Georg Kaiser

Void

"Esos labios que plenos de pasión he besado, hoy llevan el estigma de un recuerdo angustiado" (Gedicht des peruanischen Dichters Felipe Pinglo Alva).

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Als ich sie umarmte merkte ich eine angeknabberte Tafel Schokolade auf dem Tisch,ich sagte:
-“Ich wusste nicht,dass du auf Schokolade stehst“
Sie antwortete trocken:
-“Schokolade ist ein Liebesersatz,weiss du das nicht?“
Ich antwortete nicht,sondern vertiefte mich in ihren kalten Augen,wir hatten es ziemlich eilig.

DER ZUG

Diese Party war nicht wie alle andere.Sonja musste mich gerade dazu
überzeugen und so kam ich mehr oder weniger gegen meinen Willen und um ehrlich zu sein hatte ich Vorurteile gegen die Stadt wo diese Party hätte stattfinden sollen,allein die Tatsache,dass ich dort meine Praktikas im farblosen,politisch hyperkorrekten Beamtendimension des Gesundheitsministeriums absolviert hatte reichte dazu.

Aber sie konnte mich überzeugen und machten wir uns auf dem Weg
dorthin,eine schnelle Dusche,Digitalkamera packen,Zigarreten kaufen und den Zug
Richtung Westen in aller Eile nehmen,wenig später machten wir halt in einem
grösseren Bahnhof,unser Zug war plötzlich überfüllt,ja vollgestopft mit
euphorisierten Halbwüchsigen in den schrillsten Techno-Klamotten die man kaufen oder
selber basteln kann,nicht wenige von ihnen waren entweder auf Redbull mit viel
Wodka gemischt oder vollbekifft.Obwohl ihre eigene Party etwa 100 Km von ihnen
entfernt war hatten sie bereits zu feiern begonnen,Sonja und ich sassen wie
vor einem Leinwand mit Witzfiguren aus einem dunklem Comic-Strip bevölkert,zwei von diesen Figuren sassen vor uns.Zwei Mädchen in spaceoiden Cowboy-Partyoutfit rauchten kette,trankenAlcopops mit Gin-Geschmack und sinnierten über schlecht tätowierten Typen,unpassende Kraterfrisuren und Lokalen die
entweder cool oder out sind,sie unterbrachen oft ihr Gespräch mit fast gähnenden
“weeiss duu?“.Unsere Zugabteilung fing an langsam nach Hasch,Alkohol und Süssstoff zu riechen.Sonja bertrachtete die fröhliche Meute,die zu knappen Röckchen,die billige Schminken,die erwähnte Kraterfrisuren in rot,grün und silbernen Farben,nackte männliche Torsos und die bauchfreie Tops während der Lärm des Zuges mit dem neuesten Pressluftbohrer-Techno harmonierte.Eigentlich
hatte ihre Party bereits begonnen bevor sie überhaupt dorthin ankammen.

Als die Mädchen den Sitzplatz wechselten und ein Haufen halbgerauchten Zigarrettenkippen und einen kleinen Alcopop-Tümpel auf dem Boden hinterliessen grinste Sonja und sagte: “Sie gehen alle zum
“Goliath-Party“,eine der grössten im Jahr...schau sie nur an...“
-“Manche sind so jung und sehen trotzdem so abgefucked aus,als ob sie 5 Jahre lang nur gefeiert hätten.“antwortete ich.Plötzlich starrten wir beide ein sehr junges Mädchen im engen weissen T-shirt an,sie hatte nicht einmal richtige Brüste und war stockbetrunken,konnte nur mit Mühe laufen und als sie ein freies Eckchen am Ende der Abteilung fand, sackte sie in sich zusammen um mit gläsernen Augen und halboffenen Mund ihre umgebung zu beobachten und so verbrachte sie den rest ihrer Reise,irgendwie wusste ich,dass Sonja darüber ein Kommentar machen würde und ich hatte damit Recht.

-“Es sind verlorene Seelen,manchmal würde ich gerne etwas für sie tun,sie aufzuwecken,ihnen einen Weg zeigen,aber dann denke ich:“Ach,fuck it...ihr könnt mich mal,ihr seid an eurem Schicksal sowieso selber Schuld.“

Und als sie ihren satz fertig aussprach verschwand sofort ihre madonnahafte Ausstrahlung,sie war im nu weg,sie lachte laut mit offenen Augen in einem dezent-perfiden Ton und ich musste ebenfalls lachen aber gleichzeitig zur Kenntnis (oder als Warnung) nehmen,dass ich die ganze Zeit eine
Meisterin der Verwandlung vor mir hatte.

