Tiras Rapkeve

Roy Raperpotz im Land der Träume

Tiras Rapkeve

Roy Raperpotz

Im Land der Träume


Wer ist eigentlich Roy Raperpotz?

1. Roy Raperpotz und das verbotene Tor
2. Roy Raperpotz und das Orakel Guckifix
3. Roy Raperpotz und der Traum des Spartakus
4. Roy Raperpotz und die Schule Raperpotz



Copyright by Tiras Rapkeve, Januar 2001
published in Germany
Tiras-Rapkeve@gmx.net

 

Wer ist eigentlich Roy Raperpotz?

Roy Raperpotz ist ein Prinz aus Traumania, aus dem sagenumwobenen Land der Träume, einem Ort an dem all unserer Träume in einem geheimnisvollen Meer verborgen liegen. Seine Eltern brachten ihn in unsere Welt, an jenem Tag, als der schwarze Regen begann ihr Land zu zerstören. Doch nun ist die Zeit gekommen ihm entgegen zu treten, und Roy ist bereit in sein Königreich zurück zukehren. Zwar kann er sich noch an nichts erinnern, doch seine besten Freunde Racket und Romy stehen ihm hilfreich zur Seite. Roy muß es wieder lernen, das Träumeln. Das Träumeln? Was das ist? So nennt man es, den Menschen ihre Träume zu bringen. Denn immer wenn wir schlafen des Nachts, holen uns die Träumler in ihr Land und bescheren uns unsere Träume. Wahrhaft phantastisch. Nicht wahr? Doch Roy und Racket müssen das Träumeln erst noch lernen. Zusammen mit Romy und all den anderen Kindern in der Schule Raperpotz ziehen sie loß um ihren Traummantel, Traumsand und schließlich ihren Konkel zu erringen, mit dem sie die Träume aus dem Meer der Träume in einer wunderbaren Weise zu den Menschen bringen. Und schließlich lernen sie Hunduisch, die alte Sprache der Träumler, die nur von diesen gesprochen werden darf.
Nach zahlreichen Abenteuern werden sie die besten Träumler die Traumania je gesehen hat. Sie bringen den berühmtesten Menschen ihre Träume: Christopher Kolumbus, König Arthus und Spartakus, Galileo Galilei, Nikolaus August Otto und vielen anderen Persönlichkeiten und Wissenschaftlern, sowie der Vergangenheit als auch der Gegenwart.
Eine unglaubliche Reise beginnt für die Abenteurer im Land der Träume und auch für ihre Kinder, die die drei jeden Abend bekleiden werden. Es ist nicht nur eine Reise in ein wahrhaft traumhaftes Land, es ist eine Reise durch die Geschichte der Menschheit, eine Reise durch Mythen und Sagen, durch die Sprache unserer Zeit. Sie lernen was Freundschaft bedeutet, und was in Wahrheit Träume sind und erfahren Dinge wie Heiligung und Moral, oder die Bedeutung von Regeln in einer Gesellschaft. In einfacher Weise wird ihnen dies verständlich.
Es ist eine Reise, die einen selbst träumen läßt in grenzenloser Phantasie und doch mit einem wunderbaren Bezug zur Realität. Es ist wie ein märchenhaftes Schulbuch, daß Kinder traumhaft einfach Wissen vermittelt und dabei eine unglaubliche Geschichte erzählt und letzten Endes bleibt noch ein großes Geheimnis. Woher kommt der schwarze Regen?

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1. Roy Raperpotz und das verbotene Tor


Roy war ein kleiner schüchterner Junge mit blonden strubbeligen Haaren und einer seltsamen schwarzen Strähne darin, die ihn jeden Morgen beim Kämmen dermaßen ärgerte, daß er länger als all die anderen Jungen im Badezimmer brauchte um fertig zu werden. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte diese Strähne nicht besiegen. Sie stand ab von seinen Haaren wie ein störrischer Esel, der nicht hören will. All die anderen Kinder, besonders Greg, der größte Junge im Waisenhaus St. Jones, lachten ihn aus deswegen. Und gerade heute war diese Strähne noch widerspenstiger als sonst. So sehr er sich auch mühte, so oft er auch versuchte sie flach an seinen Kopf anzuschmiegen, immer wieder stellte sie sich auf und trotzte jeder Bewegung seines Kammes, als ob sie sich heute ganz besonders hervor tun wollte, als ob es heute einen ganz besonderen Grund dafür gäbe.
Von außen pochte bereits Greg an die Tür. "He, Raperpotz! Roy Raperpotz! Wenn du nicht gleich raus kommst, dann kannst du für immer drin bleiben."
Um seine Worte zu betonen stieß er noch einmal kräftig mit dem Schuh gegen die Tür. "Hast du mich verstanden, Raperpotz?"
Roy packte hastig seine Sachen zusammen. Er haßte es so genannt zu werden. Immer wieder hänselten ihn die Kinder wegen seines Namens. Raperpotz. Roy Raperpotz. Dies war wirklich ein sehr seltsamer Name. Roy Raperpotz. Doch solange er denken konnte hieß er schon so. So lange er denken konnte lebte er schon in diesem Waisenhaus, weit außerhalb der Stadt, zusammen mit all den anderen Kindern, die kein zu Hause mehr hatten. Er wußte nicht wer seine Eltern waren, noch wußte er wo er hingehörte. Keiner hier konnte ihm das sagen, und keiner wußte wie er eigentlich in dieses Waisenhaus gekommen war, nicht einmal Direktor Finlox.
Roy öffnete die Tür und schaute vorsichtig hinaus. Von der Seite packte ihn Greg und zog ihn aus dem Bad. "Raperpotz. Du siehst aus wie ein Strubbelpeter. Was hast du eigentlich die ganze Zeit da drin getrieben?" Er stupste ihn in die Seite. "Wegen dir werden wir noch alle zu spät zum Frühstück kommen."
Danach schob er Roy zur Seite und ging lauthals brüllend ins Bad.
Im Frühstücksraum waren bereits alle Kinder versammelt. Der Direktor, Herr Finlox, ein finster rein blickender knorriger Mann, schritt vor den Kindern entlang. Bei jedem hatte er etwas auszusetzten.
"Steck dein Hemd richtig rein, Peter! Kopf hoch, Martin! Michael, putz deine Schuhe!"
Kurz vor Roy stoppte er seinen langsamen und schleppenden Gang und schüttelte mit dem Kopf. "Raperpotz, Raperpotz. Du wirst es wohl nie lernen. Schau dich an. Weißt du wie du aussiehst? Wie ein Kind von der Straße. Was soll nur aus dir werden?"
"Aber...", versuchte Roy sich zu verteidigen.
"Nichts aber.", unterbrach ihn Finlox. Jeden Morgen hast du die gleiche Ausrede. Du gehst sofort in den Keller zu Morella und läßt dir deine Harre schneiden, ist daß klar?"
Die Kinder im Saal verstummten. Jeder fürchtete sich vor Morella. Sie war eine alte seltsame Frau, die im Keller von St. Jones hauste und nur selten ins Haus, geschweige denn in den Garten kam. Einige behaupten sogar sie wäre eine Hexe und hätte schon so manche kleine Kinder verhext. Alle Kinder, sogar Greg hatten Angst vor ihr und jeder in dem Saal war froh, nicht an Roy’s Stelle zu sein.
Finlox stand wartend vor Roy und musterte ihn scharf. Roy drehte sich um und verließ den Frühstückssaal. Was sollte er tun? Was sollte er sagen? Er mußte sich fügen. So hungrig er auch war, er mußte sich fügen. Und da er zwar klein und schüchtern, aber keinesfalls feige war, schritt er die kalten Stufen hinunter in den Keller zu Morella. Doch eigenartigerweise, je tiefer er kam desto weniger Angst hatte er. Ja und obwohl er im Halbdunkel nicht viel sah, so kam ihm die Umgebung sogar irgendwie bekannt vor. Nur ein oder zwei mal war er in diesem Keller und so richtig konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, auch nicht an Morella, doch er spürte dieses eigenartige Gefühl, schon sehr oft hier gewesen zu sein. Er konnte es sich nicht erklären. Unten angekommen betrat er einen Raum, der durch ein im Kamin brennendes Feuer hell erleuchtet war, so daß er an den Wänden Regale mit seltsam anmutenden Gläsern sehen konnte. In der Mitte stand ein großer hölzerner Tisch, um den herum vier Stühle angeordnet waren.
Vor dem Kamin stand gebückt eine Frau mit grauem wallenden Haar. "Komm ruhig näher, Roy Raperpotz. Ich habe schon auf dich gewartet. Du solltest eigentlich schon längst hier unten sein, schon vor Wochen. Was hat dich aufgehalten?"
Roy wußte nicht so recht was er erwidern sollte. "Direktor Finlox hat mich eben erst hier herunter geschickt. Sie sollen mir meine Haare schneiden."
"Finlox, dieser Trottel.", erwiderte Morella empört, ohne sich vom Kamin weg zu drehen. "Haare schneiden. Ist das sein einziges Problem? Haare schneiden? Der hat keine Ahnung von dem, was hier vor sich geht. Setz dich Roy."
Neugierig schaute sich Roy in dem Raum um. Als er sich setzte und wieder zum Kamin schaute war Morella jedoch plötzlich verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Er schaute in jede Richtung und in jede Ecke, doch er konnte sie nicht mehr sehen. Er war ganz alleine. Dort saß er nun und wartete und wußte nicht was er tun sollte. Es saß dort bestimmt bis Mittag, doch es geschah nichts. Morella war verschwunden und kam auch nicht wieder zurück, und so wartete er weiter bis es schon fast dunkel war, denn Direktor Finlox hatte ihm eindeutig erklärt, daß er ohne einen neuen Haarschnitt nicht aus dem Keller zu kommen brauchte. Zum Glück fand er ein paar Äpfel und einen Kanten Brot in einem der Regale, so daß er seinen Hunger stillen konnte, und er leerte einen Krug Wasser, der auf dem Tisch stand. Doch allmählich begann er sich Sorgen zu machen, daß Morella heute gar nicht mehr zurück kommen würde, als plötzlich eine leise, schnurrende Stimme erklang.
"Euer Majestät! Ein Glück, daß ich dich gefunden habe."
Roy schaute sich um. Es war niemand zu sehen. In der Ecke saß nur ein schwarzer Kater mit ein paar weißen Harren an der Kehle und schaute ihn mit freundlichen Augen an. Sonst war niemand weiter da. Aber woher kam dann diese Stimme, diese Stimme, die ihn mit Majestät ansprach.
"Du kannst dir nicht vorstellen wie lange ich dich gesucht habe, Euer Majestät. Endlich habe ich dich gefunden."
Tatsächlich. Es war dieser Kater, der da zu Roy sprach. Roy konnte kaum seinen Augen und Ohren trauen. War dies hier wirklich eine Hexenküche mit sprechenden Tieren?
"Du mußt mir helfen. Du bist meine letzte Hoffnung. Du bist unsere letzte Hoffnung."
"Bist du das, der da zu mir spricht?", fragte Roy ungläubig den Kater.
"Ja, natürlich. Ich bin es. Erkennst du mich denn nicht?"
"Nein. Wer bist du?", fragte ihn Roy erstaunt.
"Ich bin’s, Racket. Dein ergebener Diener. Aber ja, ich hätte es mir denken müssen. Du kannst mich nicht erkennen in dieser Gestalt. Ich vergesse immer wieder, daß ich ein Kater bin."
"Sollte ich dich kennen?", fragte Roy immer erstaunter.
"Oh, ja. Natürlich. Wir sind die besten Freunde. Erinnerst du dich nicht? Du mußt dich doch erinnern. Wir waren jeden Tag zusammen. Du weißt schon, damals in Traumania. Bis dieser große Regen kam, und unsere Welt zu zerfallen begann."
"Wovon sprichst du da? Ich kann mich an keinen Regen erinnern."
"Du weißt wirklich nichts davon? Du hast alles vergessen Roy. Oh, wir müssen uns beeilen. Wir müssen zurück in unsere Welt bevor es zu spät ist, wenn es jetzt nicht schon zu spät ist. "
Roy war sehr aufgeregt. "In unsere Welt? Du weißt woher ich komme?"
"Ja, natürlich weiß ich es.", schnurrte Racket. "Du bist Roy Raperpotz. Der jüngste Sproß der königlichen Familie von Traumania.", Racket verneigte sich tief vor Roy. "Und seit dem Regen hast du diese schwarze Strähne, die dir übrigens sehr gut steht, meint zumindest Romy. Naja. Da kann man wohl geteilter Meinung sein."
"Romy?", fragte Roy erneut sehr aufgeregt, denn nun schien er sich doch an etwas zu erinnern.
"Sag bloß, du haßt auch Romy vergessen? Oh, wir müssen uns wirklich beeilen. Komm mit!"
Racket lief zu einer Seitentür in der hinteren dunklen Ecke des Raumes, die Roy vorher gar nicht wahrgenommen hatte, und plötzlich standen sie mitten im Garten hinter dem Waisenhaus. Er lief weiter bis hin zu der Hecke mit den großen Büschen am anderen Ende des Gartens. Als Racket unter der Hecke hindurch schlüpfen wollte stockte Roy.
"Wir dürfen nicht hinter diese Hecke. Direktor Finlox hat uns streng verboten hinter diese Hecke zu gehen."
"Vergiß Direktor Finlox, Roy. Wir werden bald zu Hause sein. Komm!"
Aus irgendeinem Grunde, wenn sie sonst auch überall durch das Gelände strohmerten, so hielten sich doch alle Kinder aus dem Waisenhaus St. Jones fern von dieser Hecke, und es ist ihnen nie in den Sinn gekommen dieses Verbot zu mißachten. Auch jetzt beschlich Roy ein ungutes Gefühl, das er nicht so recht beschreiben konnte. Da er jedoch ein mutiger Junge war folgte er dem Kater, der sich Racket nannte, und das unangenehme Gefühl wich schnell einem neuen, wunderbaren Gefühl, so wie er es noch nie zuvor erlebt hatte, doch aufgrund vieler Bücher die er gelesen hatte sofort erkannte. Es war das Gefühl der Heimat, das Gefühl nach Hause zu kommen. Und mit pochendem Herzen rann er hinter Racket her, der durch ein Loch unter der Hecke schlüpfte.
Hinter dem letzten großen Busch verborgen lag ein kleiner Pavillon. Die Mauern waren bereits vergilbt und der Putz bröckelte von den Wänden. Der Eingang war gerade groß genug, so daß Roy problemlos hindurch gehen konnte. Racket tippte mit seiner Pfote gegen einen Stein in der Wand und ein seltsames Licht erstrahlte plötzlich und erhellte den gesamten Pavillon. Fast im selben Augenblick erklang eine tiefe Stimme direkt vor ihnen.
"Wer stört die Ruhe des Wächters des verbotenen Tores?"
"Miau. Ich bin es, Racket.", hauchte sanft der Kater ehrerbietungsvoll.
"Ach du bist es schon wieder. Du wirst es wohl nie aufgeben. Hast du das Rätsel gelöst?"
"Nein.", antwortete Racket etwas verärgert. "Aber ich habe einen Freund mitgebracht, ein Mitglied der königlichen Familie, siehst du? Es ist Roy Raperpotz."
"Hm. Ja. Ich sehe. Es ist wirklich Roy Raperpotz. Er trägt die schwarze Strähne im goldenen Haar. Hm. Trotzdem muß auch er das Rätsel lösen, um durch das Tor zu gehen."
"Ja, ja.", erwiderte Racket eifrig. "Stell ihm die Frage. Er wird sie beantworten. Er wird es wissen. Ich weiß es."
"Also gut.", ertöne die Stimme, jetzt sogar noch tiefer als vorher. "Höre mir aufmerksam zu mein junger Freund:

