Sandra Benedetto

A Vampire Story

Ein merkwürdiger Traum



Auf dem Fensterbrett saß ein Mädchen von ungefähr 15 Jahren, die Arme um die Beine geschlungen, das Gesicht darin vergraben. Langes, braunes Haar hing ihr an den Schultern hinunter, Tränen rannen ihr über die Wangen. Draußen klatschte der Regen gegen das Fenster vor dem sie saß. Ihr war kalt. Eine Gänsehaut bildete sich und erzog sich über ihren gesamten Körper. Sie schlang ihre Arme noch fester um ihre Beine und verharrte so einen kurzen Moment lang. Langsam erhob sie den Kopf und starrte hinaus in die Dunkelheit, nur eine Laterne strahlte ein wenig Licht aus. Doch diese fing augenblicklich in dem Moment an zu flackern und verlosch. Dicke Tropfen fielen auf die Strasse. Plötzlich sah das Mädchen ein Augenpaar aufleuchten und schauderte heftig. Diese Augen waren rot! Blutrot! Sie starrten zu ihr hoch. So schnell sie gekommen waren verschwanden sie jedoch wieder. An der Stelle sah sie jetzt wie sich etwas Kleines, Schwarzes in die Luft emporhob. Sie hielt den Atem an. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Grübelnd lehnte sie sich an einen Balken zurück.
Eine winzige Gestalt kam auf sie zu gelaufen, sprang auf ihren Schoß und fing laut an zu Schnurren. Das Mädchen, immer noch in Gedanken versunken, fing an das Kätzchen zu streicheln. Sogar die Katze merkte, dass sie in Gedanken war und stupste sie deshalb mehrmals gegen den Handknöchel, um sich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu ergattern. Behutsam setzte sie das Tierchen auf den Boden und kroch in ihr Bett, in das ihr die kleine sogleich folgte.
Zusammengekuschelt lagen die beiden die ganze Nacht hindurch da. Doch das Mädchen hatte einen sehr merkwürdigen Traum:
Sie stand in einem kalten, dunklen Raum, an dessen Wänden weder Bilder noch irgendwelche Fenster zu erkennen waren. Vorsichtig schlich sie sich nun durch diese kerkerähnliche Kammer, bis sie die Wand berührte und sich an dieser weiter fortbewegte. Ihr Herz raste, da sie nicht wusste, wo sie sich hier befand und was noch so alles in der Dunkelheit lauerte. Sie spürte auf einmal etwas Warmes in ihrem Nacken. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken und eine Gänsehaut erzog sich über ihren gesamten Körper. Was darauf geschah, lief alles in wenigen Sekunden ab. Sie spürte eine kalte Hand an ihrer Schulter, die sie ruckartig herumdrehte. Nun sah sie in blutrote Augen. Zu Tode erschrocken versuchte sie sich in irgendeiner Weise zu bewegen, fortzulaufen.
Irgendetwas jedoch hielt sie zurück. Es war nicht die Hand, eher eine unsichtbare Kraft, die sich, wie ein durchsichtiger Schleier, um sie legte. Diese Kraft schien von dem auszugehen, das sie da gepackt hatte. Es wurde ihr eiskalt, die Hand auf ihrer Schulter schien vor Kälte anfangen zu brennen. Das einzige was sie noch sah war, wie diese Gestalt ihren Mund öffnete und ein Gebiss mit sehr langen und vor allem spitzen Eckzähnen zum Vorschein kam.
Die Angst übermannte sie und plötzlich wurde es ihr schwarz vor Augen. Sie konnte aber noch spüren, was jetzt vor sich ging. Sie schien nicht umzufallen, sonst hätte sie es gespürt. Diese Person schien sie festzuhalten. Person.? Konnte man dieses Wesen wirklich als Person bezeichnen? Sie spürte wieder den warmen Atem auf der Haut. Das Gesicht des Monsters war nun ganz nah. Blitzartig verspürte sie einen stechenden Schmerz an ihrem Hals. Dieses Wesen hatte sie tatsächlich gebissen! War es möglich? War diese Gestalt ein Vampir?
Mit frischem Mut öffnete sie zögerlich ihre Augen und abermals blickte sie in diese unheimlichen, roten Augen. Blut tropfte an seinen Eckzähnen hinunter und er fing an zu grinsen. Ein wahrhaft bösartiges Grinsen. Es schauderte sie, als sie bemerkte, wie warmes Blut an ihrem Hals hinunterlief, das der Vampir sogleich ableckte und sie dabei keine Sekunde aus den Augen ließ.
Als er, so schien es, sein Mahl beendet hatte, legte er sie auf den Boden und entschwand, indem er sich in Luft auflöste. Unfähig sich zu bewegen, lag sie da. Der Schmerz am Hals ließ nach, doch jetzt merkte sie, wie hart und kalt der Fußboden war. Sie fing fürchterlich an zu frieren.
Schweißgebadet wachte sie auf. Die Sonne strahlte hell und freundlich durch das Fenster, Vögel zwitscherten. Zu ihrer rechten lag eingerollt die Katze. Die Erinnerungen an die letzte Nacht kamen hoch und jetzt gingen ihr tausende von Gedanken durch den Kopf. Warum dieser Traum? Warum hatte der Vampir sie nicht getötet? Hatte er nicht genug Macht dazu?
Sie setzte sich auf und starrte schweigend die Wand ihr gegenüber an.
Minutenlang saß sie so da, als plötzlich eine raue Männerstimme durchs Haus schallte und sie damit aus ihren Gedankengängen riss: "Miyuki?! Wo bleibst du? Ich muss heute noch zur Arbeit und habe mein Frühstück noch nicht bekommen! Beeil dich mal! Miyuki!!!" Das Mädchen, dessen Name gerade gerufen worden war, rappelte sich unter seufzen auf. "Der hat es heute ja wieder eilig.", flüsterte sie leise vor sich in. Die kleine Katze streckte sich genüsslich und riss das Maul auf, um herzhaft zu gähnen. "Guten Morgen, Hiatari, meine Süße", begrüßte sie die Kleine, während sie sich hastig ihre Schuluniform überzog. Schnell huschte sie ins Bad kämmte sich und putzte die Zähne.
Als sie in die Küche kam, saß ihr Vater schon am Frühstückstisch und fing sogleich an zu Schimpfen, wie ein Rohrspatz. Doch Miyuki hörte gar nicht richtig hin und verstand nur so viel, wie sie wäre zu spät dran und solle sich gefälligst mal etwas beeilen. Schläfrig bereitete sie ihm sein Frühstück und setzte es ihm vor. Er ließ dem Fraß, wie er es nannte, kein gutes Haar. Überall hatte er etwas auszusetzen. Sie war das gewöhnt, sodass ihr das herzlich wenig ausmachte. Ein gutes Jahr lief das jetzt schon so, seit ihre Mutter an Krebs ums Leben kam.
Die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter, machten ihr schwer zu schaffen. Es bildete sich ein gewaltiger Kloß in ihrem Hals, der sie schon fast am Schlucken hinderte. Seitdem seine Frau aus seinem Leben getreten war, führte er sich so widerlich auf und machte Miyuki das Leben zur Hölle. Alle Hausarbeiten waren ihr überlassen. Gedankenverloren stand sie am Frühstückstisch und starrte den Boden an. "He, du!", herrschte sie ihr Vater an, "Nicht träumen! Hier gibt es Geschirr, das weggeräumt werden möchte. Schwermütig räumte sie ab und bemerkte mit unglaublicher Wut, dass er nicht einmal alles aufgegessen hatte. Sie stellte es an der Spüle ab und ballte die Fäuste hinter dem Rücken. Sie wusste was passieren würde, wenn ihr Vater das sehen würde. Dieser jedoch schien nicht das Geringste bemerkt zu haben und stand auf.
In der Eingangshalle zog er sich Mantel und Schuhe an, wobei er besonders kräftig mit den Füßen stampfte, damit der schon hart gewordene Dreck heraus fiel. Mit Absicht stieg er noch einmal drauf, um ihn besonders fest da hineinzuquetschen.
Als Miyuki auch soweit war, sich die Schuhe anzuziehen, entdeckte sie diese Sauerei. Vor Wut kochend, dachte sie: "Wie ich ihn doch hasse! Hat er denn nichts Besseres zu tun?" Wutentbrannt stampfte sie zur Tür hinaus und schlenderte den Gehweg entlang. Da entdeckte sie die Stelle mit der Laterne, an der sie gestern Nacht diese seltsame Beobachtung gemacht hatte. Voller Grauen richtete sie den Blick davon ab und wendete sich wieder der Straße zu.
Voller Freude auf ihre beste Freundin Yuuko bog sie um die nächste Ecke zu deren Haus, wo sie von ihr schon immer sehnsüchtig erwartet wurde. Aber was war heute los? Wo war sie denn? Ihr suchender Blick schweifte über sie Straße und endlich entdeckte sie ihre beste Freundin. Da stand sie, ihre kurzes, grünes Haar zu einem mickrigen Pferdeschwanz zusammengebunden, mit einem Mädchen, dessen strohblondes Haar in der Sonne glitzerte und das Miyuki noch nie gesehen hatte. Verwundert ging sie auf die beiden zu, wünschte einen guten Morgen, doch keins der zwei Mädchen erwiderte auch nur ein Wort und zogen mit schallendem Lachen und verächtlichen Blicken einfach an ihr vorbei, als ob sie sich noch nie im Leben gesehen hätten.

Erwartungen

Erwartungen
Hoch wie der Everest
Unerfüllt
Stürzen
Lebenslang
Begraben die Kraft
Heidi Rautert

Jetzt fiel ihr auch auf, dass das andere Mädchen nicht etwas kränklich wirkte, aber es machte nicht einmal den Eindruck so gemein zu sein.
Mit leerem Blick starrte Miyuki den beiden nach, bis man sie nur noch schemenhaft erkennen konnte. Erst dann begann sie wieder weiterzulaufen. Am Schuleingang angekommen, auf den Boden starrend, merkte sie gar nicht, als sie etwas anrempelte. "Autsch! Hey, was soll das denn?" "Hm?", sie blickte hoch und sah in wirklich wunderschöne blaue Augen, "Oh, Entschuldigung. Wollte ich nicht", sagte sie etwas betrübt und wendete ihren Blick wieder ab. Der Junge blickte sie unmissverständlich an, sagte aber nichts mehr. Miyuki machte sich nun auf den Weg in ihr Klassenzimmer. Sie setzte sich auf ihren Platz und fragte sich, wo Yuuko steckte. Sie saßen doch nebeneinander. Da sah Miyuki sie: An einem Platz ganz ohne Banknachbar. "Was will sie denn damit bezwecken?", fragte sich Miyuki.
Ganz in Gedanken vertieft, warum sie all so etwas tat, starrte sie auf ihre Tischplatte und merkte gar nicht, wie die Lehrerin hereinkam. Was sie auch nicht bemerkte, an ihrer Seite hatte die Lehrerin zwei neue Schüler. "Liebe Klasse", begann sie, "das sind Aya Tajima", sie zeigte auf das Mädchen, "und Shiro Fukuda." Blitzschnell blickte Miyuki, wieder zu sich gekommen, auf und sah sie: Das neue Mädchen war das, das sie mit Yuuko gesehen hatte. Sie hieß also Aya., diese blickte freundlich in die Klasse. Miyuki bemerkte auch noch diesen Jungen, Shiro. Ihr klappte die Kinnlade herunter. "Diesen Typen habe ich doch heute Morgen angerempelt!" Er grinste sie frech an und wollte ihr damit verstehen machen, dass er es immer noch wusste. Erst jetzt fiel ihr sein blondes Haar auf und dass er eigentlich wirklich hübsch war. "So, ihr beiden", die Lehrerin wendete sich den Neuen zu, "wo wollt ihr denn sitzen? Zwei Plätze sind noch frei. Ladies first!"
Sofort hob Yuuko die Hand: "Aya kann sich zu mir hinsetzten!", plärrte sie durch das ganze Klassenzimmer. "Ach, das hatte sie vor", dämmerte es Miyuki. Sie hatte ganz vergessen, dass neben ihr ja auch noch ein Platz frei war. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich mich hier hinsetzten, Frau Goto", Shiro wies auf den freien Stuhl an Miyukis Bank. "Setz dich nur, hast ja gar keine andere Wahl." Er bewegte sich auf den Platz zu und ließ sich schließlich darin sinken. "Und wie geht's?", fragte er Miyuki grinsend, die es noch nicht mal wahrgenommen hatte. "Was?" Sie blickte ihn völlig überrumpelt an. "Warum sitzt du denn jetzt hier?", stotterte sie überrascht. "Tja, das war der letzte freie Sitzplatz. Oder wär's dir lieber, wenn ich stehen müsste?" "Ja", motzte sie pampig. Verdattert sah er sie an. Diese Antwort hatte er ja als letztes erwartet. Das war doch wirklich die Höhe: jetzt saß tatsächlich dieser Kerl neben ihr! Jetzt, wo sie doch schon genug Probleme hatte, tauchte der hier auf. "Nicht zu fassen!", dachte sie empört.
Den ganzen Tag über, starrte sie nur auf die Tafel und verschwendete keinen Gedanken an diesen Shiro. Dieser versuchte jedoch, in jeder freien Minute, sie in irgendeiner Weise zu ärgern. Einmal stieß er sie unter der Bank mehrmals mit seinem Bein an, was ihm offensichtlich viel Freude bereitete. Erst als sie ihm einen genervten Blick zuwarf, gab er auf. In einer anderen Stunde schmiss er versehentlich (eigentlich war es pure Absicht) ihren Bleistift von der Bank, der dann über den Boden kullerte. Voller Wut sah sie ihn an, krabbelte unter ihren Tisch und tauchte mit dem Bleistift wieder auf. Ziemlich säuerlich sah sie ihn an. Shiro grinste nur, was sie nun wirklich richtig aufregte.
"Warum tut er das?", fragte sie sich verzweifelt, "was hab ich ihm denn nur getan?" Traurig blickte sie wieder an die Tafel. So viele Gemeinheiten waren nicht zum Aushalten! Ihr Vater, Yuuko und jetzt der hier! Shiro bemerkte, wie traurig sie aussah und gab dann endlich Ruhe.
Am Schluss der letzten Stunde klingelte endlich die Schulglocke. Die Schüler strömten in Massen nach draußen, unterhielten sich mit ihren Freunden. So auch Yuuko und Aya. Miyuki musste nun allein nach Hause laufen. Sie bemerkte nicht, wie Shiro ihr heimlich folgte. Mitten auf der Straße fing Miyuki auf einmal an zu strahlen. Ungläubig starrte Shiro aus sicherem Abstand an. Keiner sonst, nicht einmal sie selbst schien es zu bemerken. "Hier hast du dich also versteckt", dachte er sich und bei diesem Gedanken fing er an zu grinsen. Ein wirklich triumphierendes Grinsen. "Hab ich doch geahnt, dass du das bist. Langsam und mit einigem Abstand folgte er ihr, bis sie an ihrem Haus angelangte.
Shiro blieb hinter einer Ecke stehen und beobachtete alles, was nun geschah. "Dann wird ich mir mal dein Luxus Leben genauer ansehen. Was wollen wir wetten, dass du ein sicherlich wundervolles Leben führst! Ist doch auch typisch für Engel, bekommen von Gott auch nur das Beste!" Voller Neid starrte er ihr jetzt hinterher.
Urplötzlich ging die Haustür auf und ihr Vater trat heraus. "Ah, da ist ja schon dein Vater, der dich gleich heftig umarmen wird. Gleich wird auch noch deine Mutter hinzutreten und dir einen Kuss geben", flüsterte Shiro. Gewaltiger Zorn stieg in ihm hoch.
Doch was er jetzt sah, ließ ihm den Atem stocken: Ihr Vater packte Miyuki gewaltsam am Arm und zerrte sie, ihr Handgelenk fest im Griff, zur Tür hinein. Verwundert betrachtete Shiro diese Szene: "Und ich dachte." Schwer Schluckend schlich er sich im Schutz der Hecke zu einem Busch, in dem er sich gut verstecken konnte und von dem aus er direkt in eins der Fenster blicken konnte. Mit lautem Herzklopfen beobachtete, wie ihr Vater mit voller Wucht auf sie einschlug. Nach einer Weile ließ er von ihr ab und sie stürmte aus seinem Sichtfeld. Shiro sah auch, wie Tränen ihr aus den Augen schossen.
Er bewegte sich zum Gehen. "Keine liebevolle Mutter, kein sich Sorgen machender Vater. Nichts!", grübelte er. Kurze Zeit später betrat er ein kleines Haus mithilfe seines Schlüssels. Die Wohnung schien klein und verlassen. "Auch sie hat niemanden, der für sie da ist", dachte er, ließ sich in einen Sessel sinken und starrte noch kurze Zeit vor sich her.



Wunderliche Rettung


"Wir werden nächsten Monat in das Schullandheim fahren, wie ihr sicherlich noch wisst", verkündete die Lehrerin fröhlich. Es traf Miyuki wie ein Blitzschlag: Mit wem sollte sie sich bitte ein Zimmer teilen? Die anderen Mädchen hatten schon alle beschlossen, mit ihrer besten Freundin zu gehen, denn in den vielen gemeinsamen Jahren dieser Klasse hatten sich unglaublich starke Freundschaften gebildet.
"Na toll", dachte sie sich, "Vielleicht sollte ich so tun als ob ich krank wäre? Aber mein Vater würde mich nie schwänzen lassen." "Mit wem teilst du dir denn ein Zimmer?", fragte Shiro plötzlich und brachte sie damit von ihren Gedankengängen ab. Die ganze Klasse lärmte lautstark. "Weiß ich noch nicht", erhielt er die knappe Antwort. "Was geht ihn das denn an?", fragte sie sich im Stillen.
"Dann wollen wir jetzt zur Einteilung der Zimmer schreiten. Zwei Personen pro Zimmer", erklärte die Lehrerin. Sofort war die Schülerschar wieder mucksmäuschenstill. Rasch waren die Zimmer eingeteilt, nur Shiro und Miyuki verblieben noch. "Was soll ich denn jetzt tun?", fragte sich die Lehrerin, "Mädchen und Jungen müssen getrennt schlafen und ich war mir doch so sicher, dass das klappt. Wenn jetzt noch zwei Zimmer frei wären, wäre das ja kein Problem, aber da nun mal nur noch eins frei ist, wird ich wohl." Mit lauter Stimme begann sie dann: "Shiro, Miyuki, ihr müsst euch leider ein Zimmer teilen. Es lässt sich leider nicht vermeiden."
"Was?!", Miyuki sprang entsetzt auf, "D- Da- Das können sie. das dürfen sie doch nicht tun!"
"Na ja, er wird dich ja nicht gleich in der Nacht überfallen", beruhigte sie Frau Goto.
Darum ging es ihr doch gar nicht! Sie konnte ihn einfach nicht ausstehen! Das war doch unmöglich!
"Shiro?"
"Ja, Frau Goto?"
"Versprichst du mir, ihr nichts anzutun?", harkte die Lehrerin nach.
"Natürlich nicht!", beteuerte er.
"Siehst du, Miyuki? Kein Problem. Okay, dann wäre das auch erledigt", seufzte Frau Goto.
"Warum ich?", aufgewühlt saß Miyuki auf ihrem Stuhl. Als sie bemerkte, wie Shiro sie angrinste, riss ihr der Geduldsfaden. "Na, vielen Dank noch!", polterte sie ihn an, "Darauf hätte ich echt verzichten können!"
"Jetzt nimm das doch nicht so schwer", redete er auf sie ein, "Es wird bestimmt lustig!"
"Das befürchte ich auch", herrschte sie ihn an. Etwas geknickt sah Shiro an die Tafel und fragte sich, wie er sie für sich gewinnen könnte.
Als die Schulglocke endlich das Ende des Unterrichts verkündete, quetschten sich die Schüler durch den Eingang hinaus ins Freie.
Es regnete in Strömen. Der Regen schoss auf das Kopfsteinpflaster nieder, wie Kugeln aus einer Waffe. Furchtbar starker Wind wehte. Miyuki kämpfte gegen diesen an, der Regen klatschte ihr in das Gesicht, sodass sie fast nichts mehr erkennen konnte. Zu dumm, dass sie ihren Regenschirm nicht dabei hatte. Ohne es zu merken, lief sie langsam auf die Straße zu, da der Regen viel zu dicht war, um etwas zu sehen. Betrübt über den Gedanken, wie die Woche im Schullandheim ablaufen würde, achtete sie auch gar nicht darauf, wo sie hinlief, da sie fest davon überzeugt war, den richtigen Weg entlangzulaufen. Plötzlich sah sie durch die dichte Regenwand etwas strahlend Weißes aufblitzen. Wie gelähmt starrte Miyuki diesen Lichtern entgegen, ohne sich auch nur ein Stück zu bewegen. Anscheinen befand sie sich in einer Schocksituation, da sie nun bemerkte, was da auf sie zukam. Unfähig sich zu bewegen, stand sie da. Der Autofahrer war gerade damit beschäftigt irgendetwas unter seinem Sitz hervorzuholen und sah es aber deswegen auch nicht ein, langsamer zu fahren.
Zitternd stand Miyuki da, als sie auf einmal irgendetwas packte und sie zu Boden riss. Ihr wurde schwarz vor Augen und das, an was sie sich zuletzt erinnern konnte war, wie sie mit ihrem Kopf auf harten Asphalt aufkam.
Schon wieder hatte sie einen merkwürdigen Traum, doch diesmal schien alles fiel realer. Sie lag diesmal gefesselt auf einer Art Folterbank. Wieder in einem dunklen Raum, in dem man nichts hätte erkennen können. Wie aus dem Nichts erschien jetzt ein Licht, ein weißes, das sich dann jedoch in einen Grauton verwandelte. Schwer schluckend lag sie da. Sie fühlte wie es auf einmal wieder kalt wurde. Kälter als das letzte Mal, falls das noch möglich war.
Aus dem Nebel erschien nun wieder dieses Monster. Miyuki blickte in die Selben blutroten Augen und erstarrte augenblicklich. Riesige Angst kroch in ihr hoch. Sie sah diesem Vampir jetzt nicht nur in die Augen, wie sie es letztes Mal getan hatte, sondern sie musterte ihn genau. Er war ein durchschnittlicher großer Mann, obwohl. er noch sehr jung aussah. Keinerlei Falten in seinem Gesicht. Schwarzes, kurzes, rebellisches Haar, das in alle Seiten stand, ein schwarzer Ring im Ohr. Insgesamt machte er einen wilden Eindruck. Er schritt langsam auf sie zu und grinste teuflisch, beugte sich über sie, stützte sich mit den Händen auf dem Foltertisch ab. Er war ihr jetzt ganz nah, so nah, dass sie seinen Atem im Gesicht spüren konnte. Sie zuckte und versuchte loszukommen, doch diese schweren Eisenketten machten es ihr unmöglich. Panisch sah sie ihn an, was ihn offenbar belustigte.
"Du kannst mir nicht entkommen", flüsterte er Miyuki ins Ohr.
Er begann sie am Hals zu lecken, knöpfte ihre Schuluniform ein wenig auf und wanderte mit seiner Zunge bis zu ihrem Décolleté. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte erneut sich zu befreien, doch es war hoffnungslos hier zu entkommen. Seine Gelüste schienen sich zu steigern und er fuhr mit seiner Hand, unter ihrem Rock, zwischen ihre Beine. Dort fasste er ihr hart an den Oberschenkel, zog die Hand aber nach kurzer Zeit wieder zurück und legte sich nun mit seinem ganzen Körper auf sie. Dann spürte sie, wie er abermals mit seiner Zunge an ihrem Hals entlangfuhr und sie ahnte schon, was jetzt kommen würde. Erst spürte sie nur ein leichtes Pieksen, doch allmählich wurde es zu einem unerträglichen Schmerz. Warmes Blut lief ihr am Hals hinunter, das er dann wieder wegleckte. Nun steckte er ihr noch mit aller Gewalt seine blutige Zunge in den Mund und spielte dort mit der ihren herum. Verschreckt lag Miyuki da und begriff nur langsam, was hier geschah. Dieser Blutgeschmack in ihrem Mund brachte sie fast zum erbrechen. Endlich ließ dieses Monster von ihr ab, stand auf und verschwand wieder, indem es sich in Nebel auflöste. Plötzlich schnappten die Eisenschnallen, die ihr um die Fuß-und Handgelenke gewickelt waren, auf. Sie raffte sich mit letzter Kraft hoch, stieg von dem Foltertisch herunter und als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, versagten ihr die Beine und sie fiel auf den kalten, harten Steinboden.
Zögerlich schlug sie die Augen auf, vor sich sah sie, sie konnte es kaum fassen, das Gesicht von Shiro. Er schien zu schlafen. Sie fand sich in einem kleinen Raum wieder, in dem es fast zu dunkel war um etwas zu erkennen. Fast.
"W-Wie lang hab ich denn geschlafen?", wunderte sie sich.



Danksagung


S
hiro atmete leise. Miyuki lag in einem fremden Bett. Shiro nur mit seinem Oberkörper.
"Wo bin ich denn hier?", überlegte sie, "Wohnt er etwa hier? Wo ist dann seine Familie?" Sie stand auf, stieg vorsichtig über ihn hinweg und sah sich dieses Haus einmal genauer an. "Hier ist ja überhaupt kein Platz für mehrere Personen. Heißt das, er lebt allein?"
Sie hatte immer noch ihre nasse Schuluniform an. Sofort tastete sie ihren Hals ab, um nach den Bissen zu suchen, die der Vampir ihr in ihrem Traum zugefügt hatte. Sie glaubte zwar nicht, dass sie tatsächlich existierten, aber es beschlich sie ein seltsames Gefühl, das sie zum Nachsehen alarmierte. Ihr stockte der Atem, ihr Herz schien kurz stillzustehen: Die Bisse, sie waren da! Dann war das kein Traum, nur wie. Hatte er etwas damit zu tun? Langsam ließ sie sich auf einen Sessel in einem Raum nieder, der so aussah, als ob hier das Wohnzimmer sein sollte. Geistesabwesend starrte sie vor sich hin. Miyuki stand auf und ging zur Haustür. "Nur noch hier weg!", dachte sie, als jemand sie von hinten ums Handgelenk fasste.
"Wo willst du hin?" Es war Shiro, der verschlafen wirkte.
Sie wirbelte herum. Er sah doch gar nicht so aus, wie dieses Monster, aber der Schein konnte trügen.
"Nach Hause", sagte sie barsch und wandte sich wieder um zum Gehen. Doch Shiro wollte sie einfach nicht loslassen. "Was ist denn noch?", fuhr sie ihn an.
"Ach, nichts." Er ließ los und verschwand im Haus.
Sie blieb verwundert stehen, machte sich dann aber auf den Weg nach Hause. Erst jetzt wurde ihr klar, dass Shiro sie gerettet hatte.
"Ich hab mich nicht einmal bedankt, ich dumme Kuh!", fluchte sie vor sich in. Schnell machte sie kehrt und lief zurück zu seinem Haus.
Es dauerte eine Weile, bis die Tür geöffnet wurde. Erstaunt starrte Shiro sie an. "Ja, also", begann sie, "ich wollte mich bei dir bedanken. Du hast mich doch gerettet. Danke, vielen Dank!" Zuerst hatte sie auf den Boden geschaut, doch dann blickte sie ihm freundlich ins Gesicht. Shiro wurde ein Wenig rot und wusste zuerst gar nicht, wie er reagieren sollte. "Äh,.", stammelte er, "Gern geschehen. Keine Ursache." Urplötzlich umarmte er sie und drückte sie an sich.
Eigentlich wollte Miyuki Protest erheben, doch es gefiel ihr. Es wurde ihr so richtig warm. Sie fühlte sich wohl. Seit langer Zeit einmal wieder.
Langsam löste er sich von ihr, drehte sich schnell weg und schloss die Tür hinter sich. Miyuki stand draußen und fragte sich, was das nun wieder sollte.
Shiro lehnte sich innen an die Tür, sank langsam daran hinunter und vergrub das Gesicht in den Händen.
"Was tue ich da eigentlich?" Wütend stampfte er durch seine kleine Wohnung, bis in das Schlafzimmer und boxte an die Wand, bis seine Hände bluteten. Er legte sich auf das Bett, auf dem bis vor kurzem Miyuki gelegen hatte.
Diese machte sich auf den Weg nach Hause, da kam ihr der furchtbare Gedanke an ihren Vater. Was würde der jetzt mit ihr machen? Aber noch etwas anderes wurmte sie: Shiro.
Mit schrecklichen Erwartungen stapfte sie in Richtung ihres Hauses und machte sich schon auf mächtigen Ärger gefasst.
Der Regen hatte aufgehört und es wehte jetzt nur noch eine leichte, aber trotzdem kühle Brise. Ihr war so kalt, in den nassen Klamotten, in denen sie zu erfrieren schien. An ihrer Haustür angekommen, überlegte sie lange, ob sie jetzt da reingehen, oder irgendwohin weglaufen sollte. Ihre Entscheidung fiel schließlich auf reingehen. Ein Angsthase wollte sie wirklich nicht sein. Mutig öffnete sie die Tür und trat langsam und auf Zehenspitzen herein. "Nur keinen Lärm machen", mahnte sie sich selbst. Vorsichtig trippelte sie so in ihr Zimmer und konnte nicht einmal feststellen wo sich ihr Vater befand.
Erleichtert schloss sie die Tür hinter sich, zog sogleich ihre nasse Schuluniform aus und holte sich aus ihrem Schrank einen dicken Wollpullover und eine lange Hose. So setzte sie sich erschöpft auf ihr Bett und starrte erst einmal eine Weile ins Leere. Miyuki überdachte noch einmal den heutigen Tag. Die Wärme kroch in ihr hoch.
Nach einigen Atemzügen hörte sie ein lautes Poltern. Es klang wie mindestens ein halbes Dutzend Schuhe. Jetzt dämmerte ihr, wer das war. Ihr Vater brachte seine Kumpels mit vorbei, um dann mit diesen zu pokern.
"Ein Glück! Dann hab ich meine Ruhe", seufzte sie und legte sich auf ihr Bett. Schließlich schlief sie ein.



