Steffen Kaulitz

Die Reise


Hecktisch suchte er noch nach Dingen, die vielleicht noch nicht Teil des Gepäcks waren, aber dazugehörten. Tasche packen war noch nie seine Stärke. Er gehört zu den Menschen, die kurz vor der Abfahrt erst damit beginnen und sich vorher keinen Kopf machen, geschweige denn eine Liste.
Die Zeit wurde knapp und drängte. Das lag daran, dass die Zeit falsch von ihm kalkuliert wurde - einen passenden geschmackvollen Ring zu finden, dauert eine ganze Weile! Das hatte er nun gelernt.
Der Ring war sehr schön aber auch sehr teuer. Aber unbezahlbar war das, was damit erreicht werden sollte.

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Eigentlich war es noch nicht an der Zeit, wieder hinzufahren. Erst vor einer Woche sahen sie sich, bei Ihrem Geburtstag. Doch vor 2 Tagen führten sie ein Telefonat, das ihn etwas beunruhigte. Sie sprachen über Probleme in ihrer Beziehung, über Ängste und Zweifel. Er musste einfach fahren, wollte bei ihr sein und sie nicht allein mit diesen Gedanken lassen.
Jetzt kurz vor der Abfahrt, wusste er auf einmal nicht genau ob er sich nun freuen sollte oder nicht.

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Er stieg ins Auto, nachdem die Sachen verstaut waren. Die Zahnbürste wäre beinahe zurückgeblieben. Fünf Stunden Fahrt lagen vor ihm, oft ist er diese Strecke gefahren. Dieser angebliche männliche Orientierungssinn fehlte ihm. Oft benötigte er eine Karte, besonders diese vielen Autobahnabfahrten und Autobahndreiecke sind äußerst verwirrend, besonders auf langen Strecken. Doch diese Tour kannte er sehr gut. Mit verbundenen Augen würde er sogar den Weg zu ihr finden. Schon nach den ersten Kilometern wichen seine Zweifel. Er freute sich so sehr, wieder bei ihr sein zu dürfen.
Die Beiden hatten schon sehr viel zusammen durchgemacht und durchgestanden, sehr viel erlebt. Sie lernten sich auf eine ganz besondere Weise kennen, darum glaubte er auch an das Schicksal. Es war eine Art göttliche Fügung für ihn, nicht jeder Mensch empfindet zweimal in seinem Leben dieses wichtigste und schönste Gefühl – die Liebe.

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Die fünf Stunden an diesem Freitag vergingen sehr schnell, die Vorfreude drehte wohl am Rad der Zeit. Die nächsten 2 Tage, es war beflügelnd, wird er wieder bei ihr sein…

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Er parkte sein Auto und räumte den Innerraum noch schnell auf. Da klopfte es schon an der Scheibe. Sie hatte das Auto gehört, denn es war sehr ruhig auf der nächtlichen Straße, und so kam sie ihm entgegen. Er stieg sofort aus und sie umarmten sich innig, als hätten sie sich Monate lang nicht gesehen. Es war ein sehr rührendes Zusammentreffen. Beide freuten sich unheimlich, einander wieder zu haben.
Nachdem sie die Sachen gemeinsam hineingetragen hatten, machten sie es sich auf dem Sofa bequem, aßen eine Kleinigkeit.

