Werner Kistler

Die Hilfe

Wer schrie denn da um Hilfe? Ganz erschrocken drehte ich mich um und sah einen wohl älteren Mann auf dem Bürgersteig liegen. Wie eine zappelnde Schildkröte lag das Opfer auf dem Rücken und strampelte mit seinen Armen und Beinen. Aber das war doch “Opa Olsen“. Das ganze Dorf kannte den alten, aber immer noch rüstigen Rentner.“Meine Tasche - meine Tasche. Haltet den Dieb.“ So erreichten mich die Hilferufe des alten Mannes. Ein schneller Läufer spurtete direkt auf mich zu. In der Hand schwenkte er auch eine schwarze Gelenktasche. Na, der konnte gleich etwas erleben! Zwei, drei Schritte und ich befand mich neben dem Dieb. Das war ja der wilde Uwe! Ein schneller Schwinger und klein Uwe lag auf dem Pflaster. Die Tasche flog im hohen Bogen in den Rinnstein und blieb dort liegen. Den Beutel aufhebend, lief ich mit schnellen Schritten zu dem Überfallenen hin.Inzwischen hatten schon mehrere Zaungäste den alten Herrn wieder auf seine Füße gestellt. Alles war noch ganz und keine Knochen schienen gebrochen zu sein. Es stellte sich die Frage, wie der Betroffene wohl nach Hause kommt. Da wir beide fast den gleichen Heimweg hatten, bot ich mich als Stütze an. Unterwegs dann, als sich der Opa wohl etwas von seinem Schrecken erholt hatte, kamen wir dann ins Gespräch. “Schade das der Lausebengel entwichen konnte.“ Aber ich konnte den alten Mann beruhigen und ihm mitteilen, dass ich den Strolch sogar mit Namen und Adresse kannte. Eine Anzeige wollte der Überfallene eh nicht machen. Weil man ihn im Dorf dann vielleicht schief ansehen würde.
“Warum bist du nicht in der Schule? Oder gehst du schon in die Lehre?“ Jetzt war ich an der Reihe. “Nein - ich gehe nicht mehr zur Schule. Seit über einem Jahr suche ich vergeblich eine Lehrstelle. Mein Vater hat mir eine Frist bis zum Monatsende eingeräumt. Wenn ich bis dahin keine Stelle gefunden habe, muss ich in der Fabrik arbeiten. Aber ich wäre so gerne Goldschmied geworden.“ “So, so Goldschmied, dann komme mal mit rein. Wir standen bereits vor dem schmucken Häuschen meines Begleiters.
Ich hatte nichts bemerkt, so waren wir ins Gepräch vertieft. Im Haus angekommen wurde ich aufge-
fordert, auf dem Sofa platz zu nehmen. Nach wenigen Minuten erschien der Hausbesitzer mit allerlei bunten Schachteln und breitete sie auf dem Wohnzimmertisch aus. Ringe, Broschen und Ketten funkelten im Duett.“Sie sind Juwelier?“ Ich konnte es einfach nicht glauben. “Ja früher hatte ich ein gutgehendes Geschäft in der nahen Stadt. Nun bin ich Rentner. Mein Sohn führt jetzt die Geschäfte.
Und du willst wirklich Goldschmied werden? Ich kann ja mal meinen Sohn anrufen und fragen.“ Mit dem
schnurlosen Telefon in der Hand, verließ der Unternehmer das Wohnzimmer und ich hörte, wie eifrig telefoniert wurde. Nach wenigen Minuten erschien der Telefonierer und verkündete freudestrahlend den
positiven Erfolg. Gleich am kommenden Morgen um zehn Uhr sollte ich mich in dem Geschäft einmal vorstellen. “Nun willst du aber sicher schnell nach Hause gehen. Schließlich musst du ja noch deine Zeugnisse sortieren und die Bewerbung schreiben. Übrigens, der Schmuck auf dem Tisch ist alles nur
Modeschmuck und Nachtdekoration. Ich wollte mal deine Ehrlichkeit testen. Aber wenn du morgen kommst
und kannst berichten, dass du eine Lehrstelle hast, dann zeige ich dir die richtigen Stücke. Und hier, er hielt einen Ring an einer Kette in der Hand. Das ist meine erste Arbeit. Sie soll dir Glück
bringen. Die Lehrstelle habe ich erhalten. Meinen Talimann habe auch immer noch. Leider ist der
alte Mann kurze Zeit nach unserer Bekanntschaft verstorben.
Werner Kistler

für Theresa wie versprochen!!!!Werner Kistler, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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