Margit Farwig

Pilze, Pilze, Pilze!

Pilze, Pilze, Pilze!

Pilze ziehen im Sommer meine Sinne an wie Stinkmorchel Fliegen. Wer das Zauberwort „Pilze“ in meiner Nähe fallen lässt, hat meine ganze Zuneigung, mein Ohr und meine Unterstützung. Ihm verrate ich sogar Stellen, die nur mir vorbehalten bleiben sollten.
Für Markierungszwecke richte ich im Hinterkopf Gehege ein, in denen sich die verschiedensten Pilzsorten an verschiedenen Orten tummeln, die ich real systematisch abgrase. In meiner ahnungslosen Handtasche verbergen sich ein Messerchen und eine hilfreiche Tragetasche für plötzlich auftretende Pilzvorkommen, wenn zwei Hände und ein mürrisch ausgeborgtes Herrentaschentuch aus allen Fugen und Nähten platzen.
Nicht jeder ist Pilzesser (siehe Pilzfeindling), und ich kenne Menschen, die aus lauter Angst, vergiftet zu werden, nicht einmal harmlose Champignons aus Gläsern verzehren, eine von jeglicher Tücke befreite Pilzsorte. Insofern befreit, weil sie in Pilzbrutstätten heranreifen und selbst nicht den Hauch eines Todesgeruches in Gestalt von Knollenblätterpilzen ein-, geschweige denn ausatmen können.
Ich muss zugeben, dass Unwissenheit und schon die leichtfertige Begierde für Pilze Menschen in die ewigen Pilzgründe geschickt haben.
Pilz ist nicht gleich Pilz, und gerade die abgedroschene Weisheit „Pilzauge sei wachsam“ kommt hier in höchstem Maße zur Anwendung. Ein Griff in die falsche Myzelgruppierung, und man hat den letzten Pilz gegessen.
Meine Mutter erlernte die Unterscheidungskriterien im Riesengebirge, nicht direkt von Rübezahl. Am Fuße der Schneekoppe gehörte im Sommer eine Mahlzeit aus Steinpilzen, Maronen, also Schwammpilzen, zur lukullischen Selbstverständlichkeit.
Nach dem Krieg, der Vertreibung, in der Zeit der ewig hungrigen Mägen, bedeuteten Wälder und Wiesen in der Nähe zusätzliches Brot, eine warme Mahlzeit.
Kein Anstehen in aller Herrgottsfrühe für lebensnotwendige Grundnahrungsmittel, die dann trotzdem ausverkauft waren. In freier Natur wuchs etwas in die Pfanne, das uns an Heimat erinnerte, an Spaziergänge mit Spankörben, nach und nach gefüllt mit Rotkappen, Steinpilzen und vielen anderen Sorten.
Mutter lehrte uns, richtig zu sammeln, die Guten von den Giftigen zu unterscheiden. Mit viel Zwiebeln in die Pfanne geschnitten, gebräunt und bestreut mit Petersilie, schmeckte so ein Gericht köstlich.
Die Natur geizte nicht, sie sagte nicht: „Ihr seid arm, ihr könnt euch das nicht leisten.“ Sie verschenkte großzügig. Dort wuchs so viel, dass die restlichen Pilze, auf Bindfäden gezogen, getrocknet wurden. Im Winter Soßen und Suppen beigefügt, verströmten sie noch einmal ihr volles Aroma.
Vom Geschmack her stelle ich mir vor, so müssen Schnecken schmecken. Der Gedanke ist mir nicht ungeheuerlich, selber essen könnte ich sie nicht. Die stattlichen Weinbergschnecken, wenn sie so auf ihren „Mantelsäumen“ auf silberner Spur entlang kriechen, die Fühler ausgestreckt, dann hüpft mein Herz vor Freude, und diese Tierchen soll ich in den Mund stecken und verschlingen? Nein! Als Kind soll ich beim Fischessen schon gesagt haben: „Nein, Mutti, diese
armen Fischel esse ich nicht!“
An ein absolutes Spitzenjahr kann ich mich entsinnen. Vom fahrenden Auto aus gesehen, leuchtete etwas Weißes, Hohes am Ende einer Wiese. Mein Auge stockte, ich brachte das Auto zum Stehen. Sollten das etwa Pilze sein, von denen ich bisher nur gelesen hatte? Ganz weit hinten auf der Wiese ragten sie hervor: Anischampignons!
Einfache Wiesenchampignons besitzen flache Hüte. Diese hier buckelten breit oder spitz nach oben, dickfleischig, auch leuchteten sie cremefarben. Das konnten nur eben solche sein. Ein Schnuppern bestätigte meine Vermutung. Drei große gesunde Exemplare von außergewöhnlicher Schönheit und einige kleinere fanden den Weg auf den häuslichen Herd. Köstlich! Plötzlich standen auf allen Wiesen in jenem Jahr Anischampignons und natürlich Wiesenchampignons.
Nicht ganz ungefährlich gestaltete sich ein argloses Eilen von Fund zu Fund. Freudig erregt gewährte ich meinen Augen eine grasgrüne Pause. Auf dem Grün bewegten sich ziemlich eindeutig braune Punkte mit spitzen Hörnern: Ochsen oder Bullen! Sie rasten auf mich zu. Ich raste zum Zaun, rollte unterm Stacheldraht auf die ungefährliche Seite, stand auf - und schaute in wutschnaubende Gesichter. Erschrocken schlich ich davon.
Im Venn schnitt ich Birkenpilze, Sandröhrlinge und Butterpilze, auch hin und wieder eine Marone. Aber Birkenpilze ohne Ende, jede Woche zweimal.
Eines Morgens erschreckte mich ein aufgescheuchtes Häschen. Es saß im Gras und rannte erst weg, als ich dicht daneben stand. Typisch Hase!
Die Vorfreude beim Sammeln ist einfach wunderbar. Es ist schön, im Birkenhain, bewachsen mit Erika, Heide und hohen Grasbüscheln, zu laufen. Dann folgt die Zubereitung. Bald duften Waldgenüsse durchs Haus, und die Pilzesfülle auf dem Teller lässt keine Wünsche mehr offen.
Damit aber noch nicht genug. Wenn ich abends einschlafen will, drängen sich ständig neu wachsende Pilze vor das innere Auge. Es schießen die Pilze nur so aus dem Boden. Das Einschlafen verzögert sich erheblich, weil ich von meiner Leidenschaft bis in den Traum verfolgt werde.

Pilzfeindling:
ist keine Pilzsorte.
Im Lexikon steht darüber geschrieben:
bedauernswerte Person
nicht ausersehen
gänzlich fehlender angeborener Pilzbefall
oder verkümmerter Geschmacksnerv
lebenslänglich benachteiligt

Pilze suchen heißt, mit der Natur auf Suche zu gehen. Ich finde ja nicht nur Pilze, ich finde meine Ruhe, die Seele baumelt stundenlang zwischen den Bäumen und später an der Pfanne. Sehr erlebnisreich.Margit Farwig, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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