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Sie war sehr abgespannt und müde. Hatte vor kurzem einen neuen Job angefangen und arbeitete außerordentlich hart. Kein Wunder, dass es ihr ein Bedürfnis war, die Beine an diesem Wochenende hochzulegen, sich zu entspannen und die Zeit mit ihm zu genießen. Auf dem Sofa war es so kuschelig mit der neuen Decke und dann auch noch in vertrauter Zweisamkeit. Sie saßen eng umschlungen da, redeten über ihren Tag. Er strich ihr übers Haar und kraulte ihren Hals und ihren Nacken, das mochte sie so sehr. Er fühlte sich sehr wohl, fühlte sich geborgen, als wäre er zu Hause. In der Wohnung roch es so gut, es roch nach ihr. Alles roch so sehr nach ihr, er liebte diesen Duft. Ihren lieblichen Geruch hatte er am meisten vermisst!
Sie schlief fast auf seinem Schoß ein, so wohltuend und entspannend waren seine Berührungen. Irgendwann beschlossen sie, ins Bett zu gehen – es war ja auch schon spät.
Vom Tag erschöpft, schlief sie sehr schnell ein. Er lag noch eine ganze Weile wach neben ihr, denn er liebte es sehr, sie beim Schlafen zu beobachten und genoss diesen Moment ganz bewusst.
Er spürte ihre Nähe, ihre warme weiche Haut, ihren attraktiven Körper. Er fühlte wie sich nach und nach ihre Muskulatur entspannte, ein schwaches Zucken in ihren Gliedern. Ihr Atem wurde sehr ruhig. Er spürte wie ihr Brustkorb sich hob und wieder senkte, ganz regelmäßig und tief atmete sie ein und wieder aus – es klang in seinen Ohren wie das leise Geflüster von kleinen Engeln. Wenn diese Stille eintritt und man genau hinfühlt, kann man die Rhythmen der Herzen wahrnehmen, durch ganz schwache Vibrationen auf der Oberfläche des Bettes. Er fühlte die Herzen schlagen, er fühlte so viel in diesem Moment. Und sie duftete so schön … ein perfekter Augenblick. Nur bei ihr und mit ihr fand er diesen Frieden. Er konnte die ganze Welt umarmen, das war nicht schwer - seine Welt lag ganz nah neben ihm. Und so schmiegte er sich vorsichtig ganz dicht an sie, legte seinen schützenden Arm um sie und ergab sich einem wohltuenden wunderbaren Schlaf.

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Am nächsten Morgen stand er zuerst auf, holte frische Brötchen vom Bäcker und brachte auch gleich noch Kuchen für den Nachmittag mit.
Sie ließen sich viel Zeit beim Frühstück, scherzten, lachten und fühlten sich wohl. Sie gingen noch zusammen einkaufen, wollten noch was Feines kochen an diesem Abend. Alles war wie sonst auch, sie schienen sehr glücklich zusammen.
Am Abend wurde dann gekocht und genüsslich gespeist. Sie kochte sehr gut, leckere Hausmannskost mit viel Butter und Sahne. Nun ja, nicht sehr gesund, aber um die Figur brauchten sich beide nicht sorgen. Beide haben das Glück, soviel essen zu können wie hineinpasst, ohne dabei dick zu werden.
Da ein entspannendes Wochenende geplant war, saßen beide wieder zusammen auf dem Kuschelsofa und ließen sich vom Fernseher berieseln. Knabberzeug stand auf dem Tisch, und beide genehmigten sich ein kühles Becks Gold. Sie sehnten sich beide nach der körperlichen Nähe, schmusten und küssten sich, saßen Arm in Arm da. Er merkte das tat ihr gut, sich auch mal ohne Worte wohl zu fühlen.
Eigentlich wollte er ihr den Ring erst kurz vor seiner Rückfahrt geben, aber er hielt es nicht mehr aus. Der Moment schien auch sehr geeignet dafür. Unter einem Vorwand verließ er kurz den Raum, schnappte sich den Ring, kehrte wieder zurück und tat so als ob nichts gewesen wäre. Sie bekam es nicht mit.

Als sie wieder eine Weile lang umschlungen dasaßen, hielt er ihr den Ring plötzlich vor die Augen. Er sagte, das sei ein Symbol für seine Gefühle zu ihr, ein Symbol für seine ewige Liebe und wie unzerstörbar sie ist. Ihre Augen funkelten und sie fing an zu strahlen. Ihr Gesicht strahlte und sie freute sich so sehr, da wusste er, dass man mit keinem Geld dieser Welt diesen Augenblick aufwiegen kann. Unbezahlbar ist diese Freude in den Augen einer Frau. Es war ein rührender Moment. Er beobachtete sie ganz genau, sog ihre Reaktionen, die Eindrücke und die Emotionen in sich auf. Ihre kleine Narbe an der Oberlippe fing an, auf und ab zu wippen. Das tut sie immer wenn sie sich freut. Das Lächeln in ihrem Gesicht erweckte den Eindruck, als ob ihr ganzer Körper lächeln würde. Ihr Lächeln und ihr Lachen hatten ihn schon seit ihrer ersten Begegnung fasziniert. Er fühlte in seinem Herzen diese unendliche positive Energie, dieses unendlich starke Band zu ihr, seine Liebe.
Sie küsste ihn sehr zärtlich, bedankte sich mehrere Male und hörte nicht auf zu strahlen. Genau das wollte er erreichen, sie glücklich zu sehen und ihr dieses bezaubernde Lächeln zu entlocken. Das war ein sehr schöner Ausklang eines sehr schönen Tages. Sie saßen noch eine Weile auf dem Sofa und irgendwann gingen sie zu Bett.