Es ist ein Ort, den alle Menschen kennen.
Ob gut, ob böse, sie alle ihn Ihr eigen nennen.
Es ist ein Ort, an dem sich jeder Wunsch erfüllt,
ein Mantel, in den man sich des Nächtens hüllt,
dort wo Erwachs‘ne wie die Kinder tollen,
und nie mehr von dort gehen wollen.
Ein Ort, an dem es keine Grenzen gibt,
an dem nur eins, der eigne Wille siegt,
zu dem man geht mit Freuden fort.
Sag mir, was ist das für ein Ort?

"Kennst du die Antwort Roy Raperpotz? Sag sie mir schnell, und ich öffne dir mein Tor."
Roy dachte angestrengt nach. Ein Ort, den alle Menschen kennen? Ein Mantel, in dem man sich des Nächtens hüllt und wo sich jeder Wunsch erfüllt? Was konnte das nur sein?
Von der Seite störte ihn Racket beim Nachdenken. "Weißt du es Roy? Du weißt es doch, nicht wahr? Sag es dem Wächter. Du mußt es doch wi...."
Doch plötzlich erlosch das Licht an der Mauer und Racket sprang blitzartig durch eine Seitentür aus dem Pavillon. Von der anderen Seite kam Direktor Finlox in den Pavillon herein gepoltert.
"Raperpotz, Roy Raperpotz. Was machst du hier? Du solltest dir doch deine Haare schneiden lassen, du Lümmel. Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?"
Er packte Roy am rechten Ohr und zerrte ihn aus dem Pavillon. "Ihr werdet es wohl nie lernen. Ihr solltet doch nicht hier hinter diese Hecke gehen. Habe ich euch das nicht tausendmal gesagt? He?"
Noch immer hielt er Roy fest am Ohr, so das der Arme Junge vor Schmerzen sein Gesicht verzog und zerrte ihn ins Haus.
"Wir werden morgen weiter darüber reden. Jetzt aber ab ins Bett! Los!"
Er schubste ihn in sein Zimmer, in dem Greg schon hemmungslos schnarchte und schloß die Tür. Roy stieg leise in sein Bett. Doch immer wieder mußte er an Racket und an diese geheimnisvolle Welt denken von der er ihm erzählte hatte, und an das Rätsel, dessen Lösung ihnen das verbotene Tor zu dieser Welt öffnen sollte, zu einer Welt die angeblich seine eigene sein soll. Doch dann plötzlich wußte er die Lösung des Rätsels und zufrieden und voller Erwartungen an den nächsten Tag schlief Roy todmüde unter seiner warmen und kuschligen Decke ein.

