Rose Blanche

Der Tanz des Adlers (erster Teil aus “Raymonds Liebe“)

1867. Als ich das erste Mal diese graziöse blasse und ausgemergelte Gestalt sah, konnte ich es kaum fassen, dass dies ein Mensch sein sollte. Enrico Camically, rot-blondes Haar, das wie Kupfer in der Sonne glänzte, grüne Augen, die Anmut, Angst und Widerstand verbargen. Sommersprossen, die auf seiner Nase spielten und ein Mund, der sich nie zu einem Lächeln verzog. Ja die Abwesenheit eines Lachens ist für mich geheimnisvoll und merkwürdig geblieben. Noch immer verstehe ich den Grund nicht. Seine Größe war ungewöhnlich für einen Jungen von 17 Jahren. Er überragte mich um einen halben Kopf. Wenn ich vor dem Spiegel stand, sah ich einen 21jährigen Raymond Syscarre. Die mittelgroße viel zu kräftig gebaute Gestalt, das schwarze Haar, das unbändig in alle Richtungen abstand, die braunen Augen, die Treue und Leid vermittelten und die bronzene Haut. Ich war also das genaue Gegenteil von Enrico, doch trotzdem hatten wir etwas gemeinsam. Wir beide gingen auf die Hochschule für Jungen in dem kleinen italienischen Dorf San Mar Vanione. Enrico kam als Neuling in unsere Semesterklasse. Er war hoch begabt und langweilte sich in den Unterstufen, deshalb schickten ihn seine Professoren auf diese Hochschule. Er kam zu spät und ohne anzuklopfen, was sich im Laufe der Zeit nicht ändern sollte, in unsere Klasse hinein und setzte sich, ohne ein einziges Wort zu sagen, vorne in die Bank. Professor Monsignore Scanvanere sah Enrico verächtlich an, dieser starrte schweigend zurück. Nachdem Signore Scanvanere Enrico einige Minuten stumm und lauernd an gesehen hatte und dieser den Blick erwiderte, schrie er laut auf und zerrte Enrico an den Ohren von dem Platz herunter, dieser gab keinen Laut von sich. Er schleifte den Jungen zu seinem Pult und holte den Rohrstock hervor. Enrico sah auf, noch immer gab er keinen Laut von sich, nur die nackte Angst spiegelte sich in den Augen wieder. Professor Scanvanere lachte und sagte boshaft: „Ja Jungchen, jetzt zitterst du.“
Enrico schwieg.
„Verdammt noch mal,“, rief Signore Scanvanere wütend, „Machst du jetzt endlich deinen Mund auf und sagst mir wer du bist und weshalb du zu spät kommst!“
Wieder Schweigen. Da sauste der Stock hinunter und mit einem krachenden Geräusch zerbrach dieser. Ungläubig sah der Professor auf die zerbrochenen Teile des Rohrstockes und dann auf diese abgemagerte Gestalt zu seinen Füßen, die ihn stumm ansah. Zum ersten Mal in meiner Studentenzeit, sah ich wie Monsignore Scanvanere die Worte fehlten und sich Wuttränen in seinen Augen sammelten. Nachdem er sich wieder entsonnen hatte schrie er mit seiner donnernden Stimme: „Raus, sofort!“
Doch Enrico stand auf und setzte sich abermals schweigend auf den Platz. Da brach Signore Scanvanere in eine unbändige Wut aus. Ich glaube dieses Bild werde ich nie vergessen, wie sich der Signore einem Jaguar gleich auf Enrico stürzte und ihn verprügelte. Wir alle sahen ohnmächtig zu, keiner von uns Studenten konnte etwas tun oder sagen. Nach einigen Sekunden der Ohnmächtigkeit, sprang ich mit einem Satz nach unten und griff nach meinem Professor. Dieser wehrte sich heftig und ich bekam einige Tritte und Flüche. Endlich besonnen sich die Anderen und halfen. Sie schleiften Professor Scanvanere aus dem Saal. Noch immer hallen mir seine Flüche und Verwünschungen im Ohr. Ich sah dem Haufen von schreienden und kämpfenden Studenten nach, die verzweifelt den weitaus stärkeren Mann hinaus brachten und zu beruhigen versuchten. Plötzlich ertönte eine schwache Stimme neben mir: „Was ist los?“
Ich wandte mich erschrocken um und sah auf das dünne blasse und blutüberzogenen Gesicht, in den Augen Furcht und Hochmut. Enrico richtete sich zu meiner Verwunderung auf. Ich wusste nämlich wie kräftig Signore Scanvanere war, denn auch ich wurde schon einmal von ihm verprügelt. Er stand auf und klopfte sich den Staub aus seiner Hose.