-“Sag mal,was ist das für eine Party?,du hast etwas über die Wiedereröffnung eines Klubs erwähnt.“
-“Der Klub heisst “i-Fluss“ und das ganze findet in der alten Reithalle statt.“
-“Was gibt es für Musik?“
-“Du wirdst es sehen,besser gesagt hören,wir haben 2 D.J´s aus London und
einen aus Berlin einfliegen lassen,Thomas mein Mitbewohner legt ebenfalls
dort auf,aber eher spät in der Nacht.“

Sonja erzählte das alles mit der lockeren Sicherheit derjenigen,die in der dortigen Party-Welt sich zu bewegen wusste.Mir wurde allmählich klar,dass obwohl ihr Körper und Geruch mir vertraut waren,gab es in ihr viele Seiten die mir verborgen bleiben würden und,dass manche von diesen Seiten in einem völligen Kontrast untereinander waren.

DER KÜHLRAUM

Wir sagten nichts mehr während unserem Fahrt,wir waren zu amüsiert über die skurrile Passagiere in der Zugabteilung,Dialoge hätten sowieso nicht viel Sinn gehabt,denn kurz nachdem Sonja eine kurze beschreibung der Party gemacht hatte wurde die Musik auf ein Mal lauter,viel lauter,der Techno-Beat
war so penetrant für unsere Ohren geworden wie der süssliche alkaloidhaltigen Geruch für unsere Nasen. Als wir ankamen war alles noch relativ ruhig,wir machten einen kurzen Halt im ersten Dance-Floor wo Ambience-Musik lief,ein lethargischer,schwerer Sound von seltsamer Schönheit erfüllte den Raum und tauchte ihn in eine einlüllende elektronische Klangsphäre ein.

Die Lichter waren von einem sanften aber undefinierbaren Blau-Grün,nur unbekannte Gesichter rundum und ich bekam allmählich das Gefühl,das das Terrain mir völlig unbekannt war.Sonja dagegen schien mit nicht wenigen der Anwesenden eine herzige Beziehung zu pflegen (die ihrerseits meine Anwesenheit völlig ignorierten). Das beklemmende Gefühl ein Fremder zu sein wurde stärker je
lauter Sonja mit ihren bekannten lachte,ich war nicht nur Fremd sondern ihrer Umgebung komplett ausgeliefert.

Sonja fing an mit einem der DJ´s zu sprechen und zwar in diesem Dialekt aus dem Landeszentrum,ich verstand fast jedes Wort aber etwas in der Art und Weise der Aussprache oder in diesem Dialket selber war für mich undurchdringlich,so wie sie redeten,ohne sich in den Augen zu sehen,jedes
Wort wurde ausgesprochen als ob die beide in einem Traummonolog verwickelt wären während die Musik in diesem ertsen Dance-floor immer schwerer wurde,die Gesichter der Anwesenden erweckten
einen immer deutlicheren Eindruck von freudigen Spannung .Als Sonja eine Gesprächspause einlegte sass sie in einem der weissen Sofas und war sofort von anderen Leuten umgeben,die sie scheinbar gut kannte.Ich war ein Beobachter geworden der sich entlang der tapezierten Säulen und Kabel schlich um nicht nur die neue Umgebung zu erkundigen,sondern auch die unmittelbare Umgebung von dieser Frau,die zwar über ihre eigene Welt berichtete,über ihre bekannte,Alltag und Freunde aber keine
von den Beschreibungen passte zu all den Gestalten mit welchen sie sich in
diesem Moment unterhielt,der fremde war offensichtlich ich.Plötzlich war der erste Dance-floor überfüllt,es war ein anderes Party-Volk:die meisten schwarz angezogen,ernste Gesichter aber doch eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlend,auch bei den Frauen.Ich merkte auch,dass viele von ihnen von grosser Statur waren und die Dialoge unter ihnen sich vom Sonjas Dialog kaum unterscheiden.So smalltalken gewöhnliche Leute nicht,nicht die die ich aus meiner Stadt kenne,denn niemand auffallen wollte und doch taten sie es,nur sie merkten es nicht.