Eine Vollmond-Nacht


D
er Monat verging rasch und die Zeit um ins Schullandheim zu fahren, war angebrochen. Die Schülerschar versammelte sich samt Gepäck vor dem Bus, der in der Einfahrt zu ihrer Schule stand.
Es war angenehm mild, nur ein leichter Wind ging, der die letzten Blätter von den Ästen der Bäume wehte. Der ganze Boden war voll von Laub.
Der Herbst ging zu Ende, der Wintereinbruch stand kurz bevor.
Endlich öffnete der Schulbus seine Türen. Alle Schüler quetschten sich hindurch, um einen Platz für sich und einen Freund oder eine Freundin zu ergattern. Für Miyuki lohnte sich das nicht und so siegen sie und Shiro als Letzte hinein. Jeder der beiden fand einen Einzelplatz. Erleichtert darüber, versuchte Miyuki einzuschlafen, da die Fahrt länger dauern sollte. Doch Yuuko und Aya lenkten sie ab. Die beiden lachten und kicherten die ganze Zeit über. Sie konnte sogar sehen, wie die beiden zu Shiro hinüberschielten, der ihnen anscheinend sehr gefiel.
"Soll mir doch egal sein", brummelte Miyuki vor sich hin.
Als sie ankamen, betrachteten alle, die Herberge: Es war ein von Efeu überwachsenes Haus, das seine besten Zeiten schon lange hinter sich hatte. An einigen Brettern, blätterte schon die lila Farbe ab. Das Dach war rabenschwarz.
Es empfing sie eine rundliche Frau, mit einem Mopsgesicht, die ein giftgrünes Kleid trug. Sie erklomm mit der Schülerschar dir Treppen, um sie in ihre Zimmer zu bringen. Alle wirkten sehr glücklich, nur Miyuki nicht. Sie hasste diese Frau, das ganze Anwesen und überhaupt alles hier!
Ganz oben unter dem Dach war das Zimmer von ihr und Shiro. Die kleine Haushälterin schnaufte schwer, als sie da oben angekommen waren. Sie schloss die Tür auf und wünschte eine angenehme Nacht. Rasch stieg sie die Treppen wieder hinunter, bis man sie nicht mehr hören konnte.
Shiro nahm sich das Bett links, also blieb für Miyuki nur noch das andere. Sie saßen da und schwiegen. Es herrschte eine unerträgliche Stille.
Miyuki hatte neben ihrem Bett ein Fenster, durch das das Mondlicht fiel und von dem aus man die Kirchturmsuhr erkennen konnte. Sie sah hinaus und erblickte den Vollmond, der sich gerade zwischen zwei Wolken hindurch schob.
"Wie vor einem Monat", schoss es ihr durch den Kopf.
Shiro sah ebenfalls aus dem Fenster und er zuckte auf einmal zusammen, als er den Mond erblickte, der so rund und voll war. Sein Herz fing sofort laut an zu Pochen, sein Puls raste. Es überkamen ihn eisige Schauer und plötzlich fühlte er eine Art Stich in seiner Brust. Blitzschnell überkam ihn eine Lust- Die Lust auf Blut! Er leckte sich die Lippen und fletschte die Zähne.
Miyuki bekam rein gar nichts davon mit.
Das Einzige, an was er jetzt denken konnte waren Unmengen von köstlichem, frischem Blut. Die Gier überwältigte ihn. Seine Haare wurden schwarz und standen nun rebellisch ab. Seine Zähne waren um einiges spitzer und länger geworden. Langsam erhob er sich und wankte auf Miyuki zu, ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder. "Wa- Was?!", brachte sie nur hervor, als er so vor ihr saß, wie sie nur diese Bestie kannte. Also war er doch. Zitternd saß sie da und wartete, auf das, was nun passieren würde.
Er sah ihr tief in die Augen, packte sie an den Schultern und legte sie um.
Sie nahm sich fest vor nicht zu schreien, damit würde sie alleine fertig werden.
Vergebens versuchte sie ihn wegzudrücken, doch er war um einiges zu stark und behielt so locker die Oberhand. Hilflos lag sie unter ihm. So hatte sie ihn noch nie gesehen. diese Augen!
Er beugte sich über sie und keuchte ihr ins Ohr: "Ich- will- dein- Blut!"
Mit seiner Zunge leckte er ihr über den Hals, knöpfte ihre Schuluniform auf. Genauso hatte sie es geträumt, doch nun war es real.
Er war jetzt gerade dabei, ihren Brustbereich abzulecken, als er auch noch seine eine Hand unter ihren Rock schob und sie am Bein packte. Seine Hände waren kalt, eiskalt. Er fuhr mit der anderen Hand durch ihr Haar und strich ihr dann damit über ihr Gesicht. Sie fühlte sich wohl, ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte sie.
Eigentlich wollte sie ihn auch anfassen, berühren. doch sie hielt sich zurück, das dürfte sie nicht. Ganz langsam näherte er sich mit seinem Mund wieder ihrem Hals und biss zu. Als er fertig getrunken hatte, gab er ihr einen Kuss, der sehr nach Blut schmeckte. Auch diesmal war seine Zunge damit beschäftigt, mit ihrer zu spielen.
Miyuki genoss es, wirklich. Er massierte mit seinen Händen ihre Brust und küsste unaufhörlich ihren Hals. Jetzt schlang er seine Arme um ihre Hüfte und drückte sie fest an sich.
Es wurde ihr warm, wenn nicht heiß.
Dann auf einmal, schlief er ein. Sie lag da in seinen Armen und wollte nie wieder hier weg. Wenn er auch eine böse Kreatur war, es war ihr egal. Glücklich schlief sie ein. Und wieder träumte sie, doch diesmal etwas ganz anderes.
Sie lag auf einem Himmelbett und schlief, Federn regneten auf sie hinab. Die Sonne strahlte hell herunter. Dieses Bett stand auf Wolken! Ein gleißendes Licht erschien über ihr und blitzschnell schlug sie ihre Augen auf. Sie konnte es kaum glauben, da erschien tatsächlich ein Engel über ihr. Ein wirklich hübscher, mit langen blond- goldenen, langen Haaren, die fast den Boden streiften, wenn sie auf einem gestanden wäre.
"Miyuki", begann sie, "ich wollte es dir schon viel früher erzählen, doch es kam etwas dazwischen. Ich hoffe es ist noch nicht zu spät", endete sie mit ernster Stimme.
"Was? Was willst du mir erzählen?", fragte sie neugierig.
"Also, du bist einer der zweithöchsten Engel, ein Cherubim."
Miyuki blickte äußerst verdutzt drein, sagte aber nichts.
"Deine Aufgabe ist es, den himmlischen Tempel zu bewachen, aber. sag mir eins: Dieser Junge, er hat dich nicht gebissen?"
Hoffnungsvoll starrte der Engel auf sie hinab.
"Äh, doch", brachte sie unglücklich hervor.
"Das darf doch nicht wahr sein! Dieser Junge ist ein Vampir und das schlimmste ist, er ist Satans Sohn!"
"Satan hat einen Sohn, der dann auch noch Vampir ist?!"
"Ja, so ist es. Nach diesem Biss, wirst du nie deine volle Macht als Cherubim erreichen. Mit viel Pech, steckt auch noch etwas Böses in dir, aber wir werden sehen. Und versprich mir eins: Halt dich von diesem Jungen fern!", sagte sie drohend.
"Versprochen!", antwortete Miyuki mit fester, entschlossener Stimme.
"Noch mal zu deiner Aufgabe", der Engel räusperte sich, "Du wirst den Tempel hüten, ein anderer, mit einem Schwert bewaffnet, den Weg zum Baum des Lebens im Garten Eden, andere wachen in der Stiftshütte. Du wirst zwei Mitstreiter bekommen, die dir helfen werden. Wir brauchen dich, um unseren nie endenden Kampf gegen das Böse fortzusetzen."
Miyuki nickte, ihr fehlten im Moment die Worte.
Mit einem freundlichen Lächeln verschwand die Engelsgestalt wieder.
Langsam wachte sie wieder auf, es war schon hell und über ihr lag Shiro, noch schlafend.
"Das darf doch nicht wahr sein; warum ich?" Unzählige Fragen schwirrten ihr im Kopf umher. Und wie sollte sie diesen Tempel bewachen, wo sie doch hier ihr Leben lebte und nicht in den himmlischen Gefilden.
Und bestürzt über die ganze Sache mit Satans Sohn, versuchte sie sich aus seinen Armen zu lösen, die sie immer noch umklammerten, doch vergebens: Er war zu stark und hatte gar nicht vor, sie loszulassen. Und das im Schlaf! So eine Kraft, und wenn sie dann daran dachte, irgendwann gegen ihn kämpfen zu müssen.
Er blinzelte. Sofort schloss sie wieder ihre Augen und tat so, als ob sie schliefe. Anscheinend war sie gut, denn er bemerkte nichts, stand auf und setzte sich auf sein Bett, offenbar bestürzt über das, was er letzte Nacht getan hatte. Er stützte die Arme auf die Beine und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Miyuki riskierte einen kurzen Blick und als sie ihn so dasitzen sah, tat er ihr ein wenig Leid.
Aber warum sollte sich ein Vampir Gedanken machen um- Vielleicht war er einfach nur unzufrieden mit sich, da er sie nicht umgebracht hatte oder- Wusste er überhaupt was sie war? Sollte er es wirklich wissen und nur darauf warten, sie aus dem Weg zu schaffen?

Dunkler Engel


S
hiro verließ das Zimmer und Miyuki konnte hören, wie er die Treppe hinunter stapfte.
Es war ein wirklich herrlicher Tag, das erkannte sie sofort, als sie aus dem Fenster sah. Da musste sie wieder an ihn denken: Versuchte er nur ihr Vertrauen oder sogar ihre Zuneigung zu gewinnen, um sie dann einfach aus dem Weg zu schaffen? Trauen würde sie ihm nie wieder.
Unten war ein großer Frühstückstisch gedeckt und Miyuki nahm daran Platz, um endlich etwas zu essen. Ihr Magen hing ihr bis zu den Kniekehlen. Sie schaufelte sich etwas Müsli auf eine Schüssel, als sie Yuuko mit Aya flüstern hörte: "Aya, heute tue ich es! Ich werde Shiro fragen, ob er mit mir gehen will! Na ja, erst einmal, ob er heute mit mir in die Stadt kommt!"
"Wirklich?", hörte Miyuki Aya begeistert sagen, "Ich wünsche dir viel Glück!"
Wo saßen die beiden überhaupt? Sie blickte auf und sah die beiden fast ihr gegenüber sitzen. Dann stand Yuuko auf und ging schnurstracks auf Shiro zu, der an der Wand lehnte und- er grinste zu Miyuki herüber!
"Ich hasse ihn!" Sie kochte vor Wut, als sie wieder daran dachte, dass er nur ein Spiel mit ihr spielte. Beleidigt konzentrierte sie sich wieder auf ihr Müsli. Ihre Ohren spitzte sie aber, um genau zu hören, was da abging.
"Shiro?", fragte Yuuko etwas aufgeregt, "Äh, hm, äh, würdest du mit mir. äh, in die Stadt. äh, gehen?!" Gespannt wartete sie, was er darauf erwidern würde.
"Hm? Was ist los?", fragt er überrumpelt, der sie gar nicht bemerkt hatte, da er so darauf konzentriert war, Miyuki zu beobachten.
Yuuko blickte etwas beleidigt drein, wiederholte ihren Satz aber doch noch einmal.
"Ach, das tut mir aber leid", begann er, ohne den Eindruck zu machen, dass es ihm wirklich Leid tat, "Weißt du, ich halte nichts vom einkaufen, oder was du dort sonst gern machen würdest. Sorry!"
"Aber, aber. warum denn nicht?", stotterte Yuuko enttäuscht.
"Das hab ich dir doch gerade eben erklärt!"
"Hm, na gut, aber", den Rest des Satzes flüsterte sie nur noch, "ich bekomm dich trotzdem!"
"Tja, Pech gehabt!", murmelte Miyuki schadenfroh vor sich in, die es amüsierte, dass Yuuko eine Abfuhr erteilt bekommen hatte. Zufrieden löffelte sie ihr Müsli in sich hinein.
Plötzlich überkam sie die Lust, Yuuko zu beißen. Ihre Zähne in ihr Fleisch zu rammen und -
"Was ist los mit mir?", dachte sie panisch, "Sollte sein Biss mich etwa zu einem. einem Vampir gemacht haben?! Brauche ich jetzt etwa auch Blut, um zu überleben? Das kann doch nicht wahr sein."
Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Ruckartig stand sie auf und lief hinauf in ihr Zimmer, legte sich dort ins Bett und starrte eine ganze Weile vor sich in.
"Wenn ich diesen Engel doch um Rat fragen könnte.", dachte sie verzweifelt.
Plötzlich überkam sie eine große Müdigkeit und eh sie sich`s versah, lag sie wieder auf diesem Himmelbett.
Das gleißende Licht erschien wieder und daraus trat der Engel und sagte freundlich: "Du hattest eine Frage an mich?"
"Ja, es geht um, na ja, ich hatte auf einmal große Lust, jemanden zu beißen, sein Blut zu trinken und-"
"Das reicht", sprach sie sanft, "Ich werde es dir erklären. Es ist so, er hat dich ja gebissen, also ist jetzt etwas Böses in dir, aber", sie schien jetzt sichtlich verängstigt, "sollte es möglich sein, dass du ein schwarzer Engel wirst? Auch Vampir Engel genannt. So etwas soll vorkommen, wenn sie von bösen Kreaturen gebissen werden. Du wirst unglaubliche Kräfte entwickeln, die denen der Dämonen sehr ähneln, auch wird dich immer etwas Böses umgeben, das ist nicht mehr rückgängig zu machen", sie seufzte schwer, "Trotzdem können wir auf keinen Engel verzichten. Diese Lust auf Blut. hm, was könntest du dagegen tun? Lass mich überlegen, wie wäre es, wenn du einfach dagegen ankämpfst? Vampir brauchen das Blut um zu überleben, du jedoch brauchst es nicht."
"Ich werde es versuchen", sprach Miyuki leise, "Wie soll ich denn eigentlich diesen Tempel beschützen?", fragte sie mit wieder lauter Stimme.
"Das ist so, ich werde dich öfter in unsere Welt holen, wenn wir angegriffen werden. In euerer Zeit müsste es dann Nacht sein, aber keine Sorge, deinen Schlaf bekommst du trotzdem", sie lächelte, doch es erstarb rasch, "Wenn du aber sterben oder verwundet werden solltest, wird das Auswirkungen auf die Realität haben. Soweit alles klar?"
"Ja, ich verstehe. Und die anderen, die mit mir wachen, wann werde ich die kennen lernen?"
"Gleich bei euerer ersten Aufgabe. Es sind außer dir noch drei andere. Ihr werdet euch sicherlich prächtig verstehen, obwohl.
Na ja, damit möchte ich dich nicht auch noch belasten." Lächelnd verschwand sie wieder und Miyuki befand sich wieder in ihrer Welt.
Verwirrt lag sie da und einiges ging ihr durch den Kopf, als es an der Tür klopfte.
"Miyuki, komm schon! Heute gehen wir doch noch in die Stadt!", drängelte Frau Goto.
"Ja, ich komme gleich!", rief sie, sprang aus dem Bett und lief zur Tür.



Annäherungsversuche


S
ie fuhren mit dem Bus in die am nächsten gelegene Stadt.
Als sie dort ankamen, stand die Sonne hoch am Himmel und trotz des kalten Herbstwindes, war es richtig warm.
Die Schülerschar teilte sich sogleich in mehrere Gruppen, die sich laut schnatternd in den Straßen verteilte.
Miyuki stand da und wusste nicht so recht, wohin sie jetzt sollte und lief einfach los, um das ganze Szenario hier einmal zu betrachten. Sie kam an Shiro vorbei, der an einem Baum lehnte und ihr irgendetwas hinterher rief, was sie aber überhaupt nicht interessierte.
Sie sah Spielwarenläden, Konditoreien, Restaurants, und noch vieles mehr. Sogar einen Park konnte sie ausfindig machen. Dort setzte sie sich auf eine Bank und sah den Blättern zu, die vom warmen Wind herumgewirbelt wurden.
In den Bäumen saßen viele verschiedene Vögel und zwitscherten wunderbare Melodien. Sie dachte über all das nach, was in den letzten Tagen geschehen war, als auf einmal Yuuko und Aya auf der anderen Seite sitzen sah, die irgendetwas ausheckten. Sie hatten große Einkaufstüten dabei, die schon fast überfüllt schienen. Ein heraushängender Ärmel bestätigte Miyukis Gedanken, dass es sich hierbei um Kleidung handelte. Die beiden flüsterten heftig und aufgeregt. Zwischendurch konnte man lautes Gekicher vernehmen.
So schnell sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.
Miyuki machte sich auf den Weg zurück in die Stadt. Dort traf sie auch wieder auf Yuuko und Aya. Sie konnte ihren Augen kaum glauben:
Yuuko stand da mit wallendem Haar, viel Schminke im Gesicht und wahnsinnig gewagten Klamotten. Ein ärmelloses T-Shirt mit wirklich unglaublichem Ausschnitt und einem kurzen Minirock.
"Was soll denn dieser Aufzug? Friert es sie denn gar nicht?"
Falls schon, konnte sie es gut verbergen. Jetzt stöckelte sie mit ihren neuen Pumps auf Shiro zu, der nichts ahnend an seinem Baum stand und Löcher in die Luft guckte.
"Also darauf will sie hinaus", murmelte Miyuki.
"Hey, du!", sagte Yuuko zu Shiro und zwinkerte ihm zu, stellte sich genau vor ihn, "Was hältst du davon, wenn wir irgendwo hin essen gehen? Nur wir beide, ganz allein." Sie lächelte ihn nun süßlich an, als ob sie glaubte, ihn so für sich gewinnen zu können.
"Nee, du. Hab überhaupt keine Lust", warf er ihr rücksichtslos an den Kopf.
"Ach, Süßer!" Sie zog einen Schmollmund und strich ihm mit der Hand über das Gesicht.
"Jetzt spinnt sie doch ganz! Sie meint, sie kann sich alles erlauben, oder wie?", verdutzt stellte sich Miyuki in sicherer Entfernung hin und lauschte.
"Hä? Was geht denn mit dir?", stieß Shiro hervor, nahm ihre Hand von seinem Gesicht.
"Komm schon", versuchte sie mit verführerischer Stimme zu sagen, packte seine Hand und legte sie an ihren Oberschenkel.
Geschockt blickte Shiro sie an: "Hey, bist du nicht mehr ganz dicht? Das ist ja fast Belästigung! So komm ich erst recht nicht mit!", sagte er trotzig und zog seine Hand blitzartig wieder zu sich.
Er drehte sich weg und ging.
Verdattert stand Yuuko da. Das hatte sie sich wohl nicht erwartet.
War das eine Genugtuung für Miyuki. Auf einmal hatte sie es gern, wenn sie Yuuko leiden sah. War das ihre schwarze Seite, die da in Erscheinung trat?
Möglich war es, am liebsten hätte sie ihr noch mehr Schmerz zugefügt, doch sie riss sich am Riemen.
Am frühen Abend trommelte Frau Goto die Klasse zusammen (Miyuki wunderte sich sehr, wie sie die ganze Klasse wieder fand).
Yuuko hatte immer noch nicht aufgehört zu schluchzen, so unglücklich war sie über die Sache mit Shiro.
In der Herberge angekommen, saßen sie alle noch einmal an dem großen Tisch und genossen ihr Abendessen.
Als sie das beendet hatten, verteilten sie sich flink in ihre Zimmer.
Miyuki traf dort vor Shiro ein und nutzte die Gelegenheit um sich zu duschen und den Schlafanzug anzuziehen (jedes der Zimmer hat ein eigenes Bad). Sie lag schon im Bett und versuchte einzuschlafen, als er hinzukam.
"Was hat der so lange gemacht?", fragte sie sich.
Anscheinend ziemlich geschafft, schleppte er sich ins Bad und Miyuki konnte hören, wie das Wasser anfing zu prasseln.
Sie wagte einen Blick und sah geradewegs auf den Fußboden. Erst als das Licht vom Bad durch den Türschlitz darauf fiel, konnte sie es erkennen. Etwas, das so aussah, wie eine kleine Pfütze. Es glitzerte rötlich. war das etwa Blut? Hatte er sich eine Verletzung zugezogen? Oder wie sollte das Blut sonst hier herkommen?
Neugierig beäugte sie es. Als er jedoch aus dem Bad kam, schloss sie ihre Augen nicht, sondern fragte ihn:
"Shiro?"
"Du bist noch wach? Was ist denn?"
"Ähm, diese Pfütze da, ich meine das Blut, was ist damit?"
"Ach, das nichts.", beruhigte er sie.
"Das glaub ich dir nicht!" Sie musterte ihn auffällig, als er das bemerkte, bedeckte er rasch seinen freien Arm.
Miyuki stand auf, schritt auf ihn zu, schob seine Hand von seinem Arm weg und begutachtete die Wunde. Sie war riesig, ein langer Schlitz, der aussah wie ein Kratzer, zog sich vom Ober- bis zum Unterarm.
"Was hast du da gemacht?", fragte sie besorgt und sah ihn an.
"Das sag ich dir nicht und jetzt lass mich in Ruhe!", motzte er sie an.
Sichtlich gekränkt wandte sie sich von ihm ab und legte sich in ihr Bett, schloss die Augen und verhielt sich still.
Warum hatte er sie nicht daran gehindert, sich seinen Arm anzusehen? Wollte er es etwa sogar? Da kam ihr ein Gedanke: "Wenn er tatsächlich Satans Sohn ist, wird sich wohl nie jemand richtig um ihn gekümmert haben. Vielleicht deshalb."
"Hey,.", begann er, "Danke. Tut mir leid, dass ich so gemein war."
Er ging hinüber zu seinem Bett und legte sich schlafen.
"Nicht darauf reinfallen! Ist doch alles nur Show!", ermahnte sie sich.
Warum hatte sie sich eigentlich Sorgen um ihn gemacht? Vielleicht, weil er der einzige war, der sich um sie kümmerte, wenn es auch nicht ernst gemeint war.



Waldwanderung



Am nächsten Morgen wurden sie lautstark von ihrer Lehrerin geweckt, die ruckartig die Tür aufriss.
"Raus aus den Federn!", rief sie mit fröhlicher Stimme in den Raum.
"Ja ja, wir kommen gleich", brummte Shiro schlaftrunken, zog sich aber sein Kissen über den Kopf.
"Oh je, aber du kriegst ihn doch sicher wach, Miyuki?"
"Hm? Ja, ich werd es versuchen", gähnte sie und richtete sich auf.
Frau Goto verließ den Raum wieder und trabte nach unten.
Herzhaft gähnend erhob sich Miyuki aus ihrem Bett und bewegte sich auf Shiros Bett zu.
"Aufstehen!", rief sie.
"Nein!", hörte sie seine dumpfe Stimme unter dem Kissen.
"Du wolltest es ja nicht anders", seufzte sie und zog ihm die Decke vom Bett.
"Hey, die brauch ich noch!", entsetzte sich Shiro.
"Komm, raus jetzt!"
"Nein!"
Mürrisch zog sie mit aller Kraft an seinem Kissen, doch er hielt es so fest, dass es fast unmöglich war, es da wegzubekommen.
"Lass los!"
"Nein"
"Ah, du machst mich wahnsinnig!", polterte sie.
"Noch fünf Minuten!", bettelte er.
"Nichts da!", herrschte sie ihn an und zog an seinem Arm.
"Lass los!", murrte er, "Oder ich muss."
Er löste eine Hand von seinem Kissen und fing an, sie zu kitzeln.
"Hör auf!", kreischte sie vor lachen.
Blitzschnell packte sie sein Kissen, da er es nur noch mit einer Hand hielt.
Unter großen Anstrengungen schaffte sie es doch noch, ihm das Kissen zu entwenden und schmiss es in die Ecke des Raums.
"Hey, ich wollte doch noch. Das kriegst du zurück!", rief er grinsend.
Er packte sie, hob sie hoch und wirbelte sie durch die Luft.
Nach einer Weile setzte er sich wieder auf das Bett, Miyuki auf seinen Schoss, die nicht wusste wo oben und unten ist, so schwindelig war ihr. Ganz benommen saß sie da.
"Du spinnst doch!"
"Nö, ich wollt mich nur rächen", grinste er frech.
Miyuki stand auf und wankte durch den Raum.
"Ist mir schwindelig. Hast du ja toll hinbekommen!", warf sie ihm vor.
"Ich weiß", gab er zurück, "Das wollte ich auch erreichen."
Unten beim Frühstück verkündete Frau Goto:
"Heute werden wir eine Nachtwanderung unternehmen. Dazu werden wir in den Wald gleich hinter der Herberge gehen. Um 22 Uhr geht es dann los. Und habt keine Angst, dort gibt es keine gefährlichen Tiere. Übrigens, ihr werdet mit euerem Zimmerpartner ein Team bilden. Ich werde euch auch eine bestimmte Route mitteilen, an der ihr dann entlang wandert. Alles klar soweit?"
Die Schüler antworteten alle mit "Ja!" und die Routen waren auch schnell verteilt.
"Das wird was werden", dachte sich Miyuki, "mit Shiro!"
Seufzend verließ sie die Halle und begab sich nach draußen, um etwas frische Luft zu schnappen.
Die Zeit bis zum Abend verging rasch und schon waren sie alle angetreten.
Miyuki stand schon neben Shiro, der nervös wirkte.
"Was ist?", fragte sie.
"Nichts. Gar nichts", kam die Antwort.
"Euch wird nichts zustoßen", meinte die Lehrerin, "und verlaufen werdet ihr euch auch nicht. Ihr habt ja die Karten. Viel Glück!"
Alle liefen los. Gelächter brach wieder los.
Shiro und Miyuki machten sich auch auf den Weg und fanden schon bald auf ihre Route, ein schmaler Pfad, der sich kreuz und quer vorbei an Bäumen und Pflanzen durch den Wald schlängelte.
"Ich gehe vor", bestand er.
"Wenn du meinst", willigte sie ein.
Ehrlich gesagt, war sie nicht so begeistert davon.
So wanderten sie, bis sie fast nichts mehr erkennen konnten, außer schemenhaften Umrissen von Bäumen und Sträuchern.
"Halt dich dicht hinter mir", mahnte er sie.
"Ja, j-", sie brach ab, ihre Stimme versagte und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Da war auf einmal etwas Schwarzes zwischen den Sträuchern hervorgesprungen!
"Pass auf!", schrie er hektisch.
"Was.-?", fing sie an, konnte aber nicht mehr zu Ende sprechen.
Knurrend erhob sich das Ungetüm und stürzte auf die beiden los. Es war riesig! Mit weit aufgerissenen Augen stand Miyuki da, starrte es an, unfähig sich zu bewegen. Mit einem Tatzenhieb warf es Shiro aus dem Weg, der bis vor kurzem noch vor ihr gestanden war. Auge in Auge stand sie nun mit der Bestie. Sie konnte es jetzt genauer erkennen, es hatte Ähnlichkeit mit einem Hund oder eher einem Wolf. Es setzte zum Sprung an und wollte auf sie losgehen, als es sich es noch einmal anders überlegte und mit einem gewaltigen Satz auf Shiro landete, der gekrümmt am Boden lag. Miyukis Herzschlag setzte für ein paar Sekunden aus, dann schrie sie: "Lass ihn in Ruhe!" Der große Wolf biss Shiro einmal ins Bein, um sicherzugehen, dass er sich nicht mehr wehren konnte. Anscheinend wusste er, mit wem er es hier zu tun hatte.
Sie erhielt jetzt seine volle Aufmerksamkeit. Mit seiner ganzen Größe baute er sich vor ihr auf. Sie schluckte einmal schwer, dann auf einmal geschah etwas Merkwürdiges: Große Kraft durchströmte sie. Ihre Haare wurden lang, reichten ihr bis zu den Kniekehlen, und rabenschwarz. Ihre Augen ebenfalls. Sie trug nun ein schwarzes Kleid, das bis zum Boden hinunterreichte. Zwei schwarze, aber prächtige Flügel schossen ihr aus dem Rücken, ein schwarzer Ohrring erschien. Wie bei Shiro! Was sollte das bedeuten? Jetzt fühlte sie sich kräftig genug, diesen Wolf zu töten! Ohne dass sie wusste wie, erschien in ihre Hand eine schwarze Energiekugel, die sie auf das Monster schoss, das bei diesem Anblick erstarrte. Davon getroffen wankte es und ging schließlich elendig zu Grunde. Es löste sich in Staub auf. Das Gefühl zu töten, brachte Miyuki große Freude. So schnell die Kraft gekommen war, so schnell verschwand sie wieder. Kraftlos sackte, die nun wieder normale Miyuki zu Boden. Ohnmächtig wollte sie nicht werden, was sollte denn dann mit Shiro passieren? Er war verletzt und brauchte dringend Hilfe. Schwer atmend raffte sie sich hoch, lief die paar Meter hinüber zu Shiro, beugte sich über ihn, um die Wunden zu betrachten.
"Lass nur. Es geht schon", würgte er hervor und rang sich ein Lächeln ab. "Nein, i-"
Sie sank über ihm zusammen, alles um sie herum wurde schwarz. Shiro kämpfte sich mit Miyuki auf dem Arm hoch, um wieder in die Herberge zu gelangen. Nur wackelig trugen ihn seine Füße weiter. Ziellos irrte er durch den Wald, die Karte hatte der Wolf zerrissen.
Nach einer Ewigkeit, so kam es ihm vor, erreichte er den Eingang der Herberge.
Mit zittriger Hand öffnete er die Tür und trat hinein. Dort wuselte die Lehrerin schon aufgeregt hin und her.
"Oh Gott, Kinder! Was ist passiert? Ich hab den anderen nichts erzählt-." Shiro schenkte ihr keine Aufmerksamkeit, zog einfach an ihr vorbei. Mühsam kam er gerade noch die Treppen bis zu ihrem Zimmer hinauf. Vorsichtshalber sperrte er die Tür ab. Dort legte er Miyuki behutsam auf ein Bett und ließ sich neben sie darin sinken.
Miyuki träumte wieder den Traum, in dem sie auf dem Himmelbett lag. Der wunderschöne Engel erschien. Vermutlich träumte sie das nur, weil der Engel ihr etwas mitteilen wollte.
Er sprach: "Ich habe dich beobachtet, im Wald. Du hast mich wirklich erstaunt. deine unglaubliche Kraft! Doch ich glaube, dass dir das Töten viel zu viel Spaß macht. Ich kann dagegen leider nichts unternehmen, du bist nun einmal ein schwarzer Engel. Doch auf eines will ich dich noch hinweisen: Sei nicht zu nett zu diesem Shiro! Was ich da gesehen habe, war wirklich nicht in Ordnung. Rufe dir immer wieder in Erinnerung, dass er nur mit deinen Gefühlen spielt, egal, wie echt das aussehen mag!"
Miyuki schwieg eine Weile, sagte dann aber: "Ich werde es versuchen, aber er ist einfach der einzige Mensch, der sich um mich kümmert! Du weißt wohl nicht, wie es ist, sonst niemanden zu haben, oder?"
"Zugegeben, weiß ich nicht wie sich so etwas anfühlt, aber ich will doch nur dein Bestes! Vielleicht wäre ich auch so verzweifelt und würde.- Ach, es ist schon gut. Hast du noch etwas auf dem Herzen?"
"Hm.", sie überlegte kurz, "was hat es zu bedeuten, dass ich genau den gleichen Ohrring, wie Shiro besitze, wenn ich mich verwandle? Und was hat uns da angegriffen?"
"Weißt du, da er dich gebissen hat, gehörst du irgendwie mit ihm zusammen, normalerweise wäre er dein Meister, doch da du eigentlich ein Engel bist, hat das wohl keine Bedeutung.Dieser Wolf ist Fenriz, ein Monster, das eigentlich nur in unserer Welt lebt, doch irgendwie ist es ihm gelungen in eure Welt zu gelangen. Nun ja, ich muss wieder los!" Mit diesen Worten löste sich der Engel in Luft auf.
Miyuki wachte auf, neben ihr lag noch immer Shiro. Geschockt über seine zahlreichen Wunden, wollte sie ihm erst irgendwie helfen, doch sie erinnerte sich an die Worte des Engels, aber Engel helfen doch allen, oder wie? Es war ihr im Moment ziemlich egal, ob er sie wirklich mochte oder ob es nur Show war. Ihm musste geholfen werden!
Über die Nacht hatte er viel Blut verloren, das sah man an dem Leintuch, das blutrot geworden war.
Mit sorgenvollem Blick lief sie los ins Badezimmer, um einen erste Hilfe Kasten aufzustöbern und tatsächlich fand sie einen. Mit diesem stapfte sie zurück zum Bett, in dem der noch immer schlafende Shiro lag.
Sein Hosenbein war total zerrissen. Sie krempelte es hoch, tränkte einen Wattebausch mit Desinfizierungsmittel und begann die Wunde zu säubern, als Shiro plötzlich aufschrie:
"Willst du mich umbringen?! Was tust du da überhaupt?!"
Empört antwortete sie ihm: "Ich wollte dir nur helfen, aber bitte, wenn du nicht willst, kann ich es ja auch lassen." Trotzig drehte sie ihren Kopf zur Seite.
"Es ist ja wirklich nett von dir, aber ich hab so etwas nicht nötig. Ich kenn keinen Schmerz!"
Um ihr das zu demonstrieren, stand er tapfer auf, doch er knickte gleich wieder ein und lag nun am Boden.
"Schmerz kennst du nicht? Kommt mir nicht so vor, also werd ich dir wohl helfen müssen, ob du willst oder nicht!" Sie versuchte ihn wieder auf die Beine zu ziehen, doch das scheiterte gewaltig. Er wollte überhaupt nicht aufstehen und so gestaltete es sich schwierig. Mit einem kräftigen Ruck, landete sie auch auf dem Boden.
"Was soll -."
Weiter kam sie nicht, denn schon hatte Shiro sie umarmt und drückte sie fest an sich.
"Vergiss es! Mich kriegst du nicht!", flüsterte er ihr ins Ohr. Mit einem fiesen Grinsen ließ er sie blitzschnell los, sprang auf und wollte wegrennen, doch erstens stellte ihm Miyuki ein Bein und zweitens hätte er es in seinem Zustand eh nicht weiter geschafft.
"Hey, ich glaub du spinnst!", entrüstete er sich.
"Ich hab doch gesagt, ich werd dir helfen und mir entkommst du nicht! So, das haben wir gleich." Mit dem Wattebausch kam sie wieder auf ihn zu.
"Nein! Lass den Scheiß!"
Zu spät, schon spürte er wieder dieses Brennen auf der Haut.
"Echt, ich hab das nicht nötig!"
"Erzähl das wem anders! Siehst du, schon fertig."
Strahlend holte sie noch Verband, um es zu verbinden, schnell war der um das Bein gewickelt.
"War das jetzt so schlimm?", bohrte sie nach.
"Ja", maulte er.
"Ich geh jetzt runter zum Frühstücken", meinte sie nur.
An der Tür angekommen, wurde es jedoch zum Problem.
"Warum ist da abgesperrt", fragte sie sich, "Und wo ist mein Schlüssel?"
Shiro grinste gemein.
"Also die Tür ist abgesperrt und deinen Schlüssel hab ich dir abgenommen. Zur Sicherheit, weißt du?"
"Ah! Ich glaub es ja nicht! Gib mir mal den Schlüssel wieder!"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Weil du jetzt hier bleibst."
"Nein, werd ich nicht. Rück den Schlüssel raus!"
"Nein."
Murrend ging sie auf ihn zu: "Du kommst hier jetzt erstmal eh nicht weg ."
"Also bleibst du auch!", unterbrach er sie.
"Wieso?"
"Weil ich das so will!", sagte er trotzig.
Warum tat er das? Wollte er sie ärgern?
Auf einmal zog er sie wieder zu sich herunter, sodass sie auf seinem Schoß zum Sitzen kam.
"Lass mich", motzte sie.
Er sah ihr tief in die Augen und in den Seinen konnte sie Freude erkennen, große Freude.
Shiro schlang seine Arme um ihre Hüfte und zog sie so nah an sich, dass sich ihre Gesichter fast berührten. Er legte seine Stirn an ihre und wieder fühlte sich Miyuki bei ihm unglaublich wohl.
Nur, durfte sie das nicht.