„Mann,“, sagte ich lächelnd, „Bisher hat sich so etwas noch kein Student geleistet. Professor Scanvanere wird dich für den Rest seines Lebens hassen. Ach überrings ich bin Raymond Syscarre.“
Ich streckte ihm meine Hand entgegen, diese sah er misstrauisch an. Dies verwunderte mich einwenig, aber es faszinierte mich auch zugleich. Ich wollte hinter sein Geheimnis kommen.
„Enrico, Enrico Camically.”, sagte er plötzlich.
Von seiner Stimme war ich ziemlich überrascht. Sie passte nicht zu ihm. Sie strahlte Leidenschaft und Angst aus, wenn man ihn hörte, wollte man ihn in die Arme nehmen und beschützen. Genau das tat ich auch. Ich schlang meine Arme um ihn und presste ihn gegen meine Brust. Seine Gestalt täuschte, denn obwohl er mager war, war er dennoch kräftig. Ich landete mit einem Satz auf dem Boden, bevor ich wusste wie mir geschah. Nachdem ich mich entsonnen hatte sah ich auf. Vor mir stand die riesige Gestalt Enricos, er sah mich lauernd an und plötzlich sank er neben mir nieder.
„Verzeih bitte, aber... .“
Ich presste meinen Finger auf seinen Mund und sagte sanft: „Schon gut, ich hätte das nicht tun sollen. Ich müsste mich bei dir entschuldigen.“
Enrico sah mir in meine Augen und plötzlich hatte ich so ein seltsames Gefühl. Ich wollte ihn küssen, streicheln und besitzen. Ich wollte seinen Körper auf meinem spüren, seinen Atem auf meiner Haut fühlen und ich wollte meine Nase in seinem Geruch sonnen. Enrico schien meine Gedanken gelesen zu haben oder es lag daran das ich angefangen hatte zu zittern, denn urplötzlich stand er auf und ging. Ich saß noch lange auf dem Boden und starrte zur Tür. Was war das nur für ein seltsames Gefühl gewesen? Diese Augen, dieser Mund, dieser unbändige Hass. Irgendwann wurde es mir zu kalt und auch ich ging. Doch ich ging nicht in den Unterricht, nein es zog mich in den Park. Dort ging ich zwischen Rosen und Veilchen, sah zum Himmel empor und beobachtete den Flug der Vögel. Ich lauschte dem Rauschen des Baches in der Nähe und den lustigen Gesprächen der Spatzen. Ich schloss meine Augen und sog den Duft der Umgebung ein. Plötzlich stieß ich gegen irgendetwas und fiel. Ich öffnete die Augen und überlegte was geschehen war. Da ertönte eine Stimme: „Sag mal kannst du nicht aufpassen wo du... ?“
Ich sah in das überraschte und wütende Gesicht von Enrico. Dieser schluckte und stieß mich von sich. Ich stand auf und streckte ihm meine Hand entgegen und sagte: „Entschuldige bitte. Aber sag mal was machst du eigentlich hier, müsstest du nicht im Unterricht sein ?“
Enrico sah mich verwundet an, dann stand er auf ohne meiner Hilfeleistung auch nur eine geringe Beachtung zuschenken und meinte grob: „Das geht dich gar nichts an! Und außerdem bist du ja auch nicht im Unterricht, oder?“
Jetzt sah ich ihn verwundert an. Verdammt, er hatte recht. Stöhnend drehte ich mich um und ging. Am Ende des Tages setzte ich mich auf mein Bett und grübelte, darüber muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich schwebte zwischen der Grenze der Realität und des Traumes, als ich plötzlich von einem krachenden Geräusch geweckt wurde. Unwillkürlich öffnete ich die Augen und schrie auf. Über mich beugte sich ein Gesicht und sah mich an. Ich sprang auf, dabei schlugen unsere Köpfe gegen einander, ich sank auf mein Bett zurück und rieb mir die schmerzende Stelle. Erst jetzt vernahm ich das boshafte Fluchen vom Boden. Ich sah hinunter und schrie abermals auf. Dort saß Enrico und schimpfte wie ein Rohrspatz.