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2. Roy Raperpotz und das Orakel Guckifix


Am nächsten Morgen gab sich Roy weniger mühe seine Strähne glatt zu kämmen. Er wußte nun, daß es eine Ursache dafür gab, und er wußte nun, daß er ein Mitglied der königlichen Familie war. Nun ja. Aber welcher königlichen Familie eigentlich, und was für ein Königreich sollte das sein? Voller Ungeduld wartete er den ganzen Tag darauf, daß Racket sich bei ihm melden würde, doch er lies sich nicht blicken. Als ob gestern nichts geschehen war verlief der Tag wie all die anderen. Selbst Direktor Finlox schien sich an nichts mehr zu erinnern, denn er sprach ihn weder auf seine immer noch zerzausten Haare an, noch verlor er auch nur ein Wort über den gestrigen Abend im Pavillon hinter der Hecke. Roy wunderte sich sehr darüber, und langsam begann er schon daran zu zweifeln, den gestrigen Tag überhaupt erlebt zu haben. Doch als es zu dämmern begann, und alle Kinder aus dem Garten ins Haus zurückkehrten, hörte er von der Seite ein leises Miauen, und er meinte zu hören wie jemand seinen Namen rief. Erschrocken blieb er stehen und drehte sich um. Außer ihm schien niemand weiter diese Stimme gehört zu haben, denn alle Kinder liefen weiter und verschwanden bald im Haus, so daß Roy bald ganz alleine im Garten stand.
"Racket? Bist du das?", fragte er vorsichtig ins Dunkel.
Von der Seite kam Racket auf Roy zugesprungen. "Roy! Euer Majestät! Wir müssen uns beeilen." Dann schaute er Roy mit großen Augen an. "Weißt du die Lösung des Rätsels?"
Roy wußte nicht so recht was er erwidern sollte. "Ja, ich denke schon."
"Ja, Ja. Du wirst es schon wissen. Du bist schließlich ein Mitglied der königlichen Familie. Du bist schließlich Roy Raperpotz.", antwortete Racket, sich seiner Sache völlig sicher.
"Was ist das für eine Familie?", fragte ihn Roy neugierig. "Sind es meine Eltern. Leben meine Eltern noch?"
"Hm. Naja. Das ist so eine Sache.", antwortete Racket verlegen. Doch Roy wollte es nun wissen. "Was ist das für ein Königreich? Du mußt das doch wissen."
"Naja. Das ist so eine Sache. Ich weiß es nicht."
"Wie meinst du das, du weißt es nicht. Du weißt doch auch, daß ich ein Mitglied der königlichen Familie bin."
"Ja, das schon. Aber in dieser Welt hier ist alles anders. Hier weiß man nur, was man wissen muß, nicht mehr."
"Das verstehe ich nicht."
"Komm mit und du wirst es gleich verstehen. Wenn wir durch das Tor gehen wirst du alles verstehen." Racket verschwand wieder hinter dem großem Busch am Ende der Hecke, und Roy beeilte sich ihm zu folgten. In dem Pavillon legte er seine Pfote auf den Stein und schaute Roy mit erwartungsvollen Augen an. "Bist du bereit, Euer Majestät?"
"Ja.", erwiderte Roy, fest entschlossen durch das Tor in diese geheimnisvolle Welt zu gehen.
Die tiefe Stimme des Wächters ertönte. "Wer stört die Ruhe des Wächters des verbotenen Tores?"
"Wir sind es. Racket und Roy Raperpotz."
"Ach, ihr seid es schon wieder.", antwortete der Wächter sichtlich verärgert, wieder in seiner Ruhe gestört zu werden. "Habt ihr das Rätsel gelöst?"
"Ich denke schon.", erwiderte Roy, nun doch etwas unsicher.
"Nun gut.", erhob der Wächter wieder seine Stimme.
"Nenn mir den Ort, zu dem die Menschen täglich ziehn. Nenn mir das Land, in das sie jede Nacht entfliehn, in dem sich jeder Wunsch erfüllt, in dem man nur mit Phantasie umhüllt, das bringt in alle Kinderaugen Sand. Sag mir, was ist das für ein Land."
Mit fester Stimme antwortete Roy dem Wächter des verbotenen Tores. "Ich weiß welches Land es ist. Es ist das Land der Träume."
"Potz blitz!", ertönte die tiefe Stimme des Wächters. "Ja, das ist es. Genau. Das Land der Träume."
Racket schau mit großen Augen zu dem Wächter. "Wie? Ist es so einfach? Das Land der Träume? Das hätte ich auch gewußt."
"Ich habe nie gesagt, daß es schwierig ist. Doch nun hinweg mit euch. Ich habe noch andere Dinge zu tun. Doch denkt stets daran, wer das Land der Träume hier betrat, wird brauchen einst des Wärters Rat..." Die Stimme des Wächters wurde immer leiser, so das Roy ihn kaum noch verstehen konnte. " ... denk stets an des Rätsels Lösung hier, das Hilfe bringen wird in Not zu dir..."
Doch mehr konnte Roy nicht mehr hören, denn die Fugen der Mauer begannen zu verschwimmen und wie durch einen Schleier hindurch sah Roy die Umrisse eines Weges auf den Racket schon hinein gesprungen war. Ohne auf die weiteren Worte des Wächters zu achten folgte er ihm, und es begann eine phantastische Reise in eine Welt, die Roy schon so oft in seinen Träumen gesehen, die er aber noch nie zuvor verstanden hatte. Sofort nachdem sie durch das Tor gegangen waren verwandelte sich Racket in einen kleinen Jungen, etwas kleiner sogar noch als Roy, mit schwarzen Haaren und lustigen runden braunen Augen, die strahlten vor Freude endlich wieder zu Hause zu sein. Er sprang lauthals in die Luft und ruderte mit seinen Armen, als ob er gleich abheben und in die Wolken fliegen wollte.
Neugierig schaute sich Roy um. Sie standen auf einem steinernen Weg mit herrlichen großen Bäumen zu beiden Seiten und die Luft duftete nach Frühling und Sonne. Weite Wiesen mit wunderschönen Blumen, die lustig in einer sanften Brise hin und her schwankten und miteinander zu spielen schienen, erstreckten sich bis zum Horizont. Eine Kutsche, nun ja eigentlich war es eine Wolke, die die Gestalt einer Kutsche angenommen hatte, schwebte vor ihnen auf dem Weg und wartete nur darauf, sie durch dieses Meer der Phantasie, durch diese wunderbare Traumwelt zu tragen. Nur hinten, weit weg in der Ferne stand eine Wolke am Himmel, die anders als all die anderen war, die dunkel und finster erschien, jedoch so weit weg war, daß keiner der beiden Jungen sie bemerkte.
Racket sprang noch immer vor Freude in die Luft. "Roy, wir haben es geschafft. Wir sind wieder zu Hause. Jetzt wird alles gut."
"Wo sind wir hier?", fragte Roy verwirrt. "Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Doch ich weiß nicht wo wir sind."
"Wie? Du weißt immer noch nicht wo wir sind?", fragte Racket erstaunt.
"Nein.", antwortete ihm Roy.
"Wie kann das sein? Wir sind zu Hause, Roy. Das ist dein zu Hause. Erkennst du es nicht?"
Roy schüttelte traurig seinen Kopf. "Ich weiß es nicht mehr."
Racket packte Roy am Ärmel und zog ihn zu der Kutsche die vor ihnen stand. "Es ist noch schlimmer geworden, als zuvor. Wir müssen sofort zu Guckifix."
"Guckifix?", fragte Roy erstaunt.
"Ja, unser Orakel Guckifix. Den kennst du auch nicht?"
"Nein.", antwortete ihm Roy traurig.
"Aber den kennt hier doch jeder. Er ist das königliche Orakel. Du mußt ihn doch kennen.", Racket konnte nicht glauben, daß Roy alles vergessen haben sollte.
"Tut mir leid, Racket. Ich kenne ihn nicht."
Nachdenklich schüttelte Racket seinen Kopf. "Also gut. Komm mit." Racket begann sich nun wirklich ernsthaft Sorgen zu machen. Roy hatte wirklich alles vergessen. Sie stiegen beide in die Kutsche und Racket befahl der Wolke sie zu Guckifix zu bringen. Sie flogen den steinigen Weg entlang, vorbei an den majestätischen Bäumen, über riesige wunderschöne Wiesen, mit Blumen, die Roy noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte, und die Blumen lächelten ihnen freundlich zu und wiegten sich in der Sonne, die ihre herrlichen Farben zum leuchten brachte, und Roy meinte zu hören wie sie tuschelten, als ihre Kutsche ab uns zu in ihre Nähe kam. "Sieh nur, das ist Roy Raperpotz. Siehst du diese schwarze Strähne. Ja, er ist es. Wirklich? Ja, er ist es wirklich. Ah. Roy Raperpotz. Er wird den Regen besiegen. Meinst du? Ob er es schaff wird? Ja er wird es schaffen, ganz bestimmt."
Doch Roy verstand nicht, was sie meinten, noch nicht. Und so sah er fasziniert dem Drachen zu, der plötzlich vor ihnen auf einer Insel inmitten eines riesigen Sees Feuer spie, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. Und sie flogen weiter über das Wasser, bis sie ein großes dreimästiges Schiff erblickten, auf dessen Bug ein Mann stand und nachdenklich in die Ferne schaute.
"Wer ist das?", fragte Roy neugierig.
"Das ist Kolumbus?"
Nur schwach konnte sich Roy an die Geschichtsstunden in St. Jones erinnern und an einen Mann namens Christopher Kolumbus. Doch wollte es ihm nun par du nicht einfallen. "Wer ist Kolumbus?", fragte er deswegen Racket.
"Kolumbus ist ein Mann mit großen wunderbaren Träumen. Er fährt über das weite Meer einem unbekannten Ziel entgegen. Nur die besten Schüler dürfen ihm seine Träume bringen." Fasziniert schaute Roy dem Schiff und dem Mann darauf zu, bis er langsam am Horizont verschwand. Uns sie flogen weiter über einen Wald, der soeben noch grüne Blätter hatte und im nächsten Augenblick in den schillerndsten Farben des Herbstes erstrahlte, bis er alle seine Blätter abwarf, und wenige Augenblicke später wieder zu grünen begann. In mitten dieses Waldes lebte ein Riese, der zwar auf einem Stein saß, aber dennoch den Wald um Kopfeshöhe überragte. Er grüßte höflich als Racket ihm einen guten Tag wünschte, doch schien er irgendwie bedrückt zu sein, denn sein Gesicht war traurig und seine Augen müde.