Plötzlich wurde der zweite Dance-Floor im ersten Stock aufgemacht und die tiefe Beats drangen dumpf und leise in unserem grün-belichteten Raum ein,viele der schwarzgekleidete gingen dorthin sobald sie die Musik aus dem ersten Stock hörten wie nach dem Empfang einer lange erwarteten Signal die nur sie wahrnehmen konnten und nur an sie gerichtet schien,ich folgte sie in der vagen Hoffnung Sonja würde auch mitkommen aber sie blieb vertieft in diesen seltsamen Gesprächen mit den unbekannten nah der DJ-Pult.

LA DANZA VIOLENTA

Es war klar,dass meine Begleiterin und ich uns auf zwei verschiedenen Orten in der zerklufteten Tal der menschlichen Gefühlen befanden,zwei Dimensionen die durch den Zufall und einer Laune des Schicksals einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Zeit gefunden hatten oder eher wie zwei Geraden,die eigentlich windschief hätten sein sollen aber trotzdem sich kreuzten entgegen aller Erwartungen und der Geschmack des Zufälligen grenzte fast an die stumme Verzweiflung wenn ich mich allein auf dem zweiten Dance-Floor befand.

Der Dance-Floor war ganz aus Holz,alles aus Holz: Boden,Dach,Bartheke und die Fensterrahmen,es war auch ziemlich dunkel und hinter dem aus Berlin ausgeflogener DJ flimmerte eine riesige Leinwand auf welcher digital manipulierte Bilder gezeigt wurden,zuerst ein Fluss mit Hochwasser,die Buchstaben “I-FLUSS“ wurden regelmässig eingeblendet.Das Wasser war zuerst gelb,dann rot um nachher tiefblau zu werden,der Beat wurde schneller,tiefer aber melodiös elektrisch,es gefiel mir obwohl die Musik für meine Kenntnisse schwer zu ordnen war,derartige Samples hatte ich nie zu hören bekommen,halb vertraut,halb geheimnisvoll wie ihr Dialekt,dann die ersten Tanzenden wagten sich auf die hölzerne Fläche die bald unter wütenden Füssen bebte und krachte,der berliner DJ beschleunigte den Rythmus unter immer lauteren Applaus und Gejohle,ja meine Party hatte begonnen und nach kurzer Zeit war sie voll im Gange und das Bildschirm flimmerte hinter dem Zauberer vor seinem Pult aber die Projektionen waren nach einer kurzen Weile verschieden,beliebtes Motiv: Nicht mehr digital gefärbte Flüsse sondern Menschen die rennen,prügelnde Bereitschaftspolizisten und brennende Gegenstände wie Autos,Abfallcontainer,in Flammen gehende Reifen und sogar einen Polizeiwagen oder was von ihm übrig blieb,alles auf die selbe Art mit Hilfe eines Video-Synthetizers verunstaltet aber trotzdem als Darstellungen echter Szenen von Strassengewalt erkennbar.Das Publikum geriet regelrecht in Extase während ich versuchte Sonja in Schweiss und Getummel zu ersticken,ihr Bild und ihre Erinnerung in der halluzinogenen Bildersequenz unter den stroboskopischen Lichter aufzulösen,zerstückeln und in die pulsierenden Luftwellen des zweiten Dancefloors zu zerstreuen wie der Brief den man nie hätte öffnen sollen aber es fiel schwer,sehr schwer denn etwas in der Luft hing schon als ich zu ihr kam,das Gespenst der letzten Worte und der Wahrheit einer Trennung die noch nicht ausgesprochen wird aber dessen Nähe nicht zu leugnen ist,man ahnte es,das war eine Frage der Zeit,eine Antwort oder eine endgültige Entscheidung barg sich in den Tiefen unserer Seelen und keiner von uns hatte den Mut das auszusprechen,auszusprechen was überfällig war,oder war es nur eine Frage der richtigen Kulisse?.

