Rita Latz-Orlowski

Das “neue“ Berlin, Zahlenmystik und andere Unwägbarkeiten

Das „neue“ Berlin, Zahlenmystik und andere Unwägbarkeiten

Zahlen, Zahlen, Zahlen… und ich kann mir Zahlen so schlecht merken. Was hat man nicht so alles in seinem Haushalt, was nur mit Zahlen funktioniert: das Telefon, evtl. das Handy, diverse Pin-Codes und nicht zuletzt die Postleitzahl. Und dann die Telefonnummer von Freunden und Verwandten, evtl. noch mit einer Ortsvorwahl, und dann noch deren Postleitzahl. So simple Zahlen wie die Hausnummern lasse ich mal weg.

Am Mittwoch musste ich in die Mitte Berlins, und da hat sich ja einiges verändert. Kennt Ihr die Neue Rossstrasse? Für mich Terra incognita, und das als geborener Berlinerin. Der Weg wurde mir umständlich beschrieben. Ich sah sicherheitshalber auf dem Stadtplan nach. Tatsächlich, es gibt sie, ich hatte mich also nicht verhört, und es ist ein winziges Strässchen südlich der Fischerinsel. Da war ich noch nie. Aber, sieh an, es gibt an einem Ende eine U-Bahn-Station: Märkisches Museum.

Ich wechselte zum BVG-Fahrplan, liess mir die kürzeste Verbindung heraussuchen, und berechnen, wann ich von zu Hause abfahren müsste, um rechtzeitig dort anzukommen. Der BVG-Fahrplan sagte, zunächst mit dem Bus, vom Rathaus Spandau bis Alexanderplatz, dort umsteigen in die U2, Richtung Theodor-Heuss-Platz. Fahrzeit: eine Stunde.

Der Zeitangabe misstraue ich grundsätzlich und rechnete eine halbe Stunde dazu. Und da ich keinesfalls zu spät kommen wollte, rechnete ich noch eine halbe Stunde ein – 2 Stunden also.
Das war gut so.

An der Bushaltestelle gab es schon die erste Abweichung von der BVG-Auskunft, denn die Busse fahren zu anderen Zeiten. Macht aber nichts, denn die zwei/drei Minuten konnte ich leicht verkraften. Am Bahnhof Spandau sollte ich eigentlich in den RE umsteigen, aber auch die Abfahrtszeit stimmte auch nicht. Also setzte ich mich in die S-Bahn, die auch irgendwann abfuhr und mich zum Alex brachte.

Ich finde ja schön, dass man die Bahnhöfe modernisiert. Aber wo ist die U2? Ich lief den Hinweisschildern hinterher, treppauf, treppab, treppauf… dann überhaupt kein Hinweis mehr… und es war heiss! Aber dann fand ich mehr durch Zufall doch das richtige Gleis. Das ganze treppauf, treppab wäre überflüssig gewesen, wenn ich über den Platz gegangen wäre!

Ich kam auf dem Bahnhof Märkisches Museum an, aber nach 1 ½ Stunden! Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit und Durst. Aber da gibt es keinen Imbiss in Sichtweite… Immerhin wurde mir bei der Besprechung Mineralwasser angeboten, das ich dankbar annahm. Nach gut drei Stunden stand ich wieder auf der Strasse, immer noch oder schon wieder durstig. Ich wollte aber nur noch nach Hause. Also rein in die U-Bahn. Ich dachte, am Alex werde ich ein Päuschen einlegen. Aber ich stieg in die falsche Bahn und landete am Potsdamer Platz.

Der kurze Weg von der U-Bahn zur S-Bahn fiel mir schwer. Ich hoffte aber, dass ich dort einen Imbiss finden würde. Nichts da! Der ehemals kahle Platz wird immer noch überwiegend von Bauzäunen begrenzt. Die Stände der kleinen ambulanten Händler sind verschwunden. Dafür wird der Platz jenseits des Bahnhofs von zwei riesigen Zahnstocher ähnlichen Gebäuden begrenzt: eines von der Bundesbahn, eines von Mercedes-Crysler. Klar, in diesem Umfeld duldet man keine ambulanten Händler.