Nein!


D
er nächste Morgen brach an.
Sie hatten geplant, diesen Tag ausgesprochen zu feiern, da es der letzte sein würde, das wollten sie in einer Disco in der Stadt tun. Am nächsten Morgen würden sie früh wieder abreisen.
Am Frühstücktisch dachte Miyuki schweren Herzens daran, wie es zu Hause wieder ablaufen würde, doch diesen einen Tag hatte sie noch, nur würde sie ihn genießen können?
Lautes Gekicher riss sie aus ihren Gedankengängen. Sie hätte es nicht anders erwartet, es waren natürlich Yuuko und Aya, die wieder etwas ausheckten.
"Mit was sie es wohl diesmal versuchen werden?", fragte Miyuki sich belustigt, als sie an die Geschichte mit dem aufreizenden Outfit erinnerte.
Der Tag war schnell vorbei und eh sie sich's versahen, war es schon Abend. Um genau zu sein 22 Uhr.
Laut schnatternd machte sich die Klasse auf den Weg. Mit dem Bus benötigten sie etwa eine halbe Stunde bis in die Stadt.
Sofort schossen alle auf die Disco zu. Es war sehr hell und grell beleuchtet. Überall hingen Schilder von Zigaretten, Whiskeys, usw.
Da fielen ihr Yuuko und Aya ins Auge, die gar nicht so freigiebig angezogen waren. Miyuki stellte sich in eine Ecke und beobachtete die beiden weiter, da ihr sonst nichts Besseres einfiel.
Yuuko schritt geradewegs auf Shiro zu, der noch etwas perplex durch die Diso tappte.
"Hi!", sagte sie freundlich.
"Was willst du denn wieder?", fragte er borstig.
"Ich wollte mich entschuldigen, wegen letztem Mal. Keine Ahnung was da mit mir los war", sie kicherte nervös.
"Und?"
"Also, ich wollte fragen, ob ich dich zur Entschädigung auf etwas zu Trinken einladen könnte."
"Nein", grimmig wandte er sich ab.
"Bitte! Komm schon!" Anscheinend riss ihr der Geduldsfaden, denn stürmisch packte sie ihn nun an der Schulter und riss ihn herum.
"Hey!"
"Entschuldigung! Bitte nimm sie doch an!", flehend starrte sie ihn an.
"Ja, okay, aber nur kurz!", murrte Shiro.
"Das reicht mir vollkommen! Ach, ich freu mich schon riesig!"
Sie war völlig aus dem Häuschen. Yuuko schob Shiro nun an die Bar Theke, hinter seinem Rücken gab sie Aya ein Zeichen, die offenbar wusste, was das bedeuten sollte.
Als Yuuko und Shiro Platz nahmen, schlich sich Aya hinter die Theke. Der Barkeeper telefonierte aufgeregt.
Yuuko verwickelte Shiro in ein Gespräch, unterdessen mixte Aya ein Getränk zusammen, das aus 90% Alkohol bestand, das stellte sie dann unbemerkt vor Shiro. Für Yuuko mischte sie keinen Alkohol hinein.
"Sieh mal, da sind ja unsere Getränke", meinte Yuuko überrascht, "hast du vorhin eigentlich etwas gegessen?"
"Hä? Nein, hab ich nicht."
"Super, auf leeren Magen wirkt das gleich besser!", dachte Yuuko.
Hastig schluckte sie den Inhalt ihres Glases hinunter.
"Komm, du auch!", forderte sie ihn auf.
"Wie du meinst", er zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck, "Ekelhaft! Was ist denn da drin? Willst du mich vergiften? Warum ist mein Glas eigentlich doppelt so groß?"
"Ach, das muss ein Versehen gewesen sein", stotterte sie.
Er hatte die Schnauze gestrichen voll und machte keine Anstalten noch etwas zu trinken.
"Nichts mehr?", fragte Yuuko.
"Nee, echt nicht."
Ungeduldig ging sie jetzt in die Vollen.
"Hey, Süßer!", sagte sie an Shiro gewandt, kam ihm unglaublich Nahe, doch er stand einfach auf und meinte: "Geht das schon wieder los?" und ging weg.
"Warte doch!", rief sie ihm hinter her, holte ihn ein und packte ihn am Arm.
"Was willst du?", fragte er.
"Dich!"
"Hm? Ist nicht dein Ernst?"
"Doch! Komm mit, dann können wir in einer Nebenkammer. ungestört, ach, du weißt schon."
"Sag mal, tickst du nicht mehr ganz richtig?"
"Willst du mich denn nicht?", stocherte sie nach.
"Nein!"
Genervt lief er weiter.
Yuuko hielt ihn abermals auf: "Willst du nicht das?", fragte sie und führte seine Hand auf ihre Brust.
"Spinnst du? Nein, kapier's endlich!"
"Aber, aber.", sie gab es auf. Er wollte sie nicht sondern. ja, wen wollte er eigentlich?
Miyuki war schon nach draußen gegangen, als Yuuko und Shiro an der Theke Platz genommen hatten, warum wusste sie auch nicht. Es war ihr einfach nach frischer Luft, da es in der Disco keine davon gab. Sie war auf einer Bank eingeschlafen.
Shiro irrte erst ziellos durch die Disco, dann fand er zufällig den Weg nach draußen, ließ sich ohne es zu merken, neben Miyuki auf der Bank nieder.
"Hey, Miyuki!"
Sie schlief zu fest um etwas zu hören.
"Ach, die schläft ja", stellte er halblaut fest.
Langsam beugte er sich über sie, küsste sie und legte sich auf sie.
"Hm?", sie blinzelte ihm entgegen, "Idiot! Lass das!"
Doch ohne auf sie einzugehen, strich er ihr durch die Haare.
Shiro fing an, ihren Hals zu küssen, öffnete ihr Oberteil einen Schlitz weit und leckte sie ab.
Mit gequältem Gesicht ließ sie es über sich ergehen, strampelte aber nach kurzer Zeit mit den Beinen, die er geschickt mit einer seiner starken Hände festhielt.
"Hör auf!"
Er leckte an ihrem Hals entlang, küsste sie noch einmal. Miyuki versuchte ihn von sich herunterzuschubsen. Vergebens. Irgendwie und unerlaubterweise fühlte sie sich geborgen, geliebt und verstanden.
Yuuko und Aya waren Shiro gefolgt und hatten alles mitbekommen.
"Was will der nur von ihr?!", murmelte Yuuko bösartig.
Der schrille Ton einer Trillerpfeife ließ Shiro endlich aufschrecken und zur Vernunft kommen.
"Was ist jetzt los?", fragte Shiro verwirrt.
"Das wird die Lehrerin sein. Zeit zu gehen", antwortete Miyuki knapp und knöpfte nebenbei ihr Oberteil wieder zu.
In den Zimmern der Herberge angekommen.
Shiro hatte sich auf sein Bett gelegt. Er gab keinen Mucks mehr, war also eingeschlafen. Vielleicht schämte er sich? Miyuki schlief ebenfalls sofort ein.





Hippolyte und Sambesi


A
m nächsten Morgen, erwachten beide durch die schrille Stimme ihrer Lehrerin: "Was?! Ich schlaft noch? Ich dachte, ihr wärt längst auf den Beinen!" Hektisch zog sie ihnen die Decken vom Leib und scheuchte sie auf. "Anziehen!", rief sie hinterher, "Wir sind zu spät dran!"
Die Klasse kam aber doch noch, dank der Hysterie Von Frau Goto, pünktlich zum Bus, wo sich alle sofort einen Sitzplatz suchten.
Verwundert starrte Miyuki Yuuko an, die neben ihr Platz genommen hatte, an: "Was willst du?", fragte sie scharf. "Na ja.", Yuuko druckste herum, "Was läuft zwischen dir und. Shiro?", fragte sie mit einer Unschuldsmiene. Als ob sie nicht alles gesehen hätte.
"Nichts, gar nichts", log Miyuki.
"Dann. kann ich ihn also haben?", hakte Yuuko nach.
"Ja, selbstverständlich", gab sie zurück.
"Schauspielern kannst du ja gut, Miyuki", dachte sie sich.
Am Ziel angekommen strömten alle aus dem Bus hinaus ins Freie.
Die Schülerschar teilte sich rasch.
Zu Hause angekommen, erschrak Miyuki heftig. Vor ihrer Tür standen haufenweise Polizisten.
"Entschuldigen Sie", fragte sie höflich, "Was ist hier denn los?"
"Wer bist du, Mädchen?", wollte ein Polizist wissen.
"Ich wohne hier."
"So ist das. Ich muss dir was erklären. Dein Vater, also er ist gerade eben bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir suchten hier nach Hinweisen auf weitere Verwandtschaft und die haben wir jetzt wohl gefunden." Sie fand es überhaupt nicht tragisch. Keine Trauer. Nichts.
Eine Weile schwiegen sie sich an, dann sagte der Polizist: "Du wirst zu deinem einzig noch lebenden Verwandten ziehen müssen. Wer ist das, bitte?"
Miyuki dachte kurze Zeit nach: "Mein großer Bruder."
"Du wirst dann morgen von uns zu ihm gebracht, wenn wir wissen, wo er wohnt. Einverstanden?"
"Ja, alles klar."
"Von hier weg? Das ist doch großartig!", freute sie sich, "Dann bin ich endlich diesen lästigen Vampir los." Sie belog sich selbst mit diesem Gedanken.

Miyuki saß im Streifenwagen auf dem Weg zu ihrem Bruder, der, wie die Polizisten herausgefunden hatten, ungefähr zwei Stunden weit weg wohnte.
Traurig starrte sie aus dem Fenster. Sie musste alles zurücklassen. Ihre Katze lag zusammengerollt auf ihrem Schoß.
Aufgeregt stieg sie aus dem Wagen und trat vor ein kleines, aber hübsches Haus, das ihrem Bruder gehörte. Ewig hatte sie ihn schon nicht mehr gesehen. Damals ist er einfach einmal abgehauen.
Die Polizisten luden ihr Gepäck aus, wünschten ihr viel Glück und fuhren weg.
Die Tür wurde geöffnet, heraus trat Tsunku, ihr Bruder. Er stand da mit Freudentränen in seinen wunderbar blauen Augen. Er war groß und hager, aber auch sehr hübsch mit seinem kurzen, schwarzen Haar.
Blitzschnell war er ihr um den Hals gefallen und hatte sie heftig gedrückt. Miyuki genoss das.
Kurze Zeit später schon zeigte er ihr sein Haus und das Zimmer in dem sie die nächste Zeit schlafen würde.
Diesen Abend unterhielten sie sich über viel und so ziemlich alles, was vorgefallen war. Nur ihr Geheimnis behielt Miyuki für sich.
Diese Nacht schlief sie gut, doch sie hatte wieder einmal einen Traum. Der Engel erschien ihr.
"Ich bin wirklich froh, dass du endlich von diesem Shiro weg bist. Jetzt kannst du deiner Aufgabe als Cherubim nachkommen."
Mit diesen Worten verschwand der Engel wieder. Alles drehte sich. Miyuki wurde praktisch in einen Wirbel hinein gesogen. Mit einem dumpfen Aufprall landete sie auf einer Art Pflastersteinen. Sie richtete sich auf und blickte sich um. Vor ihr stand ein wunderschöner, wenn auch schon etwas alter Tempel. Urplötzlich kamen zwei junge Frauen herbeigeeilt. Die erste schien größer und auch älter zu sein, wobei die zweite etwas eingebildet wirkte.
"Willkommen!", begrüßte sie die ältere, die ihr langes blaues Haar seitlich zusammengebunden hatte, freundlich, "Du weißt über deine Aufgabe bescheid?"
Miyuki nickte. "Wer seid ihr eigentlich?"
"Deine Mitstreiterinnen", erklärte die größere freundlich, "Ich bin Hippolyte und das ist Sambesi."
Sambesi, die kurzes blondes Haar hatte, fragte Hippolyte mit gehässigem Blick: "Ist das nicht die kleine, die sich mit diesem Vampir eingelassen hat? Sie ist doch jetzt ein halber Vampir, nicht?"
Hippolyte nickte nur.
"Ist Hippolyte nicht die Anführerin der Amazonen?", fragte Miyuki vorsichtig.
"Ja, die war ich. Bis ich hier herkam. Nun will ich dir noch etwas mehr erzählen.
"Wir haben alle drei verschiedene Spezialgebiete", fuhr Hippolyte fort, "So bin ich beispielsweise für das Kämpfen mit Armbrust und Pfeilen zuständig. Sambesi löst die Dämonen, wenn sie geschwächt genug sind, mithilfe ihrer Nadeln in Asche auf und hilft uns, mit ihrer Querflöte, die Dämonen zu beruhigen. Du, Miyuki hast die Fähigkeit die Magie einzusetzen. Die schwarze Magie. Mit dieser kannst du Energiekugeln schleudern oder schwarze Blitz einsetzen. Lernen kann man das nicht. Wenn es nötig ist sie einzusetzen, wird es dir gelingen. Gleich heute haben wir einen Auftrag und zwar.", gerade wollte sie erklären, mit wem, da war es schon zu spät. Vor ihnen tauchte ein äußerst grimmiger Riese auf, der sie alle mit einer Axt zu zerschmettern drohte. Sambesi und Hippolyte konzentrierten sich und auf einmal leuchteten sie in weiß auf. Aus ihren Rücken schossen je ein Paar wunderschöne weiße Flügel. Sie waren nun in lange weiße Kleider gehüllt. Miyuki tat es ihnen gleich und konzentrierte sich stark. Bei ihr jedoch erschienen zwei rabenschwarze Flügel und ihre Haare färbten sich auch schwarz. Ihr wuchsen zwei spitze, lange Vorderzähne. Im Gegenteil zu den anderen zwei trug sie ein kurzes, schwarzes Kleid.
Schon spielte Sambesi auf ihrer magischen Flöte, was die Kräfte des Riesen etwas zurückgehen ließ. Hippolyte war damit beschäftigt, Pfeile aus ihrer Armbrust hervorschnellen zu lassen, die den Riesen trafen, aber doch nicht so sonderlich viel ausrichteten, schließlich war er um ein vielfaches größer als sie.
Miyuki griff auch endlich ein und ließ einen schwarzen Blitz auf den Riesen nieder schnellen. Geschwächt sackte er in die Knie und kam schließlich auf dem Bauch zu liegen. Geschickt warf Sambesi eine Nadel nach ihm, der sich darauf in Asche auflöste.
Miyuki hatte keine Zeit, nach diesem Kampf noch ein Wort mit ihnen zu wechseln, da der Strudel sie wieder ergriff und in ihr Bett zurückbrachte.
Die Sonne strahlte ihr ins Gesicht und sie wurde sich bewusst, dass sie heute in die neue Schule musste.

Shiro machte sich auf den Weg zur Schule. Auf dem Weg dorthin traf er auf Yuuko, der er nicht mehr entgehen konnte.
"Guten Morgen!", trällerte sie.
"Was bist du denn so gut drauf?", brummte er sie an.
"Ja, weißt du es denn noch nicht? Miyukis Vater ist bei einem Autounfall gestorben, dann jetzt ist sie kurzerhand zu ihrem Bruder gezogen und besucht jetzt eine andere Schule. Herrlich, nicht wahr?"
Sie warf ihm einen falschen, mitleidigen Blick zu.
Er war still. Anscheinend hatte es ihn ziemlich geschockt.
"Jetzt bist du allein, nicht wahr? Wie wär's dann mit uns beiden?" Sie machte sich abermals Hoffnungen.
"Nein. Niemals!", bekam sie die Antwort. Er trottete davon.
Shiro saß alleine an seiner Schulbank und starrte nach vorne zur Tafel.
"Ich brauch sie doch gar nicht! Engel sind doch sowieso nutzlos", dachte er, "Früher oder später werden diese von Gott so geliebten Geschöpfe eh von uns ausgelöscht!" Ein freudiges Gefühl überkam ihn, bei dem Gedanken an Mord und vor allem an Blut. "Was geschieht mit Engeln, die nicht ganz rein sind? Vampir Engeln zum Beispiel? Werden die nicht auch verstoßen? Oder liebt Gott seine Geschöpfe der Liebe und Hoffnung so sehr?" Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, nur, dass sich fast alles um Miyuki drehte, störte ihn. "Ich sollte mich doch nur an sie ranmachen, damit ich beim Überfall von diesem Tempel leichteres Spiel habe, da sie die stärkste der drei ist und die anderen zwei ohne sie praktisch hilflos sind. Tja, da ist sie mir wohl sauber in die Falle getappt. Ihr werdet euch noch umsehen ihr himmlischen Cherubim. Sie würde es nie übers Herz bringen, jemandem wehzutun den sie mag!"
Doch da irrte er sich gewaltig, sie konnte. Sie war nämlich nicht reinherzig, wie die anderen zwei.



































Neue Freunde

F
reundlich verabschiedete Miyuki Tsunku, der im Laufschritt zu seiner Arbeit eilte.
"Wie ich ihn doch vermisst habe", dachte Miyuki glücklich.
Der Weg zur Schule gestaltete sich für sie schwieriger, als sie gedacht hatte.
"Irgendwo bin ich doch falsch eingebogen?!" Da erblickte sie zwei Jungen, die gemütlich dahinschlenderten und so etwa in ihrem Alter zu sein schienen.
Geschickt übersprang sie den Zaun, der zwischen ihnen lag und zog so die Aufmerksamkeit der beiden auf sich. Bewundernd starrten die Jungs sie an.
"Ähm. Eine Frage", begann sie, "könnt ihr mir sagen, wo es hier eine Schule gibt?"
Sie prusteten los: "Die liegt direkt vor dir, Kleine!"
Miyuki errötete.
"Wir bringen dich hin", schlug der, der älter schien und einen Pferdeschwanz aus seinem schwarzen Haar gemacht hatte, vor. Er besaß sogar ein Piercing an der Braue.
"Komm mit!", forderte sie der andere mit den lila Haaren, die in beide Richtungen standen, auf.
Sofort rannten die Jungs los und Miyuki hechtete hinterher.
"Mit uns kannst du nicht Schritt halten. Wir sind hier die besten in unserer Sport AG!", rief der ältere ihr zu. "Ach ja, das ist", er zeigte auf seinen
Freund, "Kenichiro und ich bin Shinya."
"Und du?", fragte Kenichiro.
"Ich heiße Miyuki", keuchte sie.
Vor der Schule angekommen, hielten die zwei ihr die Türe auf und meinten grinsend: "Nach Ihnen!"
Kichernd ging sie hindurch und warf ihnen über die Schulter hinweg zu: "Meine Herren, darf ich bitten?"
Sie hielt an und wartete. Sofort traten die beiden, Shinya rechts, Kenichiro links, an ihre Seite.
So führten sie sie durch das Gebäude bis hin zum Klassenzimmer.
"Geht ihr auch in diese Klasse?", wollte sie wissen.
"Jep", antwortete Kenichiro, "Shinya ist nur leider schon zweimal sitzen geblieben." Grinsend betraten die Jungs das Klassenzimmer und sagten zu Miyuki noch: "Warte bis unser Lehrer kommt. Er wird dich dann der Klasse vorstellen."
Da kam er auch schon um die Ecke geschossen. Er wirkte, als sei er in großer Eile.
"Ah, du musst das neue Mädchen sein. Miyuki Niigaki, nicht war?"
"Ja, so ist es."
"Dann komm mal mit."
Er führte sie hinein und Miyuki sah schon Kenichiro und Shinya, die ihr mit winken und Faxen zu verstehen geben wollten, wo sie sich befanden. Lächelnd winkte sie zurück.
"Klasse, das ist Miyuki Niigaki. Sie ist neu hier hergezogen. Hmm. Neben Miho ist noch ein Platz frei. Setz dich dahin."
Sie ging, wie ihr geheißen, auf den freien Platz neben dem Mädchen mit den orangen Haaren, die zu zwei rechts und links sitzenden Schnecken eingerollt waren.
Lächelnd empfing Miho sie.
Freudig strahlte Miyuki zurück, die sich über so viele nette Klassenkameraden sichtlich freute. Kenichiro und Shinya machten mit auffallendem hüsteln auf sich aufmerksam und zeigten ihr den Daumen nach oben. Miho war also auch eine Freundin der beiden.
Nach der Schule fingen Kenichiro, Shinya und Miho Miyuki ab.
"Kommst du heute mit uns wohin?", stocherte Kenichiro.
"Klar, gerne!", antwortete sie.
Miho meinte leise zu ihr: "Die Jungs sind leidenschaftliche Skateboarder, wir werden zum Skaterplatz gehen. Sonst musste ich immer allein zusehen, aber mit dir wird das bestimmt witziger!"
Miyuki zwinkerte ihr zu.
"Kommt ihr?", fragte Shinya.
"Ja, gleich sofort!", antworteten beide im Chor.
Dort angekommen bereiteten sich die Jungs aufs skateboarden vor. Schnallten ihre Helme und Gelenkschoner fest und fingen gleich an, wie wild auf der Rampe herumzufahren.
Miho und Miyuki jedoch setzten sich jedoch an den Rand und unterhielten sich wirklich gut. Manchmal wurden sie von "Seht mal her!" Rufen abgelenkt.
Insgesamt war das Miyukis schönster Tag seit langem.







Rock


I
n der Nacht wurde sie wieder in die Welt von Hippolyte und Sambesi befördert.
Am Anfang passierte nichts und die drei redeten über dies und das. Als es plötzlich einen Knall machte. Sie blickten zum Himmel und sahen dort, Miyuki konnte es nicht fassen, Shiro in der Gestalt eines Vampirs. Bösartig starrte er zu ihnen herunter. In der Hand hielt er etwas, am Fuß fest, das mächtig zappelte und nach einem großen Vogel aussah.
"Das- Das gibt es nicht!"
"Was ist los Hippolyte?", fragte Sambesi.
"Der Vogel, den er da hat ist ein Rock! Diese Tiere können mit Leichtigkeit Elefanten und Kamelen verschleppen, oder mit einem einzigen Fußtritt einen Ochsen töten! Wie macht er das, dieser Vampir ist."
"Ist doch egal!", warf Miyuki ein, "Wir müssen diesem Tier helfen!"
Fest entschlossen konzentrierte sie sich auf ihre Kraft und erschien sogleich als schwarzer Engel.
Sie formte eine schwarze Energiekugel und schleuderte sie auf Shiro.
Geschockt starrte er sie an- das hatte er als letztes erwartet! Er konnte sie nicht für sich gewinnen.
Mit schallendem Lachen löste er sich in Rauch auf, wodurch der Rock in die Tiefe und auf den Tempel zu stürzen drohte.
Entsetzt sahen sich Hippolyte und Sambesi an.
"Dieser elende Mistkerl!" Miyuki kochte vor Wut. Sie starrte auf den Boden und stampfte fest auf. Sie bemerkte gar nicht, in welcher Gefahr sich der Tempel, den sie beschützen sollte, befand.
Hektisch wirbelten die anderen zwei umher.
"Miyuki!", brüllte ihr Sambesi ins Ohr, "Der Tempel!"
Erschrocken wandte sie sich zum ihm um.
"Oh, nein! Kommt mit!" Sie schwang sich in die Luft und begann den Rock weiter nach drüben zu schieben.
"Heute noch?", rief sie nach unten.
Sie zögerten nicht lange und halfen ihr und zusammen schafften sie es auch, ihn weit genug vom Tempel weg zu schieben, sodass er zwar etwas unsanft, aber auf der großen Wiese, die sich dort befand, landete.
Er riss den Schnabel auf und begann zu schreien.
Alle drei pressten die Hände an die Ohren.
Jetzt blickte der Rock sie traurig an.
Vorsichtig trat Miyuki vor und strich sanft über seinen Schnabel.
"Bist du verrückt?!", kreischten die anderen. Doch es gab keinen Grund zu Aufregung. Der Rock war sanft wie ein Lämmchen.
"Behalten wir ihn? Bitte!", flehte sie.
"Na gut", seufzte Hippolyte.

"Shiro!", herrschte ihn sein Vater an, "Dieser starke Engel, er liebt dich nicht! Wie kann ich das verstehen? Deine Aufgabe war doch."
"Ja, ich weiß!", brüllte er zornig zurück, "Ich hab auch mein bestes getan, aber sie ist halt nicht leicht herumzukriegen."
"Dann krieg sie rum!"
"Ah, du Hirn! Die ist doch weggezogen!"
"Dann folg ihr, du Klugscheißer!", sichtlich erzürnt katapultierte er seinen Sohn zurück in seine Zeit.
In seinem Bett wälzte sich Shiro noch lang und dachte darüber nach, ob er sie jemals bekommen würde, nachdem er ihren Tempel überfallen hatte und sie genau wusste, dass er es war.





Der alte Neue


"Du musst der neue Schüler sein, hm?", fragte der Lehrer.
Die Antwort darauf war nur ein kurzes, knappes:"Ja."
Die beiden betraten das Klassenzimmer, in dem noch mächtig viel getuschelt wurde. Miyuki war gerade eben noch in ein Gespräch mit Miho vertieft, als sie plötzlich etwas zusammen zucken ließ:
"Klasse, das ist euer neuer Mitschüler Shiro Tajima. Setz dich doch hierhin", der Lehrer wies auf einen Einzeltisch, der in der Ecke stand. Mit düsterem Blick ging Shiro darauf zu und ließ sich nieder.
Miyuki drehte sich weg und starrte angestrengt nach vorne.
"Boar, Miyu-chan, der ist doch super niedlich, findest du nicht?", flüsterte Miho begeistert.
"Nein."
"Na gut. Weißt du was? Ich werde ihn fragen, ob er zu uns gehören möchte!"
"Mi-chan, mach keinen Scheiß!"
Doch das hörte Miho bereits nicht mehr.
Nach der Schule zerrte sie ihre ganze Gruppe zu Shiro hinüber. Shinya und Kenichiro hatten nichts gegen Mihos Vorschlag auszusetzen.
"Hey, Shiro!", begann sie gut gelaunt.
Er blickte sie finster an, was sie etwas nervös machte.
"Du würdest nicht zufällig mit uns", sie wies auf die anderen drei, "rumhängen?"
Erst zögerte er, doch dann sah er Miyuki, die es vermied ihm in die Augen zu blicken. Seine Miene hellte sich auf und er meinte:
"Na, klar! Wie geht's dir so Miyuki? Hast du mich vermisst?" Er grinste frech, was Miyuki wirklich ärgerte, ihr aber auch die Röte ins Gesicht trieb.
"Seit du da bist, schlecht und außerdem war ich froh, dich loszuhaben."
Trotzig drehte sie sich um und sah weg.


Was geht er mich an?
Wie wichtig ist ihm, was
Mir
Wichtig ist?
Und doch schreckt mich,
er könnte
entmutigt stehen bleiben-
er,
da drüben,
auf der anderen Straßenseite,
der sich
wie ich
stemmt gegen den Novemberwind.
Rainer Malkowski

Enttäuscht stand Shiro da.
"Ihr kennt euch, Miyu-chan?"
Miho war total begeistert.
"Ja. Leider."
"Was hat er dir getan? Dich betrogen?"
"Ich wurde sie nie betrügen!", mischte sich Shiro ein.
"Von wegen!", polterte Miyuki los, "Die ganze Zeit hast du mich belogen! Ich hasse dich!" Sie rannte weg.
Verdattert standen die anderen da. Ungläubig starrte Miho Shiro an. Der jedoch, zögerte nicht lange und rannte Miyuki hinterher.
"Ich hasse es", dachte er.
Endlich erblickte er sie, auf einer Bank sitzend und ins Leere starren.
"Miyuki.", begann er.
"Lass mich in Ruhe!"
Er setzte sich neben sie.
Miyuki stand auf und lief weiter. Shiro hastete ihr nach und sagte zu ihr:
"Das, das. Also ich bin nicht mehr schlecht! Ehrlich. Ich gehöre zu den Guten!"
"Glaub ich dir nicht! Du lügst doch, wenn du das Maul aufmachst!" In Gedanken fügte sie hinzu: "Der Engel hatte Recht. War ich blöd! Ich bin tatsächlich auf ihn hereingefallen."
Ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen lief sie bis nach Hause und vergrub sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer.
In der Nacht wurde sie wieder in die andere Welt geführt. Doch da geschah überhaupt nichts. Das einzig merkwürdige war, dass so ein starker Wind ging, doch darüber machten sie sich keine Sorgen. Wieder zu Hause legte sie sich schlafen, was ihr aber erst spät gelang.
Am Morgen wachte sie viel zu spät auf. Tsunku hatte bereits das Haus verlassen. Sie fühlte sich so schrecklich schwach.



