Stephanie Hermann

Ein bíßchen zu...

Wenn du nur sehen könntest wie er sie ansieht, wenn sie es nicht bemerkt. Bitte, es soll mich auch mal jemand so ansehen. Und zwar wenn ich es merke.
Wenn du nur sehen könntest wie er sie liebt, und sie weiß es nicht.

Sie steht inmitten einer Traube elegant zurecht gemachter Gäste und unterhält sich, lachend, strahlend, glücklich, schöner als jemals zuvor.
Sie trägt das weiße Kleid. Zehn Lagen Tüll unter schimmender Seide, schulterfrei, lange, schneeweiße Handschuhe. Ihre Taille sieht so zerbrechlich aus. Sie sieht aus wie Sissi. Seit sie acht Jahre alt war, wußte sie wie ihr Hochzeitskleid sein sollte. Jetzt trägt sie es. Ihre Haare sind offen. Darüber fällt ein bodenlanger Schleier, der an einer glitzernden, hauchfeinen Tiara befestigt ist. Kein Sahnebisset. Eine zauberhafte Braut steht vor mir und ich beneide sie mehr, als sie je ahnen könnte.
Ich beneide sie, um den Mann, der an einem der überladenen, runden Tische sitzt. Er trägt einen schwarzen Anzug. Er scheint nicht dazuzugehören. Seine Haare hat er zu einer gepflegten Mini- Irokesen- Frisur in der Mitte nach oben gegelt. Er wirkt ein bisschen zu blass. Müde oder erschöpft. Er kann nicht aufhören sie anzusehen. Während er immer wieder eine Spur zu konzentriert an seiner Zigarette zieht, stochert er in dem monströsen, cremefarbenen Stück Marzipan- Bisquittorte herum, das auf seinem goldumrandeten Teller liegt. Ich würde mich gerne zu ihm setzen. Alle Stühle um ihn herum sind frei. Seine Tischnachbarn haben sich im gesamten Ballsaal verteilt. Sie tanzen, unterhalten sich angeregt, werfen bewundernde Blicke auf die üppigen Lilien Arrangements, die im ganzen Raum angeordnet sind. Überall stehen schwere, helle Altarkerzen. Zwischen Lachshäppchen, Scampi und italienischen Cannapees perlen Champagnergläser.
Der Bräutigam legt stolz seinen Arm um seine frisch Vermählte. Ein bisschen zu selbstgefällig streicht er sich durch die gesträhnten Haare. Sie wirft jedesmal ihren Kopf zurück wenn sie lacht. Ein bißchen zu glücklich. Wir scheinen uns in einem Film zu befinden. Der Einzige, der sich nicht in dieses goldweiße Bouquet aus Porzellan, teurer Gewänder und riesiger Blumenblüten fügt, ist der Mann, der immer noch seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf den leicht gebräunten Nackenansatz der Märchenprinzessin richtet. Ein bißchen zu lang. Plötzlich wirkt er wie ein kleiner Junge im Spielzeugladen. Ich fühle wie sich in meinen Augen Tränen sammeln. Jemand sollte mit ihm tanzen. Einen kleinen Moment später spielt der Dj “Every breath you take“ von Police. Sie liebt dieses Lied.
Ich sehe wie er sich langsam erhebt. Er geht auf sie zu. Er nimmt ihre Hand, zieht sie mit sich mitten auf die Tanzfläche. Ein paar der Gäste rücken von ihnen ab, als sie den Blick der Frau in dem pompöse, weißen Kleid bemerken, den sie ihm schenkt. Ich kann es fühlen. Es wird kalt im Raum. Unendlich langsam drehen sie sich. Es wird still. Nur die Cd und das Paar auf der Tanzfläche bewegen sich noch.
Und ich sehe plötzlich, dass sie es weiß. Mein Bauch brennt. Sie berührt ihn ganz vorsichtig, wie eine kostbare Statue. Kleine, beinah unsichtbare Tränen laufen vereinzelt, wie in Zeitlupe, zaghaft an ihren Wangen hinunter. Niemand sonst scheint zu leben. Wie hundert Eisfiguren steht die Hochzeitsgesellschaft um das Parkett versammelt.
Ich spüre ihren Hunger nach ihm durch den Tüll drängen.
Alles ist so unwirklich. Wie ein verzerrtes schwarz- weiß Photo. Ich versuche dem Anblick des Bräutigams auszuweichen. Er wirkt wie eine verwirrte Comicfigur im Frack. Meine Nägel krallen sich durch den schwarzen Satin meines Abendkleides.
Wenn es nur bald vorbei ist. Er soll weggehen. Dreh dich um und geh weg von ihr. Ich würde so gerne losschreien. Irgendjemand muß doch etwas unternehmen. Das Champagnerglas der Brautmutter zerspringt in eine Million glitzernder Splitter, als es ihr aus der Hand gleitet. Niemand hört es. In meinem Kopf pocht es. Das Glück ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Das strahlende Lächeln auf ihren vollen Lippen ist einem bitteren Ausdruck von Angst gewichen. Wie gierige Voyeure, inhalieren wir diese Szene, deren Anblick unerträglich wird. Sie erstickt einen.
Ich bin nicht sicher, ob ich jemals zuvor so traurig war. Ich sehe die Augen meiner besten Freundin, die nass und starr, wie aus Glas auf den Mann gerichtet sind, der sie ein bißchen zu fest hält. Sein Blick ruht auf ihrem Gesicht, als würde er nur so weiteratmen können.
Sie greift seinen Arm fester. Gibt ihrem Gefühl unmerklich nach. Ein bißchen zu spät.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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