Der unterirdische Zugang zur S-Bahn ist eine hochmoderne Plattform, so gross wie ein Fussballfeld. Die wenigen Fussgänger, die mit mir hinunter gestiegen waren, waren verschwunden. Überall waren Riesenschilder angebracht: Gelbe zum „Sony-Center“ und „Daimler-Crysler“, dazwischen blaue mit Hinweis auf das Bahn-Management. Aber wo ist die S-Bahn? Schliesslich entdeckte ich hinter einer dicken Säule ein kleines S im Kreis!

Es ging wieder einmal treppauf. Eine neue grosse Plattform, aber mit vielen bunten Streckenhinweisen – aber nur Zahlen in bunten Feldern, keine Zielbahnhöfe! Ich hatte keine Ahnung, welche Nummer die Strecke nach Spandau hat! Man muss sich mal vorstellen: Da steht man in einer Riesenhalle aus grauem Beton, indirekt beleuchtet von riesigen Fenster ähnlichen Öffnungen – aber nirgendwo eine Auskunft, nirgendwo ein Streckenplan! Arme Berlin-Besucher, wenn ich schon Schwierigkeiten habe! Und die Fahrgäste krabbelten in dieser riesigen Halle herum wie die Ameisen. Etliche waren so verwirrt wie ich. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl in diesem unterirdischen Raum aus grauem Beton, denn er erinnerte mich an den Krieg und die Tage und Nächte im Bunker. Aber dann fiel mir ein, dass die S-Bahn nach Spandau irgendwo ganz oben fahren muss… Also wieder eine Treppe hoch… Und dann geschah ein Wunder: irgendwo in dem Chaos von Farben und Zahlen war ein kleines altes Schild mit einer Zwei auf gelbem Grund, und dahinter stand „Spandau“! Noch eine Treppe hoch, und ich war endlich auf einem Bahnsteig. Und da kam auch schon ein Zug. Aber auf der Anzeige stand keine 2 auf gelbem Grund, sondern eine 26 oder ähnlich auf lila Grund. Das war mir egal. Ich wollte nur noch weg von diesem Bahnhofslabyrinth!

Ich hatte den richtigen Zug erwischt, egal welche Zahl in welcher Farbe angeschlagen stand. Es war ein modernerer Zug, in dem aber die Sitzplätze in Zweiergruppen quer zum Gang angeordnet sind. Ich liess mich auf eine Bank fallen. Mit jeder Station wurde der Zug leerer. Ich duselte ein. Kurz vor Spandau wachte ich wieder auf und sah mich um. Da musste ich schmunzeln, denn jede Bank war mit einer Person besetzt – und alle schliefen! Ja, es war heiss.

Eigentlich hätte ich doch wieder munter sein müssen, aber mir tat der Rücken weh, und die Füsse wollten nicht mehr ihren Dienst tun. So schlufte ich aus dem Bahnhof. Mit Grauen dachte ich daran, dass mir nun der Weg über den schattenlosen Rathausvorplatz bevorstand und dort das Warten auf den Bus in praller Sonne. Nein, ich wollte nicht mehr! „Ich leiste mir einfach ein Taxi“, dachte ich. Aber manchmal geschieht auch etwas Positives: Die Haltestelle für meinen Bus liegt jetzt direkt vor dem S-Bahn-Ausgang! Und der Bus kam gerade! Das war sogar noch näher als der Taxistand!

So kam ich dann erschöpft zu Hause an. Jetzt konnte ich mich endlich satt trinken! Und dann raus aus den Vorstellklamotten! Aufatmen, Katzen füttern und streicheln, Schnurren kassieren, Beine hochlegen… Ach, ist das schön zu Hause!


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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