Sonja Nic Rafferty

Nur ein Punkt am Horizont

Mein Schreibtisch steht direkt am Fenster zum Hof. So werde ich manchmal von der Arbeit abgelenkt. Zum Beispiel, wenn meine Söhne einen Ball zum Nachbargrundstück geschossen haben, denn meistens spielen sie Fußball. Jetzt hingegen höre ich das Klicken ihrer Glasmurmeln. Ich fühle mich in meine Kindheit versetzt. Wir Kinder im Dorf hatten noch Tonkugeln, aber auch Glaskugeln. Wir buddelten ein kleines Loch in die Erde und versuchten, von den Murmeln so viele wie möglich mit der Hand hineinzuschubsen. Oliver und Dennis haben sich auf dem gepflasterten Hof mit Kreide Linien gezeichnet und ihre eigenen Spielregeln entwickelt. Spontan erhebe ich mich vom Stuhl und gehe in den Keller. Dort steht ein Umzugskarton voller Erinnerungsstücke. Da sind zum Beispiel die kirschroten ersten Schuhe meiner inzwischen erwachsenen Tochter Ulrike, mein Hochzeitskranz und Medaillen von Schulsportfesten. Ich taste mit den Händen nach einer samtenen Schmuckschatulle. Endlich habe ich sie, öffne erwartungsvoll den Deckel und da ist sie, die hellblaue, marmorierte Glaskugel. Ich nehme sie mit hinauf und drücke sie dabei so fest, dass meine Hand rot anschwillt.

Ich bin wieder ein zehnjähriges Mädchen und wohne in dem Dorf Eschede. Ich fahre alltags mit dem Zug in die Kreisstadt Celle, wo ich nicht ohne Stolz eine Mittelschule besuche, die meisten Kinder bleiben nämlich in der dörflichen Volksschule. Schnellzüge halten nicht in Eschede, und nur, weil es an der Strecke nach Hamburg liegt, kann ich mit Eilzügen fahren. Es entstehen Wartezeiten, die ich manchmal mit Klassenkameraden im Schwimmbad oder im Stadtzentrum verbringe. Oft sitze ich auch stundenlang in der Stadtbibliothek. Auf dem Weg zum Bahnhof befindet sich ein kleiner Park mit einem Spielplatz. Obwohl wir Schulkinder für die Spielgeräte eigentlich zu groß sind, machen wir mit Vorliebe einen Abstecher durch die Grünanlagen, um kopfüber die Rutsche hinunterzugleiten, oder am Klettergerüst zu baumeln. Am Rande des Spielplatzes stehen maisgelb gestrichene Holzbänke, wohl gedacht für die Mütter, die ihre Kinder beim Spielen beaufsichtigen. Ich habe hier nie kleine Kinder mit Müttern gesehen. Oft sitzen dort unter schattigen Bäumen Alkohol trinkende Männer. Sie sind friedlich und kümmern sich nicht um uns Schüler, höchsten hinterlassen sie ihre Bierflaschen und Zeitungspapier in wüster Unordnung. Es ist keine einsame Gegend. Der Park wird tagsüber von Berufstätigen als Abkürzung zum Bahnhof benutzt.

Jetzt bin ich allein auf dem Spielplatz, der von der sanften Junisonne in ein warmes Goldgelb getaucht wird. Vorher war ich wieder in der Bibliothek gewesen und hatte in einem Bildband über Schottland gestöbert. Meistens bin ich fröhlich, wie meine Mitschüler. Wenn da nicht das Geheimnis meiner Abstammung wäre. Genau dieses Thema ist aber ziemlich tabu im Hause meiner Eltern. Sie haben mich als kleines Kind adoptiert, und die wenigen Male, die sie mit mir über meine Abstammung sprachen, kann ich an einer Hand abzählen. Am schlimmsten empfinde ich es, wenn mir Diffuses von außen zugetragen wird. Manchmal war ich hinter vorgehaltener Hand: „Die Engländerin“, dann verstand ich, ich sei unehrlich, womit ‚unehelich’ gemeint war, ein Begriff, mit dem ich lange Zeit nichts anfangen konnte. Geschwister, mit denen ich diese Sorgen teilen könnte, habe ich nicht. Also schütte ich mein Herz oft genug meinem täglichen Spielgefährten aus. Es ist unser Hofhund, der stets geduldig zuhört. Der verschwiegenste Freund, den man sich vorstellen kann! Nun habe ich aber doch ein paar spärliche Informationen über meine leiblichen Eltern. Celle ist eine Garnisonstadt. Ich bin das Kind eines Flüchtlingsmädchens aus Schlesien und eines Besatzungssoldaten, der aber nicht aus England, sondern aus Schottland kommt. Er wusste von meiner Existenz und Freigabe zur Adoption zunächst nichts. Als er davon verfuhr, kam er nach Eschede um mich zu seinen Eltern zu holen. Ich spielte gerade draußen und bekam ihn nicht zu Gesicht. Das Adoptionsrecht gestattet meiner neuen Familie, den leiblichen Eltern den Kontakt zu mir zu verbieten und davon machen sie auch Gebrauch.

