Alexander Lutsch

Wahnsinn oder Fluch?

Eilig hetzte ein Mann durch das Dickicht.
Ängstlich blickte er sich immer wieder um, aus Furcht vor dem, was ihn verfolgte. Dicke weiße Nebelschwaden umringten ihn. Außer blauen Shorts und einem Unterhemd trug er nichts am Leibe.
Trotzdem schien ihm die eisige Kälte nichts auszumachen. - Es war die Angst, die ihn dagegen immun machte.
In der Ferne gab ein Glockenturm zwölf dumpfe Schläge von sich, die schließlich in der Dunkelheit verhallten. Mitternacht!

Plötzlich vernahm der Mann ein knurrendes Geräusch hinter sich und wirbelte hastig herum. Eine Gestalt hatte sich ihm genähert. Ein Wolf? Er wußte darauf keine Antwort. Aus dem schwarzen Schatten hoher Eichen trat eine schattenhafte Gestalt heraus. Das Wesen, daß er erblickte, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken und seine Nackenhaare sträubten sich. Diese Gestalt konnte kein Wolf sein, denn ein Wolf war nicht so groß und sah auch nicht so gefährlich aus.
"Nein!" flüsterte der Mann leise, unfähig, sich zu bewegen. "Mein Gott, daß kann nicht wahr sein!"
"Oh doch, daß kann wahr sein", sprudelte es aus dem Maul des unheimlichen Wesens, während es auf schweren Pranken fast lautlos auf den Mann zuschlich. Seine Augen glühten, die Zähne waren entblößt und ein Hauch stinkenden Atems kam dem Mann entgegen.
Der Mann begann trotz der eisigen Kälte fürchterlich zu schwitzen.
Der Satanswolf blieb wenige Meter vor ihm stehen. Dieses Ding, das kein normales, sterbliches Wesen sein konnte, stand auf allen vieren vor ihm und war unvorstellbar groß. Auf all seinen Pranken stehend kam es ihm bis zur Brust - Aug in Aug im Angesicht mit dem unvorstellbaren Grauen.
"Vor langer Zeit habe ich geschworen, daß du sterben wirst, wenn die Zeit gekommen ist!" Der Dämon gab ein gutturales Geräusche von sich, welches an Kichern erinnerte.
Der Mann versteinerte vor Angst. "Neeeiin..." schrie er mit letzter Kraft. Doch in der einsamen, dunklen und nebelverschleierten Wildnis der Schattenwelt konnte ihn niemand hören...

Richard Hoffmann wachte schweißgebadet auf, er hatte noch nie einen so vergleichbar schlimmen Alptraum gehabt. Etwas mühselig versuchte der erst vor kurzer Zeit pensionierte Rechtsanwalt aus dem Doppelbett zu steigen, um ins Badezimmer zu gelangen. Er kam nur leichtfüßig voran - er war noch schwindlig. Im Badezimmer angekommen, betrachtete er sich im Spiegel. Er stieß einen leisen Fluch aus, als er bemerkte, wie ungepflegt er aussah. Er drehte den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Da bemerkte er die Uhr an seinem Arm.
Sie tickte nicht mehr. Die Zeiger blieben auf der Zwölf stehen. Die LCD-Anzeige gab das Datum von Morgen an, von Dienstag, dem 1. November.
Die Furcht kehrte wieder zurück. Auf einmal war alles wieder da. Er begann zu zittern und zu schwitzen. Er wusch sich noch einmal das Gesicht.
In dem Kristallspiegel, der über dem Waschbecken hing, erschien plötzlich vor Hoffmanns Augen der Satanswolf aus seinem Alptraum. Der Dämon begann zu grinsen und zu kichern.
Richard Hoffmann blickte rasch hinter sich , doch dort war nichts. Aber er spürte die Anwesenheit des Dämons, obwohl er ihn nicht sehen konnte.
Er blickte wieder in den Spiegel. "Was willst Du von mir? Was habe ich getan?"
"Nur noch fünfzehn Stunden, und Du bekommst, was du verdienst - die Hölle!"
Mit einem Kichern verschwand das Spiegelbild des Satanswolfes.

