Haro Baum

Von den seltsamen Nebenwirkungen einer Ehescheidung

Ich reiste mit Rainer B. an die Textilfachmesse in R. Eine rund fünfstündige Bahnfahrt lag
vor uns. Im sechsplätzigen Waggonabteil waren wir die meiste Zeit allein. Beide waren wir
Mitte Zwanzig und arbeiteten seit rund zwei Jahren zusammen in einem
Textilveredlungslabor. Wir waren befreundet und verbrachten auch einen Teil unserer
Freizeit miteinander. Rainer B. war ein aufgeschlossener Typ mit originellen Einfällen und
grosser Toleranz gegenüber seiner Umwelt. Über seine Vergangenheit und seine
persönlichen Verhältnisse wusste ich bis zu dieser Bahnfahrt jedoch fast nichts, weil er
kaum je von sich selbst erzählt hatte.

Wir redeten während der Reise locker über berufliche und innerbetriebliche Dinge, über
Tagespolitik, sportliche Ereignisse und gemeinsame Freizeiterlebnisse. Dabei wurde mir
bewusst, dass Rainer B. eine Macke hatte. Er war nicht imstand, sich längere Zeit
hinzusetzen. Bei unserer Arbeit mussten wir auch die meiste Zeit stehen, darum fiel es nicht
auf, dass Rainer B. anscheinend kein Sitzleder hatte. Unsere Freizeit verbrachten wir fast
ausschliesslich in Bars und auf Sportplätzen. Auch da stehen die Leute meistens herum
oder sind in Bewegung. Auf dieser Bahnfahrt hatte ich das erste Mal Zeit und Gelegenheit,
Rainer B. genauer zu beobachten, und das tat ich mit keinen guten Gefühlen. Er stand
immer wieder auf, ohne ersichtlichen Grund und ging ziellos im Abteil herum. Ich wurde
zunehmend nervöser, und es wurmte mich richtiggehend, nicht zu wissen, was der Grund
für diese Umtriebigkeit war. Vielleicht hatte Rainer B. beim Sitzen körperliche Beschwerden.

Also fragte ich gerade heraus: „Rainer, warum tigerst du immer so herum.“
„Was meinst du damit“, fragte er etwas verblüfft zurück.
„Die meiste Zeit stehst du da oder bewegst dich durch’s Abteil. Warum bleibst du nicht
einfach sitzen, bis wir angekommen sind. Wenn du dich ständig bewegst, wird die Fahrzeit
auch nicht kürzer, oder hast du irgendwelche Schmerzen beim Sitzen?“
„Nein, i wo! Ich bin einfach ein ausgesprochener Bewegungsmensch. Sitzen finde ich
schlicht langweilig“, sagte Rainer, wandte sich von mir ab und stützte sich mit
ausgestreckten Armen gegen das Fenster des Waggons.
„Ist es dir peinlich, darüber zu sprechen“, bohrte ich weiter. „Wenn’s nur Hämorriden sind, tu
dir keinen Zwang an, hatte ich auch schon. Ist verdammt unangenehm beim Sitzen.“
„Nein, i wo!“, antwortete Rainer und schaute weiter durchs Fenster auf die vorbeifliegende
Landschaft. „Ich bin halt ein Mensch, der nicht gerne sitzt. Das ist die kurze und präzise
Erklärung zu meinem Verhalten.“
„Aber sitzen entspannt doch. Du kannst dich dabei bestens erholen. Jeder Mensch braucht
das. Sonst würden nicht überall Stühle und Bänke stehen, wo Menschen warten müssen
oder sich ausruhen wollen“, fuhr ich fort. „Du bist doch kein Pferd, das naturgemäss auf den
Beinen sein muss und sich nur nieder lässt, wenn es krank ist.“
Rainer ging abermals durch’s Abteil und sagte: „Ich setze mich ja auch immer wieder für
kurze Zeit hin, wenn du das noch nicht bemerkt hast. Das genügt mir vollauf. Ich fühle mich
eindeutig wohler, wenn ich stehen oder herumgehen kann.“
„Ehrlich gesagt, mich macht das nervös, wenn du hier im Abteil ständig herumtigerst“,
begann ich mich jetzt unverblümt zu äussern. „Es raubt mir die Ruhe, weil ich annehmen
muss, dass dich was plagt, dass du unruhig bist, ohne dass ich den Grund dafür kenne.
Kannst du das verstehen?“
„Entschuldige, wenn ich dir auf die Nerven gehe“, sagte Rainer und setzte sich mir
gegenüber etwas heftig aufs Polster. „Und ob ich das verstehe. Weisst du, du bist nicht der
erste, der sich wegen meines Wandertriebs enerviert. Ich habe da schon zweimal bittere
Erfahrungen damit machen müssen.“
„Wieso“, fragte ich interessiert.
Rainer erhob sich erneut, ging zum Fenster des Waggons und lehnte mit dem Rücken an
die Scheibe. „Meine erste Freundin hat mir deswegen den Laufpass gegeben“, sagte er.
„Sie könne meine ständige Unruhe nicht mehr ertragen, hatte sie mir gesagt.“
„Na, ganz unverständlich ist das nicht“, unterbrach ich Rainer.
„Ich war dann mit Maya zusammen, meine zweite Freundin, und die Beziehung scheiterte
wieder aus dem genau gleichen Grund.“ Rainer zuckte mit den Schultern und fuhr fort: „Ich
bin darauf zu einem Psychotherapeuten gegangen. Du bist der Erste, dem ich das sage.“