Lebensgefahr



T
rotzdem schleppte sie sich in die Schule und traf sogleich auf ihre drei neuen Freunde, die mit Shiro redeten. Wie sie ihn hasste!
Freundlich begrüßten sie sie, sie grüßte zurück, doch nur Shiro ignorierte sie völlig.
Unter den Schulstunden schwanden ihre Kräfte mehr und mehr. Die Schule ging endlich zu Ende.
Kenichiro, Shinya und Miho erzählt sie, ihr wäre nicht so gut und sie würde lieber schon nach Hause gehen.
Sie verabschiedeten sich voneinander und Miyuki machte sich auf wackeligen Beinen nach Hause.
Plötzlich spürte sie, wie ihre Kräfte gänzlich schwanden, bis sie schließlich im Park, den sie durchqueren musste, einfach umfiel.
Genau im selben Moment, hatte Shiro ein ungutes Gefühl und verabschiedete sich ebenfalls. Ziellos streifte er umher, bis er zum Park gelangte.
Dort sah er Miyuki im Gras liegen.
Langsam ging er auf sie zu und wollte mit ihr reden. Er dachte, sie schliefe nur.
Doch als er merkte, dass es ihr nicht gut ging, nahm er sie auf den Arm und trug sie zu sich nach Hause, da er an keinem anderen Platz Zuflucht suchen konnte.
Dort legte er sie auf sein Bett, wie damals. Da hatte sie ihn noch nicht gehasst. Er wurde richtig traurig, bei diesem Gedanken. Schnell beherrschte er sich wieder. Ihre Stirn war glühend heiß. Shiro holte einen nassen Lappen und legte ihn ihr auf die Stirn.
"Gibt es solche schlimmen Krankheiten bei den Menschen, oder hat sie sich die woanders geholt? Genau, das ist es! Die hat sie bestimmt aus der anderen Welt. Ich könnte sie sterben lassen, dann wäre das Problem mit ihr auch gelöst, aber.", besorgt sah er die blasse Miyuki schwer atmend auf seinem Bett liegen und ihm wurde ganz anders. Er wollte sie nicht verlieren! Nicht so! Aber irgendwann müsste er sich sowieso umbringen, aber jetzt wollte er sie noch für sich. Er wollte, dass sie ihm verzeiht.
Konnte es sein, dass er Gefühle für sie empfand? Starke Gefühle? Es war eine regelrechte Schande, für ihn als Sohn des Satans! Aber sein Vater hatte ja auch eine Frau gehabt, um ihn zu zeugen. Ob er diese aber geliebt hat?
Liebe kannte er nicht, hatte sie nie erfahren, aber Miyuki zeigte sie ihm. Wenn das Liebe war, war sie wunderschön. Fest entschlossen sie zu retten, dachte er lange nach, was er tun könnte. Vielleicht war es nur eine Krankheit der Menschen? Er war sich nicht sicher. Brachte sie aber trotzdem ins Krankenhaus.
Sie lag auf der Intensivstation. Der Arzt war bei ihr. Noch nie hatte sich Shiro solche Sorgen um jemanden gemacht.
Nach einer Ewigkeit, so kam es ihm vor, trat der Arzt heraus und meinte:
"Diese Krankheit ist mir leider unbekannt. Ich kann nichts mehr für sie tun. Wenn das so weiter geht, wird sie in ca. drei Tagen von uns gehen."
"Was?", ungläubig starrte Shiro ihn an. Er konnte doch nicht die wichtigste Person in seinem Leben verlieren.
"Kann ich zu ihr?"
"Natürlich. Ich weiß nur nicht, ob sie es wahrnehmen wird." Der Arzt wandte sich ab und ließ Shiro stehen. Dieser ging langsam in Miyukis Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl neben ihrem Bett. Sanft strich er ihr durchs Haar und hielt ihre Hand.
"Miyuki, kannst du mich hören? Bitte sag etwas!" Flehend und verzweifelt sah er sie an.
Sie atmete schwer und manchmal setzte ihr Herzschlag aus, wie man an der Anzeige erkennen konnte.
"Du darfst nicht gehen! Ich brauch dich!"
Es kam ihm so vor als würde sie ihre Augen aufschlagen. Und wirklich, ganz langsam öffnete sie diese ein wenig und erkannte Shiro ganz verschwommen.
"Shiro, was.?"
"Miyuki!", freudig lächelte er sie an, "Du bist zusammengebrochen, da hab ich dich hierher gebracht."
"Du hättest mich liegen lassen sollen! Ich habe dir noch nicht verziehen und."
"Ich will doch nur, dass es dir gut geht! Wirklich! Ich liebe dich doch!"
"Ich würde dir gern verzeihen, aber es.", sie brach ab, ihre Augen schlossen sich, kein Herzschlag war mehr auf der Anzeige zu erkennen.
"Nein,. Noch drei Tage! Drei Tage hat sie noch!", sagte er leise.
Ihr Herz begann wieder zu schlagen.
Überglücklich gab Shiro ihr einen Kuss auf die Stirn. Eine seiner Tränen rann ihm die Wange hinunter und lief über Miyukis Gesicht.
"Ich weine? Das erste Mal seit langem."
Die ganze Nacht verbrachte er an ihrem Bett, wachte über sie.
Er hatte einen Traum, in dem ihm der Engel erschien.
"Du liebst sie wirklich?", fragte er.
"Ja", gestand Shiro leise.
"Ein Seelenparasit ist gerade dabei, ihre Seele zu zerfressen. Das macht sie immer schwächer", traurig sah der Engel ihn an.
"Wie kann ich ihr helfen? Sag es mir bitte! Ich flehe dich an!"
Langes Schweigen trat ein.
"Du könntest in ihre Seele eindringen und den Parasiten auslöschen..."
"Das mach ich! Bringst du mich zu ihrer Seele?"
Kurze Zeit später befand er sich schon dort. Er sah, dass ein Teil ihrer Seele schon ziemlich zugerichtet war, also war der Parasit schon hier.
Er verwandelte sich in einen Vampir und folgte den Spuren. Endlich! Da war er!
Geschockt starrte der Parasit ihn an, wollte gerade zum Sprung ansetzen und sich anscheinend auch seine Seele holen.
Shiro war schneller und sofort wurde ihm der Garaus gemacht, indem er von einem mächtigen schwarzen Blitz getroffen worden war.
Der Engel erklärte Miyuki in einem Traum, was Shiro getan hatte. Entsetzt darüber, dass sie so gemein gewesen war, wollte sie schnell wieder zurück und sich bedanken.
Shiro lag halb auf ihrem Bett und schlief fest. Wecken wollte sie ihn jetzt nicht.
Am nächsten Morgen, erwachte er früher als sie. In der Hoffnung, es habe geklappt, tastete er ihre Stirn ab. Und wirklich, sie war nicht mehr heiß!
Sie schlug die Augen auf und blickte in die seinen.
"Shiro?"
"Hm?"
"Es. Es tut mir furchtbar leid, was ich zu dir gesagt habe und du hast so viel für mich getan!"
Sie war den Tränen furchtbar nahe und wollte auch nicht länger mit ihnen kämpfen.
Behutsam nahm er sie in den Arm.
"Wein ruhig, wenn dir danach ist. Ich beschütze dich und passe auf dich auf. Immer. Das verspreche ich dir!"
Glücklich schmiegte sie sich an ihn und genoss seine Berührung.
Sanft küsste er ihr Haar. Sie schlang ihre Arme um ihn, so fest sie konnte, aus Angst sie könnte ihn verlieren.
Plötzlich übermannte sie große Müdigkeit und sofort war sie eingeschlafen.
Vorsichtig legte Shiro sie aufs Bett. Die Krankheit hatte sie doch sehr mitgenommen. Der Arzt trat herein, untersuchte sie und stellte erstaunt fest, sie sei völlig gesund.
"Das ist ein Wunder! Unglaublich!"






Beste Freunde


"Miyu-chan?", fragte Miho vorsichtig.
"Was ist?"
"Ich hab dich so vermisst!", heulte sie los.
"Wir dich auch!", setzten Shinya und Kenichiro ein.
"Leute, Shiro darf dabei sein!", verkündete Miyuki strahlend.
Verdutzt blickte Shiro sie an, der das Geschehen aus geringer Entfernung beobachtet hatte. Sie zwinkerte ihm zu. Noch nie hatte er sich so glücklich gefühlt. Am liebsten hätte er sie jetzt ganz fest an sich gedrückt, aber vielleicht ist es ihr vor den anderen unangenehm?
Von da an waren die fünf unzertrennlich. Sie unternahmen alles Mögliche, obwohl Shiro sich immer eher unauffällig verhielt, bekam er trotzdem viel Aufmerksamkeit zu spüren. Liebte Miyuki ihn überhaupt, oder mochte sie ihn nur?
"Hey, Leute", polterte Kenichiro los, "ich habe vor Kurzem in einem Prospekt etwas Interessantes entdeckt! Es gibt da so einen neuen Freizeitpark und ich dachte mir, wir könnten da doch mal vorbeischauen, oder?"
"Super Idee, Alter", lobte Shinya und klopfte ihm auf die Schulter.
Alle anderen stimmten auch zu, also wurde ihr Trip auf Sonntag festgelegt.
Miyuki ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute Tsunku eine Weile dabei zu, wie er das Geschirr einräumte
"Weißt du was, Tsunku?", schwärmte sie ihm nach kurzer Zeit vor.
"Nö, erzähl. Was gibt's denn, Schwesterchen?"
"Also", sie holte tief Luft, "Shinya, Kenichiro, Miho, Shiro und ich gehen am Sonntag in diesen neuen Vergnügungspark."
"Vergnügungspark? Weißt du, dass ich dich wirklich gern hab?"
"Hä? Was soll das nun wieder?", verdutzt schaute sie ihn an.
"Ach, na ja, könntet. Könntet ihr mich mitnehmen?", hoffnungsvoll sah er ihr in die Augen.
"Mal sehen was sich machen lässt. Ich denke schon."
"Juhu!", freudig sprang er auf.
"Das Kind im Manne", seufzte Miyuki und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
Am Sonntag klingelte es an der Haustür.
"Tsunku, das ist bestimmt Shinya, er wollte mich abholen. Machst du mal bitte auf?"
"Na, klar!"
Er öffnete die Tür und betrachtete Shinya eine Zeit lang, dann fingen beide zu lachen an.
"Hey, Shinya. Du bist es! Machst immer noch die 10. Klasse, hä?"
Shinya wurde leicht rot. Miyuki kam hinzu: "Kennt ihr euch?"
Sie nickten.
"Wir waren früher in einer Klasse", erklärte ihr Bruder.
"Dann ist es ja gar kein Problem, dass Tsunku mitkommt, oder?"
"Nein, das wird sogar mega cool! Weißt du noch, Tsunku, früher?"
Miyuki erinnerte sich dunkel, wie es früher war. Tsunku war eigentlich immer an irgendwelchem Ärger beteiligt. Langsam lief sie los.
"Kommt mal in die Gänge, Jungs!", rief sie den beiden zu, die aufgeregt über ihre gemeinsame Zeit tuschelten.
Miho hatte darauf bestanden, Shiro abholen zu dürfen. So war es dann auch und alle trafen sich am Eingang des Parks. Dort wurde Tsunku den anderen erstmal vorgestellt. Gut gelaunt und munter zogen sie los. Miho hakte sich bei Miyuki ein: "Wie wäre es mit Zuckerwatte, Miyu-chan?" Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, zerrte sie sie schon zum Stand, wo sie für sie beide eine große Portion bestellte. "Lecker, findest du nicht?", fragte Miho. Miyuki nickte.
Die anderen vier gabelten sie am Schießstand auf, an dem sie gerade ihr Glück versuchten. Shiro war mit Abstand der Beste.
"Hat ja auch Übung", dachte Miyuki.
"Was machen wir jetzt, Mädels, hm?", wollte Kenichiro wissen.
"Lass uns Achterbahn fahren!", platzte Miyuki heraus.
"Nein, ich will nicht!", protestierte Miho, "Da wird mir schlecht."
"Na gut, dann.", Kenichiro überlegte eine Weile, "Die Geisterbahn!"
"Ja, genau, oder Miyu-chan?"
Sie zögerte. Als sie ein kleines Mädchen war, hatte sie sich einmal darin verlaufen. Es war ein schreckliches Erlebnis. Aber jetzt war sie ja schon groß, also willigte sie ein.
Die ganze Meute betrat nacheinander die Geisterbahn. Die ersten paar Meter passierte nichts, doch dann auf einmal schnellte ein Skelett hervor. Miho fing wie wild an zu Kreischen.
"Beruhig dich", meinte Shinya.
"Na, hast du Angst Miyuki?", bohrte Shiro nach.
"Nein, habe ich nicht, Wieso sollte ich auch?", gab sie in einem trotzigen Ton zurück.
"Ach, ich dachte nur, weil.", meinte er frech, brach ab und legte ihr seine eiskalten Hände in den Nacken.
"Shiro, ich glaub dich spinnst!", kreischte sie.
Lachend zog er seine Hände wieder zurück. Plötzlich kam direkt vor Miyuki ein kopfloser Reiter, wie aus dem Nichts, hinter der Mauer zum Vorschein und schnellte knapp an ihrer Nasenspitze vorbei. Erschrocken kippte sie nach hinten um und wurde aber von Shiro gefangen.
"D- Danke", stammelte sie und wurde leicht rot. Er zog sie wieder auf die Beine.
"Kein Problem."
Den restlichen Weg durch die Geisterbahn überstanden alle heil, nur Miho schreckte manchmal auf.
Den restlichen Tag verbrachten sie an irgendwelchen Ständen oder Buden. Zum Abschluss bestand Miho darauf, dass alle gemeinsam Riesenrad fahren sollten.
"Alle in eine Kabine? Das wird doch ein riesen Gequetsche!", wand Tsunku ein.
"Komm schon, Alter. Das wird echt Spaß machen", meinte Shinya gelassen.
Gesagt, getan. Alle saßen, dicht an den anderen gepresst, in einer Kabine. Miyuki fand sich zwischen Shiro und Miho wieder. Langsam setzte es sich in Bewegung und alle bestaunten die Aussicht. Ganz oben angekommen, hörte das Riesenrad auf, sich zu drehen. Minutenlang saßen sie da und ärgerten sich. Es wurde wild durcheinander gerufen. Miyuki fühlte sich ganz schläfrig und schlief, ohne es zu merken, ein. Das Riesenrad stand noch immer still, als es auf einmal ein schreckliches Geräusch machte. Es begann unruhig hin und her zu schaukeln. "Ich glaube, wir werden abstürzen!", rief Kenichiro.
"Wir werden alle sterben!", kreischte Miho hysterisch. Plötzlich brach der Boden heraus. Kenichiro und Shinya stürzten in die Tiefe.
Miyuki rief verzweifelt die Namen der beiden, doch es half nichts. Sie fielen weiter und weiter. Miho wurde ganz aufgeregt und rutschte nervös auf ihrem Platz herum, als auch sie in die Tiefe gerissen wurde.
"Nein, nein.", Tränen rannen Miyuki über ihr Gesicht und sie spürte, wie eine Hand die ihre hielt. Sie blickte auf und sah in Shiros wunderschöne Augen.
"Keine Angst", beruhigte er sie. Sie fühlte sich einen Moment lang sicher, bis er auch herunter brach. Mit einem markerschütternden Schrei, stürzte er.
"Bitte nicht", nervös sah sie auf Tsunku, der noch auf der anderen Seite saß.
"Miyuki, ich werde alles Böse dieser Welt von dir abwenden. Glaube mir!" Mit einem Satz sprang er zu ihr und drückte sie fest an sich, doch er löste sich in Luft auf.
"Unmöglich", dachte sie und weinte, weinte tausend Tränen, um die wichtigsten Menschen in ihrem Leben.
"Miyuki, Miyuki! Wach auf!", hörte sie Miho sagen.
"Was ist denn los?", verdattert sah sie in die Runde. Alle waren noch da noch da. Ein Traum!
"Miyuki?", fragte Shiro. "Hm?"
"Du hast im Schlaf geweint. Sieh dir das an", er wies auf seine Schulter, "Du hast meine Jacke voll geheult. Was war los?"
Peinlich berührt sah sie ihn an. Ihr Kopf war auf seiner Schulter gelegen.
"Es war nichts, gar nichts", meinte sie lächelnd und wischte sich ihre Tränen ab.
"Außerdem", begann Shinya, "werden wir bald hier herunter geholt. Es hat zwar ewig gedauert, aber jetzt wird es gleich wieder laufen."
Sicher auf dem Boden angekommen, machten sie sich auf den Weg nach Hause. Es war schon spät. Sie verabschiedeten sich und gingen ihres Weges.
Miyuki und Tsunku gingen schweigend nebeneinander her, bis Tsunku fragte: "Was hast du geträumt? Du kannst es mir erzählen."
"Es ist wirklich nicht so schlimm. Kein Grund zur Sorge." Tapfer lächelte sie ihn an.

Große Überraschung


H
ippolyte und Sambesi begrüßten Miyuki lauthals: "Wo warst du denn so lange?"
"´tschuldigung, hatte keine Zeit."
"Rock hat dich vermisst", sagte Hippolyte freundlich.
"Frag mich nur warum", murmelte Sambesi bissig vor sich hin.
"Was? Wirklich? Ich will ihn sehen, sofort!", stieß Miyuki hervor.
"Da hinten, auf der Wiese", Hippolyte wies mit dem Zeigefinger auf Rock, der im Gras lag und vor sich hinträumte.
Hastig rannte Miyuki auf ihn zu. Langsam verminderte sie ihr Tempo und kam vor ihm zum Stehen.
"Hi, Rock", flüsterte sie sanft.
Er fuhr hoch, ließ ein freudiges Jaulen hören und schmiegte sich an sie. Leicht und vorsichtig begann sie in zu streicheln.
"Er erinnert sich wohl noch genau daran, was du für ihn getan hast", schmunzelte Hippolyte.
"Sie? Wir haben doch auch geholfen!", warf Sambesi ein.
"Ach, und so etwas wie du schimpft sich Engel", äußerte Hippolyte, "Sonst ist sie ja wirklich sehr nett und eines Engels gleich, aber dich akzeptiert sie einfach nicht und versucht immer irgendetwas Schlechtes an dir zu finden, um dich eines Amtes zu entledigen."
Doch Miyuki war das egal. Plötzlich fühlte sie sich seltsam. So, als ob es ihr übel wäre. Finsternis hüllte sich um sie. Sie hörte nur noch die erstickten Schreie ihrer beiden Mitstreiterinnen. Doch verstehen konnte sie es nicht. Als sie aufwachte, fand sie sich in einem Kerker wieder. Es war nass und kalt. Anscheinend gab es hier noch mehrere Zellen, da von irgendwo nebenan ein Hüsteln zu ihr hinüber drang. Ihr Kopf brummte gewaltig, als wäre sie irgendwo dagegen gestoßen. Langsam richtete sie sich auf und bemerkte, dass sich in der grauen Steinwand ein kleines Fenster befand. Neugierig sah sie hindurch und konnte geradewegs zu dem anderen ,Häftling' hinüber sehen. Ein stark gebauter, junger Mann saß auf seiner Pritsche und starrte ins Leere.
"Hey, du", fuhr er Miyuki an, "Was glotzt du so blöd? Ach, jetzt dämmert's mir! Du bist doch dieser Vampir Engel, hab ich Recht? Jetzt bist du uns ausgeliefert."
Ein dämonisches Grinsen machte sich über seinem Gesicht breit.
"Was? Wer bist du?" Dieses Grinsen hatte sie doch irgendwo schon einmal gesehen. Genau! Er hatte gewaltige Ähnlichkeit mit Shiro, wenn er ein Vampir war.
"Ich bin Satans Sohn. Shiros Zwillingsbruder. Als Shiro ist er dir bekannt, oder? Hier heißt er nicht so. Hier nennen sie ihn Kuroi. Mein Name ist Abunai", meinte er kühl.
"Warum sitzt du in diesem Kerker?"
"Weil mein Vater mich nur herauslässt, wenn ich eine Aufgabe habe."
Irgendwie wirkte er leicht betrübt.
"Was mache ich hier?"
"Stell nicht so viele Fragen, Kleine. Na gut, diese eine beantworte ich dir noch. Du bist hier um gefoltert und umgebracht zu werden. Ist das nicht toll?"
Bei diesem Gedanken musste er lachen.
Sie sank zusammen und sackte auf den kalten Steinboden.
"Es kann doch nicht alles aus sein", sprach sie leise.
Lautes Gepolter riss sie aus ihren Gedankengängen. Ruckartig wurde die Tür ihrer Zelle geöffnet und herein trat ein maskierter Mann. Falls es überhaupt ein Mann war und keine Bestie. Er packte sie grob am Arm, zog sie hoch und zerrte sie mit aller Gewalt aus ihrer Zelle. Lachend sah Abunai zu. Hasserfüllt blickte Miyuki ihn an.
Was war das für ein Gefühl, das sie auslöste? Hatte er etwa Mitleid? Er wusste nicht was, aber es war etwas an ihr, das ihn richtig dazu anspornte ihr zu helfen. Was hatte dieses Mädchen an sich? Was?! War es vielleicht ihre Hilflosigkeit, ihre Verzweiflung? Er hatte schon so viele Menschen hier gesehen, die all dies auch aufwiesen, nur sie. Mit Gewalt verdrängte er diese Gedanken und sah zu, wie sie abgeführt wurde, zu ihrem ersten Gang in die Folterkammer.
Der maskierte Wächter schubste sie in einen Raum, ganz aus Holz, der nur von ein paar Fackeln an den Wänden erleuchtet wurde.
Hilflos saß sie da und wartete auf etwas Schreckliches, das sich jeden Moment ereignen würde. Und wirklich, plötzlich schossen hunderte von kleinen Pfeilen aus dem Nichts hervor und trafen sie am ganzen Körper. Schützend legte sich ihre Arme übers Gesicht. So jäh das Geprassel begonnen hatte, so endete es auch. Schluchzend und verängstigt brach sie zusammen. Es polterte gewaltig,, als aus der kargen Steinwand auf einmal ein Rohr erschien. Erschrocken blickte sie auf. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie konnte ganz leise das Geräusch von Wasser vernehmen. Es wurde immer lauter und lauter, bis blitzschnell eine wahrhafte Fontäne aus dem Leitung schoss. Die Wucht des eiskalten Wasserstrahls traf sie und schleuderte sie gegen die harte Steinwand. Es schmerzte fürchterlich. Der Strahl löste Höllenqualen aus. Endlich versiegte er und Miyuki sackte zitternd und frierend zusammen. Mit einem lauten Quietschen schnappte die Tür auf und der Wächter kam, um sie zurück in ihre Zelle zu bringen.
Abunai beobachtete abermals die Szene, die sich abspielte. Miyuki legte sich auf ihre Pritsche und versuchte zu schlafen, doch dazu war sie momentan nicht in der Lage.
"Hat es dir gefallen?", fragte sie garstig. Blut rann ihr am ganzen Körper hinunter.
"Ja, und wie", dämonisch lachte er auf. Da bekam er den Geruch des Blutes in die Nase, "Ich will dein Blut!"
"Was? Nein, vergiss es."
"Bitte", er hörte sich wirklich verzweifelt an, "ich habe hier schon so lang nichts mehr zu essen bekommen."
"Ich- .okay." Sie konnte ihn doch nicht verhungern lassen. Mit aller Mühe raffte sie sich auf und ging bis zu dem kleinen Fenster.
Sie glaubte, Dankbarkeit in seinen Augen zu erkennen.
Langsam leckte er ihr das Blut vom Hals, weiter reichte seine Zunge nicht. Eine Gänsehaut überkam sie.
Abunai seufzte, setzte sich wieder auf seine Pritsche.
"Sag mir", Miyuki sah ihm direkt in die Augen, "warum seid ihr, du und Shiro, Vampire? Das ist doch nicht normal, als Satans Sohn einer zu sein, oder doch?"
"Na ja", er wandte den Blick kurz ab, sah sie dann aber doch wieder an, "als wir kleiner waren, streiften wir öfter durch die Unterwelt. Dabei trafen wir eines Tages auf ein paar Riesen. Wir dachten, wir wären stark genug, um sie zu besiegen, also ärgerten wir sie gewaltig. Plötzlich gingen diese Viecher auf uns los. Wir waren total wehrlos. Es fehlte nur noch etwas und wir wären gestorben, als unser Leibwächter, ein Vampir, uns fand. Erst verscheuchte er die Riesen, dann nahm er sich uns an", beim Gedanken an seinen Leibwächter musste er lächeln, "Ich weiß noch genau, wie erschrocken er über das Geschehene war. Auf normalem Wege hätte er uns nicht mehr retten können, also biss er uns. Machte uns zu Vampiren. So wurden wir unsterblich. Untote."
Gespannt hatte sie ihm zugehört. Traurig wandte sie sich ab. Sie dachte an Shiro. Würde sie ihn je wieder sehen? Sie musste weinen.
Abunai überkam wieder dieses Gefühl, ihr helfen zu wollen. Warum nur?
"Hey", sagte er leise, "Nicht weinen. Sei nicht traurig."
Verdutzt blickte sie auf.
"Was? Du -."
Er stand auf, ging zu dem kleinen Fenster und nahm ihre Hand in seine beiden.
"Wir sind uns ziemlich ähnlich", meinte er nur.
Ihre Tränen tropften auf seine Hände. Sanft lächelte er sie an.
"Danke", flüsterte sie.
Er wischte ihre Tränen ab.
"Schlaf jetzt besser, morgen solltest du eigentlich hingerichtet werden, aber ich helfe dir", sagte er entschlossen.
"Aber es sind doch deine Leute, die kannst du nicht hintergehen!"
"Schon vergessen? Wir sind die Bösen. So etwas wie ein Team existiert hier nicht. Mach dir keine Sorgen."
Abunai strich ihr durchs Haar. Langsam drehte er sich weg und legte sich in seine Pritsche. Sie tat es ihm gleich.
Er ärgerte sich gewaltig, über das, was er gerade getan und gesagt hatte.





Weihnachten


A
m nächsten Morgen fand sich Miyuki in ihrem Bett wieder. Lange dachte sie über den gestrigen Tag und Abunai nach. Bis Tsunku gut gelaunt in ihr Zimmer stürmte.
"Aufstehen, Schwesterchen! Heut ist der letzte Schultag vor den Weihnachtsfe-.", er stockte, als er ihre Wunden sah, "Was hast du da gemacht?"
"Ich war es nicht."
Sie wusste, jetzt müsste sie ihm alles erklären. Tat sie auch. Ruhig hörte er ihr zu. Danach meinte er:
"Egal was du tust, ich werde dich immer unterstützen!" Er schloss sie fest in seine Arme.
"Danke!"
In der Schule traf sie zuerst auf Shiro. Aufgeregt kam er auf sie zu.
"Kann ich dich mal kurz sprechen?"
"Ja, klar."
"Diese Wunden, du hast sie aus diesem Kerker. Stimmt's? Was haben sie dir da nur angetan?"
"Ach, das war halb so wild", sie versuchte stark zu sein.
Gerade, als sie sich zum Gehen wenden wollte, zog er sie von hinten an
sich und hielt sie fest.
"Versteck deine Gefühle nicht. Ich weiß, dass es da hart zugeht. Ich habe es selbst erfahren."
"Shiro."

Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
manche schleichen sich tiefer und tiefer ins Herz hinein
und während Tage und Jahre verstreichen
werden sie zu Stein

Du sprichst und lachst, als wenn nichts wäre
sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
bis in den Traum

Sie war so glücklich, ihn wieder zu sehen. Tränen schossen ihr in die Augen.
So standen sie noch einige Minuten, bis die Schulglocke den Anfang der ersten Stunde verkündete.
Langsam machten sie sich auf den Weg und stießen auf Miho, Kenichiro und Shinya. Jetzt war Miyuki wieder stark. Sie wirkte fröhlich, so wie immer.
Endlich läutete es. Die letzte Stunde war vorüber.
Miyuki sah aus dem Fenster: "Hey, Miho! Sieh mal! Es schneit. endlich."
"Wie schön", meinte diese verträumt.
Sie rappelten sich auf und trafen sich noch mit den andern drei vor der Schule.
Dort verabschiedeten sie sich und wünschten einander frohe Weihnachten. Sie hatten sich versprochen sich nichts zu schenken.
Als Miyuki nach Hause kam, war sie schon völlig zugeschneit.
"Brr!" Sie klopfte sich die Schuhe auf dem Fußabtreter ab und klopfte den Schnee aus den Haaren und der Jacke.
"Tsunku! Ich bin wieder dahaaa!", rief sie durchs Haus.
"Hier, in der Küche!", kam es zurück.
Hier saß er inmitten von Weihnachtskugeln, Lametta und sonstigem Weihnachtsschmuck.
"Komm, ich helf dir", meinte sie und befreite ihn erst mal vorsichtig aus dem Lametta, in dem er sich verfangen hatte.
"Ach, danke."
"Kein Problem. Wieso schmückst du hier alles so feierlich? Sind doch nur wir zwei", stutzig sah sie ihn an.
"Also", er lächelte, "ich habe mir gedacht es wäre schön, deine Freunde einzuladen. Meinst du nicht auch?"
"Ähm, ja. Schon."
"Super, dann kommen sie in."
"Drei Tagen", vollendete Miyuki seinen Satz.
"Genau, wollt ich sagen."
Drei Tage vergingen wie im Flug und schon stand Weihnachten vor der Tür, sowie Shiro, Miho, Shinya und Kenichiro.
"Komme schon", Tsunku hastete zur Tür, "schön, dass ihr gekommen seid."
Fröhlich kam auch Miyuki gerade: "Abendessen steht schon bereit." Als sie Shiro sah, wurde sie ein wenig rot.
Alle hatten Platz genommen und es wurde angefangen zu essen.
"Wirklich köstlich", brummelte Kenichiro mit vollem Mund vor sich hin. Sie unterhielten sich gut und alles lief glatt.
"Seltsam, eigentlich", dachte Miyuki, denn irgendetwas Übernatürliches machte ihr doch immer die schönsten Momente kaputt. Sie beschloss sich keine Sorgen mehr zu machen und den Abend zu genießen. Sie hatte keine Ahnung, wo die ganze Zeit blieb, denn so schnell, wie sie gekommen waren, mussten sie auch schon wieder los, doch.
"Miyu-chan, weißt du was eine wirklich gute Idee wäre, hm?", fragte Miho gut gelaunt.
"Nö, was denn?"
"Wenn wir alle hier übernachten dürften. Wie wär's?"
Miyuki kribbelte es auf einmal furchtbar in der Magengegend. Sie konnte sich noch genau an die Zeit mit Shiro im Schullandheim erinnern. Wieso wusste sie damals diese Momente noch nicht zu schätzen? In ihren Gedanken versunken starrte sie geradewegs die Decke an.
"Hallo? Was ist nun?"
"Oh, äh. Na, klar. Tsunku???"
"Jaha, was?"
Sofort unterbreitete sie ihm Mihos Idee und er war hellauf begeistert.
"Das ich da nicht draufgekommen bin. Na ja, okay."
Schnell wurden die Eltern angerufen und alles besprochen.
"Nur", begann Miyuki, "wo wollt ihr schlafen?"
"Ihr habt doch bestimmt Decken, oder?", wollte Shinya wissen.
"Hey, Alter! Gute Idee", lobte Kenichiro.
"Ihr wollt wirklich auf dem Boden schlafen?", fragte Miho.
"Ach, Miho", meinte Shiro, "nun stell dich mal nicht so an. Du wirst schon keinen Schaden davon tragen."
Fies grinsend machte er sich mit Tsunku auf den Weg um alle möglichen Decken und Kissen aufzustöbern.
Mit triumphierenden Blicken kehrten sie zurück.
"Seht mal, reicht locker für alle", sagte Tsunku.
Kenichiro und Miho schnappten sich die Decken und breiteten sie auf dem Boden aus. Dafür hatten sie extra ihr Gästezimmer ausgeräumt.
Als sich jeder einen Platz gesucht hatte, sah es dann folgendermaßen aus:

