Stephanie Hermann

Gebrannte Mandeln

Den Weg zum Zigarettenautomaten rannte sie. Fünfzig Meter, als wäre der böse, schwarze Mann hinter ihr her. Es war dunkel, kalt und spät. Die Szenerie ähnelte einem John Carpenter- Film.

Als sie ankam, stand da schon jemand. Atemlos nahm sie einen, in ihren Augen, umwerfend attraktiven Mann wahr, der immer wieder ein zwei Euro Stück in den Schlitz des Automaten steckte, nur um es Sekunden später wieder nach unten fallen zu hören. Resigniert ließ er sie vor. Er wartete bis sie ihre Schachtel aus dem Automaten nahm. Sie vibrierte unter ihrer Kapuzenjacke. Er befand sich so nah hinter ihr, dass sie ihn riechen konnte. Sie konnte den Geruch, eine Mischung aus Parfum und Shampoo nicht zuordnen, dennoch wirkte er vertraut. Bitte, sag` etwas, hörte sie sich denken.
“Bitte, sag` etwas“, ihre Stimme klang etwas zu laut als sie sich zu seinem Gesicht umdrehte. Sie war nicht vorbereitet auf die Antwort, die er ihr möglicherweise geben würde. Sie war nicht einmal auf ihre eigene Frage vorbereitet gewesen. So, als hätte sie jemand anderes gestellt.

“Was soll ich denn sagen?“ fragte er und sah sie so tief an, dass sie sich am liebsten umgehend an seiner üppigen Unterlippe festgesaugt hätte. Er ist mindestens zwanzig Zentimeter größer als ìch`, schoß es ihr durch den Kopf, als wäre das die Erklärung für ihren verbalen “Überfall“ auf ihn.
“Ich glaube, ich geh besser.“ Ein paar Augenblicke später gelang es ihr, sich seinen Augen zu entziehen. Sie hatte noch nie einen Mann von sich aus angesprochen, sofern sie an etwas anderem als an der Uhrzeit oder dem Weg interessiert war. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch auf der Welt, der an einem Montagabend versucht einen völlig Fremden vor einem Zigarettenautomaten aufzureißen. Er muß denken, ich bin geistesgestört.

Sie wäre so gerne wieder zurück zu ihrer Wohnung gegangen, aber sie konnte es nicht tun. Gar nichts konnte sie tun. Sie wollte ihn anfassen.

Sie würde ihn vermutlich nie mehr wiedersehen. Solche Männer wohnen nicht in der Nachbarschaft. Männer wie er, lächeln von Hugo Boss- Plakatwänden herab.
Wahrscheinlich besuchte er irgend jemand, der hier in der Nähe wohnte. Am Ende eine Frau. Eine “Neben- dem Studium- bin- ich- Model- Frau“. Sie hätte dafür gezahlt, wenn sie sich jetzt einfach in Luft auflösen hätte können.
“Was soll ich denn sagen“, wiederholte er. Seine Stimme klang weit weg. Er stand immer noch da und sah sie an. Es kam ihr vor, als wären inzwischen einige Stunden vergangen.
“Ich weiß es nicht.“

Normal denkende Menschen hätten sich bei ihm entschuldigt und irgendetwas von einer Verwechslung gestammelt. Nein, falsch, normal denkende Menschen hätten ihn erst gar nicht angesprochen. Mal ganz abgesehen davon, dass es sich bei ihm auch um einen potenziellen Vergewaltiger handeln könnte...Vielleicht war er ein Psychopath. Wobei Letzteres im Moment eher auf sie selbst zutraf.

“Ganz schön kalt, oder?“ Seine Stimme war noch schöner als er. Dankbar darüber, dass er bisher keine Anstalten gemacht hatte, sich über ihren peinlichen Versuch mit ihm ins Gespräch zu kommen, lustig gemacht hatte, nickte sie.
Er hatte immer noch keine Zigaretten. Sie hätte ihm eine von ihren anbieten können. Sie hätte einfach weggehen können, bevor sie etwas tat, wofür man sie postwendend hätte einweisen lassen können.