Dann war der londoner DJ an der Reihe,er hatte es diesmal einfacher,das Publikum war bereits von den Bilder und vom berliner Sound angeheizt,regelrecht auf Bewegung und heftige Kalorienverbrennung getrimmt,fast alle applaudierten beim Anblick des zweiten DJ´s als er die ersten Samples mixte und hervorzauberte hinter ihm brannten Containers ab,gingen Schaufenster in tausend Stücke oder vermummte Gestalten fackelten Autos ab oder tanzten auf ihnen,die Buchstaben “I-FLUSS“ wurden immer wieder eingeblendet und zwar in “Feuer-Format“,die Bilder waren zwar echt aber immer noch mit den Farbensynthetizer bearbeitet,was das ganze einen surrealen Hauch verlieh aber es kam an,viele der Anwesenden verharrten schweissgebadet und mit offenem Mund in einem Zustand zwischen kinetischer Verzückung und optischer Faszination.

Ich weiss nicht wie lange in diesem Dance-Floor ich mich die Verwirrung aus dem Leib herauszutanzen versuchte,sicherlich mehr als 2 Stunden Sonja war bestimmt immer noch im ersten Raum und lengweilig war es ihr wohl nicht,trotzdem wollte ich mich nochmals herumsehen und meine Überraschung war gross,denn der Chill-out Raum hatte sich in meiner Abwesenheit in etwas völlig anderes verwandelt.

SONJAS DRITTE AUGE

Der Raum war beleuchtet mit einem grellen Licht das ich nur aus Intensivstationen her kenne,die Musik war ähnlich wie diejenige aus dem zweiten Stock,die Wände waren mit grossen weissen Betttüchern bedeckt die als improvisierten Projektionsflächen dienten,aber die Bilder waren genau die selben die ich im zweiten Dance-Floor gesehen hatte: Noch mehr reindroschende Polizisten,steinwerfende vermummte,phantasmagorische Gestalten mit Molotow- Coktails und Wasserwerfer im Einsatz unter einem Regen aus Pflastersteinen und Flaschen,alles verzerrt wie eine alptraumhafte Version einer digital manipulierten Gewaltparty die als Hintergrund für nicht wenige tanzende Anwesende diente,es gab mehr Leute als am Anfang und ich vermutete die Existenz eines dritten Dance-Floors irgendwo auf der anderen Seite des Innenhofes aber ich wollte mich nicht darum kümmern weil etwas besonders mir auffiel:

Es gab am Pult neben dem DJ und seinen Plattenteller 2 Computer und ein Laptop am welchen die projizierten Bilder von einer zweiten Person direkt und online verarbeitet wurden, es war klar,dass die ganze Party nichts anderes war als eine einzige grosse,mehrstöckige Multimedia-Installation in welcher Sonja und ihre Digitalkammera eine wichtige Rolle spielen würden.

Wie ich sagte: Es waren keine sphärische Klänge mehr da, sondern eine Musik die genau so dynamisch,rythmisch und hart wie im zweiten Stockwerk,viele rauchten Joints,tranken,tanzten oder beides zur gleichen Zeit,Sonja sass noch in diesem grossen weissen Sofa und überprüfte ihre Digitalkammera mit Sorgfalt,allein zwar aber im fast ununterbrochenen Blickkontakt mit dem zweiten Kerl am Pult neben dem DJ. Sie machte einen ziemlich zufriedenen Eindruck,streichelte ihre Kammera wie ein eingepenntes Schosshündchen und drückte auf einem der Knöpfe,die Bilder auf der Wand verschwanden sofort während ihre Augen wieder dieses madonnamässige “etwas“ in meine Richtung strahlten,es war nochmals das selbe “etwas“ wie in der Zugabteilung.Ich kam zu ihr und sie sagte immer mit ihrem Blick auf mich gerichtet: “Es ist vorbei“,aber ihr rechter Daumenfinger spazierte gleichzeitig entlang meiner Lippen,auf ein Mal umarmten wir uns und der Geschmack ihrer Mund und ihrer Zunge ein letztes Mal waren der Auftakt zu ihren letzten harten Worten.Urplötzlich trennte sie sich von mir mit einer langsamen aber entschlossenen Abwehrbewegung und hielt sich fern indem sie mit ihren beiden ausgestreckten Armen auf meinen Schultern presste.
-“Nicht mehr diese Nähe,nicht mehr!“

Aber das war nicht mehr notwendig,das Eis war lange schon gebrochen,die Würfel waren bereits gefallen.Eine Mischung aus tiefer Melancholie und Erleichterung legten mich während Sekunden lahm,Tausende Sonnen gingen unter,Tausende Herbstzeiten mit Legionen von nackten Bäumen und Krähen gingen nahtlos in einem Winkel der Seele vorbei und hinterliessen ein Hohlraum von Erinnerungen in dessen Innern nur Vakuum herrschte und nur mit Erinnerungen sich füllen würde.