Der nächtliche Alptraum machte Hoffmann schwer zu schaffen. Doch dies war Wirklichkeit! War sie das wirklich?... War Richard Hoffmann, ein gebildeter, bekannter und einfluß-reicher Mann, etwa verrückt? Ihm wurde schwindelig. Alles drehte sich um ihn...

Hoffmann kam zu sich. Er befand sich im Bett. Wie er dahin kam, wußte er jedoch nicht. Er bemerkte, daß er jetzt einen Schlafanzug trug. Schritte kamen die Treppe hoch. Die Spannung steigerte sich. Die Tür ging auf...
"Liebling?" Es war die wohlvertraute Stimme seiner Frau Barbara. Sie war ungefähr zwanzig Jahre jünger als er und in ihrem anspruchsvollen Beruf viel und oft unterwegs, was Hoffmann manchmal bedauerte. Er verspürte Erleichterung, jetzt wo sie da war.
Seine Frau brachte ihm zwei Aspirin und ein Glas Wasser. Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange.
"Liebling? Geht es Dir gut? Soll ich Dir vielleicht einen Arzt rufen?" fragte sie fürsorglich. Hoffmann hielt sich den Kopf, in dem es fürchterlich hämmerte.
"Was... was ist passiert? Wie komm ich hierher?" Er schluckte die Pillen.
"Michael hat mich heimgefahren und wir fanden Dich im Badezimmer bewußtlos liegen," sagte sie. "Schatz..." fügte sie noch hinzu, "...in deinem Alter muß man aufpassen. Du bist schließlich nicht mehr der Jüngste." Sie ging zur Tür. "Ich mach Dir eine Hühnerbrühe zur Stärkung."
Hoffmann vernahm, wie seine Frau die Treppen runterstieg. Seine Gedanken schweiften ab und der Raum drehte sich um ihn.

"Deine Hühnerbrühe ist fertig, Schatzi!"
Hastig öffnete Hoffmann seine Augen. Es war nicht Barbaras Stimme, die zu ihm gesprochen hatte. Mit einem Ruck versuchte er sich aufzurichten, doch er wurde von gewaltigen Pranken zurückgestoßen.
Schlief er? War das wieder nur ein schlimmer, unendlich langer Traum?
Seine Befürchtungen wurden bestätigt, als er mit entsetztem Ausdruck das Monster vor sich erblickte.
"Nur noch sechs Stunden bis zu Deinem Tod!" fauchte ihn der Dämon an und verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Hoffmann wurde wahnsinnig vor Angst. Er fühlte sich wie in einem schlechten Horrorfilm. Er brauchte unbedingt Hilfe. Doch wem konnte er sich anvertrauen? Wer würde ihm glauben?

