Wasser und Chardonnay
Ich brauchte jetzt einen Schluck, mein Hals war ganz trocken.
Wir schauten uns ununterbrochen an. Wir mochten uns beide.
Waren jedoch sehr befangen und wortkarg.
Eigentlich schade.
Wir tauschten unsere Visitenkarten.
Er heißt Fuchs, also Vorsicht, Biggi, Füchse sind schlau.

Nach dem ausgezeichneten Essen nahmen wir noch einen Kaffee vorne im Schankraum.
Er legte seinen Arm um meine Schulter und zog mich an sich
Ich war so hilflos wie nie in meinem Leben.
Er streichelte meine Arme, es war wunderschön, doch es ging mir alles zu schnell.
Das Restaurant wollte schließen, Mittagspause, Jeder zahlte seine Zeche dann gingen wir.
Draußen verabredeten wir uns für das nächste Wochenende.
Ein Küsschen rechts uns eines links ,
er wollte mehr, ich nicht – noch nicht.
War die Luft schon raus bevor es anfing ?

Er rief an, hat ½ Stunde im Stau gestanden
„Biggi, Sie gefallen mir.“
Er erzählte mir, dass er im vorigen Jahr seine Frau verloren hätte, Diagnose : Lungenkrebs.

Er müsse sich jetzt langsam um einen Grabstein kümmern, da stehe noch das Holzkreuz auf dem Grab und die Nachbarn reden schon.
Ich nannte ihm einen ordentlichen Steinmetz, bei dem wir uns in 2 Tagen treffen wollten.

Er kam einfach zu mir nach Hause, schellte, sagte:
„ Da bin ich, Biggi“.
Ich stand vor Schreck wie versteinert.
Er nahm mich in den Arm, schob mich zur Türe rein und küsste mich, wie selbstverständlich,
Er benahm sich, als ob wir uns schon Jahre kannten.
„Schön hast du es hier, machst du uns bitte einen Kaffee!?“
Mir verschlug es die Sprache, so etwas ist mir noch nie passiert.
„Du bist so schweigsam, was ist mit dir, Biggi?“
Er folgte mir in die Küche, drehte mich zu sich um und küsste mich, lange und zärtlich.
Er flüsterte an meinem Hals: „Ich mag dich, dich habe ich lange gesucht.“
Seine Lippen streiften sanft über meinen Nacken, ich bekam eine Gänsehaut und hatte einen Bienenschwarm im Bauch, gleich knicken meine Beine ein, dacht ich.
„Ist dir das unangenehm ? Dann höre ich sofort auf.“
Was sollte ich sagen?
Schreien wollte ich: nein, nein, mach weiter!
Ich schlang wortlos meine Arme um seinen Hals und küsste ihn.
Die leichte, zärtliche Berührung wurde leidenschaftlich, fordernd.
Er entfachte ein Feuer in mir, mein Körper vibrierte,
seine zärtlichen Hände waren überall, seine Küsse waren heiß und leidenschaftlich.
Plötzlich ließ er mich los, wir schauten uns an, vergaßen Kaffee und Termin.
Wir gaben uns ganz dem Augenblick hin.................
Seine fordernde Lippen wurden wieder ganz sanft und zärtlich.
Er strich mir das Haar aus dem Gesicht, lächelte und sagte:
„Nein, niemals waren wir falsch verbunden“..........

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.09.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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