Für einen kurzen Moment waren die Wände kahl,keine Bilder nur Leintücher,Sonja schaltete ihre Digitalkammera wieder ein und sofort waren die Wände mit bizarren beweglichen Bilder bevölkert die sich als die Gegenstände entpuppten die gerade Sonjas kammera aufnahm,die Kammera war direkt mit dem Laptop am Pult angeschlossen und die aufgenommene Bilder waren in Echtzeittempo durch den Farbensynthetizer bearbeitet in allen bizarren Kontrastkombinationen,Sonja richtete ihre Kammera gegen sich selber und dann wie durch ein Reflex musste ich sie wie sie war und ihr Bild auf der Wand vergleichen um eine verzerrte Version von der selben Frau wahrzunehmen die mich noch vor ein Paar Minuten umarmte und küsste.Sie stand auf und filmte weiter mit einem Sieges-Lächeln auf den Lippen als ob sie irgendwelche unsichtbare feinden vernichtend geschlagen hätte,dann richtete sie die Kammera auf mich und sagte: “Hier...schau mich an!“. In diesem Augenblick bestand sie für mich nur aus dem schwarzen Loch der Kammera und ihren weissen Zähnen die meine tausend untergehenden Sonnen in einem endlosen Meer aus Melancholie und offenen Fragen filmte während die Wände sowas wie mein eigenes gepixeltes Gesicht zeigten,völlig deformiert zusammen mit anderen Un-Gesichter in diesem Raum,sogar die Musik passte dazu,denn als sie noch weiterfilmte wurde der DJ von einer attraktiven Frau (etwa 30) abgelöst die Sonja sofort herzlich begrüsste ohne die Kammera aus den Händen zu lassen.Die She-J legte so etwas wie ein nie endendes elektronisches Crescendo auf,die Anwesenden tanzten immer heftiger in der Erwartung eines musikalischen,erlösenden höhepunktes der nicht kommen wollte und die Frau am Pult schien eine gewisse Macht auf uns auszuüben,der Crescendo wurde immer lauter und intensiver wie ein sich anbahnender Orgasmus der nie kommen wird und die Sinne benebelt.Das Publikum und Sonja belohnten ihre She-J mit lauten “Juhuuus!“.“Yeaaahs!“ und “Rhaaas!“,es war die elektronische Auflage eines wagnerianischen Bombastenwerkes die ihre Wirkung nicht verfehlte,die Frau am Pult lächelte dem Typ hinter dem Laptop in eine komplizenhafte Art an beim Anblick ihrer “Untertanen“ und der Tanzfläche die zum Schauplatz eines kollektiven epileptischen Anfalls geworden war.

LA CAGE AUX FOLLES

Ich verliess den Raum als das Crescendo langsam endete oder besser gesagt allmählich ohne den ersehnten Höhepunkt verebbte.Es gab in der Tat eine dritte Tanzfläche auf der gegenüberliegende Seite des Hofes und was ich da sah übertraff sämtliche verspottungen der Techno-Szene die ich je gehört hatte.

Es gab so gut wie keine Beleuchtung,alles war in einem tiefen dunkelblauen Unlicht eingetaucht,hinter dem DJ gab es weder Bildschirme noch irgendwelche Projektion,der Saal war riesig und völlig überfüllt mit einer ausser sich geratene Menschenmasse die extatisch sich mit einem Hardcore-Techno der härtesten Sorte verrenkte und sprang wie willenlos von einem musikalischen Dämon ferngelenkt,die Lautstärke war schier unerträglich,so unerträglich,dass der DJ ihre Samples (oder besser ausgedrückt: seine Kakophonie) mit Ohrenschutz auflegte,der Geschrei der Menge war nicht der Geschrei von denjenigen die von einer euphorisierenden Melodie ergriffen werden,es waren Schreie die etwas animalisches und dunkles hatten,die Masse war ausser Rand und Band in sich selber verloren mitten in einem Meer aus nach oben ausgestreckte Armen und schwingenden Köpfren,ich blieb unbeweglich,ich rührte mich nicht vom Fleck denn ein solches Bild mich trotzdem fesselte in der selben Masse wie ich es krankhaft fand...gerade was ich im ersten Dance-Floor erlebt hatte schien in diesem neuen Chaos zu einer Lächerlichkeit zu verkommen,die Erinnerung schrumpfte unter dem Gedröhne,es klingt paradox aber das Pandemonium rund herum war beruhigend,ich nahm Platz auf einer der Tribünen (es gab tatsächlich sogar Tribünen) und rauchte Zigarretten langsam und genüsslich während unter meinen Augen die Leuten sich weiter austobten,sprangen und brüllten in diesem akustischen Trommelfeuer,alle verkamen in meiner Wahrnemung zu einem einzigen Moloch aus Hunderten Köpfen und müden Augen.