"Warum ist dieser Riese so traurig?", fragte Roy.
"Es ist der Regen. Er macht uns allen zu schaffen."
Als Roy sich aus der Kutsche beugte sah er, daß der gesamte Wald unter Wasser stand, und das auch die Füße des Riesen von Wasser bedeckt waren.
"Was ist das für ein Regen?", fragte Roy weiter. Doch noch bevor Racket antworten konnte, flog die Kutsche mitten auf einen Berg zu. Roy glaubte schon sie würden an dieser felsigen Wand zerschellen, als sich die Wand vor ihnen öffnete und den Weg in einen langen Tunnel freigab. Roy spürte die Kälte des Felsen um ihn herum. Er konnte nichts mehr sehen. Es war stockfinster. Plötzlich erschien ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels und die Kutsche schoß wieder aus dem Berg heraus auf eine Lichtung, die hoch oben auf dem Berg sein mußte. Doch da selbst hier noch ringsherum Gipfel in die Höhe schossen, war es ruhig und friedlich. Die Kutsche hielt auf einem Weg, der zu einem seltsamen Gebilde führte. Dann begann sie sich plötzlich in lauter kleine Wölkchen aufzulösen, so daß Roy und Racket schnell heraus springen mußten, um nicht auf den Hosenboden zu fallen.
Racket lief munter den Weg entlang. "Komm schon Roy! Wir müssen dort hinauf."
Sie gingen mit kleinen Wolken zwischen ihren Füßen zu jener seltsamen Gestalt, die, je näher sie kamen, wie eine riesige Uhr aussah. Doch konnte Roy keine Zeit ablesen, denn nirgendwo war ein Zeiger zu entdecken, und er wunderte sich sehr darüber.
"Was ist das für eine seltsame Uhr, an der man keine Zeit ablesen kann?", fragte er Racket.
"Das ist die Uhr des Guckifix.", antwortete Racket. "Die einzige Uhr im ganzen Land der Träume. Sie zeigt keine Zeit, weil für jeden in seinen Träumen die Zeit anders verläuft. Für einen schneller, für den anderen langsamer. Hattest du noch nie dieses Gefühl, wenn du nachts träumst?"
"Doch, irgendwie schon.", mußte Roy zugeben. "Aber wozu nützt eine Uhr, wenn man keine Zeit darauf ablesen kann."
"Nur Guckifix kann an dieser Uhr die Zeit lesen. Er ist unser Orakel. Nur er weiß es.", antwortete Racket nun ernst.
Sie waren schon fast an der großen Uhr angekommen, als plötzlich eine leise, quieksende Stimme ertönte. "Au! Du Tolpatsch! Paß doch auf wo du hintrittst!"
Roy sprang vor Schreck zur Seite.
"Könnt ihr denn nicht aufpassen, wo ihr lang geht mit euren großen Füßen."
Es war eine dieser kleinen Wölkchen, die sich über Roy beschwerte, als er nichtsahnend durch sie hindurch treten wollte.
"Entschuldige bitte, ich wußte nicht, daß ich dir weh tue."
"Paperlapap, Entschuldigung. Ist das vielleicht ein Art durchs Leben zu gehen? Mach doch deine Augen auf. Was wollt ihr eigentlich hier?"
"Wir suchen Guckifix. Weißt du wo er ist?"
"Was wollt ihr denn von ihm? Ihr Dreikäsehoch."
"Das geht dich gar nichts an.", antwortete Racket dieser frechen Wolke.
"Oh, ihr wollt mir nicht sagen, was ihr von ihm wollt. Bitte sehr. Ihr Geheimniskrämer. Dann könnt ihr lange suchen. Von mir jedenfalls werdet ihr nichts erfahren."
Aus dem Inneren der Uhr ertönte eine freundliche jedoch auch strenge Stimme.
"Schluß jetzt, Schössel. Las die Jungen rein." Widerwillig öffnete das kleine Wölkchen mit dem Namen Schössel die Tür zu der Uhr und babbelte dabei mißgelaunt vor sich hin. "Diese Lümmel wollen mir nicht sagen was sie wollen. Diese Dreikäsehoch. Denen werde ich’s noch zeigen."
Als Roy die Uhr betrat wurde plötzlich der Innenraum größer und größer, so daß sie bald in einem gemütlichen und geräumlichen Zimmer standen. An jeder Wand hingen Zahnräder, und überall waren tickende Instrumente zu sehen. An der Hinterwand befestigt hing eine Wage, vor der ein alter Mann mit einem weißen Bart, der fast bis auf den Boden reichte, eifrig damit beschäftigt war, glitzernde Sterne auf eine Seite der Wage zu schütten.
"Komm herein Roy Raperpotz.", winkte er Roy zu, ohne sich dabei umzudrehen. "Ich habe schon auf dich gewartet. Morella sagte mir, daß du bald kommen würdest."
"Sie kennen Morella?", fragte Roy erstaunt.
"Oh, ja. Natürlich kenne ich sie. Und du wirst sie auch bald wieder sehen, aber setzt dich doch und dein Freund Racket auch."
Racket wurde ganz verlegen. "Meister Guckifix. Ich habe ihn hier her geholt, zurück nach Hause, so wie ihr es mir aufgetragen habt. Aber wir haben ein Problem. Er kan sich an nichts erinnern."
"Ich weiß, mein Freund. Es ist nicht deine Schuld, daß er sich an nichts erinnern kann. Es ist dieser Regen."
Guckifix hatte nun wohl genug Sterne auf die Wage gelegt, denn sie bewegte sich nicht mehr und zufrieden drehte er sich zu den beiden Jungen um.
"Weißt du wer du bist?", fragte er Roy.
Traurig antworte Roy ihm. "Nein. Ich wohne im Waisenhaus St. Jones, weil meine Eltern tot sind. Ich weiß nicht wer sie waren. Ich weiß nicht wer ich bin."
"Weißt du wo du bist?", fragte ihn Guckifix weiter.
"Im Land der Träume?", antwortete Roy vorsichtig.
"Ja, im Land der Träume.", erwiderte ihm Guckifix. "In deinem Reich. Es ist dein zu Hause. Mit vielen Untertanen und fleißigen Helfern. Es ist das Land, wo alle Menschen sind des Nachts. Das ist dein Reich, und das Königreich deiner Familie."
"Aber warum weiß ich dann nichts davon? Nichts von meiner Familie, nichts von meinen Eltern.", fragte Roy sehr aufgeregt. "Es begann vor einiger Zeit, da kam ein fürchterlicher Regen von den Grenzen unseres Reiches, und begann alle Träume hinweg zu wischen. Niemand wußte woher und niemand wußte warum. Dein Vater schickte seine besten Männer gegen diesen Regen, doch alle, die ihn erreichten, vergaßen warum man sie los schickte, vergaßen alles um sich herum, und vergaßen schließlich sogar sich selbst. Der Regen kam immer näher und stand kurz vor den Mauern der königlichen Stadt. Eines Tages kam er über die Mauern in den königlichen Garten und du, mein Junge, bist hinein geraten in diesen Regen und alle Erinnerungen begannen zu schwinden und fast wärst du geworden wie all die anderen. Diese Strähne in deinen Haaren hast du seit jenem Tag. Der Regen hat die Farbe heraus gewaschen. Doch deine Eltern haben dich gefunden bevor es zu spät war und haben dich in diese Welt dort draußen gebracht. Sie haben dich versteckt vor dem großen Regen bis die Zeit gekommen ist, sich ihm entgegen zu s llen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Junge."
"Wo sind meine Eltern jetzt?", fragte Roy begierig mehr über seine Familie zu erfahren.
"Deine Eltern sind noch immer in der anderen Welt. Doch je länger sie weg sind aus unserem Land, um so mehr vergessen sie, und um so leichter hat es der Regen alle verbleibenden Erinnerungen zu verwischen. Du mußt dich beeilen, um sie zu retten."
"Aber wie soll ich das tun?"
"Du mußt den heiligen Somnel finden. Nur dann kannst du den Regen besiegen. Nur dann kannst du deine Eltern retten."
"Was ist den der heilige Somnel?" Roy hatte noch nie davon gehört.
"Der heilige Somnel ist der glitzerndste und schillerndste Traum, den es gibt in unserem Land. Er ist es wonach sich alle Menschen sehnen."
"Aber wo finde ich denn diesen Somnel?", fragte Roy unglaublich aufgeregt.
"Ich weiß es nicht, mein Junge. Sotalex ist der Hüter des heiligen Somnel. Zu ihm mußte du finden in deinen Träumen, ihn wirst du sehen, wenn dein Herz rein ist und dein Geist klar, wenn du den Menschen ihre Träume zurück bringen kannst, nur dann wirst du ihn finden."
"Aber wie soll ich den Menschen ihre Träume bringen. Ich weiß nicht wie das geht."
Guckifix schüttelte nachdenklich sein weißes Haupt. "Dann mußt du es lernen. Und du mußt dich beeilen, Roy."
"Wie soll ich es lernen und wo? Ich verstehe doch nichts davon."
"Es gibt noch eine Schule. Eine einzige, die noch verschont wurde. Wo der Regen noch nicht sein fürchterliches Werk vollbringen konnte. Es ist eine ganz besondere Schule. Es ist die Schule Raperpotz."
"Aber das ist ja ...", fiel Roy Guckifix ins Wort.
"Ja, Roy. Du hast den gleichen Namen wie diese Schule. Dort mußt du hin und dort mußt du es lernen. Doch du mußt dich beeilen. Wir haben nicht mehr sehr viel Zeit."
"Wie soll ich dorthin finden? Ich weiß doch nicht wo diese Schule ist."
"Schössel wird dich begleiten. Sie wird dir zeigen wo sie ist, und sie wird dir helfen den Somnel zu finden."
"Was ich? Wieso ich?", empörte sich Schössel von der Seite. "Wieso muß ich denn mit, mit diesen zwei halben Portionen."
"Sie werden deine Hilfe brauchen, Schössel. Also benimm dich."
"Die werden es doch nie schaffen. Ich will nicht mit. Ich will lieber hier bleiben."
"Du gehst mit. Keine Widerrede. Und jetzt legt euch hin und schlaft. Ihr habt morgen einen weiten Weg vor euch."
Widerwillig flog Schössel hinter eines der großes Zahnräder und schloß die Augen. "Immer muß ich den Karren aus dem Dreck ziehen. Warum nur immer ich?" Doch Roy hörte sich schon gar nicht mehr. Zu aufregend war dieser Tag und zu müde war er jetzt. Doch nun hatte er endlich etwas über seine Eltern, über sich selbst erfahren. Und voller Erwartungen an den nächsten Tag schlief Roy neben Racket in einem großen Himmelbett ein, das Guckifix auf dem Boden der Uhr aufgeschlagen hatte.