„Begrüßt man so einen Zimmergenossen?“, fragte er bitter und erhob sich.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder fluchen sollte. Einerseits war es mir angenehm, dass Enrico nun für immer in meiner Nähe war, aber andererseits war das Zimmer für zwei Menschen zu klein. So saß ich stumm auf meinem Bett und stierte Enrico an. Dieser erwiderte meine Blicke und fragte säuerlich: „Sag, hast du noch nie einen Menschen gesehen oder weshalb starrst du mich wie ein Fabeltier an?“
Ich schwieg. Stöhnend setzte er sich auf eine Liege und stützte den Kopf auf seinen Händen ab. So verbrachten wir die ganze Nacht, schweigend und einander anstarrend. Die darauf folgenden Nächte verbrachte ich mit einer gewissen Unruhe, immer wieder schreckte ich aus meinen Träumen auf und bemerkte das feuchte Bettlaken. Ich sah auf Enrico, auch diesen Anblick werde ich nie vergessen. Wenn er schlief, sah er so hilflos und klein aus, oft entwichen Tränen aus seinen Augen und er sprach, obwohl anflehen besser ausgedrückt wäre. Dann stahl ich mich aus meinem Bett und setzte mich neben ihn. Meine Hand wanderte über sein weiches leicht gewelltes Haar, das selbst im Schlaf immer gut lag. Ich beugte mich über ihn und küsste seine Wange, die seltsamer Weise eine rosige Färbung angenommen hatte. Ja, wenn Enrico schlief, schien er sich verändert zu haben. Dieser sonst so unantastbare widerständliche und starke Mensch, war nun hilflos, verloren und einsam. Oh wie gerne hätte ich ihn an meine Brust gepresst und ihm all meine Liebe und Wärme gegeben. So saß ich bis zum Morgengrauen wo Enrico erwachte. Dann spürte ich seine strafenden Blicke. Ich fragte mich dann immer, ob er wusste was ich in der Nacht tat. Den Tag über versuchte ich in seiner Nähe zu bleiben, wenn es mir meine Zeit erlaubte, von der ich dank Signore Scanvanere nur sehr wenig hatte. Die anderen Studenten und auch die Professoren verfolgten uns mit ihren Blicken. Enrico ließ das kalt und er schlenderte über die Promenade und durch den Park, ich als ewiger Schatten hinter ihm. Ja, ich liebte es ihn zu beobachten, zu verfolgen und mich dann aus dem Schatten schleichend zu ihm zu begeben. Dann redeten wir eine Weile über alles was uns einfiel. So erfuhr ich das Enrico eigentlich aus Dublin kam und sein Vater durch die Ehe mit der Tochter eines reichen Fabrikbesitzers nach Italien gekommen war. Seine Mutter starb an einer Lungenentzündung und bis zu Enricos 13. Lebensjahres kümmerte sich der Vater um ihn. Doch irgendwann verarmte der Vater und nur durch die Ehe mit der Tochter eines irischen Krongutbesitzers, welche eigentlich seit der Geburt vereinbart war, konnte der Vater, Enricos weitere Schulbildung finanzieren. Dann blieb Enrico stehen und verlor sich in seinen Gedanken. Er starrte dann auf den Bach oder in den Himmel und ich bemerkte wie seine Seele flüchtete. Der Signore hatte es nach einigen Wochen aufgegeben Enrico für das Zu-Spät kommen zu verprügeln. Ich glaube er begriff, dass er diesen Jungen nicht ändern konnte und er sich jedes Mal einen neuen Rohrstock besorgen musste, was häufig unangenehme Fragen bei den Kollegen zur Folge hatte. Wie genau Enrico das mit dem Rohrstock machte, hat keiner jemals herausgefunden. Professor Scanvanere selbst kochte innerlich vor Wut. Ich wusste, dass er nach dem Unterricht diese an einem Sandsack ausließ, der schon einige Risse und Beulen hatte. Oft hörte ich seine donnernde Stimme fluchen und schreien. Nach sechs Monaten ging Monsignore Scanvanere feiwillig zurück nach Venedig. Jetzt begann eine Zeit, in der ich mich intensiver meinen Studien und Enrico widmen konnte. Ich bemühte mich um seine Zuneigung und Aufmerksamkeit, doch alles was ich tat schlug fehl. Dies schmetterte mich nieder und ich saß dann betrübt auf meinem Bett und lernte bis ich vor Müdigkeit zusammen sank. Doch das sollte sich eines nachts ändern. Es war eine kalte Herbstnacht und die Fensterläden ließen die eisige Luft hindurch. Ich fror kaum und schlief deshalb schnell ein, den Tag über hatte ich hart gearbeitet und nun ruhte ich mich