Rainer erzählte mir eine unglaubliche Geschichte. Abwechslungsweise sass er dabei,
stand auf und ging im Bahnabteil herum. Er sei in Australien auf die Welt gekommen. Seine
Mutter sei eine Schweizerin gewesen und sein Vater ein Australier. Die Eltern hätten sich
scheiden lassen, als er drei Jahre alt gewesen sei. Mutter und Vater hätten vor den
australischen Gerichten erbittert um das Sorgerecht für ihn gekämpft. Letztinstanzlich sei er
seinem Vater zugesprochen worden. Die Mutter sei darauf in ihre Heimat zurück gekehrt.
Nach etwa einem halben Jahr sei sie wieder in Australien aufgetaucht und habe ihn beim
Vater abgeholt, mit dem Versprechen, ihn nach drei Tagen wieder zurückzubringen. Die
Mutter sei mit ihm aber direkt zum Flugplatz gefahren und in die Schweiz geflogen. Der Vater
habe umgehend bei den Schweizer Behörden Klage wegen Kindsentführung eingereicht.
Der Fall sei durch alle Schweizer Gerichtsinstanzen gegangen und habe zwei Jahre
gedauert. Der Vater habe auch diesmal Recht bekommen und er hätte wieder nach
Australien zurückgebracht werden sollen.

„Hier begann die eigentliche Geschichte, die mich noch heute verfolgt und vielleicht wirklich
die Erklärung für meinen Wandertrieb ist“, sagte Rainer. „Meine Mutter wehrte sich mit
Händen und Füssen gegen meine Rückschaffung nach Australien. Sie mobilisierte die
Medien, und die berichteten ausschliesslich zu ihren Gunsten über den Fall. In der
Öffentlichkeit stiess sie mit ihrer Geschichte auf grosse Sympathien. Eine Bürgeraktion
wurde organisiert, die Wachen um das Haus aufstellte, in welchem ich mit meiner Mutter
wohnte, und gar mit einer Blockade des Flughafens drohte, falls ich zu meinem Vater
zurückgebracht werden sollte. Meine Mutter präparierte mich gegen meinen Vater. Ich
begann zu schreien und zu toben, wenn ich auch nur seinen Namen hörte. Die zuständige
Behörde in der Stadt, in welcher wir lebten, sah sich schliesslich zur Rechtsdurchsetzung
ausserstande und hat eine entsprechende Verfügung erlassen. Ich wurde vorerst in ein
Kinderheim gebracht.“
„Woher weisst du das alles so genau“, fragte ich.
„Jahre später sind mir alle Akten zu dem Fall ausgehändigt worden“, antwortete Rainer. „Ich
kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das war Bürokratie pur. In die Rückschaffung zu
meinem Vater waren die lokale Polizei der Stadt, in der wir lebten, die kantonale Polizei, die
Flughafenpolizei und schliesslich der Pilot des Flugzeuges involviert, der mich hätte nach
Australien zurückfliegen sollen. Alle Instanzen hatten gesetzlich nur räumlich beschränkte
Handlunskompetenzen. Die Stadtpolizei wäre zuständig für das Gebiet der Stadt gewesen,
die Kantonspolizei für das Gebiet des Kantons und die Flughafenpolizei für den Airport, falls
ich hätte zurück gebracht werden sollen. Der Pilot schliesslich hätte mich - vielmehr meine
Mutter, die mich hätte begleiten sollen - aus dem Flugzeug weisen können, falls sie
Renitenz gezeigt hätte, was ja sehr wahrscheinlich der Fall gewesen wäre. Und weil ich von
meiner Mutter gegen meinen Vater instrumentalisiert worden war, habe ich absolute Unlust
markiert, nach Australien zurückzukehren. Eine Rückschaffung gegen meinen Widerstand
wiederum wäre ein Verstoss gegen das internationale Kinderschutzabkommen gewesen.
Also war die Rechtsdurchsetzung nicht möglich. Mein Vater hatte gegen die Verfügung
natürlich Rekurs gemacht. Es vergingen wieder zwei Jahre, und ich war inzwischen schon in
der Schule.“