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3. Roy Raperpotz und Traum des Spartakus


Roy mußte plötzlich niesen. Irgend etwas stieg ihm in die Nase.
"Hatschie!", nieste Roy wieder. "Hatschie! Hatschie!"
Doch Schössel gab nicht auf. Sie schwebte über seinem Gesicht und kitzelte dabei unaufhörlich seine Nase. "Los, Los! Raus aus den Federn ihr Schlafmützen. Die Sonne steht schon weit oben am Himmel."
Racket drehte sich noch einmal um und gab nur undeutliche Wortfetzen von sich. "Hm? Aufstehen? Mitten in der Nacht? Noch eine halbe Stunde.", und mit diesen Worten vergrub er sich wieder unter seiner Decke. Doch er hatte nicht mit Schössels Hartnäckigkeit gerechnet. Sie schwebte nun über den beiden und preßte sich so fest zusammen, daß sich eine ordentliche Portion Wasser auf die Jungen entleerte. Völlig durchnäßt sprangen die beiden erschrocken aus ihren Betten.
"Was soll das Schössel? Wir kommen doch schon!"
"Wir müssen uns beeilen.", erwiderte Schössel mißlaunig. "Wir haben einen weiten Weg vor uns. Also los ihr Langschläfer. Meister Guckifix ist schon in den Bergen, um neue Sterne einzusammeln, und ihr verschlaft den ganzen Tag."
Schnell aßen die beiden Jungen etwas Obst, das auf dem Tisch stand, sprangen dann eilig auf und folgten Schössel nach draußen, wo bereits ihre wundersame Kutsche zur Abfahrt bereit stand. Sobald die beide einstiegen, erhob sie sich in die Höhe und flog einem fernen, unbekannten Ziel entgegen, das eigenartiger Weise den selben Namen trug wie Roy, die Schule Raperpotz.
Soviel hatte Roy in den letzten beiden Tagen erlebt, das Tor im Garten des Waisenhauses St. Jones, welches ihm nun schon so weit weg vorkam, diese wunderbare Welt hier mit Riesen in seltsamen Wäldern, mit Drachen und kleinen Wolken, die sprechen konnten, einem Orakel namens Guckifix, der die Zeit an einer Uhr mißt, die keine Zeiger hat, und ihm von seinen Eltern erzählte und von einem heiligen Somnel, den er finden sollte, um seine Welt zu retten, von der er bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal wußte, das sie existierte. So viel Neues hatte er erlebt, daß ihn nun gar nichts mehr zu überraschen schien, nicht einmal die Heerscharen von Soldaten in römischen Gewändern, die plötzlich vor ihnen auftauchten. So weit das Auge reichte standen sie in Reih und Glied zum Kampf bereit. Ihnen gegenüber sah Roy einen Haufen zerlumpter Gestalten, mit eisernen Fesseln an ihren Händen und Füßen, doch mit Stolz und Entschlossenheit in ihren Gesichtern. Vor diesem seltsamen Haufen stand ein Mann, nicht größer oder kräftiger, aber doch noch stolzer und noch entschlossener als all die anderen. Und als sich ihre Kutsche den zerlumpten Menschen näherte verstand Roy den Namen, den die Männer ununterbrochen riefen. "Spartakus, Spartakus." Es hallte weit über das Land. "Spartakus, Spartakus." Die römischen Soldaten schienen zu erzittern bei dem Widerhall dieses Namens, denn sie sahen nun noch kleiner und noch ängstlicher aus als zuvor und Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als sich der Haufen in Bewegung setzte.
Roy sah, wie von Spartakus ein seltsames Licht ausging. Ein seltsames und wunderbar leuchtendes Licht, so wie das Leuchten der Sterne auf Guckifix Waage in seiner Uhr. Es erstreckte sich über das gesamte Feld und tauchte alles um sich wie in ein gleißendes Feuer. Und dann, plötzlich, wie von einem Blitz getroffen leuchtete Spartakus noch heller und noch intensiver. Er strahlte weit über das Feld, so daß es Roy fast blendete. Und ja, tatsächlich, da kam noch ein Blitz von weit oben auf ihn herab geschossen. Von weit oben, direkt aus dem Himmel, wie Roy glaubte. Doch als er nach oben blickte und die Augen fest zusammen kniff sah er dort einen Jungen durch die Luft schweben, der immer näher kam und unheimlich schnell zwischen all den Menschen umherflog. Dabei schoß er mit einem seltsamen Gerät diese Blitze ab, die Spartakus trafen. Es war eine Art Kugel, die funkelte im Licht der Sonne. Doch so genau konnte Roy es gar nicht sehen, denn dieser Junge trug einen silbernen Mantel, der ihn fast vollständig verhüllte und aus dem Staub wie Sterne auf alle die Menschen unter ihm fiel.
Aufgeregt schaute Roy diesem Treiben zu. So etwas hatte er noch nie gesehen. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er so etwas eigenartiges erlebt. Was tat dieser Junge dort nur, inmitten dieser vielen Menschen? Niemand schien ihn zu bemerken, niemand schien ihn wahrzunehmen. Er flog durch sie hindurch und verstreute seinen Zaubersand und feuerte seine Blitze ab, die jedoch nur Spartakus trafen. Doch irgend etwas schien nicht zu stimmen, denn Roy sah wie die Soldaten und Sklaven noch wütender und zorniger wurden und wild aufeinander los stürmten.
"Was ist dort los?", fragte Roy aufgeregt.
Ohne die Augen von dem Spektakel zu lassen antwortete ihm Racket. "Das ist Spartakus, der Führer der Gladiatoren. Er führt sie gegen die römischen Legionen."
"Ja, du hast recht. Ich kenne Spartakus aus der Schule. Er kämpft für die Freiheit, für seine eigene und für die aller Sklaven. Aber wer ist dieser Junge der zwischen all den Menschen herum fliegt und diese Blitze abfeuert?"
"Ich weiß nicht recht wer das ist, aber es muß jemand aus der Schule sein." Racket wurde sehr nachdenklich. "Hm! Normaler Weise darf niemand aus der Schule in diesem Landesteil träumeln."
"Träumeln?", fragte Roy neugierig, da er dieses Wort noch nie gehört hatte.
"Ja, träumeln. Du weißt nicht was träumeln ist, Roy?"
"Nein."
"Oh, entschuldige bitte, Roy. Du hast ja alles vergessen. So nennen wir es, den Menschen ihre Träume zu bringen."
"So bringt ihr den Menschen ihre Träume?", fragte Roy sehr beeindruckt.
"Nun ja. Irgendwie schon." Roy merkte wie Racket sehr nervös wurde. "Ich weiß auch nicht genau. Ehrlich gesagt habe ich so etwas auch noch nie gesehen."
Racket hatte schon öfter versucht in eine der Schulen Traumaniens aufgenommen zu werden. Nichts würde er lieber tun, als das Träumeln zu lernen. Doch bisher hatte er nie die Aufnahmeprüfungen bestanden. So sehr er sich auch bemühte, so sehr er sich auch wünschte endlich zu träumeln, jedes mal war er durchgefallen. Doch nun hatte er eine Gelegenheit bekommen, mit seinem besten Freund, mit Roy Raperpotz, die beste Schule in ganz Traumanien zu besuchen und er freute sich darauf, auch wenn er jetzt schon wieder Angst vor dieser verflixten Aufnahmeprüfung spürte. Aber er wußte auch, dieses mal war alles ganz anders. Dieses mal hatte er den besten Träumler an seiner Seite. Das wußte er, und dieses Selbstvertrauen verleitet ihn dazu, so zu tun, als ob er schon alles wußte, was Roy natürlich sofort bemerkte. Doch es störte ihn nicht weiter und Racket dachte nun auch nicht mehr an die Aufnahmeprüfung, sondern schaute dem Treiben vor ihnen zu. Spartakus stürmte mit seinen Sklaven auf die Römer zu und das Licht, welches immer intensiver von ihm ausstrahlte, verwandelte das gesamte Schlachtfeld in ein riesiges Feuermeer. Schössel hatte sich ganz klein gemacht und war in Roy’s Rucksack verschwunden. Von dort schaute sie nur vorsichtig mit einem Auge hervor. "Irgend etwas stimmt hier nicht?", flüsterte sie leise.
"Wie meinst du das, Schössel?"
"So wird nicht geträumelt."
Roy sah Racket fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. Dann wand er sich wieder Schössel zu. "Woher weißt du daß Schössel?"
"Ich weiß es eben."
Und obwohl Roy noch keine Ahnung vom träumeln hatte, so fühlte er doch, daß hier irgend etwas nicht richtig war. Er konnte es nicht beschreiben. Etwas in seinem Inneren, etwas, das er noch nicht verstand, schien ihm dieses Gefühl zu geben. Roy sah, wie Spartakus mit jedem Blitz, den er erhielt, sein Gesicht seltsam verzog und wütend und voller Hast nach vorne stürmte. Schnell lenkte Roy die Kutsche genau zwischen den Jungen und Spartakus und fing den nächsten Blitz mit seiner Kutsche ab. Nichts passierte. Die Kutsche vibrierte kurz und wurde dann wieder ganz ruhig. Schössel hatte sich nun ganz hinter Roy’s Rücken versteckt. Noch einmal schoß der Junge einen Blitz von ganz weit oben ab. Doch auch dieser verpuffte in ihrer Wolkenkutsche und erreichte Spartakus nicht mehr.
Der Junge mit dem seltsamen silbernen Mantel kam nun selber wie ein Blitz vom Himmel geschossen und stoppte scharf vor ihnen, so daß Racket vor Schreck nach hinten fiel. Roy stand fest in der Kutsche und spürte, wie der Wind ihm scharf ins Gesicht wehte. Er stand fest und hatte keine Angst, auch wenn der Junge ihn mit stechenden und bösen Augen ansah. "Was fällt dir ein mein Träumeln zu stören."
"Es ist nicht richtig, was du da machst?", antwortete ihm Roy mutig.
"Wer bist du, daß du mir sagst was richtig ist und was nicht."
"Ich weiß zwar nicht was du da machst, aber ich sehe, daß es falsch ist. Wozu läßt du diese Menschen so wütend gegeneinander kämpfen?"
"Es ist ihre Bestimmung zu kämpfen.", antwortete der Junge grimmig und fügte in einem scharfen Ton hinzu. "Ich frage dich noch ein mal. Wer bist du, daß du unsere Regeln brichst und mich beim Träumeln störst?" Mit diesen Worten holte er aus und wollte schon einen fürchterlichen Blitz aus seiner Kugel abfeuern. Doch als er Schössel sah, die vorsichtig hinter Roy’s Rücken hervor schaute, beherrschte er sich, obwohl Roy sah, daß es ihm sehr schwer fiel.
"Du hast Glück, du Wicht, daß Guckifix’s Schoßhündchen bei dir ist, sonst würde ich dir zeigen, was es heißt, das Träumeln eines anderen zu stören. Sieh zu, daß sich unsere Wege nicht noch einmal kreuzen."