aus. Mitten in der Nacht stieß ich gegen etwas Weiches und Warmes. Ich glaubte erst an den fetten Kater des Direktors und stieß es deshalb fluchend aus dem Bett. Ich hörte nur noch einen harten Aufprall und den Aufschrei von Enrico, dann bekam ich einen harten Schlag in mein Gesicht. Mit einem Satz schoss ich hoch und sah in das wütende Gesicht von Enrico. Verschlafen und grimmig fragte ich nach dem Grund seines Übergriffes. Er sagte säuerlich: „Mein Bett war mir zu kalt, da bin ich in deines gekrochen. Doch du magst wohl keine Bettgesellschaft, denn ich landete so schnell wie ich im Bett war auch wieder hinaus.“
Zum Glück war es tiefschwarze Nacht, so das Enrico mein rotangelaufenes Gesicht nicht sehen konnte.
„Ich dachte es wäre der Kater von Monsignore Sebastione.“, stotterte ich.
Enrico stöhnte und kletterte zurück in mein Bett. Ich schluckte, denn so nahe war ich ihm noch nie gewesen. Ich konnte seinen Körper durch den dünnen Stoff fühlen. Ich spürte wie sich seine Muskeln langsam entspannten, wie sich sein Herzschlag verlangsamte und sein Atem ruhiger wurde, er schlief ein. Ich lag neben ihm und sog den Duft seines Körpers ein. Er hatte einen süßlichen Geruch, der mich an Honig erinnerte, dieser vermengte sich leicht mit dem salzigen Duft von Schweiß. Da konnte ich meinen Gefühlen nicht mehr widerstehen. Ich küsste ihn. Plötzlich schlug er seine Augen auf, ich schreckte hoch und machte mich auf einen harten Kampf gefasst. Doch stattdessen, sah Enrico mir in die Augen und erwiderte meinen Kuss leidenschaftlich. Meine Hände und Lippen erforschten seinen Körper, ich küsste jede Stelle und er erwiderte meine Berührungen. Unsere Körper vereinten sich zu einer Einheit, ich ließ meinen Gefühlen freien Laufen und auch Enrico stellte sich als sehr fantasiereich und geschickt heraus. Ich entdeckte Stellen an meinem Körper, von denen ich nicht wusste das es sie gab. Immer mehr steigerte sich unsere Lust und Begierde, dann schliefen wir miteinander. Ich vergub meine Hände und Gesicht in seinen Körper und zitterte vor Erregung. Seine rhytmischen und fordernden Bewegungen raubten mir fast die Sinne, ich konnte und wollte es nicht mehr zurückhalten und mir schien als würde ich explodieren. Fester umschlang ich ihn und drückte mich tiefer in ihn, schließlich stöhnte er leise auf und zum ersten Mal sah ich, wie sein Körper einem herabstürzenden Adler glich. Erschöpft schlief er in meinen Armen ein und ich glaubte ein zartes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Ich lag noch lange wach, ich dachte über uns beide nach. Irgendwann schlief auch ich ein. Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Sonnenstrahl geweckt. Ich öffnete die Augen und blinzelte auf diesen, der mir die Ritzen im Fensterladen enthüllte. Plötzlich bemerkte ich, dass ich alleine war. Ich fragte mich, ob dies alles nur ein Traum gewesen war, sprang auf und zog mich an. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, obwohl es ziemlich kalt war. Da sah ich ihn plötzlich stehen. L’angelo dell’oscurità. Das flachsblonde lange Haar wehte im Wind, die schmalen Lippen zu einem hinterhältigen Lächeln verzogen, als er mich erblickte und sein gefährliches Lachen in der ganzen Bosheit erklingend, fixierte er mich mit seinen kalten eisblauen Augen an. Armand de Fauchee, der 19-jährige Sohn eines französischen Grafen und einer billigen Hure. Immer tadellos und immer auf ein Liebesabenteuer erpicht. Durch seine eher femininen Gesichtszüge und dem zarten Körperbau, glich er einem Engel, deshalb auch unter uns Studenten als ~L’angelo dell’oscurità~, Engel der Finsternis, bekannt. Neben ihm stand Enrico. Als ich ihn sah, wusste ich die letzte Nacht war kein Traum gewesen. Enricos Blässe wich einem leichten Rosa. In seinen Augen konnte ich plötzlich die unbändige Leidenschaft erkennen. Ja, er wusste was letzte Nacht geschehen war und er fühlte das Gleiche wie ich, Scham. Armand schien dies bemerkt zu haben und mit seinem triumphierenden Lächeln, ließ er es uns beide wissen. Enrico blieb stehen, als ich auf Beide zuging.
