Georg Kaiser

Der grüne Teufel

Ich habe im Laufe der Zeit festgestellt,dass ich in die charmante Bahnhofsbar “Les Arcades“ immer wieder,am liebsten spät Abends zum letzten Drink zurückkehren muss. Ausserdem ist mir selber aufgefallen,dass die Dauer meiner Aufenthalte mit der Müdigkeit am Ende des Tages direkt korreliert ist. “Les Arcades“ ist fast eine Institution für Zürich die vor ein Paar Jahren treu nach Originalplänen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts restauriert und mit viel Prominenz wiedereröffnet wurde,denn Angesichts der wirtschaftlichen Einfluss dieser Stadt ist der Hauptbahnhof überdimensioniert gross und “Les Arcades “ ist sowas wie die Präsentationskarte des Hauptbahnhofs.Die Räumlichkeiten sind dementsprechend fast pompös mit einem Hauch der “Belle epoque“ behaftet wie prunkhafte Verzierungen auf der Decke,viel Goldblatt und falscher Marmor sowie originale Getränkeplakate aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg die an den Wänden hinter der schwarzen Marmortheke des Bars hängen (die ist aus echtem marmor).Eins von diesen Plakaten zeigt einen grünen Teufel mit einer Flasche in der Hand als ob er die Vorzüge der Likörmarke preisen würde und gleichzeitig die eintretende Gäste mit einem zynischen Lächeln begrüsst und beobachtet.Die Gäste setzen sich aus allen erdenklichen Vertreter der verschiedenen Gesellschaftschichten,Ethnien,Berufssparten,Kulturen und Subkulturen der Stadt,aber erst spätabends ist die menschliche Fauna am interessantesten weil in jeder Fauna etwas vorhanden ist was sich an diesem Ort zu dieser Zeit deutlich beobachten lässt,nähmlich ein gewisses Territorialverhalten.

Die Afrikaner haben die Nordseite der Eingangshalle buchstäblich besetzt,auffällig ist die strikte Trennung zwischen Ethiopier und Somalier einerseits und die Westafrikaner anderseits,sie meiden sich und reden kein einziges Wort miteinander,die Säufer sind eher im Zentrum oder an der Theke konzentriert,die Reisende,die es sehr eilig haben bleiben an den Stehplätze und verschwinden so schnell wie sie gekommen sind.Diejenige Gäste die nicht so auffällig sind gehen in den hinteren Teil des Lokals,dieser ist heller,besser beleuchtet als die Eingangshalle mit ihren schweren Marmortischen in grau-schwarz,der dunkle Holzboden und die phantasmagorisch hängende aschengrüne Vorhänge direkt neben den Haupteingang.Ich behaupte sogar,dass die Eingangshalle ein Reservoir für zweibeinige Schattengewächse geworden ist.Oft sind es psychisch labile Menschen dort,nicht jeder glotzt einen Fremden an um den selben Fremden die traurige Geschichte seines Lebens zu erzählen,nicht jeder führt Selbsgespräche oder fühlt sich von unsichtbaren Feinden verfolgt,oft sind es auch Menschen am Rande des sozialen Zusammenbruchs,halbgescheiterte Biografien oder um einen deutschen Politiker zu zitieren: “Wohlstandsmüll“,diese Menschen sind entweder an ihrem schweren Gang oder an seinen Gesten fast sofort zu erkennen:fieberhaftes Geschreibsel auf Magazinen,die selbe Kleider seit 2 Monaten oder Mehr,die Selbstgespräche,lautes Bestellen und leicht zu provozierende Erregbarkeit oder gar Wutanfälle,manche von ihnen sind zerquetscht von Schicksalsschlägen,zerissen im Trudel selbstverschuldeter Katastrophen,geplagt und zerschmettert von der eigenen Sucht,Einsamkeit oder halt die Unfähigkeit mit ihrer Zeit Schritt zu halten.

Meine Mutter sagte ein Mal zu mir: “Die Züge und die Trams sind die Gedärme dieser Stadt und dementsprechend kannst du dort alles finden was unter der Sonne blüht“.Sie hatte Recht,aber ich möchte zu diesem zutreffenden Kommentar 2 Ergänzungen machen:

1): Gedärme und dessen Inhalt konvergieren in einem Punkt und dieser Punkt ist der Hauptbahnhof.
2): Nicht nur unter der Sonne blüht etwas,sondern auch unter dem Mond,unter der Sternen,unter der elektrischen Lichter der Stadt und unter dem Lächeln des Grünen Teufels neben dem Haupteingang.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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