Er schwang sich in die Lüfte und verschwand in Richtung Berge.
Racket hatte sich wieder aufgerappelt und stand nun neben Roy. "Was war das denn?"
"Ich weiß nicht. Er ist verschwunden."
"Was hat er gesagt?"
"Er war sauer daß ich ihn beim Träumeln gestört habe, und er meinte ich hätte eine wichtige Regel gebrochen."
"Ja, ich glaube das stimmt Roy. Ich habe davon gehört. Du darfst dich nie in das Träumeln eines anderen einmischen. Du kannst einem Menschen andere Träume schicken, aber du darfst dich nie bei einem anderen Träumler einmischen."
"Aber sein Träumeln war falsch! Hast du nicht gesehen, wie wütend all die Menschen waren?"
"Ja, natürlich habe ich das. Aber aus irgend einem Grunde darf man es nun mal nicht. Wenn du aber selber träumeln könntest, dann hättest du Spartakus einen anderen Traum bringen können."
"Wir müssen auch das Träumeln lernen, Racket. Unbedingt."
"Ja, wenn wir ankommen würden eines Tages. Aber ich fürchte fast, Schössel weiß gar nicht wo es lang geht."
Schössel, nun wieder mutig, hörte natürlich diese Bemerkung und empörte sich sofort. "Ihr werdet noch früh genug ankommen, ihr Dreikäsehoch. Dann werdet ihr zeigen können, was für Kerle ihr seid." Sie schwebte beleidigt ganz nach vorn und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung.
Auf dem Feld unter ihnen war es nun friedlich und ruhig. Ganz plötzlich waren sie alle verschwunden. Alle römischen Soldaten und alle Gladiatoren waren weg, und nur noch eine saftige grüne Wiese war zu sehen, so als ob hier nie etwas gewesen wäre. Spartakus war aufgewacht.
Die Kutsche flog nun weiter einem fernen Ziel entgegen, über endlose Wiesen, über Stock und Stein, über Wälder und über schier uferlose Meere. So lange waren sie unterwegs, daß Roy nun auch zu zweifelte begann, ob Schössel den richtigen Weg kannte. Aber als sie wieder eine dieser wunderschönen Wiesen überflogen, schrie Schössel plötzlich auf.
"Dort ist er! Dort unten!"
Roy schaute hinunter und sah eigentlich nichts außergewöhnliches, nun ja zumindest kein außergewöhnliches Gebäude oder etwas in der Art, das die Schule Raperpotz sein könnte. Auf einer saftigen grünen Wiese graste friedlich ein schwarzer Hengst. Doch dieser Hengst war allerdings außergewöhnlich. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie ein solch schönes Tier gesehen. Sein wunderschönes schwarzes Fell glänzte in der Sonne, und seine Mähne schien majestätisch bis in den Himmel zu wehen. Stolz trabte er über das Gras und stoppte als er die Kutsche sah, die kurz vor ihm anhielt. Roy und Racket sprangen heraus und folgten Schössel, die bereits aufgeregt vor dem Hengst stand und mit ihm redete.
"Ehrwürdiger Tarkan. Endlich haben wir euch gefunden."
"Ich grüße auch dich, seltsam anmutendes Wölkchen. Sagt mir euer Begehren."
"Meister Guckifix schickt mich, um euch diese beiden Schüler zu bringen."
"Sind sie es würdig, die Schule Raperpotz zu besuchen?"
"Es ist Roy Raperpotz und sein Freund Racket, die Einlaß erbitten."
Tarkan musterte einen Augenblick die beiden Jungen, dann verschränkte er seine Vorderbeine, als ob er sich verbeugen wollte und öffnete seinen Mund, der seltsamer Weise immer größer und größer wurde, bis bequem ein Mensch hindurch gehen konnte. Schössel war bereits hinein geschwebt, als die beiden Jungen immer noch staunend vor Tarkan standen.
"Kommt schon ihr beiden Schlafmützen. Tarkan kann nicht ewig seinen Mund aufhalten."
Roy tat ungläubig einen Schritt auf Tarkan zu. Er sah ihm in seine feurigen Pferdeaugen, die ihm sofort freundlich zuzwinkerten. Dann faste er all seinen Mut zusammen und sprang hinein. Racket folgte ihm. Sobald sie in Tarkan verschwunden waren schloß dieser seinen Mund wieder und das Tor hinter ihnen verschwand. Sie standen inmitten eines Pferdes, doch es war nicht dunkel. Es war hell in einem Licht, daß sanft und weich war. Aber sonst konnte Roy nichts weiter sehen. Schössel war schon in der Ferne verschwunden, so daß Roy sie kaum noch hörte.
"Kommt schon und trödelt nicht so. Wir müssen weiter."
"Aber wohin Schössel?", schrie Roy ihr nach.
"Was denn? Du weißt immer noch nicht wohin?"
"Ich kann nichts sehen."
Schössel kam wieder zurück und hielt direkt vor Roy.
"Oh, ja. Ich weiß schon warum. Ihr müßt daran glauben, ihr müßt an euch selbst glauben und an die Schule Raperpotz. Das sie hier ist, nur dann kann es funktionieren. Öffnet eure Herzen."
Und als Roy all seine Zweifel ablegte sah er plötzlich den Schimmer einer Brüstung und hörte ferne Stimmen. Und als er ganz fest daran glaubte erschien die Schule Raperpotz in ihrer ganzen Pracht vor ihm, umgeben von einem See auf dem lustig Wasserrosen tanzten, und einer Brücke die über der Wasseroberfläche schwebte und ihnen den Weg zur Schule wies.
"Wohin gehst du Roy?", fragte Racket, als er die Brücke betreten wollte. Er konnte noch immer nichts sehen.
"Schließe deine Augen und höre auf dein Herz Racket. Glaube an das Unmögliche."
Und als auch er dies tat, hörte auch er die Stimmen vor ihm, und als er seine Augen wieder öffnete, sah auch er was vor ihnen lag. Ein riesiges Schloß mit großen Türmen und breiten Flügeln. Die Mauern bestanden nicht aus gewöhnlichen Steinen, sondern waren aus einem seltsamen gläsernen durchscheinenden Material, so daß Roy bereits von weitem in den Innenhof schauen konnte. Beide Jungen liefen voller Staunen über die Brücke, denn in dem See war kein Wasser, sondern glitzernder Zauberstaub, der funkelte und leuchtete, und Roy meinte zu hören wie die Wasserrosen auf der Oberfläche ständig etwas murmelten. "Raperpotz. Roy Raperpotz! Sieh nur. Da kommt er endlich. Roy Raperpotz. Er ist da."
Jetzt verstand Roy, warum diese Schule vor dem Regen sicher war. Tarkan war ihr Beschützer, ihr wachsames Auge. Er war pfeilschnell, schneller als der Wind und schneller als jeder Regen. Und da sich die Schule Raperpotz in seinem Inneren befand, war auch sie sicher, so dachte Roy zumindest damals.
Die beiden Jungen standen nun vor dem Tor, das sich öffnete und wieder krachend hinter ihnen zufiel. Schössel hatte sich wieder klein gemacht und war in Roy’s rechter Hosentasche verschwunden. Der Hof des Schlosses war mit hektisch umherlaufenden Kinder übersät. Überall wurde laut geredet und getuschelt. Alle schienen sehr beschäftigt zu sein und keiner nahm so richtig Notiz von den beiden Neuankömmlingen. Roy merkte schnell, daß irgend etwas nicht stimmte. Irgend etwas mußte passiert sein.
Mitten unter den wild diskutierenden Kindern stand eine Frau mit grauen wallendem Haar. Roy erkannte sie sofort. Es war Morella, die die beiden nun doch bemerkte und begrüßte. "Komm ruhig näher Roy. Wir haben schon auf dich gewartet, wenn auch nicht gerade heute."
Dann richtete sie sich an all die anderen Schüler im Hof. "Ich freue mich euch einen ganz besonderen Schüler vorstellen zu dürfen. Komm her Roy!"
Ein Raunen ging durch die Reihen der Schüler. "Ja, er ist es wirklich. Siehst du die Strähne in seinen Haaren. Es ist Roy. Roy Raperpotz."
Alle Kinder drehten sich nach Roy um und einige winkten ihm freundlich zu. Aber er sah nicht nur fröhliche Gesichter. Ein paar von ihnen schauten sehr dunkel drein. Und unter ihnen erkannte Roy sofort auch den Jungen von heute Morgen. Morella sah auch in diese Richtung und fügte ein paar scharfe Worte hinzu. "Greg Haport. Wir werden uns morgen weiter unterhalten. Um 8 Uhr in meinem Zimmer."
Dann wendete sie sich wieder an die beiden Jungen. "Es tut mir leid Roy, aber ich muß mich jetzt um andere Dinge kümmern. Irgend jemand hat einen falschen Traum an Spartakus geschickt, einen äußerst beunruhigenden falschen Traum. Irgend jemand, und ich kann mir auch schon denken wer es war, hat falsch geträumelt, obwohl es verboten ist. Ich werde jetzt selber den Schaden beheben müssen."
Dann winkte sie einem Mädchen zu, das nicht weit entfernt von ihnen stand und Roy schon die ganze Zeit seltsam anlächelte. "Romy wird euch zeigen wo ihr heute nacht schlafen werdet, und morgen lernt ihr die Schule Raperpotz kennen."
Mit diesen Worten warf sie sich einen goldenen Mantel über, murmelte ein paar unverständliche Worte und war verschwunden. Als Roy noch einmal zur Seite blickte, sah er wie Greg ihn mit einem grimmigen Blick mustern, sich dann umdrehte und mit zwei anderen Jungen ins Haus ging.
"Laß dich bloß nicht mit dem ein Roy!"
"Was?"
Romy war zu Roy gekommen und zog ihn am Ärmel.
"Greg Haport. Laß dich ja nicht mit dem ein. Wie ich hörte, hat er die Schule Raperpotz schon oft in Schwierigkeiten gebracht."
Dann lächelte sie und zog Roy noch stärker am Arm.
"Ich freue mich so, daß du wieder da bist. Kennst du mich denn noch?"
Roy kannte sie zwar nicht, doch spürte er sofort eine enge Vertrautheit, die er nicht erklären konnte, die ihm jedoch sehr gefiel. Deshalb antwortete er ihr freundlich. "Ja, irgendwie schon. Es ist nur..."
Racket half ihm. "Er kann sich an nichts erinnern Romy. Laß ihm noch ein bißchen Zeit."
Romy führte die beiden ins Schloßinnere und zeigte ihnen ihre Zimmer. "Hier werden wir schlafen. Ich hoffe für längere Zeit. Wir müssen gut aufpassen in den nächsten drei Tagen. Am vierten Tag ist die Aufnahmeprüfung und wie ich hörte, ist die nicht leicht hier in Raperpotz."
"Erinnere mich bloß nicht daran.", stöhnte Racket.
Roy war zu müde um sich genauer in dem Zimmer umzusehen. Sobald er sich seine Zähne geputzt und sich gewaschen hatte, fiel er ins Bett, zog sich seine Decke weit über den Kopf und schlief sofort ein.