„Ich wünsche einen schönen Morgen, Monsieur Raymond.“, sagte Armand hinterlistig, „Sagen Sie, haben Sie wohl geruht ?“
„Ich kann mich nicht beklagen, Monsignore.“, antwortete ich bitter und sah dabei erwartend auf Enrico. Dieser blickte mich säuerlich an. Ich wusste jetzt, dass ich etwas falsch gemacht hatte.
„Verzeiht bitte, Signore de Fauchee, aber ich möchte gerne mit meinem Zimmergenossen sprechen.“, sagte ich und blickte Armand auffordernd an. Dieser lächelte, verbeugte sich vor mir und ging hinter mir vorbei, wobei er mir ins Ohr wisperte: „Du hast einen guten Geschmack. Dieser Bursche ist ein Prachtstück. Aber wenn du... .“
Ich drehte mich um und gab Armand einen kräftigen Stoß, so das dieser zurück taumelte und fast stürzte. Wütend sagte ich zu ihm: „Verschwinde und lass die Finger von Enrico, sonst bekommst du es mit mir zutun!“
Armand ging laut lachend über die Promenade. Als ich mich zurück zu Enrico drehte, schlug dieser mich nieder und brüllte mich an: „Du bist nicht mein Vater!“
Dann drehte er sich um und ging. Ich starrte ihm verdutzt hinterher. Die darauffolgenden Tage strafte mich Enrico mit Verachtung und seinem Hochmut. Vor seinen Augen quälte ich mich, ich lernte und arbeitete so hart, bis ich irgendwann erschöpft zusammen brach und fieberte. Der entlose Fiebertraum war ein einziger Alpdruck und ich schoss schreiend in meinem Bett empor. Neben mir saß Enrico und schaute besorgt auf mich.
„Du hast lange geschlafen, Raymond. Fast eine Woche, ich dachte schon du würdest...!“
„Sterben? Meinst du etwa ich lasse dich alleine?“, fragte ich sanft und strich ihm durch sein Haar und über sein Gesicht. Enrico sah auf. Mein Gott, diese Augen. Ich küsste ihn, doch er schien irgendwie gehemmt und erwiderte den Kuss kaum. Da klopfte es, herein trat Armand und kam auf uns zu. Er drückte Enrico einen Kuss auf die Stirn und reichte mir die Hand und versah die meinige mit einem leidenschaftlichen Kuss. Misstrauisch sah ich Beide an. Ein Verdacht sowie ein schmerzendes Gefühl in meinem Herzen kamen auf. Enrico stand auf, küsste jeden von uns zum Abschied und ging hinaus. Dafür setzte Armand sich neben mich. Wenn ich nicht so schwach gewesen wäre, hätte ich mich auf diesen Bastard gestürzt und erdrosselt. Er legte seine Hand auf meine Stirn.
„Deine Temperatur ist zwar gesunken, aber trotzdem bist du noch krank. Du Dummkopf, weshalb hast du das deinem wunderschönen Körper angetan?“
Ich schwieg, grübelte nach und entschloss mich Armand den Rücken zu zudrehen. Dieser stöhnte und nannte mich einen unverbesserlichen Sturkopf. Dann strich er mir durch das Haar.