Tsunku - Shinya - Kenichiro - Miho - Miyuki - Shiro

Na, war das denn Zufall, dass Miyuki immer neben Shiro lag? Eigentlich hatte sie ja auch nichts dagegen einzuwenden.
Es wurde spät. Sie hatten die ganze Zeit damit zugebracht irgendwelche Kartenspiele zu spielen. Seltsamerweise gewann Shinya die ganze Zeit.
Gähnend legten sie sich auf ihre Plätze.
Shinya und Tsunku waren mal wieder in ein Gespräch vertieft.
Kenichiro und Miho waren seltsam still, dafür dass die beiden eigentlich immer zu den Lauteren zählten. Das lag ganz einfach daran, dass sich die beiden in einem Spiel ziemlich angegiftet hatten und dann auch heftig stritten.
Miyuki hätte schwören können, die zwei hätten sich heimlich und leise beieinander entschuldigt. Sie war sich auch sicher, da wäre noch ein bisschen mehr gelaufen. Aber Miho würde ihr bestimmt alles erzählen. Schließlich waren sie ja jetzt beste Freundinnen. Ach ja, unwillkürlich musste Miyuki wieder an Yuuko denken. Sie und Yuuko waren seit der vierten Klasse unzertrennlich gewesen. Sie hatten angefangen sich zu befreunden, als die beiden eine große Leidenschaft begannen zu teilen und zwar eine bestimmte Fernsehsendung. Aber halt- mit wem war Miyuki denn davor befreundet gewesen? Sie konnte sich merkwürdigerweise nicht mehr erinnern. War da nicht so ein blondes Mädchen? Na ja, es war so wie es war und über ihre Vergangenheit wollte sie sich jetzt wirklich keine Gedanken machen. Sie starrte im dunklen Raum umher und schließlich blieb ihr Blick an der Decke hängen. Plötzlich ergriff eine Hand die ihre. Diese Hand war warm, im Gegensatz zu ihrer eisigen. Es fühlte sich gut an. Sie sah Shiro an und lächelte, da sie wusste, dass es die Seinige war. Nun war sie so rot im Gesicht, dass sie meinte, man würde ihren Kopf im ganzen Zimmer glühen sehen. Zum Glück war das nicht der Fall. Ihr Herz schlug schneller. Shiro war auch ganz rot geworden und streichelte ihre Hand sanft.
So glücklich war Miyuki schon lang nicht mehr gewesen. Sie wusste nicht, wie es kam. Rutschte er näher oder sie, denn sie lagen jetzt ganz dicht beieinander. Sie spürte wie sich sein Brustkorb hob und wieder senkte und spürte seinen warmen Atem in ihrem Gesicht. Beide fühlten sich unglaublich wohl. Die Nacht verbrachten sie aneinander geschmiegt.
Die Sonne schien Miyuki hell ins Gesicht. Sie blinzelte ich entgegen und merkte erst jetzt, wo sie lag. Und zwar mit ihrem Kopf auf Shiros Oberkörper. Dieser schien schon hellwach zu sein.
"Morgen", meinte er fröhlich.
"Ich. äh", stammelte sie. Es war ihr wirklich peinlich. Vielleicht störte es ihn ja und er wollte es nicht. Oder verfolgte er immer noch seinen Plan? Sonst hätte er sie doch nicht gerettet, oder?
"Schon okay", meinte er nur und küsste sie auf die Stirn.
Wieder meinte sie vor Röte zu glühen.
Sie richtete sich auf und bemerkte, dass alle noch schliefen.
Kenichiro und Miho boten ein niedlichen Anblick: Er hatte einen Arm um sie gelegt und sie einen über seinen Bauch.
Miyuki musste lächeln. Shinya und Tsunku lagen nur, jeder auf eine andere Seite gedreht, da.
Schmunzelnd wollte sie gerade gehen, um Frühstück zu machen, als Shiro wie aus dem Nichts seine Arme um sie schlang.
"Was-.", sie kam nicht dazu ihren Satz zu beendigen, da er sie unterbrach:
"Bitte, ich möchte dich nur in den Armen halten."
Sie errötete aufs Neue. Vorsichtig drehte sie sich zu ihm um, um ihn ansehen zu können. Er nutzte diese Chance. Seine Lippen näherten sich der ihren, bis sie aufeinander trafen. Ganz sanft und zärtlich. Erst überrascht machte Miyuki große Augen, doch nach und nach schloss sie sie und genoss es. Sie versanken in einem zärtlichen Kuss.
"Morgen", gähnte Kenichiro verschlafen.
Erschrocken fuhren die beiden auseinander.
"Morgen, Kenichiro!" Miyuki tat, als wäre nichts geschehen. Übrigens, stand Kenichiro zu dem, wie er dalag.
"Ich geh schnell Frühstück machen", meinte sie.
Kurz sah sie Shiro noch an und gab ihm schnell ein Küsschen auf die Wange.
Verdattert stand er da. Sollte das nun heißen, sie konnte ihn auch gut leiden?
Nach und nach wachten auch die anderen auf und pflanzten sich an den Tisch. Es war Kenichiro zwar etwas peinlich, dass Miho gleich lautstark verkündete, dass sie nun miteinander gehen würden, aber er wirkte auch erleichtert.
Nach dem Frühstück brachen sie endgültig auf.
Tsunku hatte noch etwas zu erledigen, also verabschiedete er sich schleunigst von allen und machte sich auf den Weg.
Miyuki nahm sich Zeit. Shinya, Tsunku und Miho waren schon auf dem Gehweg, als Shiro endlich daherkam.
"Tschüß", sagte sie freundlich.
Er grinste sie an, küsste sie noch einmal kurz und machte sich dann auf den Weg.
"Tschau", rief er noch.
Im Freudentaumel schloss sie die Tür und legte sich auf eine Couch. Der Tag stellte sich als ziemlich langweilig heraus.
Irgendwann am Nachmittag trudelte Tsunku ein.
"Wo warst du denn?"
"Ach, nur kurz was einkaufen", er grinste geheimnistuerisch.
"Verstehe."
Sie konnte sich schon denken, dass es irgendetwas mit seinem und Shinyas Gespräch auf sich hatte.
Nach einiger Zeit erschien ihr im Traum wieder der Engel. Lange schon, hatte sie ihn nicht mehr gesehen.
"Was ist los?", wollte Miyuki wissen.
"Es geht um diesen Shiro."
"Bitte nicht", dachte sie.
"Du solltest dich nicht so mit ihm anfreunden. Ja, er hat dir das Leben gerettet, aber bei Dämonen kann man sich nicht sicher sein. Vielleicht wollte er durch diese Rettungsaktion nur wieder dein Vertrauen gewinnen. Ich kann es nicht riskieren einen Engel so zu verlieren."
"Und was spielt es für eine Rolle, was ich fühle? Ich empfinde viel für ihn. Bei ihm fühle ich mich wohl, er."
"Betrügt dich nur! Er will doch nur, dass du das tust. Verstehst du denn nicht?! Dämonen empfinden keine Zuneigung oder sogar Liebe! Jetzt versucht es auch noch dieser Abunai. Warum meinst du wäre der denn auch so nett zu dir, hm?"
"Ich weiß es nicht." Bedrückt starrte sie zu Boden.
Doch der Engel wusste nicht, was Miyuki besonderes umgab, das die beiden ihre dämonischen Angewohnheiten vergessen ließ.
"Versprichst du mir, dich von ihm fernzuhalten?"
"Das. Das kann ich nicht! Es tut mir wahnsinnig leid, aber es geht nun einmal nicht!"
Sie war starrköpfig geworden.
"Aber jetzt ist es doch nicht mehr so, dass du sonst niemanden anderes hast, der sich um dich kümmert. Du könnest dich gänzlich von ihm abwenden und hättest trotzdem noch jede Menge Freunde."
"Ach, du verstehst das nicht!"
"Ich möchte doch nur, dass du nicht zu einem gefallenen Engel wirst! Falls du ihn nämlich so sehr lieben würdest und deine Gefühle nicht mehr zurückhalten könntest, hätte das fatale Folgen: Ihr würdet das tun, was Liebespaare nun einmal so tun. Wenn ein Engel mit einem normalen Sterblichen schlafen würde, so hätte das nicht so verheerende Konsequenzen. Da du sowieso schon ein dunkler Engel bist, möchte ich nicht, dass du noch weiter sinkst. Als gefallener Engel kannst du nirgendwo mehr hin, außer zu Satan. Überdenk das noch einmal, bitte."
Mit diesen Worten verschwand der Engel.
Durch ein Klingeln wurde Miyuki am nächsten Morgen aus dem Schlaf gerissen. Immer noch sauer über diesen Engel schlich sie zur Tür und erkannte nur einen Umriss. Öffnen wollte sie nicht, war ja noch im Schlafanzug.
"Miyuki, ich mach schon auf!", rief Tsunku.
"Na vielen Dank noch", grummelte sie säuerlich vor sich hin.


Ayas Geschichte


"Hallo, wer bist du denn?", begrüßte Tsunku das Mädchen mit dem strohblonden Haar, das an der Tür stand.
"Ich bin eine Bekannte von Miyuki", sagte sie nur, "Darf ich reinkommen?"
"Klar, Miyuki wird gleich fertig sein. Miyuki! Kommst du mal?"
"Ja, ich zieh mich nur noch schnell um!"
Ach, sie hatte überhaupt keine Lust diesen Besuch jetzt entgegenzunehmen.
Seufzend kam sie ins Wohnzimmer. Als sie das wartende Mädchen sah, wurde ihr ganz anders.
War das.? Konnte das sein.?
"Aya?!", stieß sie überrascht hervor.
"Ja", meinte sie kühl.
"Was willst du denn hier?"
"Dir etwas erzählen."
"Aha, was denn?"
Miyuki nahm auf dem Sessel in der Ecke Platz und schien nicht sonderlich interessiert.
"Es geht um mich. Kannst du dich nicht mehr an mich erinnern?"
"Was ist das denn für eine blöde Frage? Vor wenigen Monaten gingen wir noch in die gleiche Klasse!"
"Das mein ich ja auch gar nicht. Es geht um die Zeit davor. Im Kindergarten und der Grundschule."
"Du.? Nein, das ist doch unmöglich", völlig baff starte sie Aya an.
"Doch, so ist es. Ich war deine beste Freundin, bis diese Yuuko dich mir weggenommen hatte. Und du", sie sah gekränkt drein, "hast mich einfach vergessen. Du hattest nur noch Interesse an ihr, von mir allerdings wandtest du dich immer mehr ab, bis ich dann wegzog. Nach vielen Jahren spürte ich dich auf und erfasste auch deine immer noch freundschaftliche Beziehung zu Yuuko", sie schien sehr verärgert, "Ich wollte nur noch Rache!"
"Aber das ist doch- Entschuldigung, wenn ich das jetzt so sage- krank! Dieser Vorfall lag ewig zurück!"
"Ich konnte es nicht vergessen! Du wusstest genau, dass mich die anderen aufgrund meines kränklichen Aussehens immer ärgerten und mich nie dabeihaben wollten. Später war es dann zwar anders, aber ich konnte diese Demütigung nicht vergessen. Um dich genauso zu kränken, wie du mich kränktest, musste ich mir dämonische Hilfe suchen."
"Dämonische?!"
"Genau, so ist es. Ich wurde zu einer unterwürfigen Dämonin ohne Stolz, die sich alles hat gefallen lassen müssen. Nur um mir irgendwann mithilfe der minimalen Kräfte, die ich letztendlich bekam, mir Yuuko untertan zu machen, auf das sie dich meiden würde. Alles hätte wunderbar geklappt, wärst du nicht nach kurzer Zeit weggezogen. Shiro war auch Teil des Plans", sie grinste teuflisch.
"Das weiß ich", gab Miyuki kühl zurück und verzog keine Miene.
"Er konnte sich, dank dieser Sache mit Yuuko, besser an dich heranmachen. Diesen Plan verfolgt er doch jetzt noch, oder?", bösartig starrte sie Miyuki an.
Sie wusste nicht, ob er es jetzt ernst meinte, oder wie Aya sagte, alles nur spielte. Was sollte sie denn antworten? Hilflos starrte sie auf den Boden.
"Auch egal. Yuuko ist mittlerweile wieder normal. Und außerdem nicht sie, sondern ich, war und bin in Shiro verliebt. Ich werde alles daransetzen ihn zu bekommen. Weißt du?"
"Tu was du willst. Das ist mir echt egal, mit wem du rum machst:"
Sie log. Aus dem Grund, dass sie Aya nicht die Genugtuung verschaffen wollte, sie hätte sie jetzt eifersüchtig gemacht, oder sie könne aus ihr herauslocken, was sie wirklich für Shiro empfand.
"Wenn dir wirklich was an ihm liegt, kämpfe um ihn.", siegessicher sah sie Miyuki an, "Mir widersteht niemand."
"Da wäre ich anderer Meinung", dachte Miyuki und grinste.
"Was ist denn, hm?!"
"Nichts, gar nichts. Ach ja, danke für die Info. Jetzt kannst du aber wieder gehen."
Ungeduldig schob sie Aya zur Tür hinaus und winkte ihr noch nach.
Miyuki dachte noch über Ayas Worte nach und über Shiro. Wenn sie an ihn dachte, wurde ihr ganz kribbelig. Auf einmal war sie wieder besser gelaunt und startete voller Elan in den Tag. Nur, was sollte sie die ganzen Ferien über tun?
Silvester! Genau, das war es! Da konnten sie ja wieder eine Party geben. Sie wollte es sofort Tsunku unter die Nase reiben, als dieser zur Tür hinaus schoss und meinte, er komme gleich wieder.
Sie seufzte kurz und ließ sich in den Sessel plumpsen. Was konnten sie denn an Silvester tun? Hm, Feuerwerk, feiern. Was sonst. Sie dachte an den letzten Tag des Schullandheim Aufenthalts und an Shiro, der da wohl ein wenig zu viel getrunken hatte. Wenn er dann auf der Party nochmals im Rausch über sie herfiel? Aber zu Silvester gehörte nun mal Alkohol. Grübelnd saß sie so da, als auf einmal das Telefon läutet.
"Niigaki", meldete sie sich.
"Hi, Miyu-chan!"
Miho.
"Ich muss dir was erzählen", startete sie freudig.
"Schieß los."
"Also", sie holte tief Luft, "ich hab dir, na ja euch allen, erzählt, was mit mir und Kenichiro läuft. Wir verstehen uns wirklich super gut und-. Na, das war's."
"Ach, das war alles?"
"Ja, ähm, du, da fällt mir ein. Silvester. Was machen wir da? Könnten wir da vielleicht alle zu euch kommen?"
"Klar! Auf die Idee bin ich auch schon gekommen. Was hättest du denn so für Einfälle?"
Es war kurz still am anderen Ende.
"Na, was man an Silvester halt so tut. Feuerwerk, feiern und."
"So weit war ich auch schon."
"Wir werden schon sehen! So, ich muss jetzt los. Hab ein Date mit Kenichiro. Also bis bald! Tschüß!"
"Tschau!"
Gerade als Miyuki den Hörer aus der Hand legte, schwang die Tür auf und Tsunku trat herein.
"Tag, Kleine!"
Er versuchte so schnell wie möglich an ihr vorbei zu zischen, doch sie packte ihn gezielt am Hemdärmel und hielt ihn zurück. Jetzt erkannte sie, was er da unter seinem Arm hatte.
"Feuerwerks Kracher? Hattest also auch die Idee, dass die andern bei uns feiern?"
"Jep, eigentlich Shinyas Idee. Hab ihnen gerade allen bescheid gesagt."
"Aha", meinte sie nur und ließ ihn ruckartig los, sodass er fast hingefallen wäre und weiterstolperte.
"Ach, übrigens. Den Alk hab ich auch schon besorgt. Steht in der Küche. Sie werden übernachten!", warf er ihr noch über die Schulter zu.
"Na, toll. Das kann ja ne Saufparty werden", dachte sie.
Tsunku hatte ihr mal von einer seiner Silvester Partys erzählt, wie sie alle kotzend in den Büschen hingen und durch die Gegend wankten.
Sie schlich in die Küche, um den Alkohol zu checken. Nur so hochprozentige Alkopops, die nach Fruchtsaft schmeckten, aber es doch gewaltig in sich hatten. Das hatte sie sich ja gedacht. Na ja, vielleicht könnte es auch spaßig werden?
Den Alkohol hatte Tsunku also letztens besorgt.


Die Silvester Party


D
er Abend der Wahrheit war gekommen. Zuerst trudelte, wen wundert's, Shinya ein mit 'ner gewaltigen Ladung an Chips und Knabberzeugs.
Nach und nach noch die fehlenden drei. Wobei Shiro Miyuki wieder Herzklopfen bereitete. Es ärgerte sie ein wenig.
Da fiel es ihr ein, Mitternacht! Shiro, Mitternacht und Vollmond vertrugen sich nicht so besonders.
Eilig sah sie auf ihrem Kalender nach. Gott sei Dank, Vollmond war es erst nächstes Mal. Vielleicht wirkte Mitternacht auch auf ihn? Sie könnte zum Beispiel seine animalischen Seiten zum Vorschein bringen. Sein wildes, ungestümes Wesen, das zwar kein Blut wollte, aber. wer weiß zu was er dann alles imstande ist.
Die Zeit bis zum Raketen Schießen verbrachten sie mit futtern. Miho und Kenichiro zwar eher mit dauerndem Rumknutschen, aber was sollte man machen? Etwas nervte es Miyuki dann doch. Übertreiben kann man's ja auch.
Dann, fünf Minuten vor zwölf, stürmten alle hinaus und machten die ersten Raketen startklar. Kurze Zeit später stoben sie auch schon gen Himmel. Es war herrlich! Da hatten Tsunku und Shinya wenigstens mal eine gute Idee.
"Lasst uns anstoßen!", meinten die beiden dann gleich, was Miyuki weniger toll fand. Sie war ja keine Langweilerin, aber die beiden Übertrieben es immer gewaltig.
"Alles Gute zum Geburtstag, Miyuki!"
Sie hatte am ersten Tag des neuen Jahres. Jeder drückte sie einmal, wobei es bei Shiro etwas ganz Besonderes war.
Sie prosteten sich also gegenseitig zu. Die Kerle leerten ihre Flaschen auf einen Zug, bis auf einen: Shiro. Anscheinend hielt er nichts von dieser ganzen Sauferei. Angeber! Miyuki und Miho blieben da erst mal bei einer, im Gegensatz zu den andern, die sich gleich darauf eine neue holten.
"Die wollen ja gar nicht anders, als betrunken zu werden", flüsterte Miho zu ihr.
"Männer!", sagte sie nur und beide kicherten.
Mittlerweile hatten sie auch de zweite geleert. Die waren ja nicht so sonderlich groß, aber Miyuki fand, das würde reichen.
Tsunku und Shinya zogen unverhofft los.
"Hey, wo wollt ihr denn hin?", rief Miho ihnen nach.
"Bissn durch die Schtraßen ziehen!"
Man konnte deutlich hören, dass sie etwas über den Durst getrunken hatte.
Miho ging auf Kenichiro zu, zog ihn wieder auf die Beine (er kauerte mittlerweile am Boden) und brachte ihn ins Haus. Sah aus, als ob er jeden Moment kotzen müsste.
Shiro lehnte an der Hauswand und hatte den Blick auf den Boden gerichtet.
Langsam hob er den Kopf und sah Miyuki an, kam auf sie zu.
Sie wandte sich zu ihm um und auf einmal hatte er sie fest in die Arme geschlossen.
"Ich liebe dich", hauchte er ihr ins Ohr.
Er begann zärtlich ihren Hals zu küssen. Wohlige Gänsehaut zog sich über ihren Körper. Sanft biss er sie in ihre Lippe, fasste mit seinen Händen an ihre Brüste.
"Meinst du das ernst?", fragte sie zögerlich.
"Na, klar", flüsterte er.
Dann holte er eine kleine Schatulle aus seiner Jackentasche und reichte sie ihr.
"Was ist das", fragte sie völlig überrascht.
"Zu deinem Geburtstag."
"Das wäre nicht nötig gewesen. Du hättest mir nichts schenken müssen!"
"Nun komm, mache es auf", drängte er.
Langsam öffnete sie es. Ihre Augen weiteten sich. Sie leuchtete so rot, wie eine überreife Tomate. Er hatte ihr einen silbernen Ring geschenkt!
"Er ist wunderschön", hauchte sie ihm ins Ohr.
Miyuki strich ihm durch sein Haar und gab ihm einen langen Kuss. Das fasste er irgendwie als Einladung auf und trug sie ins Haus. Es roch irgendwie seltsam. Lag vielleicht an Kenichiros Übelkeit.
Shiro legte sie im Wohnzimmer auf die große Couch und setzte sich auf sie.
Er begann damit, ihr Oberteil auszuziehen. Sie genoss es zwar und wollte es auch, aber sie rief ich die Worte des Engels noch einmal in Erinnerung:
"Falls du mit ihm schlafen solltest, wirst du zu einem gefallenen Engel werden."
"Es- es geht nicht", stammelte sie, "wir können es nicht tun."
Er zeigte vollstes Verständnis und meinte nur:
"Dann lass uns das hier einfach genießen!"
So ließ er sie halbwegs angezogen, machte nur ihren Brustbereich etwas frei und fing an diesen abzulecken. Langsam und gefühlvoll schob Miyuki ihre Hände unter sein Hemd und zog es ihm aus. Das war ja wohl noch kein Vergehen. Liebevoll streichelte sie ihn. Sie spürte, wie wild sein Herz schlug und wie hastig er atmete.
Es fühlte sich großartig an! Das tollste was sie je erlebt hatte. Er Herz pochte wild und unaufhörlich. Als ob es jeden Moment aus ihrer Brust springen wollte. Sie hoffte, er fühlte wenigstens die Hälfte von dem. Er spürte es mindestens genauso stark. Mit ihr, dem einzigen Menschen den er liebte.
Sie war das einzige Wesen, für das er wirklich etwas empfand.
Er wurde seltsamerweise schnell müde und knackte weg. Miyuki lag unter ihm, fest umklammert und fragte sich, was Kenichiro und Miho taten, oder Tsunku und Shinya. Sie fühlte sich auch schläfrig und befand sich in einer Art Halbschlaf. Was würden die anderen sagen oder denken, wenn sie sie hier so fanden? Konnte sie das riskieren? Schämte sie sich etwa ihrer Gefühle gegenüber Shiro? So wollte sie es nicht belassen, also schob sie Shiro von sich herunter auf den Boden. Sie würde den anderen erklären, dass es ihm heiß geworden war und er deshalb sein Shirt ausgezogen hatte. Schnell machte sie ihr Oberteil wieder zu.
Sie hörte, wie die Haustür aufschwang. Das mussten Shinya und Tsunku sein!
Rasch legte sie sich wieder hin und tat so, als ob sie schliefe.
"Alter, ich muss schnell mal wohin. Mir is' kotzübel", brummelte Shinya.
"Ja ja, geh nur", meinte Tsunku und betrat das Wohnzimmer, in dem Shiro und Miyuki lagen.
Langsam schritt er auf Miyuki zu und betrachtete sie kurz.
Er ließ von ihr ab und lief Shinya entgegen, um irgendetwas zu besprechen. Wahrscheinlich über das, was sie tolles erlebten hatten auf ihrem Streifzug durch die Straßen.
Langsam schlief sie ein. Mit einem Ruck lag sie am Boden.
"Hm? Was, wo, wie?", murmelte sie schlaftrunken.
Sie starrte direkt in Shiros wunderbar blaue Augen, in denen sie jedes Mal aufs Neue versank.
Er küsste sie sanft auf die Stirn.
"Gut geschlafen?"
"Bis jetzt ja. Ist doch noch nicht mal Morgen", meinte sie verschlafen.
"Ich bin aber aufgewacht und hab mich doch ein bisschen gewundert, warum ich hier unten auf dem Boden liege. Da hab ich mir gedacht, ich möchte die restliche Nacht lieber bei dir verbringen."
Er grinste sie frech an. Miyuki wurde wieder rot. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, schlang er seine Arme um sie und beide blieben so liegen. Sie bemerkte gar nicht, wie ungemütlich der Boden war. Sie lagen Gesicht an Gesicht, sie auf einem Arm, den er um sie gelegt hatte.
Prompt schlief Miyuki wieder ein. Shiro sah sie glücklich an, wie sie da so lag. So wunderschön und friedlich. Momentan war er nur glücklich. Glücklich, dass er bei ihr sein durfte. Glücklich, sie berühren und im Arm halten durfte.
Am nächsten Morgen wachte Miyuki schon wirklich früh auf. Es war gerade mal sechs Uhr! Verschlafen tappte sie ins Bad, als sie es endlich geschafft hatte, sich aus Shiros Klammergriff zu lösen. Sie hoffte nur, sie hätte ihn nicht geweckt. Schnell machte sie sich fertig und suchte nach Miho und Kenichiro. Sie wollte wissen, was ihre beste Freundin die letzte Nacht so getan hatte. Sie fand die beiden im Gästezimmer auf den Matratzen liegen, eng umschlungen.
Sie seufzte leise und schlurfte in die Küche, um zu frühstücken.
Sie hatte keinen blassen Schimmer, was sie noch tun sollte, während die anderen schliefen. Summend erledigte sie den Abwasch, als das Telefon klingelte. Hektisch stürzte sie darauf zu, um zu verhindern, dass die andren von dem schrillen Klingeln geweckt werden könnten.
"Himmel, wer ruft denn so früh an? ... Ja, Niigaki?"
"Hallo, Miyuki!"
Sofort erkannte sie diese ihr vertraute Stimme. Sie konnte es kaum fassen, war sie das wirklich?!
"Yuuko? Was willst du denn um diese Zeit?", fragte sie vorsichtig.
"Ich hab es einfach nicht länger ausgehalten. Wollte mich nur entschuldigen! Weiß auch nicht, was über mich gekommen ist! Es tut mir so leid! Verzeihst du mir?"
Eigentlich konnte Yuuko ja nichts für ihr Handeln und Miyuki war auch nicht als besonders nachtragend bekannt.
"Ja, . klar."
"Oh, danke!"
Yuuko schien sich vor Freude zu überschlagen.
"Na ja, bis dann! Kann nicht mehr reden, sonst weck ich das ganze Haus auf."
"Ja, okay! Tschüß!"
Glücklich legten beiden den Hörer auf. Nur was jetzt tun? Miyuki schlich sich noch mal ins Wohnzimmer, in dem Shiro immer noch lag und schlief. Eine Weile sah sie ihn nur an, dann kniete sie sich zu ihm runter und strich ihm sanft durchs Haar. Sie machte kehrt und verdrückte sich nach draußen, um etwas frische Luft zu schnappen. War doch etwas kalt. Na ja, wie hieß es doch so schön? Was dich nicht umbringt, dient zur Abhärtung. Irgendwie war es ihr nach einem Morgenspaziergang, bei dem sie noch mal über alles nachdenken konnte. Überhaupt war sie ein Mensch, der sich über so gut wie alles Gedanken machte. Manchmal hasste sie es wirklich, weil sie wegen irgendwelchen Kleinigkeiten einfach nicht einschlafen konnte, ohne darüber nachzugrübeln.
Der kühle Wind blies ihr ins Gesicht. Miyuki entdeckte einen schmalen Pfad, den sie noch nie gesehen hatte. Neugierig, wie sie war, wollte natürlich sofort wissen, wo der denn hinführte. Minutenlang marschierte sie auf diesem entlang, bis es ihr dann doch zu blöd wurde und sie umdrehen wollte. Da erschien auf einmal Aya, wie aus dem Nichts und schenkte ihr eins ihrer wohl widerlichsten Lächeln.
"Was willst du denn hier?", fragte Miyuki forsch.
"Nur mal sehen, wies dir so geht. Hatte eigentlich gehofft, nicht so gut, aber das lässt sich ja ändern, nicht?"
"Was? Wie meinst du das denn?"
"Na, erst einmal habe ich schon dafür gesorgt, dass du deine Kräfte nicht aktivieren kannst. Du sollst mich ja nicht gleich umhauen."
"Wie hast du das denn bitte angestellt?"
Miyuki schenkte ihr keinen Glauben. Was sollte so ein Möchtegern Dämon ohne
jegliche Fähigkeiten schon groß angerichtet haben?
"Na, euere Getränke gestern. In denen der andern war starkes Schlafmittel. Sollen doch nichts mitkriegen. In deinem war etwas, das ich von Satan bekommen habe, da du ihm auch ein Dorn im Auge bist. Es hindert dich eine Zeit lang, deine Kräfte einzusetzen."
"Woher wusstest du denn, welches meins sein wird?"
"Tja, ich hab da so meine Quellen. Es gibt Leute, die in die Zukunft sehen können. Einer dieser hat mir dann verraten, welches Getränk du nehmen wirst. War doch einfach, oder was meinst du?"
"Das soll ich dir jetzt glauben?", fragte Miyuki frech.
Aya verlor kurz die Fassung, beherrschte sich augenblicklich aber wieder.
"Musst du fast. Gleich werde ich nämlich versuchen dir etwas anzutun. Sehen wir mal, ob du es schaffst." Sie lachte etwas verstört auf.
Miyuki hatte gänzliches Vertrauen zu ihren Kräften. Was sollte da so ein Mittel ausrichten können? Was da war, war da!
Mit einem entsetzlichen Schrei stürmte Aya mit einem Dolch auf sie zu.
Miyuki konzentrierte sich auf ihre Macht, aber nichts geschah. Wie war das möglich? Sollte Aya doch Recht haben? Fassungslos starrte sie die immer näher kommende Aya an.
"Dann nehme ich es halt selbst in die Hand!", redete sie sich ein und blieb ruhig stehen.
Erst als Aya schon gefährlich nahe kam, sprang sie gekonnt zur Seite. Doch sie hatte nicht mit Ayas zwar nicht so ausgeprägten, aber trotzdem vorhandenen dämonischen Kräften gerechnet, sodass es Aya ein Leichtes war, sich direkt hinter Miyuki zu teleportieren.
"Was war das mit deinen Kräften?", wollte Aya wissen, wartete aber gar nicht erst auf die Antwort, sondern schmiss den Dolch weg ("Mit solchen primitiven Mitteln arbeitet doch heutzutage kein Dämon mehr", brummelte sie) und beschwor den wahren leibhaftigen Tod. Wie konnte sie zu solcher Kraft kommen um ihn zu beschwören? Oder konnte das jeder?
Miyuki hörte und spürt seinen röchelnden, warmen Atem in ihrem Nacken. Langsam wandte sie sich um und blickte dieser Gestalt mitten ins fleischlose Schädelgesicht. Ihr Herz setzte einen Moment aus, bevor es anfing mit doppelter Geschwindigkeit zu schlagen. Aya lachte nur schadenfroh auf und verschwand wieder. Der Tod hielt schon seine Armbrust (ja, ganz recht. Keine Sense!) und war bereit diese auch einzusetzen. Miyuki zitterte am ganzen Leib, was sollte sie dem denn ohne ihre Kräfte entgegensetzen? Verzweiflung machte sich in ihr breit. Sollte er nicht nur die Menschen holen, deren Zeit gekommen war? War sie denn bei Miyuki schon gekommen, oder konnten die Dämonen ihn gebrauchen, wie sie wollten? Sie vernahm das unangenehme Röcheln wieder und es grauste sie noch mehr. Panisch betrachtete sie den Tod. Das Blut wurde ihr in den Kopf gepumpt. Sie fühlte sich seltsam, wie in Trance. Miyuki wollte und konnte gar nicht realisieren, dass sie jetzt sterben sollte.
"Nein, nicht jetzt!", brüllte sie.
An dieser Knochen Fresse konnte sie keine Gefühlsregung erkennen. Er war auch nicht sonderlich gesprächig. Geübt fing er an, genauer Ziel zu nehmen.
Was jetzt? Hektisch blickte sie umher. Hier gab es nichts, gar nichts. Was blieb ihr jetzt noch übrig, außer sich ihm mutig in den Weg zu stellen? Ihre Augen weiteten, als sie sah, dass der erste Pfeil so gut wie abgeschossen war.
Schon schoss er auch schon auf sie zu. Diesem konnte sie gerade noch ausweichen, fiel aber rücklings über einen Stein und landete unsanft auf ihrem Steißbein. Fühlte sich an, als wäre es gerade eben zerbrochen. Unter stechendem Schmerz richtete sie sich wieder auf, doch der zweite Pfeil ließ nicht lange auf sich warten. Blitzschnell kam ihr auch dieser entgegen. Er flog nur etwas an ihrer Wange vorbei. Noch ein paar Pfeilen versuchte sie auszuweichen, nur manche streiften sie an Armen, Beinen und Gesicht. Völlig außer Puste kauerte sie auf dem Boden. Mit leerem Blick starrte sie vor sich hin. Jegliche Hoffnung war aus ihr entwichen. Sie war dabei sich seelisch schon mal auf ihr Ableben vorzubereiten. Die vielen kleinen, aber spitzen Steinchen stachen gewaltig.
"Schieß schon!"
Tränen der Angst und Verzweiflung rannen ihr übers Gesicht. Sie wollte noch nicht gehen. Jetzt noch nicht! Es gab noch eine Menge Leute, mit denen sie noch so vieles erleben wollte. Zögerlich sah sie vom Boden auf und starrte diesen grässlichen Toten Schädel an. Plötzlich kam hinter ihm in den Büschen eine leuchtende Energiekugel zum Vorschein, die rasend schnell auf ihn zukam. Doch der Tod merkte nichts, sondern zielte auf Miyukis Herz, als ihn plötzlich von hinten diese Energiekugel traf. Aus lauter Überraschung ließ er seinen Pfeil los, der dann geradewegs auf Miyuki zuschoss. Sie war zu erschöpft um auszuweichen. Sie bekam nur noch mit, wie sich etwas zwischen sie und den Pfeil warf. Es war ihr schwarz vor den Augen. Alles um sie herum verschwamm.
Kurze Zeit später kam sie wieder zu sich und fand sich in ihrem Bett wieder.
"Wie komm ich hier her?", fragte sie sich im Stillen. Die Tür ging auf und Shiro trat herein.
"Miyuki, du bist ja wieder wach", er lächelte etwas gequält.
"Was hast du denn?"
"Es ist nichts."
Hatte er das nicht schon mal behauptet. Sie seufzte tief.
"Was ist passiert?"
"Na ja", er stockte kurz und holte tief Luft, "erst hab ich diesen Tod dahin zurück geschickt, wo er hingehört, dann hab ich dich hier her gebracht."
"Danke."
Shiro hustete einmal schwer und hob sich dann die Hand an die Brust.
"Gern geschehen", würgte er hervor.
Blut rann über seine Hand.
"Also, doch. Du hast dir doch was getan", voller Sorge blickte sie ihn an.
"Nein, es geht schon. Nicht der Rede wert."
Miyuki raffte sich auf und hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Ihr war zwar noch immer ein wenig schwindelig, aber das war jetzt nebensächlich. Sie nahm Shiros Hand von seiner Brust und sah ein kleines, jedoch tiefes Loch, das gar nicht mehr mit dem bluten aufhören wollte.
"Hey, lass das!", meinte er energisch.
Aber wenn er dachte, so würde er sie los, lag er falsch.
"Jetzt erst recht", dachte sie.
Miyuki zog ihm behutsam das Oberteil aus und besah die Wunde noch ein wenig bis sie losspurtete.
"Warte hier!", rief sie ihm nach.
Er setzte sich etwas benommen aufs Bett und grinste fröhlich vor sich hin. Was für ein Glück, dass er sie hatte. Ohne Miyuki wäre sein Leben nur halb so schön.
Wenige Augenblicke später tauchte sie, triumphierenden Blickes, wieder auf, mit etwas Verband und Desinfizierungsmittel. Wie er es doch hasste.
"Nicht das schon wieder", stöhnte er.
"Tja, was sein muss, muss sein", antwortete sie knapp und begann vorsichtig mit dem getränkten Wattebausch auf seiner Wunde rumzutupfen.
Tapfer biss Shiro die Zähne zusammen.
"Na, siehst du. War doch halb so schlimm, oder?", fragte Miyuki, als sie drauf und dran war, ihm den Verband umzulegen. Dieser Teil der Behandlung war wesentlich angenehmer.
"Danke", stammelte er etwas verlegen.
"Nichts zu danken."
"Miyuki?"
"Waaas?"
"Du siehst aber auch nicht gerade besser aus", meinte er und deutete auf die vielen kleinen Schürfungen und Kratzer, die die Pfeile des Tods hinterlassen haben.
"Ach, das? Das mach ich dann schon", wimmelte sie ihn ab.
Shiro setzte eine ernste Miene auf: "Du weißt schon was das bedeutet?"
"Was was bedeutet?", sie blicke ihn fragend an.
Seine Augen!
"Na, dass diese ganzen Dämonen jetzt hier auftauchen."
"Der war doch nur von Aya, weil sie mir an den Kragen will", sagte sie leichtfertig dahin.
"Nur? Wer weiß welche Kreaturen sie noch schicken wird!"
"Damit werde ich schon fertig", meinte Miyuki tapfer.
"Soll das ein Scherz sein? Hast du es denn heute geschafft?", bohrte er nach.
"Nein, aber da hatte ich meine Kräfte ja nicht und", sie brach kurz ab, "danke, dass du mich gerettet hast."
"Ist doch gern geschehen", sagte er und schloss sie in seine Arme, "Ich wollte dich nicht verlieren."
Miyuki lief wieder tomatenrot an. War das schön.
Langsam löste er sich von ihr.
"Ich muss los", rief er, als er durch die Tür ging.
Sofort fiel Miyuki in tiefen Schlaf.
Nicht dieser Engel schon wieder, dachte sie.
"Hallo", begrüßte sie der Engel freundlich.
"Was willst du?", fragte sie barsch.
"Sei mir bitte nicht böse, dieses Mal geht es sowieso um etwas anderes."
"Entschuldigung. Was gibt's denn?"
"Den Tod, den Aya auf dich gehetzt hat, das war nur der Anfang."
"Von was?"
"Ab jetzt schickt Satan seine Dämonen nicht mehr zu unserem Tempel, da ihr da zu dritt seid. Er will jede von euch einzeln fertig machen."
"Verstehe", sie nickte kurz.
"Also wirst du immer öfter von irgendwelchen abscheulichen Kreaturen der Nacht überfallen werden. Mach dich auf alles gefasst. Es wird nicht leicht werden, aber zu dieser Zeit wirst du hoffentlich deine Macht besitzen, sonst sieht's nicht allzu rosig aus. Na ja, ich wünsche dir noch viel Glück und noch eins, hasse mich bitte nicht dafür. Du solltest aufhören diesem Shiro so aus der Hand zu fressen. Sonst denkt er irgendwann noch, er könnte alles mit dir machen, weil du ihn nicht verletzen kannst."
"Hast du ´ne Ahnung, was ich alles kann."
"Bis bald", damit entschwand der Engel wieder zurück in seine himmlischen Gefilde.
Was mochte sie da wohl tun? Würden Hippolyte und Sambesi es überhaupt überleben, wenn sie von Dämonen angegriffen werden sollten? Sie hatten nämlich nicht so große Macht.
Was war das?
War da nicht gerade etwas an Miyuki vorbeigeschnellt?