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4. Roy und die Schule Raperpotz


Als Roy am nächsten Morgen erwachte mußte er sich zunächst umschauen, wo er überhaupt war. Er hatte so tief und fest geschlafen, daß er es wirklich nicht mehr wußte. Er lag in einem Bett aus purpurnem Samt und als er seine Decke zur Seite schlagen wollte, gab sie eigenartige Töne von sich. "Hm. Jetzt schon aufstehen, Roy Raperpotz. Vielleicht noch ein halbes Stündchen?" Und da wußte Roy wieder wo er war. Er war in der Schule Raperpotz. Und schnell kamen die Erinnerung an den gestrigen Tag wieder zurück. Racket mußte schon unterwegs sein, denn sein Bett war leer. Aufgeregt stand Roy auf, wusch sich und wollte sich gerade anziehen als die Tür aufflog. "Roy, schnell, du mußt mitkommen.", Romy stürzte in das Zimmer, drehte sich jedoch sofort verlegen zur Seite. "Oh, entschuldige. Ich dachte du wärst schon angezogen."
"Schon gut. Ich bin gleich fertig."
Hastig zog sich Roy an und folgte Romy nach draußen, wo bereits mehrere Kinder versammelt waren. Einige von ihnn schrien wild umher. Morella war zurückgekehrt und irrte nun völlig wirr zwischen all den Kindern im Hof herum. In ihren Haaren sah Roy überall schwarze Strähnen, solche, wie auch er eine hatte, und ihr Mantel hatte überall tiefe Löcher. Roy ahnte schon was geschehen war. Morella war gestern Nacht zu Spartakus geflogen, um seinen Traum zu berichtigen. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, daß sie nicht bemerkte wie der Regen langsam und schleichend auf sie zukam. Eigentlich ist sie ein Meister des Träumelns und eine der Klügsten und Weisesten im Ältestenrat Traumaniens. Aber gestern ärgerte sie sich dermaßen über diesen Greg Haport, daß sie all ihre Vorsicht vergaß, und alle Weisheit. Als sie den Regen sah, war es fast schon zu spät. Mit letzter Kraft schleppte sie sich zurück hierher und irrte nun zwischen all den Kindern herum. Niemand konnte ihr helfen, bis von der Seite ein knochiger Mann herbei sprang und sie stützend unter die Arme nahm.
"Mein Gott. Morella. Wie konntest du so unvorsichtig sein. Wir werden sie behandeln müssen!", rief er zwei anderen Männern zu, die aus dem Keller gerannt kamen und zu dritt schafften sie sie in den Keller des Schlosses.
"Wo bringen sie sie hin?", fragte Roy Romy.
"In dem Keller werden alle behandelt, die vom Regen getroffen wurden."
"In dem Keller? Aber wie?"
"Ich weiß nicht. Ich war noch nie dort unten."
Aus dem Obergeschoß erklang eine Stimme. "Alle Schüler sofort in die Klassenzimmer. Der Unterricht beginnt in zehn Minuten. Alle Erstklässler melden sich bei Mrs. Weding im ersten Stock."
Erst jetzt fand Roy die Zeit sich umzublicken. Die Schule Raperpotz war ein riesiges Schloß mit weiten Flügeln zu beiden Seiten, welche einen großen Innenhof umschlossen. Die Türme konnte Roy nur sehr schlecht erkennen, so hoch waren sie, und es schien ihm fast, als ob sie überhaupt kein Ende hätten. Die Fenster hatten etwas magisches an sich. Sobald er hinein schaute, sah er zwar ein Spiegelbild, doch es war nicht seines. Auch wenn es seinen Bewegungen folgte, so sah er doch eindeutig einen ganz anderen Jungen darin. Roy konnte sich nicht erklären wer dieser Junge war, und warum er ständig seinen Bewegungen folgte. Doch jetzt hatte er auch keine Zeit darüber nachzudenken. Er ging mit den anderen Kindern in den ersten Stock, wo sie bereits von Mrs. Weding empfangen wurden. Mrs. Weding war eine relativ junge, hübsche und sehr nette Frau. Aber eigenartiger Weise hatte auch sie schon graue Haare, wie scheinbar alle erwachsenen Menschen hier. Sie begrüßte alle Kinder mit einem freundlichen Händedruck und ein paar persönlichen Worten und als Roy an der Reihe war, nahm sie sich besonders viel Zeit.
"Sieh an. Da ist er ja. Der berühmte Roy Raperpotz. Ich hoffe es wird dir hier gefallen bei uns."
"Ja. Ich denke schon.", erwiderte Roy verlegen.
"Gut. Setzt dich dort hin Roy."
Roy ging weiter und setzte sich neben Racket auf einen der Stühle, welche im Kreis angeordnet waren. Ein paar der Kinder hatte er draußen schon gesehen. Den kleinen schüchternen rothaarigen, mit dem Namen Sam, der sich kaum traute den Mund aufzumachen. Und auch einen der beiden Jungen, die mit Greg Haport zusammen waren, sein Name war Ed Fischer, betrat in frechem Schritt das Zimmer. Als alle Schüler sich gesetzt hatten schloß Mrs. Weding die Tür und nahm auf einem Stuhl in der Mitte platz.
"Wißt ihr warum ihr hier seid Kinder?"
"Wir wollen lernen, den Menschen ihre Träume zu bringen.", antwortete ein Mädchen neben Roy.
"Ja, richtig Marie. Und weißt du auch wie wir das nennen?"
Doch noch bevor sie antworten konnte polterte es aus Racket heraus. "Träumeln, wir nennen es Träumeln."
"Ja genau. Racket. Träumeln ist das richtige Wort dafür. Und wie träumelt man richtig Racket? Kannst du uns daß sagen?"
"Ja...eh.., ich...", verlegen schaute er zum Boden. "Nein. Ich weiß es nicht."
"Weiß es jemand?", fragte Mrs. Weding die anderen.
Doch niemand meldete sich.
"Roy. Kannst du uns sagen wie man träumelt?"
Was sollte Roy ihr schon antworten. Er war den ersten Tag in dieser Schule und den dritten Tag in diesem merkwürdigen Land. Woher sollte er wissen wie man träumelt? Aber er hatte es ja schon einmal gesehen und so antwortete er. "Man fliegt mit einem Zaubermantel durch die Luft und zerstreut Traumsand und feuert aus einer Kugel Blitze ab."
Mrs. Weding sah ihn erstaunt und gleichzeitig erschrocken an. "Woher weißt du das Roy? So werden nur verbotene Träume geträumelt."
Roy sah wie Ed Fischer ihn durchdringlich anstarrte und dabei drohende Worte mit den Lippen formte.
"Ich habe davon gehört.", log Roy, obwohl ihm dabei sehr unbehaglich war. Aber er wollte nicht schon am ersten Tag Ärger bekommen.
"Vergiß ganz schnell, was du da gesehen hast Roy. So etwas ist streng verboten hier in Raperpotz."
Dann fuhr sie wieder mit freundlichem Ton fort. "Aber es stimmt, daß man zum Träumeln einen Traummantel und eine Kugel, eine Traumkugel, benötigt. Weiß jemand wie diese Kugel heißt?" Fragend richtete sie sich an Ed Fischer. "Ed?"
"Das ist ein Konkel."
"Ja richtig. Und was macht man damit?"
"Ich weiß nicht.", antwortete Ed in einer Art, die Roy merke lies, das Ed schon ziemlich gut Bescheid wußte, was das Träumeln anging, mehr als er bereit war zuzugeben. Da es sonst jedoch niemand wußte, erklärte es Mrs. Weding. "Es ist eine Kugel mit der die Träume zu den Menschen gebracht werden, das ist der Konkel. Ihr werdet später lernen, wie man mit ihn benutzt. Aber etwas fehlt uns noch. Wir haben den Traummantel, der uns zu den Menschen bringt und wir haben den Traumstaub und den Konkel der die Träume weiter schickt. Was fehlt uns da noch? Etwas, das all diese Dinge verbindet. Wer weiß es?"
Sie schaute in die Runde. "Sam? Weißt du es?"
"Ich..., Ich.... Nein.", sagte er schüchtern und blickte zu Boden.
"Das ist nicht schlimm Sam. Du bist hier um es zu lernen. Es sind die Traumsprüche. Unsere eigene Sprache, das Hunduisch. Es ist die Sprache die alle Dinge miteinander verbindet. Erst sie bringt die Menschen in unser Land, wo sie anfangen zu träumen. Die Traumsprüche verbindet die Träume mit dem Konkel und schickt sie zu den Menschen."
Aufmerksam lauschten alle Kinder Mrs. Weding. "Hunduisch wird das erste sein, das ihr lernen werdet. Wir werden morgen damit anfangen. Doch jetzt werde ich euch die Schule zeigen."