„Du hast wunderschönes Haar, genau wie Enrico, weißt du das?“
Das reichte, mit einer einzigen Bewegung drehte ich mich um und schlug Armand nieder. Er landete auf dem Boden, dort blieb er sitzen, fing an zu lachen und meinte solch ein Liebesbeweis habe er noch nie bekommen. Ich schrie auf.
„Verschwinde, aber sofort und lass dich hier nie mehr blicken!“, zeterte ich und schleuderte ihm mein Kissen, dass immer zu einem Paket zusammen gerollt war, in sein Gesicht. Plötzlich fing er an aus der Nase zu bluten. Er öffnete das Paket und entnahm daraus meine dicke Bibel. Ich hatte vergessen sie herauszunehmen. Ich schluckte und starrte ihn und meine Bibel an. Seine kalten Augen wurden noch kälter und sein hübsches Gesicht verzog sich zu einer grimmigen Fratze. Er erhob sich und stand wie ein Racheengel vor mir. Ich kannte die Wutausbrüche von Armand, er war eben der Sohn eines Grafen und solchen Widerstand nicht gewohnt. Die Bibel in der Hand trat er auf mich zu, hob sie empor und ließ sie auf meinen Beinen fallen. Ich schrie vor Schmerzen auf, da stürmte Enrico das Zimmer. Armand stand in seiner koketten Haltung vor mir und wandte sich dann Enrico zu. Dieser funkelte ihn an. Ich war indessen zurück in mein Bett gesunken und biss die Zähne schmerzunterdrückend zusammen. Armand ging hinaus und drückte Enrico abermals einen Kuss auf. Dann drehte er sich noch einmal um and sah mich höhnisch lächelnd an. Es dauerte noch eine Woche bis ich wieder an den Studien teilnehmen konnte, währenddessen versorgt mich Enrico mit allem was ich verlangte und blieb immer in meiner Nähe. Nur des Nachts schlich er sich hinaus und kam erst im Morgengrauen wieder. Ich spürte wie mich Eifersucht von innen zerfraß. Irgendwann stellte ich Enrico zur Rede. Ich wollte Gewissheit haben und Bestätigung. Er antwortete nicht. Es war das erste Mal das ich Enrico schlug, aber er schwieg weiter hin und sah mich mit seinen widerständlichen und hochmütigen Augen an. Ich stieß ihn auf seine Liege und ging trotzig an ihm vorbei. Ich sagte nur noch: „Ach tu doch was du willst!“ und schmiss die Tür zu.
Als ich nach einigen Stunden zurückkehrte, war Enrico verschwunden. Ich suchte ihn überall, doch keiner hatte ihn gesehen. Ich dachte nach und ging zum Park. In meinen Träumen und Gedanken vertieft, merkte ich nicht wie ich den Weg unter meinen Füssen verlor und in ein entlegendes Waldstück hinein geriet. Erst als ich gegen etwas stieß, kam ich wieder zu Bewusstsein. Ich sah mich verstört um und fragte mich wo ich war, da zog etwas an meiner Hose. Ich blickte herab und zu meinen Füssen saß Enrico und schaute mich grimmig an. Plötzlich tauchte Armand auf. Er war mir hinterher geschlichen, in der Hoffnung er könne sich doch noch an mir vergehen. Doch als er Enrico erblickte, rief er freudig aus: „Nun sind wir alle vereint. Der zärtliche Sturkopf, der stumme Adler und der teuflische Engel.“
„Perfekte Assoziationen, Armand. Wirklich.“, knurrte ich.
Enrico sprang auf, stieß mich zu Boden und griff Armands Handgelenk, zog er ihn mit sich und rief: „Jetzt tue ich mit dir was ich will, Raymond. Du bist nur ein Spielzeug.“, dann waren sie außer Sicht.