Das Gezerre habe ihm arg zu schaffen gemacht, fuhr Rainer fort. In der Schule sei er
auffällig gewesen, hätte nie still sitzen können, habe immer herumgehen müssen. Nur
wenn er sich habe bewegen können, sei ihm einigermassen wohl in seiner Haut gewesen.
Der Schulpsychologe hätte sich mit ihm befassen müssen und in einem Gutachten auf
Hyperaktivität getippt. Er sei in eine ambulante Therapie geschickt worden. Allmählich hätte
er in den Schulbetrieb integriert werden können. Ein wirklich herzliches Verhältnis habe er
zu seiner Mutter nie gehabt. Sie hätte ihn irgendwie als Beute betrachtet und behandelt und
ihm einen Hass auf seinen Vater indoktriniert. Das habe ihn mächtig gestresst.
Phasenweise sei er immer wieder in diese heillose Umtriebigkeit zurückgefallen.

„Als ich sechzehn war, ist meiner Mutter plötzlich an Krebs gestorben“, sagte Rainer. „Ich bin
unter Vormundschaft gestellt worden. Die Behörden suchten in Australien nach meinem
Vater. Dieser war aber inzwischen nach Brasilien ausgewandert und wurde nie gefunden.
Ich besuchte die Textilfachschule und wohnte in einem Schülerheim. Als ich achtzehn war,
wurde die Vormundschaft aufgehoben. Ich liess mich zum Textilingenieur ausbilden. In
dieser Zeit hatte ich mich ziemlich unter Kontrolle und war nur noch selten umtriebig. Vor
etwa drei Jahren bin ich aber wieder in diese unkontrollierte Unrast zurückgefallen. Mein
Psychotherapeut sagt, ich hätte eine starke Neurose entwickelt. Diese hänge mit den
Ereignissen in der frühen Kindheit zusammen. Ich sei traumatisiert. Immer wenn Stress auf
mich zu käme, würde ich mich in diese Umtriebigkeit retten, um meine Probleme zu lösen.
Das sei aber nur eine Scheinlösung, die in der Kindheit funktioniert hätte, weil ich damit die
Hinundhergerissenheit zwischen Mutter und Vater psychisch hätte kompensieren können.
Jetzt gehe es aber nicht mehr um Mutter und Vater. Bei der Problemlösung im
Erwachsenenleben sei dieses Verhalten völlig irrational. Ich habe das begriffen, aber ich
kann vorerst nichts dagegen tun. Diese Unruhe überkommt mich einfach. Und das kann für
andere Leute sehr lästig sein. Ich weiss das.“

Rainer hatte dicke Schweissperlen auf seiner Stirn und hyperventilierte. „Beruhige dich“,
sagte ich zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter. „Du hast jetzt Stress, weil wir an
der Messe für 250.000 Franken neue Labortechnologie ordern müssen. Wir schaffen das,
Rainer. Wir sind zu zweit. Bei dem Gezerre zwischen Mutter und Vater, da warst du allein. Da
hat dir keiner geholfen. Die Situation ist jetzt eine völlig andere, glaube mir. Auch ich habe
Stress. Es geht um viel Geld, und wenn wir nicht genau aufpassen, setzen wir es in den
Sand. Das wird aber nicht passieren. Ich verlasse mich ganz auf dich.“ Dies Messe verlief
glatt. Rainer sass bei zwei Fachreferaten, die über eine Stunde dauerten, ruhig und gelöst
neben mir. Er ist kein einziges Mal aufgestanden und hat nie ziellos herumgehen müssen.
Die technischen Apparate, die wir für unser Labor einkauften, haben sich alle bewährt.

Die Geschichte ist der Fantasie entsprungen, ist
aber, soweit es den juristischen Streit um das
Sorgerecht in dem Scheidungsfall resp. die
verhinderte Rechtsdurchsetzung der
diesbezüglichen Urteile geht, real.
Haro Baum, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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