Erlösendes Getöse,befreiender Sturm aus entfesseltem Bass und amokgelaufenen Drum-machines, wenn die rasenden Tonwellen nur die erlebten Bilder wegspülen könnten!.
Nach 4 oder 3 Zigarretten hatte ich genug Wille aufgetankt um die letzte Energiereste auf dem zweiten Dance-floor verpuffen zu lassen wo der zweite londoner DJ auflegte.dort hatte sich nichts geändert,ich tantzte weiter und es war bereits hell als der Brite langsamere Samples spielte,es war schon fast vorbei,die Müdigkeit bei allen war mehr als nur spürbar und als der zweite Dance-floor fast menschensleer war ging ich zurück in den ersten.

OTAKU-LOUNGE

Dort erlebte ich den Anfang eines wolkenreichen Tages,müde,fade Sonnenstrahlen drangen durch die Fenster des fast leeren Raumes,man hatte die Bar aufgeräumt und die Leintücher aus den Wänden entfernt.Thomas der Mitbewohner Sonjas legte leise Ambiance-Samples,sie war nicht dort und das kümmerte mich recht wenig.Meine Aufmerksamkeit galt den einzigen verbliebenen Leintuch auf der Wand neben dem Pult wo Thomas seine Platten auflegte.

Auf dieser improvisierten Leinwand lief ein Dokumentarfilm über eine einzigartige urbane Szene in den japanischen Grossstädten.Es ging um Leute die tagsüber einen ganz gewöhnlichen Job ausüben und nach Feierabend leidenschaftlich in irgendwelchen seltsamen Rollen Schlüpfen,so werden aus Sekretärinnen grausame Kabuki-Dominas,aus Bankangestellten Puppen,aus Leute wie du und ich werden seltsame Gestalten wie gepuderte Nonnen,devote Sklaven,Hunde mit Lederkostüm,Manga-Figuren und sogar leblose Objekte wie die Teekanne-Frau oder der Radio-Mann die irgendwo im Raum herumstehen und sich benehmen wie artige Teekannen und Radios sich benehmen.Die Sendereihe war im Originalton und mit italienischen Untertitel,jede Sendung war mit einem Spezialfilm gedreht worden,denn jede Sendung müsste man sich so vorstellen: Man schaue sich einen schwarz-weiss Film an aber vorher man klebe am Bildschirm eine schmuddelige gelbe Transparentfolie.Jede Sendung enthielt Szenen aus den verschiedenen Partys und Anlässe wo solche Leute sich treffen um unter zahlreichen gleichgesinnten ihre Neigungen und Rollen (egal wie bizarr sie sein mögen) voll auszuleben.Die interwiews wurden mit Luftaufnahmen von Grossstädten versetzt immer noch mit den italeinischen Übersetzungen eingeblendet,ich sass dort wie gefesselt bis Sonjas Stimme hinter meinen Rücken leise flüsterte: “Komm,wir gehen“.

RETURN 0;

Zuerst fuhren wir mit Thomas Auto in einen Bürokomplex um die Laptops und Plattenteller zu versorgen,dann weiter zu Sonjas Haus.Als wir dort ankammen strahlte sie und ich erwartete keinerlei Bezeugungen von Zärtlichkeit oder Nähe im Augenblick meines Abschieds aber als ich gehen wollte lächelte sie ein letztes Mal zu mir,nahm mein Gesicht in ihren Händen und schenkte mir einen letzten Mundkuss,ich ging zum Bahnhof und freute mich auf einen neuen bewölkten Tag weit,weit weg von dieser fremden Stadt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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