Ich rappelte mich auf und suchte den Weg zurück. Erst spät in der Nacht kam ich endlich wieder zurück in das Zimmer. Ich setzte mich auf das Bett und grübelte wieder. In der Nacht hörte ich die Tür knarren. Ich dachte erst es sei Enrico, aber ich sollte mich irren. Warme und weiche Lippen berührten meine. Ich antwortete mit einer Leidenschaft die heißer als Feuer brannte. Hände erforschten meinen Körper. Ich genoss die Berührungen. Und erwiderte sie. Meine Lippen erforschten jeden Zentimeter des Körpers. Da merkte ich, dass dies nicht Enrico war. Ich zündete eine Kerze an und sah in das boshaft lächelnde Gesicht von Armand. Ich stieß ihn aus meinem Bett, zog ihn an seinen Ohren aus dem Zimmer und ließ die Tür vor seiner Nase laut in das Schloss fallen. Ich begab mich in mein Bett zurück und fasste einen Entschluss. Ich wollte Enrico aus meinem Leben verbannen, wollte zurück nach Hause und die versprochene Ehe eingehen. Doch ich habe es nie getan. Nacht für Nacht lag ich wach und dachte an Enrico. Tagsüber sah ich ihn selten. Er war ein Einzelgänger, das wusste ich, und er würde nie zusammen mit dem L’angelo dell’oscurità auf der Promenade oder im Park sein. Er war nur nachts bei ihm, dies ließ mich innerlich triumphieren, doch zerbrach es mir auch mein Herz. Diese schmerzende Lücke in meinem Herzen wurde von Tag zu Tag größer und ich gab mich jedem hin. Ich verkaufte meinen Körper an jeden Studenten und Professor, arbeitete wieder hart und versuchte durch Lernen zu vergessen. Ich stumpfte ab. Inzwischen war es fast wieder Frühling. Die ersten Blüten brachen hervor und vertrieben den Winter. Eines nachts klopfte es an meine Tür. Ich öffnete und schrie vor Entsetzten auf, es war Enrico. Blutüberströmt stand er vor mir. Seine Nase schien gebrochen, das linke Auge schwoll zu, Blut tropfte aus seinen Mundwinkeln. Er wischte es sich ab. Die Kleidung war zerrissen und die dadurch entblößte Haut war mit Wunden und Narben übersäht. Ich wusste das Armand ihn so zugerichtet hatte und dafür sollte er büßen. Ich wollte aus dem Zimmer stürmen, doch Enrico hielt mich zurück.
„Mach dir keine Sorgen. L’angelo dell’oscurità hat seine gerechte Strafe bekommen.“
Dieses Funkeln in seinen Augen ließ mich Furchtbares erahnen. Was hatte Enrico getan? Dieser Hochmut in seinen Augen, dieser unbändige Hass. Er schien zu wissen was ich dachte und küsste mich leidenschaftlich und ich ließ mich darauf ein. Fordernd drückte er mich in das Zimmer und auf das Bett, entkleidete mich rasch und wir verbrachten die Nacht zusammen, erforschten und liebten uns einander wie vor drei Monaten. Als wir uns später miteinander kuschelnd erholten, sagte Enrico zart:
„Ich liebe dich, Raymond. Verzeih’ mir.“, dann schlief er ein auf meiner Brust ein. 
Ich betrachtete ihn und strich ihm einige Strähnen aus seinem Gesicht. Dann überfiel auch mich schwere Müdigkeit. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Enrico fort. Doch diesmal war er für immer gegangen. Von den anderen Studenten erfuhr ich, dass Armand und Enrico tot aufgefunden wurden. Man hatte Armand in der Nacht auf brutalste Weise ermordet, kaum etwas war noch von seiner ursprünglich schönen und koketten Gestalt erkennbar. Der Täter war Enrico. Dieser hatte sich am Morgen in der Nähe des Baches das Leben genommen. Das Blut vermengte sich mit dem Wasser, so war seine Seele nun wirklich geflüchtet. Ich ging zu der Beerdigung, nahm so Abschied und verzieh ihm.

Als ich das erste Mal diese graziöse blasse und ausgemergelte Gestalt sah, konnte ich es kaum fassen dass dies ein Mensch sein sollte. Enrico Camically, rot-blondes Haar, das wie Kupfer in der Sonne glänzte, grüne Augen, die Anmut, Angst und Widerstand verbargen. Sommersprossen, die auf seiner Nase spielten und ein Mund, der sich nie zu einem Lächeln verzog. Er war 17 Jahren und er war ungewöhnlich groß. Noch immer ist mir seine Stimme in der Erinnerung geblieben, wie sie zu mir das letzte Mal sagte:
„Ich liebe dich, Raymond. Verzeih’ mir.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

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