Brownie


V
erwundert blickte sie sich in ihrem Zimmer um.
"Spinn ich jetzt?", fragte sie sich.
Nein, das war kein Irrtum. Sie sah etwas Braunes hinter ihrem Schrank kauern.
"Was bist du?"
Sie flüsterte mehr, als sie sprach. Das kleine Etwas zuckte fast unmerklich, drehte sich dann aber doch zu ihr um und kam auf sie zugeschwebt.
"Gestatten, man nennt mich Brownie", sagte er mit seiner piepsigen Stimme.
"Und was .äh. suchst du hier?"
"Na ja, ich bin ein Hausgeist und wollte bei euch in euerem Haus helfen."
Er war klein, vielleicht so groß wie der Unterarm von Miyuki und etwas rundlich. Nervös zupfte er an seiner braunen Kluft herum.
"Wenn du hier nichts anstellst, kannst du gerne bleiben. Ich hätte nichts dagegen", meinte Miyuki freundlich.
Er überschlug sich einmal und jauchzte: "Danke. Ich werde Euch bestimmt nicht zur Last fallen! Sie können sich auf mich verlassen. Mein einziger Anspruch wäre jeden Tag eine Schüssel Milch. Wenn das möglich wäre".
"Na klar."
Freudig schwebte er durch die Wand, was einen Schrei auslöste.
"Oh, das war wohl Tsunkus Zimmer", schoss es ihr durch den Kopf und schnell spurtete sie los.
Da lag er, am Boden mit dem Finger auf Brownie zeigend.
"Miyuki, kannst du mir das bitte mal erklären?"
Da fiel ihr der Kuss wieder ein, den er ihr an Silvester gegeben hatte. Vielleicht war auch nur der Alkohol dran Schuld. Sie überwand sich und sah ihn an.
"Also, das ist Brownie unser neuer Hausgeist. Brownie das ist mein Bruder Tsunku."
"Sehr erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen", meinte Brownie und streckte Tsunku sein Patschehändchen entgegen.
"Äh. ja. ebenfalls." Er war anscheinend ziemlich von der Rolle.
"Er wird uns bei der Hausarbeit helfen und er verlangt nur eine Schüssel Milch. Können wir ihn behalten?"
Er seufzte schwer, sagte dann aber: "Meinetwegen. Solang er nichts anstellt darf er bleiben. Du bist schon eine seltsame Schwester. Was du alles so anschleppst."
"Ich fasse das jetzt mal als Kompliment auf. Danke", grinste sie und verzog sich aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Brownie.
"Könnten Sie mir die Aufgaben in diesem Haus zeigen? Sie müssen wissen, ich habe gerade in dieser Branche angefangen", meinte er entschuldigend.
"Nicht weiter schlimm. Komm mal mit. Das hier ist die Küche."
Neugierig blickte er sich um und seine Augen weiteten sich: "Das ist ja wunderschön! Habe ich ein Glück hier arbeiten zu dürfen!"
"Na, na ,na. so toll ist das hier jetzt auch nicht. Komm mal wieder runter."
"Oh, entschuldigen Sie mich. Ich bin untröstlich", stammelte er vor sich hin.
"Schon gut. War ja nicht Böse gemeint. Also hier musst du. Ach, nein. Machen wir's so. Kannst du kochen? Oder die Spülmaschine betätigen?"
"Ja, das haben wir auf unserer Schulung gleich zuerst gelernt. Ich kann auch noch Betten machen und beziehen, Wäsche waschen und aufhängen, aufräumen, putzen."
"Du bist genial!", freute Miyuki sich und führte ihn durch alle weiteren Räume, bis sie wieder in der Küche ankamen.
"So weit alles klar?"
"Ich denke schon. Euer Haus ist wirklich göttlich! Was tun Sie denn da?"
Miyuki war gerade dabei den Kühlschrank zu durchstöbern.
"Ich bin dabei deine Milch zu suchen."
"Sie sind zu liebenswürdig!"
"So ein putziges Etwas", dachte sie.
Sie stellte sie ihm auf den Tisch. Vorsichtig beschnüffelte er sie.
"Keine Angst die ist", sie sah auf die Milchtüte und las vor, "ultrahoch erhitzt, homogenisiert und fettarm."
Er streckte seine Zunge heraus und begann langsam die Milch auszulecken.
"Herrlich", schmatzte er.
Miyuki fand, dass Browny wissen sollte, dass sie ein Engel war. Also erzählte sie es ihm gleich. Fast hätte er sich tatsächlich verschluckt.
"Ein Engel?", stieß er bewundernd und anerkennend hervor, "Ich bin so stolz euch dienen zu dürfen!"
Am nächsten Morgen kamen Miyuki und Tsunku gerade an den Esstisch und fanden ein wirklich köstlich aussehendes Essen vor.
"Brownie? Hast das du gemacht?", fragte Miyuki total aus dem Häuschen.
"Wenn es Ihnen nicht passt, werde ich es nächstes Mal anders zubereiten", meinte er niedergeschlagen.
"Nicht passt? Du machst Scherze! Das ist das beste Frühstück das ich je gegessen habe! Nichts gegen die, die du gemacht hast, Miyuki.", sagte Tsunku mit bereits vollem Mund.
"Er ist eben ein Profi", gestand sie.
Brownie war schon ganz rot angelaufen über das großzügige Lob. Miyuki drückte ihn einmal lieb und fing dann auch an zu essen.
Als sie aus dem Haus stürzte, wusste sie noch nicht, welche Überraschung bereits auf sie wartete.






Auf Wiedersehen!


V
öllig frustriert fand Miyuki Miho und Kenichiro vor der Schule.
"Was ist denn mit euch los?"
Sie war in der Annahme, die beiden wären überglücklich, nun da sie ja zusammen waren.
"Also", fing Miho laut schniefend an, "Kenichiros Vater und mein Vater arbeiten ja beide zusammen."
"Ist doch schön", meinte Miyuki.
"Nein, das Schlimme kommt noch. Sie sind beide befördert worden wegen ihrem gemeinsamen Projekt:"
"Na, das ist doch noch schöner", unterbrach Miyuki noch einmal.
"Und jetzt", Miho brach in Tränen aus und fiel Miyuki um den Hals.
"Was sie sagen will", begann Kenichiro, "Ist, dass die zwei jetzt nach Tokio versetzt werden und da das ziemlich weit von hier ist", er holte tief Luft, "müssen sie umziehen und wir leider mit ihnen."
"Das ist doch nicht war?!", fragte Miyuki ungläubig.
"Doch ist es!", heulte Miho ihr ins Ohr.
"Wir wollten uns nur noch einmal von euch verabschieden, Die anderen wissen es alle schon."
Mit leerem Blick starrte Miyuki vor sich hin.
"Bitte nicht", murmelte sie vor sich hin.
"Wir werden euch vermissen", schluchzte Miho und umarmte Miyuki noch ein letztes Mal.
"Tschüß! Bis hoffentlich bald mal", sagte Kenichiro sichtlich geknickt, "Komm jetzt, Miho. Wir müssen los."
Miho setzte sich langsam in Bewegung und hakte sich dann bei Kenichiro ein.
Erschüttert sah Miyuki den beiden nach und konnte es einfach nicht glauben. Sie hörte die Schulglocke die erste Stunde anläuten, doch sie reagierte nicht. Erstmal musste sie das hier verarbeiten. Die Tränen stiegen ihr hoch, aber sie wollte sie zurückhalten. Unter großer Anstrengung gelang es. Niemand sollte sie weinen sehen.









Nicht vorüber

Was vorüber ist
Ist nicht vorüber
Es wächst weiter
In deinen Zellen
Ein Baum aus Tränen
Oder
Vergangenem Glück
Rose Ausländer

"Ich werde euch vermissen!", rief sie den beiden nach. Die blieben stehen und wandten sich noch ein letztes Mal zu ihr um und lächelten. Miyuki würde das ein Leben lang nicht vergessen.
Schnell fasste sie sich wieder und machte sich gemütlich und mit melancholischen Gedanken ihrer gemeinsamen Zeit auf den Weg zur Schule. Stumme Tränen rannen ihr die Wangen hinunter.
Der Unterricht hatte bereits begonnen, als sie vor dem Klassenzimmer ankam. Von ihrem Lehrer konnte sie durch die Milchglasscheibe nur den Umriss erkennen. Seufzend drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür.
"Ach, guten Morgen, Fräulein Niigaki", meinte der Lehrer spöttisch.
"Entschuldigung", brummelte sie fast unverständlich, als sie an ihm vorbeiging. Niedergeschlagen setzte sie sich und starrte mit verlorenem in die Ferne schweifendem Blick nach vorne. Das Letzte was sie jetzt tun wollte, war am Unterricht teilzunehmen. Also träumte sie den ganzen Tag vor sich hin. Endlich verkündete die Schulglocke das lang ersehnte Ende der Schule.
Shiro hatte zwar auch davon erfahren, aber es schmerzte nicht. Es machte ihm nichts aus. Sie waren ihm egal. An seinem Leben würde sich ohne die beiden nichts ändern. Sie vermied es in jeglicher Art auf Shiro oder Shinya zu treffen, die die Sache für sie womöglich noch schlimmer machen könnten. In Massen strömten die Schüler laut schwatzend und lachend nach draußen. Miyuki war überhaupt nicht danach. Sie wollte eigentlich nicht mehr an ihren Kummer denken, doch das gelang ihr einfach nicht. Mit auf den Boden gerichteten Blick machte sie sich auf den Weg nach Hause. So langsam wurde es wieder Frühling. Die Sonne schien wieder länger und wärmer. In Gedanken vertieft, schlenderte sie weiter, bis sie nach Hause kam. Höflich öffnete Brownie ihr die Tür mit den Worten:
"Ich hoffe Sie hatten einen schönen Tag."
"Ja, danke", log sie.
Sie lächelte ihn freundlich an und trat herein.
"Hi, Miyuki. Essen ist schon fertig", rief Tsunku ihr vom Esszimmer aus zu.
"Ja, komm gleich. Danke Brownie."
"Bitte, bitte. Ist doch meine Aufgabe. Sie brauchen sich nicht mehr zu bedanken."
Als sie gerade vom Tisch aufstehen wollte, hielt Tsunku sie am Arm fest.
"Miyuki?", fragte Tsunku vorsichtig.
"Was gibt's?"
"Du hast doch irgendetwas, oder? Was ist passiert?"
Es rührte sie wahnsinnig, dass er das bemerkte. Immerhin war sie schon so gut darin, ihre Gefühle zu verstecken, dass es kaum jemand schaffte sie zu durchschauen.
"Nein, nein. Nichts", stritt sie alles ab.
"Ich seh's dir genau an. Ich kenn dich schon so lange. Du hast dich überhaupt nicht verändert. Als du noch jünger warst, hast du auch immer alles in dich rein gefressen. Komm, mir kannst du es doch erzählen."

Du kannst es in die Ecke kehren
Versenk es tief im Ozean
Doch kannst Dich nie dagegen wehren
Denn es kommt zurück, weil man
es nicht verbergen kann

Kannst in die Bibel Dich vertiefen
Und kannst in die Wüste gehen
Du kannst Dich in Dir selbst verkriechen
Und vermeiden, hinzusehen
Ob Du wartest auf das Ende
Ob Du arbeitest daran
Verbind mir Augen, Mund und Hände
Aber glaube besser dran, dass man es
Nie verbergen kann
(Purple Schulz-Keine Zeit zu weinen)

Schützend drückte er sie an sich. Jetzt war es ihr unmöglich weiter mit ihrem Problem hinter dem Berg zu halten. Tränen brachen in Strömen aus. Schluchzend erzählte sie ihm von der Sache mit Kenichiro und Miho.
Tsunku war einkaufen gegangen. Wieder etwas glücklicher verzog sie sich in ihr Zimmer. Fröhlich ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss die Augen für einen Moment. Ein lauter Knall ließ sie hochschrecken. Vor ihr stand jetzt niemand geringeres als Aya.
"Ich habe meine Magie ein wenig spielen lassen", sagte sie mit einem schadenfrohen Lachen.
"Was?", fragte Miyuki ungläubig.
"Na ja, dein beiden Freunde. Irgendwer musste ja für die Beförderung ihrer Väter sorgen, oder?"
"Du?! Du warst das?!". schnaubte sie wutentbrannt.
"Ja, hab ich doch gerne getan", sie brach in schallendes Gelächter aus und blickte mit falschem Mitleid auf sie.
Miyuki wollte sie zerfleischen, in Stücke reißen, ihr so richtig Schmerzen zufügen. Sie verwandelte sich in den schwarzen Engel und schoss einen riesigen Feuerball auf Aya ab. Dieser traf sie mitten an der Schulter und hinterließ eine klaffende Wunde.
Miyukis Herz hüpfte vor Freude. Sie fühlte sie richtig zufrieden. Sie war ein Monster, doch das störte sie in diesem Moment herzlich wenig. Der einzige Gedanke, der ihr jetzt durch den Kopf ging, war töten. Sie wollte Blut sehen und zwar das von Aya. Unglaubliche Wut stieg in ihr auf und sie mobilisierte all ihre Kräfte und erschuf damit eine riesige schwarze Kugel, die sie geradewegs auf Aya schleuderte. Diese riss die Augen weit auf und schien unfähig sich zu bewegen, doch auf einmal ließ sie ein Schutzschild vor sich erscheinen, an dem Miyukis Kugel einfach verglühte.
Schwer atmend sah Miyuki Aya voller Hass an. Diese war ebenfalls aus der Puste und meinte:
"Tja, das war's dann wohl mit deiner und auch meiner Kraft. Wir sind beide am Ende, aber ich hab hier noch was für dich."
"Was soll das?", schnaufte Miyuki.
Mit einem Finger Schnipp von Aya bildete sich unter ihr ein schwarzes Loch.
"Viel Spaß noch!", rief ihr Aya zu, als sie in das Loch stürzte.
Im selben Moment stieß Shiro die Tür auf.
"Aya!", herrschte er sie hasserfüllt an.
"Hi, Shiro Schatz. Du hier?", meinte sie mit zuckersüßer Stimme.
"Du hast Miyuki in die andere Welt befördert?"
"Ja, und? Sie wollte es ja nicht anders. Sie hat mich nämlich schlimm verletzt."
Aya wies auf ihre wunde Schulter.
"Das ist mir doch egal", schnauzte er ärgerlich.
"Wie hast du mich überhaupt gefunden?"
"Ich hatte das so im Gefühl."
"Ach, mein Schatzi ist einfach perfekt. Kann alles, weiß alles."
"Halt die Fresse! Dein hohles Gelaber interessiert mich überhaupt nicht. Verschwinde endlich!"
"Willst du sie suchen gehen?", hakte Aya nach.
"Was geht dich das an?"
Wutentbrannt schleuderte er ihr eine so heftige Energiekugel entgegen, dass sie zuckend auf den Boden sank. Ihr Blut tropfte auf den Boden, doch Shiro verspürte keinen Drang es zu trinken.
"Trink. Willst du nicht?", fragte Aya mit schmerzverzerrtem Lächeln.
Mit kränklichem Hüsteln verschwand sie wieder dahin, wo sie hergekommen war.
Erschuf davor noch ein schwarzes Loch, um Shiro in die andere Welt zu schicken. Mit einem dumpfen Geräusch kam er auf dem Boden auf. Er rieb sich kurz den Kopf und hielt dann Ausschau nach Miyuki. Er entdeckte sie einige Meter weit von sich im Gras liegend. Langsam schritt er auf sie zu, kniete sich neben sie ins Gras und strich sanft über ihre Wange. Zögerlich schlug sie die Augen auf.
"Shiro", flüsterte sie schwach.
Sie war ohnmächtig geworden nach diesem enormen Kraftaufwand, als sie gegen Aya gekämpft hatte.
"Schon gut", sagte er leise und als sie sich aufgerappelt hatte und wieder einigermaßen fit war, erklärte er ihr, dass sie sich hier in einer anderen Welt voller Monster und merkwürdigen Gestalten befanden.
"Wir kommen hier schon wieder raus", meinte Miyuki mit gespieltem Optimismus. In Wahrheit glaubte sie nämlich gar nicht daran.
"Komm mit", forderte Shiro sie auf und zog sie auf die Beine.
Noch etwas benommen tapste sie hinter ihm her. Plötzlich verschwamm die Landschaft vor ihren Augen. Schnell schloss sie diese. Als sie sie wieder öffnete, befand sie sich nicht mehr auf der weiten offenen Wiese, sondern an einer Lichtung.
"Hey, Miyuki, trödle' nicht so rum. Miyuki, ich rede mit dir. Miyuki?" Shiro blickte sich um, konnte sie aber nicht sehen. Er sah ein besonders großes Grasbüschel aufgeregt über die Wiese flitzen.
"Oh, nein. Sie ist doch nicht da drauf getreten?!"
Doch war sie. Dieses scheinbare Grasbüschel war gar keins. Es war ein von Pixies behextes. Die Lieblingsbeschäftigung solcher Pixies ist das In - die - Irre - führen. Jetzt war es praktisch unmöglich Miyuki jemals wieder zu finden. Panisch und in der Hoffnung, wenn er auf das Grasbüschel treten würde zu ihr zu gelangen, hechtete er dem Pixie hinterher. Doch es war zu schnell und wendig um sie einfangen zu lassen. Shiro legte seine Hand über sein Gesicht und machte sich wahnsinnige Sorgen. Es war alles seine Schuld. Nie hätte er sie hinter sich herlaufen lassen dürfen. Er wusste doch genau, dass die Gefahren hier hinter jeder Ecke lauerten. Mit den Nerven runter, ließ er sich ins Gras sinken. Doch er durfte jetzt nicht einfach aufgeben. Ermutigt raffte er sich auf und streifte ziellos durch die Gegend, um durch Zufall irgendwann mal auf sie zu treffen.
Miyuki fand sich in einer kargen, weiten Wüste wieder. Suchend blickte sie umher.
"Shiro?", rief sie leise, obwohl ihr bewusst war, dass er sich hier nicht mehr befand. Langsam setzte sie sich in Bewegung, bis auf einmal ein altes, klappriges Pony stand. Es starrte sie freundlich mit seinen runden, schwarzen Knopfaugen an. Da sie schon ziemlich erschöpft und ausgedörrt war, wollte sie sich vom ihm weiter tragen lassen. Vorsichtig setzte sie sich darauf und es schien dem Pony nichts auszumachen. Glücklich seufzte sie und deutete ihm mit einem leichten Drücken ihrer Füße in seinen Bauch an, anzulaufen. Es begann mit traben, das sogleich in einen stürmischen Galopp überging. Erschrocken klammerte Miyuki sich an die Mähne des Ponys.
"Langsamer! Bitte, halt doch an!", flehte sie, doch es hatte keinerlei Wirkung auf es.
Sie meinte, ein glucksendes Lachen vom Pony zu vernehmen, das direkt auf ein Dornengestrüpp zu rannte. Miyukis Herz raste wie wild.
Die spitzen Dornen zerschrammten ihre Arme, Beine, Gesicht und Klamotten. Das Pony, falls man das als solches bezeichnen konnte, trug jedoch keine einzige Wunde davon. Als sie das Gestrüpp endlich überwunden hatten, warf es Miyuki einfach ab und ließ sie schwer verwundet auf dem staubigen Boden liegen. Ihr Blut rann ihr am Körper herunter und versickerte in der Erde. Es wurde Nacht und noch immer lag sie da und dachte bereits daran, dass sie das womöglich nicht überleben würde, als sich plötzlich ein schwarzer Schatten über sie erhob. Mit letzter Kraft blickte sie auf und erschrak heftig: Monster!
Vier von der großen Herde packten sie und erhoben sich mit ihr wieder zurück in die Lüfte. Miyuki schrie zwar, aber es half ja doch nichts. Der Morgen dämmerte bereits, als sie von den Monstern fallen gelassen wurde. Regungslos blieb sie am Boden liegen und schlief ein. Sie erwachte und blickte neugierig um sich. Ihr ganzer Körper schmerzte. Alles tat ihr weh. Miyuki fand sich auf einer sattgrünen Wiese wieder, die über und über mit Blüten übersäht war. Von irgendwo her vernahm sie wundervolle Musik von Fiedeln, Harfen, Tambourinen, Maultrommeln und Cymbeln. Wie von Geisterhand fielen all ihre Sorgen von ihr ab. Sie spürte ihre Schmerzen nicht mehr. Was sie nicht wusste war, dass sie dieser Musik besser nicht gelauscht hätte. Wer das nämlich hörte, fiel in einen todesähnlichen Schlaf. So geschah es auch mit ihr. Ihr wurde ganz schwummrig zumute und schließlich schlief sie friedlich ein.

Shiro stattdessen war noch topfit und suchte immer noch nach ihr. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als er auf einmal, ganz schwach ihre Aura wahrnehmen konnte. Zielstrebig machte er sich auf. Nach vielen Stunden der Wanderung durch unzählige Landschaften, gelangter er endlich zu der Wiese, auf der Miyuki ihren unendlichen Schlaf schlief. Die Musik war längst verstummt. Freudig rannte er auf sie zu und wollte sie gleich wecken, doch er scheiterte daran. Voller Schrecken kam ihm die Zaubermusik in den Sinn.
"Nein", dachte er, "das darf nicht passieren!" Bestürzt kniete er sich zu ihr hinunter, küsste ihre Hände, ihre Stirn und ihm fielen die vielen Kratzer auf, die ihren Körper bedeckten. Ratlos starrte er sie an und Verzweiflung spiegelte sich in seinen Augen. Schon einmal hatte er so etwas durchleben müssen, als Miyuki der Seelenparasit befallen hatte. Besorgt schloss er ihre Hände in die Seinen und fing an, leise auf sie einzureden. Doch ohne Erfolg. Nichts. Keine Regung, nicht mal ein Zucken. Er wusste sich nicht mehr zu helfen und legte sich schützend auf ihren leblosen Körper. Seine Tränen rannen ihren Hals hinunter. Er wollte sich beherrschen, aber es scheiterte. Von wo konnte er denn jetzt noch Hilfe erwarten? Vielleicht würde ihm der Engel von Miyuki noch einmal zur Hand gehen?
In Miyukis Traum kniete Shiro neben ihr im Gras und hielt ihre Hand. Sie wollte zu ihm sprechen und ihm ein Zeichen geben. "Ich bin hier! Ich lebe noch!", wollte sie schreien, doch vergebens. Keinen Ton brachte sie heraus. Auf einmal verdrängte ein Engel, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, ihren Traum und sprach liebevoll zu ihr:
"Das ist noch nicht dein Ende! Ich werde alles daran setzen, dich wieder zum Leben zu erwecken, aber zuerst möchte ich dir noch etwas sehr wichtiges verraten. Ich hätte es dir schon viel früher sagen müssen, doch ich hatte Angst."
"Hab keine Angst", beruhigte Miyuki sie, "immer raus mit der Sprache." Sie lächelte tapfer, obwohl ihr eher nach weinen zumute war.
"Ich bin", begann der Engel, "ich bin deine Mutter!"
"Was?!", verdutzt blickte sie ihre Mama an, "das ist doch wundervoll! Ich hab dich so vermisst!"
Der Engel kam zu ihr heruntergeschwebt und schloss sie in ihre Arme und drückte sie an ihren zarten Körper.
"Ich werde dir einen Teil meiner Kraft abgeben und so wirst du wieder erwachen können", sprach sie sanft.
"Schadet dir das gar nicht?"
"Nun ja, ein wenig", meinte ihre Mutter nur.
Ihr helles Licht ging auf Miyuki über und durchströmte sie mit unglaublicher Kraft. Ihre Mutter löste sich in Luft auf.
Zögerlich blinzelte Miyuki dem hellen Sonnenlicht entgegen und nahm nur schwach war, dass Shiro wenige Meter entfernt auf und ab schritt.
"Miyuki!", stieß er freudig hervor, als er sah, dass sie wieder zu sich gekommen war.
"Shiro", flüsterte und lächelte schwach.
Doch noch bevor Shiro sie an sich drücken konnte, was er eigentlich vorhatte, erschien hinter ihr ein Mann mit einem roten Bart und ebenfalls roten Haaren auf einem wunderbar weißen Pferd. Diese schnappte sich Miyuki und hob sie zu sich aufs Pferd.
"Finvarra!", polterte Shiro, der ihn sofort erkannte, "gib sie mir wieder zurück sonst -.", er konnte nicht enden, da er von hinten von zwei Trollen gepackt wurde. Von seiner Suche war er ziemlich geschwächt, sodass er ihnen nicht allzu viel entgegen zu setzen hatte. Nur drei oder vier konnte er überwältigen. Dann zog ihm eins dieser Ungeheuer eine Keule über den Kopf. Er knallte bewusstlos auf den Boden. Blut rann an seinem Kopf hinunter.
"Lass mich los, du Ungetüm", brüllte Miyuki und trommelte ihm gegen die Schulter.
"Nein, so ein hübsches Mädchen wie du, muss einfach mir gehören. Für jemand anderes wärst du doch viel zu schade." Er strich sich mit einem seiner dicken Finger über den Bart, den er zu zwei Zöpfen geflochten hatte. Eigentlich war er ein sehr großer Mann, trotzdem ziemlich korpulent.
"Shiro!", kreischte Miyuki, als sie sah, was man ihm angetan hatte.
"Miyuki", murmelte er schwach und unhörbar und wurde auf der Stelle wieder ohnmächtig.
"Vergiss den endlich. So jemanden hast du nicht verdient." Er lächelte zufrieden uns süffisant vor sich hin und malte sich jetzt schon aus, was er noch alles mir ihr anstellen wollte.
Finvarra hielt vor einem kleinen Hügel und hob Miyuki behutsam von seinem Pferd. Diese würdigte ihm aber keines Blickes.
"Sieh her, meine Prinzessin. Das ist dein neues Zuhause!" Überglücklich über seine Ausbeute in Form eines Mädchens öffnete er mit einem Finger Schnipp seinen Hügel. Eine Tür erschien und er trug sie hindurch. Innen sah es überhaupt nicht nach Hügel aus, sondern eher nach einem prächtigen und prunkvollem Schloss. Da standen viele Brunnen und Statuen. Ihre Augen weiteten sich bei so viel Pracht.
"Jetzt bist du Mein. Na, gefällt es dir?"
"Nein!", trotzig wandte sie sich zum Gehen, doch er packte sie am Handgelenk und schleifte sie in einen Raum, der verdächtig nach Schlafzimmer aussah.
"Hier, Schätzchen. Das ist dein neuer Kleiderschrank, dein Bett, in dem ich jede Nacht mit dir einschlafen und aufwachen werde", verträumt blickte er in den Raum, "Sieh mal. Zieh dir das an. Wenn ich wieder komme trägst du diesen Fummel hier, verstanden?" Er sprach mit ernster und befehlerischer Stimme, versuchte aber, sein freundliches Aussehen zu behalten. Finvarra machte auf dem Absatz kehrt und stahl sich davon. Ihr Zimmer schloss er ab. Miyuki besah sich das Kleidungsstück, das er so gerne an ihr sehen würde. Es rot und knapp und bedeckte gerade mal den Bereich von ihren Brüsten bis zu ihrem Allerwertesten. Dazu lagen da noch rote Strapse! Nein, diesen Fummel würde sie auf keinen Fall tragen. Ihr war klar, was er danach mit ihr vorhatte. Plötzlich schoss aus einer kleinen Seitentür eine kleine und rundliche Frau, die Miyuki packte und ins Nebenzimmer schleifte. Darin befand sich ein Waschraum. Das Wasser in der Wanner war schon eingelassen.
"Wenn Sie sich bitte waschen würden? Danach werde ich Ihre Wunden heilen."
Das ließ Miyuki sich nicht nehmen, entledigte sich ihrer Klamotten und stieg in die Wanne. Es war herrlich warm. Fast wäre sie dabei eingeschlafen, als die kleine Frau wieder erschien mit seltsamen Arzneimittelchen und Miyukis gewaschenen Kleidern. Schnell hüpfte sie aus der Wanne, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Ohne dem Beisein der runden Frau, die erst einen Moment später wieder auftauchte und Miyukis Wunden mit der Flüssigkeit aus dem Fläschchen beträufelte. Sobald das Mittel ihre Kratzer berührte, verschwanden sie gänzlich. Ihr war klar, dass auch das nur für Finvarra geschah. Sie wurde von der Frau wieder in ihr Zimmer zurückgeschickt, setzte sich auf ihr Bett, verstreute den Fummel auf dem Boden und grübelte darüber nach, wie sie hier wohl wieder raus käme. Unwillkürlich dachte sie wieder an Shiro und sehnte sich nach ihm. Hoffentlich ging es ihm gut.
Sie hörte Schritte und ihre Tür wurde wieder aufgeschlossen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und der kalte Angstschweiß brach in ihr aus.
"Bitte nicht", flehte sie innerlich.
Finvarra trat herein und hatte sich schon so darauf gefreut, sie in den von ihm Zurechtgelegten Kleidern bewundern zu können. Stattdessen saß sie in den Klamotten da, in denen sie gekommen war auf dem Bett und sah in hasserfüllt an.
"Was ist denn los, Schnuckelchen?", fragte er mit böser Stimme und bekam einen leicht wahnsinnigen Ausdruck in seinen Augen, "gefällt es dir nicht?"
Langsam schritt er auf sie zu. Miyukis Herz schlug doppelt so schnell, als es das normalerweise tat. Sein Gesicht näherte sich dem ihren, er ergriff ihre Hände und hielt sie fest, warf sie nach hinten um und legte sich besitz ergreifend auf sie.
"Geh runter! Lass mich in Ruhe!"
Doch alles Schreien und Kreischen half nichts. Sie wollte ihre Kräfte zur Hilfe rufen, aber sie war noch zu geschwächt nach ihrem Kampf mit dem Zauberschlaf. Finvarra begann damit, ihren Hals zu küssen. Miyuki zappelte und trat ihn so fest sie konnte. Vergebens. Er war gerade dabei, sie auszuziehen, als die Tür mit einem heftigen Knall aus den Angeln geschleudert wurde. Erschrocken blickte er sich um und ließ von ihr ab. Der Rauch verzog sich langsam und zum Vorschein kamen
Hippolyte und Sambesi!
"Was macht ihr denn hier?", stotterte Miyuki verwirrt.
"Dir helfen", meinte Sambesi kühl, "oder wäre es dir lieber, wir würden das da zulassen, hm?"
"Wir müssen schließlich zusammen halten", sagte Hippolyte, "Lauf so schnell als möglich davon, wir machen das schon."
"Sagt mir nur noch, wie kommt ihr hier her?"
"Deine Mutter hat uns geschickt. Sie meinte sie selbst, hätte zu wenig Kraft", erklärte Hippolyte und fügte noch hinzu: "Lauf irgendwo hin, wo es sicher ist. Wir werden dich dort finden und deine Mutter sagte, sie könne uns wieder dahin befördern, wo wir herkommen."
Sambesi zerrte Finvarra von Miyuki herunter. Diese rannte schnellst möglich auf und davon von diesem grässlichen Ort.
Sie wussten es also, das mit ihrer Mutter.
Miyuki hatte keine Ahnung, ob es da wo sie hinwollte sicher war, aber sie musste zurück zu Shiro. Hastig durchquerte sie das Tor zur Außenwelt und atmete endlich wieder frische Luft. Ohne auch nur einmal Halt zu machen, rannte sie weiter. Es war eine ziemlich lange Strecke. Nach ein paar Minuten ausdauernden Sprintens war ihr Ziel noch immer nicht in Sicht. Sie wollte sich nur kurz ausruhen und so lehnte sie sich, nach Luft japsend, an einen nahe stehenden Baum. Einige Minuten verweilte sie dort, doch dann kam ihr wieder in den Sinn, was es hier alles für schreckliche Kreaturen gab, die überall lauerten. So machte sie sich rasch wieder auf den Weg. Endlich erreichte sie die wunderschöne Wiese, auf der Shiro gelegen hatte. Aber wo war er denn? Verzweifelt blickte sich Miyuki um. Warum das alles? Hatte sie wirklich so viel Schlechtes verdient? Erschöpft und niedergeschlagen ließ sie sich ins Gras fallen und schloss die Augen. Für einen kurzen Moment wollte sie wirklich aufgeben, einfach hier liegen bleiben und durch irgendein Monster ums Leben kommen. Doch das war nicht sie! Noch nie hatte sie einfach das Handtuch geschmissen, auch wenn die Lage mehr als hoffnungslos war. Sie stand auf und schlenderte über die Wiese und hielt Ausschau nach einem Hinweis auf Shiro.
Kurze Zeit später erblickte sie Aya, die den noch immer ohnmächtigen Shiro zu sich unter einen Baum geschleppt hatte. Anscheinend versuchte sie ihn wieder aufzuwecken, denn sie sprach irgendetwas zu ihm, was bei Miyuki nur als Flüstern ankam. Entschlossen ging sie von hinten auf Aya zu und als sie nur wenige Meter hinter ihr stand, meinte sie:
"Schöner Tag, nicht?"
Aya erschrak heftig und wandte sich blitzschnell um.
"Was willst du denn hier? Solltest du nicht gerade bei Finvarra im Bett liegen und ihn lieben, hm?", fauchte sie Miyuki an.
Empört wechselte diese schnell das Thema:
"Kriegst ihn wohl nicht wach. Tja, du kannst halt nichts und wirst nie etwas können."
Sie war gerade so was von schlecht drauf und an irgendwem musste sie ja schließlich ihre Wut auslassen.
"Mein Schatz ist halt gerade nicht wach zukriegen, aber versuch's erst gar nicht. Was ich bei ihm nicht schaffte, klappt auch bei keiner anderen. Ich bin es nämlich, die er liebt", giftete Aya eingeschnappt.
"Einbildung ist auch 'ne Bildung", gab Miyuki knapp zurück.
Sichtlich verärgert drehte Aya sich weg und redete wieder auf Shiro ein und strich ihm übers Gesicht.
"Gleich wird er aufwachen. ja, gleich. Ich weiß es", murmelte Aya vor sich hin.
"Lass mich mal versuchen", bettelte Miyuki, die zu gern mit ihm im Gras liegen und ihn streicheln würde.
"Nein."
"Hab dich nicht so, oder willst du, dass er hier ewig so liegen bleibt?"
"Nein, will ich nicht, er wird hier aber nicht liegen bleiben, weil ich ihn jetzt ja gleich aufwecke."
"Träum weiter", seufzte Miyuki fast unhörbar.
"Bitte, was hast du gesagt?"
"Nichts, nichts."
Neidisch starrte sie auf Aya, die mit ihrem Shiro da im Gras saß und ihn streichelte.
"Lass mich doch einmal probieren", flehte sie weiter.
"Nein, keine Chance. Meiner!"
"Okay, dann. Ähm. losen wir! Genau! Na, wie wär's?"
"Danke, aber nein danke."
"Jetzt sei nicht so", sagte Miyuki beleidigt.
Auf einmal begann Yuuko merkwürdig zu flackern und verschwand schließlich ganz, mit den Worten: "Nein, Meister! Nein! Ich kann jetzt nicht arbeiten! Nicht jetzt!"
"Tja ja", flüsterte Miyuki äußerst schadenfroh, wie sie es schon immer gewesen war, kniete sich zu Shiro hinunter und legte seinen Kopf behutsam auf ihren Schoß. Sie strich sanft durch sein Haar. Endlich, nach ein paar Minuten schlug er seine Augen auf und blickte Miyuki an.
"Hey, Miyuki", flüsterte er schwach.
Sie lächelte nur glücklich zurück. Da traf es ihn wie ein Blitzschlag:
"Finvarra, diese miese Schwein! Was hat er dir angetan?"
"Nichts, er hatte nicht die Gelegenheit dazu", meinte sie nur und verschwieg ihm den Rest. Sie war kein Mensch, der sich durch seine Probleme in den Mittelpunkt spielte oder wollte, dass andere sich Sorgen machen.
"Das beruhigt mich."
Die beiden bemerkten nicht, wie Hippolyte und Sambesi sie in einiger Entfernung beobachteten.
"Da ist schon wieder dieser Vampir. Ich dachte, sie hätte ihn endlich aufgegeben, doch.", Sambesi hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund.
Shiro hatte sich zu Miyuki hoch gebeugt und versiegelte ihre Lippen mit einem zärtlichen Kuss. Er drückte seine Lippen sanft gegen die ihren.
Auch Hippolyte war sichtlich entsetzt, aber dann meinte sie nur:
"Liebe kennt keine Grenzen und noch nicht einmal die von Gut und Böse."
Shiro hatte sich wieder aufgesetzt, als die beiden auf sie zukamen. Als Miyuki seinen finsteren Blick bemerkte, drehte sie sich schnellstens um.
"Ach, ihr seid es", sagte sie erleichtert, da sie wieder ein Ungetüm vermutet hatte.
"Wir können dann gehen", meinte Sambesi an Miyuki gewandt, ohne auch nur einen Blick an Shiro zu verschwenden.
"Können. Können wir Shiro nicht auch mitnehmen?", fragte Miyuki vorsichtig.
Den beiden klappten die Kinnladen herunter und auch Shiro sah ziemlich dumm aus der Wäsche.
"Wie bitte? Könntest du das noch einmal wiederholen?", schnauzte Sambesi und schaute sie so an, als ob sie ein Außerirdischer wäre.
"Du hast mich ganz richtig verstanden. Ich meine, ihr könntet ihn ruhig mitnehmen, da er mich auch schon so oft gerettet hat."
Shiro lief rot an und sah nun aus wie ein Feuerwehrauto.
"Na, okay", willigte Hippolyte ein und nahm mit Hilfe übersinnlicher Kräfte Kontakt zu Miyukis Mutter auf, die sie dann sogleich in ihre Heimat beförderte.