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Es war nun schon Sonntag, sie schliefen sehr lange und blieben nach dem Aufwachen noch einige Zeit im Bett. Zu schön war das Gefühl, einander zu spüren.
Irgendwann am Nachmittag jedoch standen sie auf. Beide waren sehr hungrig, darum wurde wieder lecker gekocht und gegessen. Die Zeit verging viel zu schnell und er erinnerte sich plötzlich an das Telefonat.
Er wusste, dass sie sich darüber unterhalten mussten.
Sie saßen in der Küche einander gegenüber und er forderte sie vorsichtig auf, ihm ihre Ängste zu erklären.

Was dann folgte entzog sich zunächst seinem Verständnis. Sie erzählte, argumentierte. Er erwiderte und versuchte an dem Gespräch teilzunehmen. Doch sie schien alles schon gedacht und für sich geklärt zu haben. Sie unterhielten sich auf diese Weise einige Zeit lang. Er versuchte ruhig und rational zu bleiben. Doch irgendwann fing sie an zu weinen, er fühlte plötzlich auch Tränen in sich aufsteigen. Beide weinten und weinten versuchten dabei noch zu reden, aber nichts was man hätte sagen können hätte den Strom aus Tränen aufgehalten. Sie setzte sich auf seinen Schoß und beide fielen sich weinend in die Arme. Sie umarmten sich, küssten sich, versuchten einander zu trösten. Aber es hörte nicht auf. Keiner von beiden war in der Lage diese liebevolle und trotzdem feste Umarmung zu lösen.
Irgendwann mussten sie sich aber loslassen, denn er musste seine Sachen packen und wieder zurückfahren. Es war schon ziemlich spät, der Abend hatte schon begonnen.

Während er seine Tasche packte, flossen ihm immer wieder Tränen ins Gesicht. Sie versuchte die Tränen wegzuküssen, aber das funktionierte nicht. Er wollte nicht weg, wollte noch nicht fahren aber er musste!
Gemeinsam brachten sie das Gepäck zum Auto. Sie weinte immernoch, doch er durfte nicht mehr weinen. Er musste doch noch Auto fahren. Sie umarmten sich zum Abschied, küssten sich zärtlich und innig. Sehr lange standen sie zusammen da und vergaßen die Welt um sich herum. Keiner wollte den anderen loslassen, doch die Vernunft siegte am Ende. Er stieg ins Auto und fuhr zur Tankstelle, um seine Frontscheibe zu putzen und vollzutanken.
Doch er konnte noch nicht fahren, konnte sich noch nicht konzentrieren, so fuhr er noch einmal zurück. Sie öffnete ihm verheult und mit Tränen in den Augen die Tür und sagte, dass sie gerade einen SMS an ihn schreiben wollte.
Noch einmal wollte er in ihren Armen versinken, noch einmal wollte er ihr Haar riechen und ihren Körper an seinen gedrückt fühlen! Noch einmal wollte er in ihre grünen Augen schauen und ihre kleine Narbe an ihrer Oberlippe wippen sehen! Noch einmal wollte er über ihr Gesicht streichen, durch ihr Haar, über ihren Körper! Noch einmal wollte er sie küssen und ihre Wärme, ihr Wesen in sich aufsaugen. Viele Minuten des Abschieds verstrichen in einem Augenblick. Doch er musste weg. Obwohl sich alles in ihm sträubte, stieg er wieder ins Auto und fuhr los.

Er wusste, das wird die längste Fahrt seines Lebens.