Einmal, als meine Adoptivmutter gut aufgelegt war, entlockte ich ihr eine Beschreibung meiner leiblichen Eltern. Ich suchte nach Ähnlichkeiten und fand sie in der Beschreibung meines Vaters: „Er ist klein, hat braune Locken und sehr blaue Augen“

Ich werfe meine Schultasche auf eine Bank und trotte zum Klettergerüst. Irgendwie fühle ich mich beobachtet und bemerke, dass ein Mann unter den Kastanienbäumen sitzt. Bierflaschen sehe ich nicht. Er dreht sich eine Zigarette und hat den Blick gesenkt. Aus Neugier wage ich mich dichter an ihn heran. Dazu muss ich auf die andere Seite des Gerüstes klettern. Plötzlich hebt er den Kopf, lächelt und sagt etwas, was ich nicht verstehe. Es ist Englisch, und das lerne ich in der Schule erst seit wenigen Monaten. Nun sitze ich ihm auf den kühlen Metallrohren unmittelbar gegenüber und lasse scheinbar gleichgültig meine Beine baumeln. „Er ist klein, hat lockiges, braunes Haar und sehr blaue Augen“, höre ich meine Mutter sagen und die Beschreibung passt genau. „Das ist er“, und er ist meinetwegen hier, weil er nicht mehr nach Eschede kommen darf. Ich höre mein Herz laut pochen und zittere ein wenig vor Aufregung. Nach kurzer Zeit sprudeln alle möglichen Fragen, die ich auf dem Herzen hatte, aus mir heraus. Er lächelt immer nur und antwortet in seiner Sprache. „Musst du wieder nach Hongkong?“, will ich wissen. „Hongkong“, wiederholt er, „yes“ und nickt mit seinem kantigen Schädel. Die Junisonne spiegelt sich in seinen Augen und bringt das sagenhafteste Blau zum Scheinen, das ich je gesehen habe. Es erinnert mich an eine Kugel aus meiner Glasmurmelsammlung. Die meisten sind bunt wie Zuckerstreusel, aber eine besonders große ist wasserblau marmoriert. Ich kann hindurchsehen, wie auf den Grund des Fischteiches bei Eschede, bevor die Badesaison beginnt. Durch seine Augen kann ich auch hindurchsehen, sie sind ganz klar. Ich spüre ein nie gekanntes Verwandtschaftsgefühl.

Ich muss zum Zug und lege meine kleine Kinderhand in seine kräftige Männerhand. Er schaut mich fragend an und ich ziehe etwas an ihm. Er steht auf und ist kleiner als ich dachte, aber nicht schmal. Er sieht stark aus. Sein graumelierter Anzug ist etwas zerbeult und wirkt an ihm zu groß. Die Hosenbeine formen reichlich Falten über den tiefschwarzen, militärisch polierten Schuhen, die in ihrer Eleganz einen eigenartigen Kontrast zum Anzug bilden. Die wenigen Schritte bis zum Bahnhof lasse ich seine Hand nicht los. Ich rede ununterbrochen auf ihn ein. Manchmal versuche ich, ein paar gelernte englische Begriffe unterzubringen. Er lächelt mir wohlwollend zu. Gerade habe ich ihn gefunden und jetzt verliere ich ihn wieder. Wir stehen auf dem Bahnsteig, der Zug läuft ein, mit stöhnenden Bremsen. Er streichelt über mein Haar und hebt mich auf die Plattform. Ich winke ihm aus dem anrollenden Zug zu. Ich sehe ihn so lange winken, bis er nur noch ein Punkt am Horizont ist. „Komm wieder!“ murmele ich wie eine Zauberformel beschwörend mehrmals vor mich hin.