Miyuki fand sich zu Hause in ihrem Bett wieder. Es war bereits Nacht.
Sollte sie das mit ihrer Mutter Tsunku erzählen?

Das Erbe Miyukis Mutter



E
in Glück, dass es Wochenende war. So konnte Miyuki sich von all den Strapazen in der letzten Zeit erholen. Sie lümmelte den ganzen Samstagvormittag nur in der Wohnung herum, bis es auf einmal an der Tür klingelte. Sie öffnete, doch es war niemand in Sicht. Verwundert wollte sie gerade wieder rein gehen, als sie den Brief auf dem Türvorleger erblickte. Neugierig schnappte sie ihn schnell und brachte ihn herein, setzte sich in einen Sessel und machte ihn schnell auf.
Darauf stand:

Triff mich im alten Stadtpark, wenn du den Mumm dazu hast. Bring aber keine Verstärkung oder sonstiges mit. Ach ja, Shiro hab ich auch schon ruhig gestellt, nicht dass er dir noch zur Hilfe kommt. Du wirst es doch wohl alleine gegen meinen Dämon schaffen. Hier ist außerdem jemand, der ohne deine Hilfe hoffnungslos verloren ist.
Aya

"Gut, dann wird ich doch da hingehen. Wen hält sie wohl gefangen?"
Schleunigst und mit pochendem Herzen machte sie sich auf den Weg zum alten Stadtpark, der schon ewig von keiner Menschenseele mehr besucht worden war.
Sie stand vor dem klapprigen und rostigen Tor, das bei der kleinsten Berührung drohte in sich zusammenzufallen. Das Gras, falls man das als solches bezeichnen konnte, war nur noch braun und total verdörrt. Dort standen keine Bäume mehr, sondern nur noch Stumpfen. Mutig öffnete sie das Tor, das warnend quietschte, aber doch heil blieb und trat in den Park, um Ausschau nach Aya oder irgendeinem Dämon zu halten.
Bald wurde sie fündig. Miyuki sah, wie Aya gerade dabei war, die Geisel kopfüber an ein altes Klettergerüst hängte. Sie erschrak heftig, als sie sah, um welche Gefangene es sich handelte: Yuuko! Gefesselt und geknebelt hing sie jetzt an dem Gerüst und strampelte und zappelte.
"Ach, wie schön. Du bist also gekommen", spöttelte Aya.
"Ja, ganz recht. Ich kann mich sehr wohl alleine verteidigen."
"Das werden wir gleich sehen. Hier, das ist dein Gegner", sie schnippte mit dem Finger, worauf aus der Erde ein schwarzer Strahl schoss, in dem man allmählich eine Gestalt erkennen konnte. Es handelte sich um eine neunköpfige Bestie, die zwei Vorderbeine und einen Kaulquappenähnlichen Schwanz besaß.
Aya fing siegessicher laut an zu lachen: "Das ist die Hydra. Sie ist eine neunköpfige, hochgiftige Wasserschlange, mit der du jede Menge Spaß haben wirst."
Sie löste sich in Luft auf.
Auge in Auge stand Miyuki mit der Bestie, konzentrierte sich auf ihre Kraft und verwandelte sich zu einem schwarzen Engel. Als Yuuko das sah, erschrak sie heftig.
Miyuki dachte, dass es sicher ganz einfach wäre, dieses Monster um die Ecke zu bringen, doch da irrte sie sich. Sie schoss die erste Energiekugel auf einen Kopf der Hydra, der explodierte und jede Menge Innereien auf dem Boden verteilte.
Plötzlich wuchs dieser Kopf aber wieder nach. Zutiefst erschrocken stand sie da und wusste weder ein noch aus. Sie versuchte es abermals mit einer viel größeren Energiekugel, die alle neun (alle neune) Köpfe traf, acht davon explodierten, doch einer blieb unversehrt. Verzweifelt blickte Miyuki umher. Sie und Yuuko würden beide sterben. Die Hydra, die sich bis jetzt recht geduldig gegeben hatte, machte einen gewaltigen Satz auf Miyuki zu, riss das Maul auf und zeigte die spitzen Giftzähnen, an denen der Speichel hinunter rann. Mit weit geöffneten Augen stand Miyuki da und starrte das Wesen an. Es müsste doch irgendeine Möglichkeit geben, dieses Tier auszulöschen. Nur welche? Wie wäre es damit, den Körper zu vernichten? Dann würden sich die langen Hälse wohl als einzelne Schlangen fortbewegen. Sie blickte zu Yuuko auf, die einige Meter entfernt baumelte und anscheinend ohnmächtig geworden war. Ihr musste schnell etwas einfallen. Ewig würde dieses Vieh auch nicht dastehen und sie betrachten. Die Hydra machte ein paar Schritte auf sie zu und trieb sie geradewegs in eine Sackgasse. Miyuki schluckte schwer und machte sich schon mal auf ihr Ende gefasst, als neben ihr plötzlich eine enorm große schwarze Energiekugel, wie aus dem Nichts, erschien und auf die Hydra zuschoss, die daraufhin in tausend kleine Stücke zerfiel. Das gab vielleicht eine Sauerei! Überall versengte Fleischfetzen oder Innereien.
Geschockt und geistesabwesend starrte sie vor sich hin: Wieder hatte sie es nicht alleine geschafft. Wieder war sie auf fremde Hilfe angewiesen. Konnte sie denn überhaupt nichts alleine? Sie war der Verzweiflung und den darauf folgenden Tränen ziemlich nahe, doch sie bewies wieder einmal gewaltige Selbstbeherrschung.
"Was war das gerade eben?", fragte sich Miyuki, ging tapfer durch die Überreste der Hydra zu Yuuko und band sie los. Es roch wirklich übel hier. Wie sollte sie Yuuko jetzt nach Hause bringen? Die einzige Lösung dafür war jetzt ihre Mutter. Telepatisch nahm sie den Kontakt zu ihr auf und Yuuko war bald wieder zu Hause. Ihre Mutter aber blieb noch ein wenig.
"Miyuki", sprach sie, "die Lage ist wirklich ernst. Die Dämonen haben es geschafft, je nach belieben zwischen ihrer und unsrer Welt zu wechseln. Das hat fatale Folgen! Den Menschen wollen sie ja nicht unbedingt schaden (obwohl sie das aus Spaß öfter machen), sondern den auf der Erde lebenden Engeln. Sie wollen Gott schwächen."
Irgendwie war ihr das schon klar gewesen und jetzt brannte ihr noch eine Frage auf der Zunge:
"Was hat mich da gerade gerettet?"
"Nun ja, das war. Abunai."
"Waaaaaas?!"
Miyuki war total von der Rolle.
"Abunai? Aber warum?"
Da kam ihr wieder in den Sinn, wie nett er zu ihr gewesen war.
"Das. wie soll ich's dir am besten erklären? Hm, also. kurz nachdem ich gestorben war, veränderte sich dein Vater und als ich sah, wie er dich behandelte, wollte ich, dass es Leute gibt, die nett zu dir sind."
"Die Leute sind doch auch so nett zu mir gewesen?!"
"Ich wusste damals schon, dass du ein Engel werden solltest und da ich es die nicht ganz so hart machen wollte, hatte ich die Idee, dich mit einer bestimmten Aura zu belegen, die deine zwei stärksten Gegner beeinflussen sollte, sobald sie auf dich trafen. Diese Gegner waren Shiro und Abunai."
Miyuki war entsetzt: "Shiro mag mich nur deshalb?" Im Stillen fügte sie noch enttäuscht hinzu: "Sie dachte von Anfang an, ich könnte nichts von alleine.. und sie hatte Recht. Ich bin schwach."
Sie war den Tränen unglaublich nahe.
"Nein, nein. So ist es nicht. Ich konnte anfangs seinen Plan, dich rumzukriegen, um dich dann leichter aus dem Weg schaffen zu können, nicht durchschauen, also dachte ich mir, da brauche ich überhaupt nicht nachhelfen. Aber als dann alles ans Licht kam, spürte ich, wie er von ganz alleine anfing, Gefühle für dich zu entwickeln. Bei Abunai war das anders."
"So ist das.", sie lächelte gequält, da sie die andere Sache immer noch wurmte
"Nun denn, ich muss wieder los", sagte ihre Mutter und verschwand.
Gerade wollte sich Miyuki vom Schlachtfeld auf und davon machen, als Aya nochmals erschien, mit unglaublicher Wut in den Augen:
"Wie hast du das den geschafft? Unmöglich! Na ja, um dir noch ein wenig mehr zu schaden, hab ich mir noch etwas ausgedacht."
"Was?! Rück raus damit!"
"Wenn ich du wäre, würde ich nach meinem Bruder sehen."
"Nicht Tsunku", schoss es ihr durch den Kopf und sie rannte, ohne Aya noch Beachtung zu schenken, zu sich nach Hause.
"Tsunku!", rief sie hektisch und außer Puste, "wo bist du?"
Keine Antwort. Sie durchsuchte alle Zimmer, bis sie ihn schließlich in seinem Bett liegen sah. Er schlief und offenbar plagten ihn furchtbare Alpträume, denn er wälzte sich unruhig umher. Miyuki fühlte besorgt seine Stirn: glühend heiß!
Schnell holte sie ihm einen nassen Waschlappen und kühlte seine Stirn damit.
"Brownie!", rief sie.
"Komme sofort", kam es zurück und kurz drauf war er schon am Ort des Geschehens.
"Kannst du mir erklären, was er hat? Muss irgendetwas dämonisches sein."
"Hm", er setzte einen Kennerblick auf, "das müsste ein Drud sein. Der liegt dem Schläfer schwer auf der Brust und bereitet schlimme Alpträume. Im schlimmsten Fall muss er sterben."
"Bitte nicht", flüsterte Miyuki am Boden zerstört.
"Zeichnen Sie ein Pentagramm an den Türrahmen! Schnell", drängelte der kleine Geist.
Hektisch kramte Miyuki aus Tsunkus Schreibtisch einen dicken Filzstift hervor und malte in Windeseile ein Pentagramm an den Türrahmen. Sie wusste, wie das ging, da Hippolyte es ihr gelernt hatte.
Gespannt sah sie zu Tsunku, der etwas ruhiger wurde und schließlich friedlich weiterschlief. Erleichtert umamte sie Brownie, der sch ganz fix wieder an die Arbeit machte. Miyuki jedoch blieb an Tsunkus Bett sitzen und wartete, bis er aufwachte. Doch auch sie schlief ein und erst am nächsten Morgen erwachten beide.
"Morgen, Schwesterchen. Was machst du denn hier?", begrüßte er sie verschlafen.
Sie seufzte schwer und erzählte ihm die ganze Geschichte von seiner Krankheit.
"Danke, für deine Hilfe", sagte Tsunku glücklich.
"Gern geschehen."



Konkurrenz?

K
urz darauf, es war mittlerweile Abend, legte sich Miyuki in ihr Bett und schlief sogleich ein. Morgen war schließlich wieder Schule. Sie fand sich bei Hippolyte und Sambesi wieder, die auf irgendetwas zu warten schienen und deswegen schon ganz hibbelig waren. Besonders Sambesi schien einem Anfall nahe.
Miyuki grüßte freundlich, aber als keine der beiden ihr Beachtung schenkte, da sie vor dem anstehenden Ereignis an nichts anderes mehr denken konnten, setzte sich Miyuki einfach dazu, tat es den beiden gleich und starrte gen Himmel. Nach minutenlanger Warterei tat sich dort oben immer noch nichts und es wurde ihr schön langsam wirklich zu dumm.
"Auf was genau wartet ihr eigentlich?", fragte sie ungeduldig, doch ihre Frage beantwortete sich genau in diesem Augenblick von selbst, als der Himmel wunderbar zu leuchten begann. Die Wolken taten sich auf und in ihrer Mitte schwebte ein Engel mit, sage und schreibe, sechs Flügeln auf sie zu.
"Da ist er!", freute Sambesi sich.
Er hatte strahlend weiß-goldenes Haar und meerblaue Augen. Beim Anblick dieser, musste Miyuki unwillkürlich an die schönen Augen von Shiro denken. Sanft setzte er vor ihnen auf der Erde auf und lächelte in die Runde. Man könnte fast meinen er wäre eine Art Superstar, da Sambesi beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, sich dann aber doch wieder gefangen hatte. Sie wollte schließlich auch mit ihm reden.
"Äh, entschuldigt, aber wer ist das überhaupt?"
Hippolyte und Sambesi klappten die Kinnladen herunter.
"Was?", rief Sambesi entsetzt, "du kennst ihn nicht?"
"Nein. Woher auch? Schlimm?", fragte sie mit einer Unschuldsmiene.
Die beiden langten sich an die Stirn, wobei er, das Objekt der Begierde, ruhig daneben stand und zusah.
"Das ist Akarui", erklärte Hippolyte schmachtend, wobei sie seinen Namen mit besonderer Hingabe aussprach. Miyuki hätte nie gedacht, dass Hippolyte auch so ein Groupie sein könnte.
"Und?", bohrte sie weiter.
"Er gehört den Seraphim an, dem höchsten der neun Engelschöre."
Sambesi fügte leise hinzu, sodass er es nicht merkte: "Und er sieht verdammt gut aus, aber du hast ja deinen Vampir, also überlass ihn mir!"
"Na, hör mal. Ich will doch überhaupt nichts von ihm", wisperte Miyuki zurück.
Akarui hüstelte leise, um auf sich aufmerksam zu machen.
"Oh, Entschuldigung", sagten Hippolyte und Sambesi gleichzeitig und wurden rot.
Er wirkte wie die Ruhe selbst und auch sehr vornehm.
"Ich bin nur hergekommen, um mir diesen Dunklen Engel einmal anzusehen", sprach er gelassen.
"Immer muss sich alles um sie drehen", giftete Sambesi.
Er ging auf sie zu und betrachtete sie näher.
Als er damit fertig war, verkündete er, dass er noch den ganzen Tag Zeit hätte und bleiben könne.
So verbrachten die vier einen gemeinsamen Tag miteinander.
Er wollte gerade gehen, da winkte er Miyuki zu sich heran und wollte ihr gerade etwas zuflüstern, als der Wirbel sie plötzlich erfasste und wieder in ihre Welt brachte. Pünktlich um aufzustehen. Seufzend erhob sie sich und machte sich fertig für die Schule. Die ganze Zeit hingen ihre Gedanken bei dem, was Akarui ihr wohl sagen wollte. Sie kam gerade noch pünktlich zu Unterrichtsbeginn und wunderte sichnur,wodenneigentlichihrLehrerwar.br So unterhielt sie sich noch etwas mit Shinya und Shiro. Auf einmal schlug der Lehrer die Tür auf und im Schlepptau hatte er niemand geringeren als Akarui!
"Was will der denn hier?", rief Miyuki überrascht aus.
"Du kennst ihn?", fragten Shinya und Shiro gleichzeitig.
"Ach, nicht so wichtig", lenkte sie ab.
"Klasse, das ist Akarui. Woran liegt das nur, dass wir in letzter Zeit so viele Neuzugänge erhalten?", meinte der Lehrer und fügte noch hinzu: "Hier ist noch ein Platz frei."
Akarui sollte also neben Shinya sitzen.
Die Schule war aus und Miyuki wollte gerade gehen, als Akarui sie anhielt, um ihr das von gestern zu erzählen. Aufmerksam sah Shiro den beiden aus der Ferne zu, um auch ja auf seine Miyuki aufpassen zu können.
"Also, ich wollte dir nur sagen, dass.", begann Akarui.
"Du wolltest mir was sagen?", fragte sie.
"Dass, dass ich mich. in dich verliebt habe!"
"Ähm, danke.", sie lächelte nervös, "und weiter?"
Ihr war fürchterlich zumute. Sie fing an zu schwitzen, so aufgeregt war sie über das und weil sie nicht wusste was sie sagen sollte, wenn er sie fragen würde...
"Willst du meine feste Freundin sein???"
So viel Mut hatte sie ihm gar nicht zugetraut.
"Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber."
Shiro, der alles genau mitbekommen hatte, war von hinten an sie herangeschlichen und seinen Arm um ihre Hüfte gelegt.
"Meine", sagte er nur und starrte Akarui grimmig an.
Sie wurde total rot und es war ihr auch mehr als peinlich.
Anscheinend wussten Shiro und Akarui wer der jeweils andere war.
"Sie ist viel zu wertvoll für dich, Kuroi. Du bist doch nur ein Vampir. Wegen dir ist sie jetzt kein waschechter Engel mehr", und zu Miyuki meinte er: "Ich weiß, was für ein tolles Mädchen du bist und deshalb solltest du von ihm loskommen. Unglaublich, dass du mit ihm zusammen bist. Aber ich werde dich befreien und dann wirst du glücklicher denn je." Er wandte sich um und ging.
Miyuki fiel ein Stein vom Herzen. Das war fürs erste erledigt.
"Danke, Shiro", sagte sie und versuchte aus seinem Klammergriff zu entkommen, was sich wieder mal als hoffnungslos herausstellte.
"Lass los", bettelte sie.
"Nein, ich will dich noch ein wenig im Arm halten. Darf ich das nicht?"
"Doch natürlich, aber."
"Was aber? Denkst du auch, dass du für mich zu wertvoll bist?", fragte er ein wenig beleidigt.
"Nein!"
"Schön, dann darf ich dich also noch behalten?"
"Was? Behalten?"
"Na klar. Gehörst doch zu mir."
Er drückte sie noch näher an sich.

Am nächsten Morgen wollte Miyuki gerade das Haus verlassen, als sie an der Tür einen Strauss Rosen fand. Sie hatte schon einen dunklen Verdacht, der sich dann auch als richtig herausstellte. Die Blumen waren, wie könnte es anders sein, von Akarui. Seufzend brachte sie sie ins Haus und legte sie auf den Tisch, ehe sie sich auf den Weg in die Schule machte. Am Schuleingang wartete der Blumen- Schenker schon auf sie. Mit klopfendem Herzen ging sie auf ihn zu, wollte ihn eigentlich ignorieren, aber es war unmöglich.
"Einen wunderschönen guten Morgen, meine Liebste", sprach er vergnügt.
Finster sah sie ihn an und wünschte nur knapp "Morgen". Ihr Herz hatte sich wieder einigermaßen beruhigt, als sie gerade in die Schule ging.
Nach Unterrichtsende unterhielt sie sich noch ein wenig mit Shinya (Shiro war unauffindbar). Als dieser gegangen war, schoss Akarui sofort auf sie zu, als hätte er nur darauf gewartet. Bevor er noch etwas sagen konnte, meinte sie kühl: "Lass mich in Ruhe!"
"Ich will dir doch nur helfen und dir diesen elenden Vampir vom Hals schaffen."
"Er ist nicht elend!"
Shiro verließ grade die Schule, da er noch eine Strafarbeit zu machen hatte, als er sah wie Akarui schon wieder seine Miyuki belästigte. Er hatte nämlich genau in diesem Moment ihre Hand genommen und wollte sie mit sich nehmen. Blitzschnell tauchte Shiro hinter ihm auf und warnte ihn: "Lass sie ja in Ruhe, du Mistkerl!"
"Du schon wieder", er blickte ihn verächtlich an, "Ich liebe sie nun mal und möchte sie beschützen und zwar vor dir!"
"Das ich nicht lache. Du und beschützen. Geh zu deiner Mama und heul dich da aus, du Milchbubi."
"Das muss ich mir nicht länger anhören. Komm, Liebling, wir gehen."
"Liebling? Sag mal, tickst du noch richtig? Ich will nicht!", fuhr Miyuki ihn an.
"Ich kann dich doch nicht allein mit so jemandem lassen."
"Was soll das jetzt wieder heißen, hm?", Shiro raste.
"Du bist nicht gut für sie. Niederes Insekt", schimpfte Akarui und hielt die noch immer wie wild strampelnde Miyuki fest.
"Du quälst sie doch. Siehst du das denn nicht.?"
"Gleich wird sie sich vorkommen, wie im siebten Himmel", er hob seine Hand über ihren Kopf und sie schlief ein.
"Solche faulen Tricks hast du nötig? Loser", meinte Shiro abfällig.
"Na und? Sie wird sich schon noch in mich verlieben, du wirst sehen.", er lächelte sanft und verschwand mit Miyuki.
Nach seiner Art zu urteilen wäre er eher wie ein Dämon.
Völlig baff stand Shiro da und starrte fassungslos auf die Stelle, auf der er noch gerade gestanden war.
Plötzlich tauchten neben ihm Aya auf.
"Sind sie nicht ein hübsches Paar, Schatzi?"
"Was hast du hier zu suchen? Sag's gleich, du bist daran schuld."
"Na ja, ich habe dem jungen Glück nur etwas nachgeholfen, indem ich Akarui verzaubert habe."
"Du hinterlistiges Miststück!"
"Na, na, na. Freu dich doch. Jetzt bin ich doch hier und wer braucht schon dieses dumme Flittchen?"
"Nenn sie nicht noch einmal Flittchen und außerdem, ich scheiß auf dich!"
Mit diesen Worten schleuderte er eine riesige Energiekugel auf sie zu, worauf sie sich in Luft auflöste.
Völlig zerstreut blickte er umher. Wo könnte er Miyuki nur hingebracht haben? In sein Reich, den Himmel? Nur, war es für die Dämonen nicht allzu leicht, dort hin zukommen. Einmal hatte er es ja bereits geschafft, aber. Einen Versuch war es wert und wirklich, nach großer Anstrengung, fand er sich im Himmel wieder. Vorsichtig, um nicht auf sich aufmerksam zu machen, schlich er durch die Wolken, bis er zu einem großen Tor gelangte, hinter dem er deutlich die Auren der beiden spüren konnte.
"Nein, will ich nicht", motzte Miyuki ihn an.
"Warum nicht? Als meine Frau wärst du perfekt und alle deine Sünden wären dir vergeben", säuselte Akarui.
"Kapier es. Ich will dich nicht heiraten!"
"Hängst du so sehr an diesem Vampir?"
Miyuki wurde tomatenrot.
"Ja", brachte sie schließlich heraus.
"Nun gut, irgendwie wird ich dir das schon noch abgewöhnen. Hey, was machst du denn da?"
Miyuki versuchte gerade das Tor aufzubrechen.
"Ich will hier raus!", schimpfte sie.
"Bleib doch noch ein wenig. Sieh dich um. Hier ist es wunderschön."
"Trotzdem."
Shiro riss der Geduldsfaden, da er seine Kraft nicht mehr zügeln wollte, um nicht aufzufallen. Er formte eine gewaltige Energiekugel und schleuderte sie gegen das Tor, das daraufhin in tausend Stücke zerfiel.
"Das darf doch nicht wahr sein! Mein schönes Tor", rief Akarui entsetzt.
"Shiro!", rief Miyuki überglücklich, schoss gleich auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Er hielt sie fest an sich gedrückt und wollte gerade gehen, als Akarui sagte:
"Shiro, du hast gewonnen. Ich habe gemerkt, dass sie mich niemals lieben wird. Du jedoch hast anscheinend einen festen Platz in ihrem Herzen. Nimm sie mit und mach sie glücklich." Er verschwand daraufhin, genauso wie Shiro mit Miyuki. Der Zauber von Aya hatte wohl seine Wirkung verloren. Kein Wunder, dass er nicht lange hielt, einen der höchsten Engel zu verzaubern ist schon ziemlich schwer.

Sie wachte in ihrem Bett wieder auf, es war helllichter Tag. Sofort dachte sie wieder an die Ereignisse und die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Erst da wurde ihr klar, wie unverzichtbar Shiro doch war.