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Alle Versuche, seinen Kopf freizubekommen, wurden durch die unverständlichen Worte des Gesprächs zu Nichte gemacht. Die Worte hämmerten ihm durch den Kopf, doch er verstand sie nicht. Wie ein dumpfes lautes Echo in seinem Verstand, sprach die Stimme zu ihm. Die Stimme, die er über alles liebte.
Es war schon dunkel und es war kalt. Es fing an zu regnen. Einige Male musste er anhalten, um sich zu übergeben. Jedes Mal danach, saß er viele Minuten einfach nur da, versuchte zu denken und sich wieder zu sammeln, um wieder ein Stück weiter zu fahren.
Und dann dieses schmerzende Echo in seinem Schädel!
Er fühlte sich, als ob er allein in einem langen führerlosen Zug sitzen würde, der schon längst diesen Planeten verlassen hatte, auf einer Reise, deren Ziel völlig unbekannt war. Grenzenlose Einsamkeit war seine einzige Begleitung. Wie durch einen schwarzen Nebel raste der Zug ins Nirgendwo, ohne Stopp und ohne Fahrplan. Eine Richtung war nicht erkennbar, ein Ende gab es nicht. Die Zukunft war nicht mehr zu sehen, nicht einmal mehr zu erahnen. Kein Licht existierte mehr, nur tief schwarzer Nebel, der selbst Träume erstickt.
Er wünschte sich, dass plötzlich eine dicke Mauer vor ihm auftauchen würde, der er nicht mehr ausweichen kann – damit diese grauenhafte Reise ein Ende findet…

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Irgendwann, spät in der Nacht, hielt sein Wagen vor seinem Haus. Er schaltete das Licht und den Motor aus. Das Radio verstummte .... Stille ....

Er saß da, konnte sich nicht bewegen. Wie gelähmt auf den Sitz gepresst, versuchte er zu verstehen, was da passiert war. Er konnte sie noch riechen, seine Kleidung und seine Haut dufteten nach ihr. Wortbrocken fielen ihm ein. Doch er verstand nicht. Ein schwaches unheimliches Flüstern bewegte sich auf ihn zu. Es wurde immer lauter, bis es sich zu einer verzerrten weiblichen Stimme formte. Diese Stimme klang sehr vertraut. Und er hörte jetzt sehr deutlich :

- “... habe Dich wahnsinnig lieb, aber ...“
- “... liebe Dich nicht ...“
– “... nicht genug Gefühle ...“
– “... keine Zukunft ...“.

Ihm wurde schlecht, doch übergeben konnte er sich nicht. Er wollte weinen, aber es gab keine Tränen mehr. Alles tat so verdammt weh! Sein Herz schmerzte und schrie, als ob ein glühendes Schwert es durchbohrt hätte. Der Schmerz in seinem Herzen breitete sich aus, wie ein fürchterlicher Virus, der sich seinen Weg durch den Körper bahnt und alles auf diesem Weg infiziert und vernichtet. Jede einzelne Zelle seines Körpers schrie vor Schmerzen, als ob seine Seele kurz davor wäre zu verbrennen. Seine Gedanken drehten sich viel zu schnell, als dass man es denken nennen konnte. Er war kurz davor seinen Verstand zu verlieren, vielleicht verlor er ihn auch. Sie war doch sein Leben! Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er sie in diesem Leben niemals wieder sehen wird!
Und immer wieder schoss ihm dieses Wort durch das Hirn, dieses grauenhafte Wort.
Unbeweglich, gelähmt vor Schmerzen, sein Herz reißen und seine Seele schreien hörend, vernahm er dieses Wort – “TRENNUNG“. Immer und immer wieder - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ - “TRENNUNG“ ....

Niemand weiß genau, wie lange er noch im Auto saß. Für Außenstehende mögen es Minuten oder Stunden gewesen sein. Doch für ihn waren es viele viele qualvolle Ewigkeiten.
Sein Funken Hoffnung, sein Glaube sind in diesem Auto und auf dieser Reise zerstört worden!
Alles was ihn ausmachte, seine Träume, seine Gefühle und seine Herz sind in diesem Auto gestorben!


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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