Sie murmelte etwas und auf einmal begann sich das Zimmer zu drehen. Roy sah wie sie sich nach oben durch das Haus bewegten und plötzlich über der Schule Raperpotz schwebten. Und obwohl sie nun ganz oben waren konnte Roy noch immer nicht die Türme sehen, die wahrhaftig irgendwo im Himmel zu liegen schienen.
"So Kinder. Von hier aus seht ihr die ganze Schule. Sie wurde von einem der größten Meister unseres Landes erbaut, von Meister Sotalex."
Roy horchte auf. Dies war der Name des Mannes, den Roy suchen sollte. Wie Guckifix ihm prophezeite wird Sotalex ihm den heiligen Somnel geben können. Und dieser Sotalex hatte Raperpotz erbaut? Roy nahm sich vor mehr darüber herauszufinden. Doch nun hörte er weiter aufmerksam den Worten Mrs. Wedings zu.
"Hinter der Schule befindet sich ein großes Feld. Dort üben die älteren Schüler das Träumeln." Alle Kinder blickten nach hinten."
"Ah, wie ich sehe ist Mr. Finley gerade mit seiner Klasse dort. Naja. Viel scheinen sie bei ihm nicht gelernt zu haben."
Roy sah wie mehrere Gestalten in der Luft hin und her flogen und manche von ihnen zusammenstießen und auf den Boden krachten. Doch kurz danach schwebten sie schon wieder in der Luft, so daß anscheinend nichts Ernsthaftes passiert war.
"So Kinder, jetzt werden wir noch durch einige Klassen gehen."
Schon während sie dies aussprach bewegte sich das Zimmer wieder nach unten, stopte und gab den Blick in eines der anderen Klassenzimmer frei.
"Dies ist die Klasse in der der richtige Umgang mit Traumsand gelehrt wird und hier hinten..." Sie drehte sich um und alle Schüler taten es ebenfalls. ".. hier hinten seht ihr die Klasse für Tierträume, daneben die für Kinderträume und direkt darunter ist die für Erwachsenenträume, aber dorthin werdet ihr erst viel später kommen."
Und so zogen sie durchs ganze Haus. Mrs Weding zeigte ihnen die Klassen für sämtliche Träume, für Träume der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sie zeigte ihnen Klassenräume in denen Hunduisch gelehrt wurde und wie man den Konkel und den Zaubermantel richtig benutzt, sie zeigte ihnen die Klasse für Traumgeschichte und für die Geschichte der Menschheit, was ein besonders schweres und wichtiges Fach sei, wie sie betonte. Roy konnte sich all diese Fächer kaum merken. Diese Schule mußte unzählige Klassenzimmer haben, so das Roy schon daran zweifelte, dies jemals alles zu erlernen. Aber dann kamen sie schließlich doch in dem letzten Zimmer an, und Mrs. Weding verkündete feierlich. "In diesem Zimmer, meine Lieben, wird übermorgen die Aufnahmeprüfung stattfinden."
Ein Raunen ging durch die Schar der Schüler. Racket wurde käseweiß. "Übermorgen schon? Oh Gott. Ich werde bestimmt wieder durchfallen."
Das Zimmer war winzig klein und hatte keine Fenster. Roy mußte sich anstrengen, um überhaupt etwas sehen zu können. An der hinteren Wand hing ein großer Spiegel, sonst konnte er nichts weiter erkennen, keine Stühle, keine Tische, gar nichts. Der Raum war völlig leer. Seltsam. Das konnte doch unmöglich ein Klassenzimmer sein, oder? Was sollte dies für eine Aufnahmeprüfung sein? Doch bevor er weiter denken konnte bewegten sie sich schon wieder und imnu war das Zimmer wieder an seinem alten Platz, dort wo die Reise durch die Schule Raperpotz begann.
"So, jetzt kennt ihr die Schule Raperpotz. Ich hoffe sie wird euch gefallen, vorausgesetzt ihr besteht die Aufnahmeprüfung übermorgen."
Racket fing schon wieder an zu schnauben. Er konnte das Wort Aufnahmeprüfung schon nicht mehr hören.
"Habt ihr noch irgendwelche Fragen?" Sie schaute in die Runde.
Roy hatte heute so viel gesehen, daß ihm ganz schwindlig zumute war, und er nicht recht wußte was er eigentlich fragen sollte, obwohl er natürlich tausend Fragen hatte.
Doch noch bevor er seine Gedanken ordnen konnte, sprang Marie neben ihm auf und polterte los. "Warum sind in allen Fenstern so seltsame Gestalten, die sich mit bewegen, wenn man daran vorbei geht."
Roy horchte auf. Auch Marie hatte diese merkwürdigen Bilder in den Fenstern bemerkt. Also ging es nicht nur ihm so. Das war auch eine seiner vielen Fragen.
"Ich habe schon auf diese Frage gewartet, Marie. Nein. Das sind keine seltsamen Gestalten. Das seid ihr. Habt ihr vergessen Kinder. Ihr sind im Land der Träume, und in jedem Traum kommt der wahre Mensch zum Vorschein, offenbart sich der eigene Charakter und das wahre Wesen eines Menschen. Denjenigen, den ihr in diesen Fenstern seht, daß seid ihr selbst, ist euer wahres Ich.
"Das bin ich in diesem Fenster?", fragte Marie erstaunt. "Aber sie sieht mir doch gar nicht ähnlich."
"Das ist erstaunlich, nicht wahr?" Mrs. Weding lächelte Marie an. "Sie spiegelt ja auch nicht dein Äußeres, sondern dein Inneres wider. Verstehst du?"
"Aber die Spiegelbilder der anderen sehen doch alle ganz normal aus?"
"Ja, das stimmt. Für dich sehen sie normal aus, weil du sie nicht sehen kannst, Marie. Da jeder seinen eigenen Traum hat, kann auch nur jeder sein eigenes Spiegelbild sehen und nicht das des anderen."
Marie setzte sich etwas verdutz wieder hin. "Ich soll das sein? Mein Inneres? Dieses häßliche Ding?"
"Schau sie dir ganz genau an, Marie. Du wirst überrascht sein, was du sehen wirst."
Roy hörte fasziniert zu.
"So, liebe Kinder. Morgen werdet ihr den ersten Träumelspruch lernen. Aber für heute ist es genug. Also los hurtig hinaus."
Mrs. Weding stand auf und wollte das Zimmer verlassen. Und als sie schon fast aus der Tür war hatte Roy doch noch eine Frage. "Woher kommt der Regen, Mrs. Weding?"
Roy sah, daß ihr so nettes Gesicht plötzlich sehr ernst wurde und sie nicht so recht wußte, was sie ihm erwidern sollte. "Roy Raperpotz, ich hoffe, wir alle hoffen, eines Tages wirst du uns die Antwort darauf geben können."
Sie drehte sich um und verließ den Raum. Roy, Racket und Romy gingen zurück in ihr Zimmer, wo sie noch lange über diese seltsame Schule sprachen, über die vielen Unterrichtsfächer und Klassen, in denen sie das Träumeln lernen würden, und über dieses kleinen Zimmer, in dem ihre Aufnahmeprüfung übermorgen stattfinden sollte, wobei Racket wieder schlecht wurde. Doch Roy war mit seinen Gedanken wieder ganz woanders. Was hatte Mrs. Weding ihm geantwortet? Er wird wissen woher dieser furchtbare Regen kam? Er, ausgerechnet er? Roy Raperpotz? Aber woher sollte gerade er das wissen? Spät löschten sie das Licht und legten sich schlafen und Roy zog seine Decke tief über seinen Kopf.

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Diagnose: Marathonläufer: Ein autobiografischer Roman von Lothar Altenkirch



Ein 18jähriger bekommt die Diagnose Krebs im Endstadium. Noch 3 Monate zu leben.... Was nun? Aufgeben? Kämpfen? 8 Jahre später wird hier erzählt, wie aus einem pflegebedürftigen Krebspatienten der Marathonläufer Lothar Altenkirch wurde. Seine Leiden, seine Persönlichkeitsentwicklung, sein Kampf, seine Tränen, seine Freude und der Sieg über den Krebs. Lebendiger denn je läuft er heute jedes Jahr mehrere Marathonläufe, und seine Geschichte zeigt, wie selbst aus scheinbar absolut aussichtsloser Lage, mit unbedingtem Willen, viel Mühe und dem Ausbrechen aus der eigenen konventionellen Denkweise der Weg zurück mitten ins Leben möglich ist. Dieses Buch soll allen Kranken und Verzweifelten Mut machen, niemals aufzugeben. Tragisch, spannend, kritisch und mit einem Augenzwinkern wird hier die Geschichte vom Auferstehen aus dem Rollstuhl zum Marathonläufer erzählt.

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