War er allein im Haus? Barbara hatte ihm die Nachricht hinterlassen, daß sie ihn, nachdem er wieder eingenickt war, nicht mehr wecken wollte. Momentan jagte sie wieder ihren Terminen hinterher, welche sie als Lokalpolitikerin in Anspruch nahmen. Nach einem gründlichen Kontrollgang war er sich sicher, daß nichts Ungewöhnliches zu finden war. Er befand sich allein in der großen Villa in der Königsberger Straße.
Der ehemalige Staatsanwalt verharrte in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer und lauschte gebannt dem Ticken der großen Wanduhr. Wie schnell die Zeit verging... Noch nie hatte er sich so darüber seine Gedanken gemacht.
Elf dumpfe Schläge teilten ihm mit, daß er noch eine Stunde warten mußte, um endlich hinter das schreckliche Geheimnis zu kommen, welches ihn schon so lange quälte. Zur Sicherheit hielt er in der rechten Hand eine Magnum, die er bis jetzt noch nie benutzt hatte, und hoffentlich auch nicht benutzen müßte. In der linken Hand befand sich eine halbvolle Whiskeyflasche, an der er nippte.
Ein Kreuz hing um seinen Hals, zum Schutz vor dem Bösen. Es war eigentlich irrsinnig, denn Hoffmann hatte in seinem ganzen Leben noch nie an den Teufel und die Hölle geglaubt, und ein religiöser Mensch war er eigentlich auch nicht. Höchstens einmal im Jahr besuchte er nach Flehen seiner Frau die Kirche - immer Heiligabend. Das einzige, woran er wirklich glaubte, war das Gute sowie das Böse im Menschen. Diese Erfahrung hatte er in seiner langjährigen Arbeitszeit als Staatsanwalt gemacht.
Intensiv dachte der ehemalige, erfolgreiche Anwalt über sein Leben nach: Über seine Jugend, seine berufliche Karriere, seine erste große Liebe Barbara...
Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedankenblitz, der ihn erschauern ließ. Vor vielen Jahren, am Anfang seiner Karriere, brachte er einen der grausamsten Fälle vor Gericht, der überall Aufsehen erregte. In diesem Fall ging es um einen Ritualmörder, der wegen mehrfachen Mordes auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Der Fall erregte deshalb Aufsehen, weil viele schreckliche Morde von einem unauffälligem Dorfpfarrer einer kleinen Gemeinde verübt wurden. An diesen Menschen glaubten viele fromme Christen, doch in Wahrheit stand er mit dem Teufel im Bunde. Er verübte an seinen Opfern in einem Zeitraum von einem Jahr bestialische Hinrichtungen. Und immer sorgfältig durchdacht am gleichen Tag. Am ersten eines Monats.
Bevor der Teufelspfarrer hingerichtet wurde, stieß er auf Hoffmann einen Fluch aus. Mit Recht! Denn damals hielt Hoffmann bewußt Beweismaterial zurück, das den Urteilsspruch hätte mildern können. Der Verurteilte bekam lebenslängliche Haft. Doch entgegen aller Prinzipien eines Anwalts hielt er in diesem Fall angeekelt von den grauenvollen Verstümmelungen der Opfer Beweise zurück.
Richard Hoffmann fiel nicht mehr ein, um was es eigentlich in dem besagten Fluch ging, doch er wußte, das diese Alpträume, die ihn in letzter Zeit so häufig heimsuchten, mit diesem Fluch in Verbindung standen.
Richard Hoffmann, der strenge Realist, begann langsam an unheimliche Phänomene zu glauben.
...Die Zeit verging schnell. Inzwischen hatte er schon die zweite Flasche geöffnet und fast leergetrunken. Leicht benommen wurde er auf das Schlagen der Wanduhr aufmerksam. Mit jedem Schlag wuchs seine Angst, die Furcht vor dem, was ihm bevorstand.
Der Teufelspfarrer kam in die Hölle. Erwartete sie auch ihn?
Mitternacht! Der letzte Schlag verstummte...
Hoffmann stand kurz vorm Explodieren. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hörte Schritte im Flur. Tack! Tack! Tack! Sie kamen näher... immer näher.
Durch das Türschloß konnte er erkennen, daß das Licht im Flur eingeschaltet wurde. Die Spannung stieg ins Unermeßliche. Er zitterte am ganzen Körper und nahm noch einen ermutigenden Schluck aus der Flasche. Dann versuchte er, die Magnum auf die Tür zu richten, doch es mißlang ihm. Er war wie gelähmt.
Die Türklinke bewegte sich nach unten, die Tür wurde langsam geöffnet. Im ersten Moment wurde er vom hellen Lichtschein geblendet, daß durch den Türspalt fiel, denn im Wohnzimmer hatte er alle Fenster verschlossen, so das es dunkel im Raum war.
Eine Gestalt trat herein. Hoffmanns Augen tränten, die Flasche ließ er fallen und hob sie schützend vor seine Augen. Er konnte nun die Umrisse der Gestalt erkennen, die unter dem Türbogen hielt.
Das was er sah, versetzte ihm einen Schock. Ein großes Etwas! Fell! Der Satanswolf war gekommen, um ihn für seine Sünden zu bestrafen.
Richard Hoffmann griff an sein Herz. Es hörte auf zu schlagen. Er starb...

Das Licht ging an. Barbara Hoffmann kam von einer Geschäftsreise zurück. Sie trug schon immer mit Vorliebe auffallende Pelzmäntel. Sie konnte es kaum fassen, als sie ihren Mann tot im Sessel erblickte und lief schreiend davon.

Der Notarzt stellte einen hohen Prozentanteil Alkohol im Blut fest. Und Richard Hoffmann war nicht mehr der Jüngste. Er hatte ein schwaches Herz... Und was niemand wußte - es war der Wahnsinn, der ihn in den Tod trieb.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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