Zu Hause angekommen, suche ich mein Zimmer nach der himmelblauen Glasmurmel ab. Nach längerem Suchen halte ich mein neues Amulett fest in der Hand. Um den Hals kann ich es nicht hängen, also brauche ich einen angemessenen Platz. Ich finde eine marineblaue Samtschatulle, in der ein Ring liegt, den mir Tante Anita zu Weihnachten schenkte. Ich lege den Ring lose in die Schublade und verwahre meine Kugel in der Schatulle, während ich mit unserem Hund im Wald herumtobe.

An diesem Abend kann ich nicht einschlafen. Plötzlich taucht das Gesicht meiner Mutter über mir auf Sie deckt mich fürsorglich zu. „Was versteckst du denn da?“, fragt sie und zeigt auf meine verkrampfte Hand, die ganz rot angeschwollen ist. Ich öffne meine Hand, die wasserblaue Murmel rollt geräuschvoll auf den Holzfußboden. Meine Mutter hebt sie mit kopfschüttelndem Lächeln auf. Sie legt sie auf dem Nachttischschrank.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Sommerferien. Ich gehe täglich voll aufgeregter Erwartung zum Spielplatz vor dem Bahnhof in Celle. Jedes Mal fahre ich enttäuscht nach Hause um am nächsten Morgen mit frischem Mut den Tag zu beginnen. In den Ferien soll ich von der Arbeiterwohlfahrt auf die Nordseeinsel Föhr geschickt werden. Die Zeit des Kofferpackens naht. Ich lege einen warmen Pullover zum Badeanzug, in Schottland soll es sehr kalt sein, auch im Sommer.

Der letzte Schultag ist da. Mit meinem Zeugnis kann ich zufrieden sein. Ich gehe gerne zur Schule. Ferien werden mir manchmal zu langweilig, weil ich keine Geschwister zum Spielen habe. Ich sitze nicht mit meinen Klassenkameraden bei Pellegrini (das ist Celles älteste Eisdiele), sondern auf dem Spielplatz. Ich klettere und rutsche nicht, ich warte auf einer einsamen Bank. Stimmengewirr nähert sich. Es sind die Männer mit den Bierflaschen. Sie belegen die Bank unter den Kastanienbäumen. Die Zeit verrinnt. Er ist nicht gekommen. Vom Zug aus blicke ich dem Bahnhof lange nach. Da entdecke ich einen Punkt am Horizont. Meine Augen schmerzen vor genauem Hinsehen. Ich glaube ihn zu erkennen. Er ist also doch gekommen, leider zu spät.

Die wasserblaue Murmel nahm ich mit auf die Insel. Den fremden Mann vom Spielplatz habe ich nie wiedergesehen. Ich würde gerne wissen, was er wohl über das kleine Mädchen dachte, das sich so seltsam verhielt. Ob er ahnte, wie wichtig die wenigen Minuten Zuneigung für sie waren? Ein Licht am Horizont kann Mut machen und sei es nur ein winziger Punkt.

Jahre später habe ich meine Mutter in England gefunden und noch einmal viele Jahre später meine Familie in Schottland. Geschwister, die ich als Kind so sehr vermisste, habe ich mit über 40 Jahren bekommen. Zwar ist die Zeit des Spielens vorbei, dennoch hat es mein Leben nachträglich sehr bereichert. Für das Zusammentreffen mit meinem Vater kam ich um Jahre zu spät. Er starb viel zu früh, und als er längst gestorben war, war ich immer noch auf der Suche nach ihm. Als ich 22 Jahre alt war, bekam ich von meiner Mutter in England Fotos von ihm. Es war nicht der Mann vom Spielplatz, der Mann mit den wasserblauen Augen!

© 1994 ~ Sonja Nic Rafferty



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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