“Könntest du bitte mit mir mitkommen?“ `Ich verliere den Verstand`, schrie sie innerlich und rang verzweifelt um einen klaren Gedanken.
Als er ihre Hand nahm, legte sich ein nebelartiger Schleier um ihre Augen. Er muß meinen, ich will ihn abschleppen. Was soll ich denn mit ihm zu Hause anstellen? Ich will nicht mit ihm schlafen. Ich hatte noch keinen einzigen One- Night- stand. Was denkt er denn von mir? Der glaubt wohl ich wäre eine, die leicht zu haben ist. Da hat er sich aber getäuscht. Der ist wohl krank im Kopf...Ihre Empörung verschwand, als ihr wieder einfiel, dass sie die arme Irre war, die ihn angemacht hatte und nicht umgekehrt. Sie spürte, wie sich ihre Gesichtshaut rot färbte. `Warum wundert er sich nicht über mich? Wird er ständig vor Zigarettenautomaten gebeten, alleinstehenden, verwirrten Frauen in deren Wohnungen zu folgen? So verzweifelt ist man doch nicht mal nach einem zehn jährigen Aufenthalt im Priesterseminar.`

Plötzlich saß er auf ihrem Sofa. So selbstverständlich wie ein neues Sofakissen.
Sie goß Rotwein in zwei Gläser, unfähig seinen Blick zu erwiedern. `Vielleicht sollte ich mal kurz ins Bad gehen und mein Make- up überprüfen? Beine rasieren, bißchen Deo, den Ansatz nachblondieren, zehn Kilo abnehmen...` Ihr Gehirn fühlte sich an wie ein Pfund Wattebällchen.
Sie kannte den Text, den sie jetzt hätte sagen müssen. `Eigentlich mache ich so etwas ja nicht. Also, ich meine, dass ich einfach so wildfremde Männer in meine Wohnung einlade...`
Sie wollte den Text aber nicht sagen. Gar nichts wollte sie sagen.

“Wenn ich jetzt noch eine Zigarette haben könnte...“ Er hatte sich nach vorne gebeugt und griff lässig nach einem der Gläser.
Sie hielt ihm ihre Schachtel Marlboro Lights hin, konzentrierte sich darauf nicht zu zittern. Er riß die Verpackung auf. Sie holte Luft. Er nahm zwei heraus, zündete eine an und gab sie ihr. Sie zwang sich nicht dauernd auf seinen Mund zu starren. Dann flammte sein Feuerzeug ein weiteres Mal auf und sie hörte, wie er genüsslich den Rauch ausblies. Kleine Kringel schwebten an ihr vorbei.
“Schöne Wohnung.“ Er setzte das Glas an seine Lippen, trank ihren Rotwein, zog wieder an der Zigarette, als wäre er ein guter alter Freund, der bei ihr regelmäßig ein und aus ging. Nur seine neugierigen Blicke, die immer wieder über die Möbelstücke streiften, die Regale und Bilder abtasteten, verrieten, dass er dieses Zimmer noch nie zuvor betreten hatte.

Seine Haare waren blond, seine Augen grün, seine Haut leicht gebräunt, als wäre er eben aus Hawaii zurück gekommen. Seine Jeans schien bereits abgetragen, seine Sneakers dagegen neu. Unter dem Parka trug er ein babyblau- weiß karriertes Hemd. BWL- Studenten sehen für gewöhnlich so aus. Sie wollte ihn nicht fragen was er beruflich machte. Gar nichts wollte sie fragen.

“Kann ich mich mal umsehen?“, fragte er, aber sie hörte nur “Kann ich dich endlich küssen?“
Wenn ihre Zunge nicht so taub gewesen wäre, hätte sie ihm vermutlich “Ja, bitte“, geantwortet.
Sie beobachtete ihn wie durch eine milchige Fensterscheibe hindurch, als er vor ein paar Photos stehenblieb, die sich als Dekoration auf einem kleinen, runden Beistelltisch aus Glas befanden.
Sie drückte den letzten Rest ihrer Zigarette in ihrem Ritzenhoff Aschenbecher aus, während sie sich fragte, wer die eigentlich zu Ende geraucht hattte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, auch nur ein einziges Mal daran gezogen zu haben. Bei jedem kleinen Schritt, den er machte knarrte das Parkett. Das Geräusch irritierte sie beinahe mehr, als die Tatsache, dass der schönste Mann der Welt gerade Bilder von ihrem letzten Italienunrlaub in der Hand hielt. Dumpf konnte sie sich an einen Schnappschuß ihrer Freundin erinnern, in dem sie mit einer überdimensionalen Sonnenbrille an einer noch größeren Eiswaffel schleckte. Sie verfluchte den Moment, in dem sie das Bild, das sie wie eine riesige Stubenfliege mit Sonnenbrand, präsentierte, eingerahmt hatte. Vielleicht erkannte er sie darauf ja gar nicht...
Er sah zu ihr hin und lächelte. Sie nahm einen Schluck Wein aus dem langstieligen Glas und lächelte zurück. In ihrem Bauch wurde es warm und irgendwie duftete es ganz leicht nach gebrannten Mandeln.
`Er kann mich ja auch später noch küssen` sagte sie sich und strich sich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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