Hans Pürstner

Adventszeit


Die Adventszeit hatte etwas ungeheuer Aufregendes für mich. Kaum war das erste Fenster im Adventskalender geöffnet, begann das Schönste an Weihnachten:
Die Vorfreude. Ich fürchte, das können Kinder heute gar nicht mehr nachvollziehen, was Vorfreude wirklich bedeutet. Nicht nur, dass in der jetzigen Zeit schon im September die ersten Zimtsterne und Elisenlebkuchen in den Regalen stehen, auch die Mandarinen und Orangen gibt es jederzeit zu kaufen. Aber damals bekam man sie erst im Dezember, und daran merkten wir, dass Weihnachten nicht mehr allzu fern war. Auch am Wetter konnte man unschwer erkennen, dass wir bald den ersten Schnee bekommen würden. Und damit die Aussicht auf Schlittenfahren und Schneemann bauen. Als ich noch ganz klein war, versteckte meine Mutter täglich irgend eine Kleinigkeit, wie Bonbons oder Kekse, unter der Küchenbank oder dem Kleiderschrank. Und so rutschte ich jeden Morgen erwartungsvoll auf dem Bauch durch die Küche, um zu sehen, ob das Christkind etwas verloren habe. Und in der Stadt öffneten die Maronibrater ihre Stände. Freudig begrüßt von mir und allen anderen Feinschmeckern. Ich weiß, ich rede dauernd über Essbares. Tut mir leid, aber so ganz zufällig bin ich später nicht Koch geworden. ( Und Größe XL!)
Auf jeden Fall hatte das Warten bald ein Ende, und ich mußte mit meiner Oma zum Friedhof fahren, um an den Gräbern der Verwandten Lichter anzuzünden. Das war das Signal für mich. Heute kommt das Christkind!
Während wir unterwegs waren, schmückte meine Mutter den Weihnachtsbaum. Das wußte ich am Anfang natürlich noch nicht. So wartete ich nach der Rückkehr vom Friedhof geduldig in der Küche, bis das Christkind endlich fertig war. War das eine Freude, wenn der geschmückte Baum dann in vollem Glanz vor uns stand. Meine Augen leuchteten so hell wie die Kerzen, wenn ich meine Geschenke auspackte. Die Augen meiner Mutter etwas weniger. Warum, sollte ich einige Jahre später erfahren, als ich dann selbst beim Schmücken helfen durfte. Dieser blöde Baum passte nämlich nie in den Ständer! Sosehr sich meine Mutter auch abmühte und mit dem alten Brotmesser am Stamm herumschnitzte. Der Baum stand schief. Da wär´s nichts geworden mit dem schönen Lied
“Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum!“ Wir hätten höchstens singen können “Wie schief sind deine Blätter!“
Also mußte e r kommen! Der Retter vom Heiligen Abend, Herr Pilz, unser Nachbar von Parterre. Der brachte seine Handsäge mit und handwerkliches Geschick, schwupp, schon stand er gerade, der Christbaum. Und sie war wieder einmal gerettet, die Stille Nacht, Heilige Nacht.

Die schönste Erinnerung an Weihnachten, die Vorfreude, ist heute leider nur noch Geschichte. Zumindest in unserer konsumorientierten Welt. Aber eine Erinnerung ist mir geblieben. Der Geschmack von Mutters Lebkuchen. Selbst heute noch, mit ihren dreiundachtzig Jahren, stellt sie sich Ende November in die Küche, knetet mühsam den Teig, sticht Figuren aus und belegt sie mit Nüssen. Anfang Dezember klingelt dann der Postbote in Hamburg an der Tür mit einem Paket voll herrlich duftender Erinnerungen!Hans Pürstner, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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