Schmerzliche Erinnerungen

"Endlich Wochenende!", gähnte Miyuki, streckte sich und stieg aus dem Bett. Schlaftrunken machte sie sich auf den Weg in die Küche und ließ sich an dem reich gedeckten Frühstückstisch nieder.
"Danke, Brownie", rief sie ihrem kleinen Hausgeist zu, der gerade im Flur wischte. Als sie fertig war mit Essen, stellte sie ihm sein Schälchen Milch hin und zog sich schleunigst um. Sie machte es sich danach im Wohnzimmer gemütlich und sah fern, als Tsunku nach Hause kam.
"Wo warst du denn?", fragte sie neugierig.
Er war ziemlich oft außer Haus. Vielleicht lag es daran, dass er und Shinya laufend irgendwelchen Unsinn machten.
"Bei Shinya", kam die knappe Antwort.
"So früh???"
"Sieh doch mal auf die Uhr, Schwesterchen. Es ist bereits Nachmittag", grinste Tsunku und setzte sich zu ihr auf die Couch.
"Oh."
"Weißt du, was heute für ein Tag ist?"
"Der 21. März?"
"Ja, das auch. Weißt du nicht, was vor fünf Jahren geschehen ist?"
"Ähm., nein. Was soll da gewesen sein?"
"Ich sag nur: Natsuna."
Entsetzt riss Miyuki die Augen auf: Dieses Mädchen hatte sie schon vor langer Zeit aus ihrem Gedächtnis und ihren Gedanken verbannt.
"Ihr Todestag?" Sie schluckte.
"Genau."
Sie erinnerte sich noch zu gut an ihre weniger erfreuliche Kindheit, das durch das kleine sommersprossige, rothaarige Mädchen Natsuna zur Hölle wurde. Ihr wirklicher Vater war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Nur Tsunku kannte ihn noch. Als Miyuki drei Jahre alt war und Tsunku fünf, heiratete ihre Mutter Hime einen anderen, Kenzo. Und zwar denjenigen, der Miyuki bis vor kurzem immer geschlagen hatte. Dieser brachte eine Tochter aus seiner ersten Ehe mit: Natsuna. Sie war ein Jahr jünger als Miyuki.
Natsuna bekam alles das, was sie wollte. Miyuki und Tsunku dagegen erhielten nur zu Weihnachten oder Geburtstag Geschenke. Immer mussten die beiden mit ihr spielen, obwohl sie zu nichts weniger Lust gehabt hätten. Insgeheim wussten sie auch, dass Natsunas Vater sie nicht mochte, sondern nur akzeptierte, da sie Himes Kinder waren. Es war immer das Gleiche, wenn Miyuki und Tsunku einmal gemütlich mit ihrer Mutter irgendwo saßen und redeten, kam Natsuna wie aus dem Nichts, redete einfach drauflos und kuschelte sich an ihre Mutter. Sie wussten, dass es totale Absicht war, ihnen ihre Mutter wegzunehmen. So etwas hatte Miyuki immer todtraurig gemacht, sodass sie sich auf ihr Zimmer, das sie sich zu der Zeit mit Tsunku teilte, da Natsuna in ihrem früheren Zimmer einquartiert wurde, verzog und anfing zu weinen. Es spielte sich immer genau identisch ab: Kurze Zeit später betrat Tsunku das Zimmer und tröstete seine kleine Schwester. In dieser Zeit knüpfte sich zwischen den beiden ein starkes Band, das niemals reißen würde. Immer hatten sie zusammen gehalten. Später, als Hime gestorben war, zogen sie in ein neues Haus und Kenzo verhielt sich wie ein rücksichtsloser Idiot. Er lobte seine Tochter in den höchsten Tönen, die mittlerweile zehn Jahre alt war. Die beiden andren, die ihm durch den Tod seiner Frau zugefallen waren, ließen ihn kalt. Ein Jahr darauf verunglückte Natsuna tödlich. Miyuki zuckte zusammen: Genau an dem Tag, an dem sie sich selbst am aller sehnlichsten gewünscht hatte, dass sie sterben solle. War es ihre Schuld, dass Natsuna gestorben war? Hatte sie ihre Kräfte schon damals besessen?
Tsunku riss sie urplötzlich aus ihren Gedankengängen: "Miyuki?"
"Was?" Überrumpelt sah sie ihn an.
"Nichts, nichts. Wollte nur sehen, ob du nicht weggetreten bist", grinsend stand er auf und verließ den Raum.
Seufzend legte sie den Kopf in den Nacken und starrte die Decke an.
"Wie langweilig", dachte sie schläfrig, als plötzlich Dunst aufstieg, der den ganzen Raum bedeckte.
"Was ist hier los?", fragte sich Miyuki im Stillen, "Das wird doch nicht wieder Aya sein?!"
Oh, doch. Und wie sie es war.
"Guten Tag, Miyuki! Wie geht's?", frohlockte sie.
"Grad ging es mit noch blendend. Danke der Nachfrage", erwiderte sie kühl.
"Dein Gespräch eben, es hat mich auf eine wunderbare Idee gebracht. Diese Natsuna. Ich kenne sie, weißt du? Das arme kleine Mädchen und du hast ihr das angetan", sie setzte einen gespielt traurigen Blick auf.
"Ach, sei doch still! Hab ich gar nicht!"
"Natürlich! Wer hätte sie denn sonst mit seinen Kräften in den Tod getrieben?"
"Also doch."
"Zurück zu meiner Idee", startete Aya nach einer kleinen Schweigepause.
"Wer sagt denn, dass ich die hören will?"
"Ich und außerdem, erleben tust du es trotzdem."
"Lass mich raten: Es hat etwas mit Natsuna zu tun, richtig?"
"Ja, so ist es. Schlaues Mädchen."
Miyuki blickte sie grimmig an.
"Sie wird gleich vor dir erscheinen und Rache üben."
"Da hab ich aber Angst. Ein 10jähriges Mädchen", meinte sie gelassen.
"Du wirst schon sehen. Also dann, bis später!"
Sie grinste hämisch und löste sich in Rauch auf.
Der Dunst schwebte immer noch durch das Zimmer und Miyuki versuchte angestrengt etwas zu erkennen, aber da war nichts. Auf einmal kam wie aus dem Nichts eine durchsichtige Gestalt aus dem Nebel hervor und flog langsam auf sie zu.
"Na- Natsuna?!", brachte Miyuki unglücklich heraus.
"Ja, die bin ich", vernahm man die Kinderstimme, die wie aus weiter Ferne zu kommen schien.
"Weißt du eigentlich, was du mir angetan hast? Ich könnte jetzt wunderschön und berühmt sein, doch du wolltest, dass ich sterbe. Dafür wirst du bezahlen", sie lachte psychotisch auf und beschleunigte ihren Flug.
Miyuki saß unterdessen auf der Couch uns starrte entsetzt dem Geist entgegen.
"Das gibt es nicht", murmelte sie vor sich hin.
Direkt vor ihrer Nasenspitze blieb Natsuna in der Luft stehen und sah ihr direkt in die grünen Augen. Miyuki erwiderte den starren Blick.
"Du bist Schuld daran!", brüllte der Geist ihr auf einmal mitten ins Gesicht, "Du hast mich ermordet! Du hast Schuld, dass Vater unglücklich war! Wegen dir musste ich, ein unschuldiges Mädchen, sterben! Nur weil du so egoistisch warst und deine Familie für dich allein wolltest! Ich hätte so gern gelebt.", den letzten Satz flüsterte sie mehr, als sie sprach.

These wounds won't seemed to heal
This pain is just to real
There's just too much that time cannot erase
(My Immortal - Evanescenece)

Als dann auch noch eine Träne über die Wange des Kindes kullerte, brach Miyuki in Tränen aus: "Ich dachte nie, dass du sterben würdest, nur wenn ich es mir wünsche! Verzeih mir."
"Wegen dir wandert meine Seele ruhelos im Nichts umher! Wegen dir konnte ich nicht leben!"
"Bitte,. es tut mir Leid,. Ich konnte nicht wissen, dass."
Weinend brach sie in sich zusammen. Das war zuviel für sie: Sie war daran Schuld. Nur sie allein.

Was ich fühle

Manchmal ist da so ein Gefühl, ein Gefühl, das mir so fremd und so bekannt ist. Dann muss ich ganz viel Luft holen, und ich fühle mich plötzlich so stark, dass ich glaube, nichts wäre mir mehr zu schwer. Und ich möchte etwas Besonderes tun, die ganze Welt befreien oder mich gegen die Ungerechtigkeit auflehnen. Aber dann, dann werde ich plötzlich ganz müde und traurig, und ich möchte alles hinter mir lassen. Und ich merke, dass ich allein bin, dass ich niemanden befreien kann und auch nicht den Mut haben, mich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen. Und ich weine, warte auf jemanden, der mich versteht, der tröstend seinen Arm um mich legt, und habe gleichzeitig Angst, jemand könnte erkennen, dass ich in Wirklichkeit gar nicht stark bin.

Renate Anders

Wegen ihr konnte dieses Mädchen nicht leben, nur weil sie so egoistisch war.
Natürlich war das alles nur gespielt. Das war überhaupt nicht die echte Natsuna, die Tränen waren nicht echt, wie alles andere auch nicht. Es war einfach eine Taktik von Aya, die die Idee hatte, als sie Miyuki und Tsunku belauschte. Sie wollte einmal versuchen, sie psychisch fertig zu machen, was wirklich fruchtete.
Die unechte Natsuna löste sich in Luft aus und auch der Dunst verzog sich aus dem Zimmer.
Schluchzend lag Miyuki auf der Couch und machte sich massenweise Vorwürfe. Nur wegen ihr.
Tsunku war wieder mal außer Haus und so konnte sie sich einfach ausheulen, auch wenn es ihr danach nicht gerade besser ging. Sie hörte nur auf, weil sie nicht mehr weinen konnte. Sie hatte keine Tränen mehr. Still verzog sie sich in ihr Zimmer und legte sich Schlafen.
Die ganze Nacht hindurch jagten sie die schrecklichsten Alpträume, die alle von Natsuna handelten.
Am Montag musste sie dann wieder zur Schule und zeigte den andren natürlich nichts von ihren Gefühlen, die immer noch nicht abgeklungen waren. Der ganze Tag zog an ihr vorbei, wie ein schlechter Film. Sie schien alles nur durch einen Schleier wahrzunehmen.
Sie konnte dem Unterricht nicht folgen. Ihre Gedanken hingen ganz woanders. Als sie in der Pause auf ein mehrmaliges Ansprechen von Shiro nicht reagierte, dachte er sich schon, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.
Endlich, nach der letzten Stunde, endete der Alptraum für Miyuki. Sie vermied es, entweder Shiro oder Shinya, über den Weg zu laufen.
Der Tag verging rasch und schon wieder lag sie im Bett und starrte ängstlich ihre Zimmerdecke an. Sie hatte große Angst vor dem Einschlafen. Doch dann irgendwann um Mitternacht herum, schlief sie ein.
Sie wandelte durch altertümliche Ruinen. Es war stockdunkel und von der Decke bröselten bereits die Steinchen. Plötzlich kam Nebel auf und sie fand sich auf einer düsteren ebenfalls in Dunst gehüllten Lichtung. Oben am Himmel stand stumm der große und runde Vollmond. Wenige Meter von ihr schwebte ein Licht. Es kam näher. Der kalte Angstschweiß brach in ihr aus. Ihr Gesicht wurde kreidebleich, ein faustdicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie wollte fortrennen und nie wieder kehren, aber sie konnte nicht. Ihre Beine waren wie gelähmt. Stocksteif stand sie da und starrte auf das immer näher kommende Licht. Wenige Zentimeter vor ihr kam es zum Stehen. Ihr Herz raste.
"Natsuna.", flüsterte sie nur noch schwach, richtete ihren Blick auf den Boden und wartete. Wartete auf dieses kleine Mädchen, das sie Nacht für Nacht seelisch fertig machte.
"Ist dir klar, was du getan hast?", stocherte die Kleine.
"Ja, ist es mir. Vollkommen", entgegnete Miyuki leise.
"Ist es dir klar?", wiederholte sie noch einmal lauter.
"Ja, es ist mir klar", rief Miyuki mit auf die Erde gerichteten Blick.
"Sieh mich an. Na los, sieh mich an!"
Zögerlich hob sie den Kopf und blickte in die kalten und leeren blauen Augen des Mädchens.
"Ich werde nie meinen Frieden finden, dank dir! Ich konnte nie mein Leben zu Ende leben, dank dir!"
Miyuki brach in Tränen aus und völlig aufgelöst sagte sie: "Ich. Ich konnte doch nicht ahnen, dass."
"Dass es wirklich passiert, hab ich Recht?", vollendete Natsuna ihren Satz, "Aber schon der Gedanke zählt!"
"Es tut mir so Leid."
Die angebliche Natsuna startete in die nächste Runde: "Vertraust du auf deine Freunde?", fragte sie scharf.
"Ja, das tue ich", antwortete Miyuki wieder mit fester Stimme.
"Mögen sie dich?", schob sie noch eins hinterher.
Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf: mochten sie sie? Eigentlich war sie immer davon ausgegangen, dass sie das tun, aber. Vielleicht spielte Shiro nur sein Spiel und Shinya.?
"Ich. Ich bin fest davon überzeugt!" Sie wollte nicht, dass Natsuna noch etwas gegen sie in der Hand hatte.
"An deiner Stelle würde ich diese ,Freunde' meiden. Sie könnten dich verletzen, wie es Yuuko getan hat, oder?" Ein kaltes Lächeln umspielte ihren Mund.
"Yuuko war ja auch nicht bei Verstand!"
"Bist du sicher?"
War sie sicher? Wollte sich Yuuko vielleicht nur wieder einschleimen um noch eine Freundin in der Hinterhand zu haben, wenn sonst niemand mehr da war?
"Ich bin Sicher."
"Dann sieh dir das mal an", sie schnippte mit dem Finger und neben ihr erschien eine holographische Darstellung von Yuuko. Sie stand da und tuschelte mit Aya: "Wer braucht schon Miyuki? Ich jedenfalls nicht, na ja, wenn es mir vielleicht mal schlecht geht kann sie ja herhalten. Und wenn ich ihre erzähle, dass du mich manipuliert hast, wird dieses naive Ding mit sofort verzeihen." Die zwei lachten hysterisch auf und das Bild verschwamm.
Miyuki war so irritiert und fertig, dass sie nicht mehr logisch denken konnte und das für wahr hielt. Sekunden später flimmerte der Bildschirm und Shiro erschien. Miyuki, die sowieso schon aufgelöst war, brach in sich zusammen. Wollte sie das wirklich sehen?
Sie hatten die vorige Szene "gedreht", als Yuuko noch unter Ayas Bann stand. Sie zeigte Shiro vor langer Zeit, als er noch nichts für sie empfand, wie er sich mit seinem Vater Satan unterhielt.
"Shiro!", herrschte ihn sein Vater an, "Dieser starke Engel, er liebt dich nicht! Wie kann ich das verstehen? Deine Aufgabe war doch."
"Ja, ich weiß!", brüllte er zornig zurück, "Ich hab auch mein bestes getan, aber sie ist halt nicht leicht herumzukriegen."
Also doch! Er verfolgte strickt seinen Plan!
Wieder hatte sie vertraut und wurde hintergangen. Geschockt und total schwach sank sie auf den Boden. Von scheinbar weiter Entfernung hörte sie Natsunas Stimmesprechen: "Was hab ich dir gesagt? Meide sie und keiner tut dir je wieder weh." So löste sie sich in Rauch auf und verschwand.

Everytime
I see you in my dreams
I see your face
It's haunting me
(Britney spears-Everytime)

Der Morgen war angebrochen und die Sonne schien Miyuki aufs Gesicht. Die Erinnerungen der letzten Nacht holten sie ein. Ihre Wangen waren nass und auch das Kissen wies Spuren ihrer Tränen auf. Völlig benommen und brummendem Kopf machte sie sich schulfertig. Wollte sie wieder verletzt werden? Wollte sie die andren meiden? So lang und oft hatte sie jegliche Schmerzen weggesteckt und immer wieder von neuem Vertrauen geschenkt. Vielleicht war es egoistisch, aber sie wollte nicht wieder von irgendjemandem enttäuscht werden. Besonders nicht von Shiro, dem verlogenen Mistkerl. dann war doch alles gelogen. Sofort riss sie den silbernen Ring, den sie von ihm zu ihrem Geburtstag bekommen hatte von ihrem Finger. Sonst trug sie ihn immer. Was für ein Fehler ihm jemals Vertrauen geschenkt zu haben. Sie ärgerte sich über sich selbst: Sie war so dumm gewesen! Alle seine Aktionen dienten nur einem Plan, ihrer Zerstörung. Niemals wieder würde sie jemandem Glauben schenken.
Natsunas Plan war aufgegangen. Nachdem die Dämonen ewig versucht hatten sie mithilfe ihrer Kreaturen von außen zu Vernichten, kamen sie auf die Idee, ihr von innen zu schaden.


Glücklicher ohne euch!?


S
ie kam früher als gewöhnlich zur Schule, würdigte niemandem auch nur eines Blickes und wartete in ihrem Klassenzimmer stillschweigend darauf, dass der Unterricht begann. Nach und nach kamen die restlichen Schüler hinzu. So auch Shinya und Shiro. Gut gelaunt kamen sie auf Miyuki zu. Jetzt kam der wohl schwierigste Teil, der sie am meisten Überwindung kostete, auf sie zu.
"Warum warst du heute denn so früh dran?", fragte Shinya sie nichts Böses ahnend. Sie sah auf den Boden, wand ihm dann aber doch das Gesicht zu. Ein paar kurze Augenblicke später brachte sie heraus: "Shinya, Shiro, ich will nichts mehr mit euch zu tun haben. Also, wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet." Das alles hatte sie mit ernster und fester Stimme gesagt.
"Was?!", polterte Shiro ungehalten, wobei sie merklich zusammenzuckte. Seine Stimme löste ein wahres Gefühlschaos in ihr aus. Nie wieder mit ihm reden, ihn spüren, berühren. Aber warum machte sie sich Gedanken darüber? Nichts von all dem, was er ihr je erzählt hatte, war wahr. Ihr Entschluss stand fest.
Shinya blickte betroffen zu Boden und meinte nur:
"Wenn du uns nicht mehr leiden kannst, okay." Na, der wäre schon mal überzeugt.
"Jetzt sag schon! Warum?", Shiro war nah am Ausrasten.
"Ich habe diesen Entschluss für mich gefasst. Sieh es einfach ein."
Er wollte das Wort erheben, doch genau in diesem Moment schwang geräuschvoll die Tür des Klassenzimmers auf, ihr Lehrer trat herein und schickte ihn auf seinen Platz.
In jedem freien Moment versuchte Shiro mit ihr zu reden, aber es war sinnlos. Sie blockte immer ab. Es war wohl ihr langweiligster Schultag seit langem. Kein Kontakt zu niemandem. Öde, aber es hatte alles seinen Sinn. Für Miyuki zumindest. Eine Woche und vier Tage hielt sie diesen Zustand aus, bis sie in einer Nacht wieder äußerst unruhig schlief, denn wie so oft, aber erst seit langer Zeit wieder, quälten sie ihre Träume.
Sie fand sich in einem dunklen und alten Haus wider. Plötzlich erschien vor ihr in einem langen Gang Natsuna.
"Hallo, Miyuki. Wie geht's dir?"
"Hör endlich damit auf mich zu verfolgen!", brüllte diese ängstlich. In Natsunas Hand erschien ein großes Messer, mit dem sie herumspielte.
"Jetzt will ich dir mal an deinem eigenen Leib spüren lassen, wie sich in etwa mein Tod anfühlte." Sie grinste dämonisch und kam mit dem Messer geradewegs auf Miyuki zu, die verzweifelt versuchte rückwärts wegzurennen. Doch nach wenigen Schritten fühlte sie hinter sich eine kalte Mauer. Natsuna warf das Messer. Es flog an Miyukis Stirn vorbei, fiel klirrend zu Boden. Sie fühlte, wie es an ihrer Stirn warm wurde. Warmes Blut rann ihr von ihrem Kopf hinunter. Sie nutzte die Gelegenheit und lief geschockt und verängstigt weg. Von hinten surrte noch ein Messer an ihr vorbei. Schwer atmend und keuchend kam sie zu einer Treppe. Hektisch lief sie diese hinauf, doch es kam wie es kommen musste: Sie stolperte und fiel auf die harten Seinstufen. Schnell raffte sie sich wieder hoch. Im ersten Stock angekommen, fetzte sie den Gang entlang und entdeckte ein Zimmer, in dem Licht brannte und sogar eine Frau saß. Ungehalten schrei sie los: "Bitte helfen Sie mir! Ich werde verfolgt! Sie wird mich umbringen!"

Dein Weg so weit
niemand der dich befreit
Bist du bereit
Kein Licht zu weiß,
keine Hölle zu heiß
Das ist der Preis
(Oomph - Dein Weg)

Doch die Dame reagierte nicht und beugte sich noch weiter über ihre Akten und Dokumente, die sie vor sich liegen hatte und an denen sie schon die ganze Zeit herumkritzelte.
Miyuki hörte Natsuna dämonisch inter sich lachen: "Mir konnte auch niemand helfen", meinte sie erfreut.
Sie erhob ihr Messer und stach sie in ihren Arm. Blut lief in Strömen aus der wirklich tiefen schnittwunde. Natsuna verschwand. Schützend hielt sie ihre Hand über ihre Wunde und versuchte die Blutungen zu stoppen. Doch vergebens: Die Wunde war zu tief. Sie sank vor dem beleuchteten Zimmer mit der arbeitenden Frau zu Boden. Rotes Blut überzog den morschen Holzboden.
Schwach und entkräftet richtete sie sich in ihrem Bett auf. Ihr Laken, die Decke und das Kissen waren voller Blut. Geschockt betrachtete sie rasch ihren Arm: Die Wunde war da! Schnell lief sie ins Bad und verband ihren Arm, damit es nicht auffiel. Den, harmlos ausgedrückt, Kratzer an ihre Stirn klebte sie mit einem Pflaster zu. Sie machte sich auf den Weg in die Schule.
Shiro hatte sich geschworen, sie eine Weile in Ruhe zu lassen, um dann vielleicht einmal richtig mit ihr sprechen und ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Dieser Tag war heute gekommen. Er kam auch extra früher, um sie abzufangen.
Nichts ahnend ging sie gerade über den Schulhof, als sie auf einmal eine Hand von hinten festhielt. Sie drehte sich um und schnauzte: "Lass mich in Ruhe!" Aber sie brauchte jetzt eigentlich jemanden, der sie festhielt und ihr half. Seelisch war sie nämlich schon ziemlich hinüber. Sie genoss die Wärme seiner Hand. Er wollte gerade beginnen zu reden, als plötz lichMiyukisWundenaufplatzten.DasBlutwurdelangsam,aberimmermehrundmehrunterdemVerbandsichtbar.br "Was ist das?", fragte er sichtlich schockiert und besorgt.
"Nichts", wimmelte sie ab, obwohl sie es ihm gerne erzählt hätte.
Stille. Seine Hand hatte sich nicht gelockert, sie konnte versuchen, sich daraus zu entwinden, aber sie wollte es nicht. Diese Hand, die ihr Sicherheit gab.
"Es ist alles so schrecklich", platzte es aus ihr heraus. Sie krallte sich an sein Hemd und begann zu weinen. Behutsam legte er seinen Arm um sie. Doch anstatt Tränen, schoss ihr Blut die Wangen hinunter.
"Miyuki, du weinst. Blut?"
Erstaunt hielt sie inne, strich sich mit der Hand über die Wange und erschrak heftig. Tatsächlich! Schnell wand sie sich aus seinem sicheren Griff, der ihr für wenige Augenblicke Geborgenheit und Halt gegeben hatte. Kaum hatte sie sich weit genug von ihm entfernt, es schien wie ein Wunder, verblassten die Blutspuren unter ihrem Verband.
"Dann geschieht das nur, wenn ich mit ihm zusammen bin?"
Sie hatte sich auf dem Mädchen Klo eingeschlossen und musste wieder bitterlich zu weinen beginnen. Doch sie weinte kein Blut mehr, sondern salzige Tränen.
Verdattert stand Shiro auf dem Hof und war verzweifelt und verärgert zugleich. Er war sauer auf sich, weil er ihr nicht helfen konnte. Er konnte überhaupt nichts für sie tun.
Nach der Schule schlenderte sie unglücklich nach Hause. Shiro kam ihr hinterher und zog sie am Arm zu sich zurück. Sofort begannen die Wunden zu bluten.
Er begriff: Befand er sich in ihrer unmittelbaren Nähe, platzten die Wunden auf. Den Trick, der dabei war, kannte er genauso gut. Er selbst beherrschte ihn auch.
"Komm heute um Mitternacht in den Park. Ich werde dir helfen", flüsterte er ihr schnell ins Ohr. Er wollte sie nicht wegen ihm leiden sehen. Sobald er weg war, schlossen sich die Wunden.

Immer dann wenn du einsam bist,
wird dich mein Herz befrein
Immer wenn dich die Angst zerfrisst,
werd ich tief in dir sein - tief in dir
Immer wenn dich der Wahnsinn küsst,
werd ich tief in dir sein - tief in dir
(Oomph - Tief in dir)

Pünktlich um Mitternacht erschien sie im Park. Es war Vollmond. Gebannt starrte sie ihn an. Die Luft war schwül und angenehm. Die laue Brise streichelte sie sanft und spielte mit ihrem langen braunen Haar. Kurze Zeit später kam Shiro in Gestalt eines Vampirs mitten aus dem Nichts vom Himmel zu ihr heruntergeschwebt. Sanft setzte er einige Zentimeter vor ihr auf dem Boden auf, sah sie kurz an. Sie wirkte so ängstlich, schwach und mitgenommen. Er wollte nur eins: Ihr schnellstmöglich zu helfen. Ihre Wunden bluteten, aber sie nahm es nicht mehr wahr.
Shiro, oder besser Kuroi, flüsterte eine geheime Formel, die nach einer fremden Sprache klang, vor sich hin und ließ eine Kugel in seinen Händen erscheinen. Diese leuchtete strahlend weiß. Langsam legte er seine Hände erst auf ihren Arm, dann auf ihre Stirn und nach wenigen Momenten war keine Spur mehr von irgendwelchen Verletzungen zu sehen.
Miyuki lachte. Sie lachte nach so langer Zeit. Es machte Shiro glücklich, zu sehen, wie es ihr einmal wieder zumindest ein wenig gut ging. Sie fiel ihm freudig um den Hals. Shiro hatte viel Kraft verbraucht, sodass er fast von ihr umgerissen wurde. Erst war er sehr überrascht, doch dann genoss er es. Er brachte sie nach Hause und legte sie sanft in ihr Bett und wartete noch bis sie eingeschlafen war. Leise stand er auf, beugte sich aber doch noch einmal über sie und küsste sie ganz zärtlich und sanft.
Sie war wirklich wunderschön. Auf Zehenspitzen schlich er aus ihrem Zimmer.
Solange er da war, schlief sie ruhig und friedlich, doch sobald er weg war, tauchte Natsuna auf.
"Was hast du denn da getan?"
Miyuki blickte nur geschockt zu Boden. Es war so schön, doch es würde niemals enden. Niemals.
"Geht dich nichts an!"
"Weißt du was? Du empfindest für ihn, stimmt doch?"
"Na und, und wenn es so wäre?", schnauzte Miyuki gereizt.
"Ich habe auch alle Menschen verloren, die ich liebte. Wie wäre es, wenn ich ihn um die Ecke bringe?" Sie grinste teuflisch.
"Das lasse ich nicht zu. Nimm mein Leben dafür!" Hatte sie das gerade eben wirklich gesagt? Sein Leben war ihr wichtiger als ihrs?
Der Natsuna Imitator hatte erreicht, was er wollte. Miyuki war bereit zu sterben. Sein Auftrag war so gut wir erfüllt.
"Abgemacht. Dann bringst du dich morgen selbst um, alles klar?"
"Ja, ich hab verstanden."
Schweißgebadet wachte sie auf. Also, heute sollte sie sterben. Aber wenn Shiro dafür überlebte, war sie bereit es zu tun. Bloß warum? Er spielte doch nur! Oder tat er das nicht? Sie beschloss, sich an ihrem letzten Tag bei Shinya und Shiro zu entschuldigen. Das tat sie auch.
"Es tut mit leid. Ich war so verwirrt und wusste nicht mehr, was zu tun war, ich hoffe ihr versteht das!"
"Um was ging es denn eigentlich?", bohrte Shinya misstrauisch nach.
Sie erzählte ihm eine dicke Lüge: Von wegen Problem mit ihrer ,Familie', die eigentlich fast nicht mehr vorhanden war. Glücklicherweise sah er es ein und alles war beim Alten. Nur Shiro musste sie es noch genauer erklären. Wie sollte sie das nur tun? Das überlegte sie den ganzen Tag. Von ihrem Suizid wollte sie keinem was erzählen. Und Tsunku? Ihn hatte sie die letzten Tage auch gemieden. Heute war er sowieso arbeiten bis am Abend. Dann konnte sie sich überhaupt nicht von ihm verabschieden! So ein Mist aber auch.!
Sie würde ihm eine Nachricht hinterlassen, oder besser doch nicht.
Später hatte sie sich mit Shiro getroffen und ihm Schwerenherzens alles erzählt, von ihrer Jugend und Natsunas Tod und der Gegenwart, dem Terror von Natsuna.
Er war vollkommen baff. Nie hatte er sich erträumt, dass es so ein großes Problem war unter dem sie litt. Und ihr wurde klar, dass das ihr letztes Treffen war.
"Ich vernichte diese Natsuna. Versprochen!", meinte Shiro.
"Das würdest du tun?", fragte Miyuki überrascht und überglücklich, obwohl sie wusste, dass es nie so weit kommen würde.
Der letzte Tag mit ihm musste genossen werden! Sie beugte sich vor und küsste ihn sanft und zögerlich. Er erwiderte den Kuss mit solch einer Intensität, die sie gar nicht erwartet hatte. Natürlich wunderte er sich, warum gerade sie die Initiative ergriff, aber es war ihm egal. Er fühlte, dass sie doch etwas für ihn empfand und das machte ihn zum wohl glücklichsten Vampir der Welt.
Sie verabschiedete sich von ihm. In ihrem Inneren zerriss gerade ihr Herz, aber sie verbarg Schmerz und Trauer. Erst als sie ihm den Rücken zugewandt hatte, begann sie zu rennen und tausende Tränen schossen ihr die Wangen hinunter und wurden vom Wind verweht. Noch nie hatte etwas so weh getan wie das. Ihre Welt fiel gerade in sich zusammen. Sie tat es für ihn: Den Mann den sie liebte! Aber ihn nie wieder zusehen, schaffte sie ganz schön.
Zuhause angekommen ließ sie sich erstmal in den Sessel sinken und weinte drauflos, bis sie keine Tränen mehr hatte.
Sie beschloss zu Baden. Gerade als sie ihren Bademantel ablegte, kam ihr die geniale Idee für einen Selbstmord. Sie stieg langsam und behutsam in das wunderbar warme Wasser. Mit dem Kopf stieß sie absichtlich mit aller Wucht gegen den Wannenrand. Noch einmal dachte sie mit Trauer an all das, was sie nun zurückließ. Erst genoss sie, wie das warme Wasser ihren Körper umspielte, bis ihr schwindelig wurde. Sie fasste sich an ihren Hinterkopf und betrachtete dann ihre Hand: Sie war voller Blut. Ihr Plan war aufgegangen. Sie fühlte sich von ihren Sorgen erlöst.

Everytime
I try to fly above
Without my wings
I feel so small
(Britney Spears-Everytime)

Nie wieder Natsuna und das, was sie ihr antat. Alles um sie herum verschwamm und sie sank mit ihrem Kopf Unterwasser.
Draußen vor der Tür klingelte Shiro hektisch. Dort stand er schon einige Minuten. Er wollte Miyuki besuchen und ihr noch etwas Gesellschaft leisten und ein paar Fragen zu Natsuna stellen, doch als niemand öffnete, riss ihm der Geduldsfaden und er stieg geschickt durch das offen stehende Kückenfenster.
Durch das ganze Haus schrie er ihren Namen, doch Miyuki reagierte nicht, so suchte er in allen Räumen, bis er schließlich zum Bad gelangte und herein trat. Suchend blickte er sich um, ging auf die Badewanne zu und sah Miyuki dort drin liegen. Schnell sprang er samt Klamotten in die Wanne und zog ihren Kopf heraus. Atmete sie noch?
"Ein Lebenszeichen, bitte.", flehte er.
Es blieb ihm nichts andres übrig als Mund zu Mund Beatmung. Das zog er einige Minuten durch, bis er ganz schwach ihren Puls fühlen konnte. Er wickelte sie in ihren Bademantel, drückte sie fest an sich und rannte so schnell er konnte zum Krankenhaus. Seine nassen Hosenbeine waren inzwischen kalt geworden. Die Kälte kroch in ihm hoch, doch er lief weiter. Es gab ihm weitere Hoffnung, als sie kurz einmal die Augen aufschlug.
Die Ärzte hatten sie schnellst möglich versorgt. Dass er sich immer um sie kümmern musste. Er war doch schon damals mit ihr hier gewesen, als ihr der Seelenparasit zu schaffen gemacht hatte. Als er endlich zu ihr ins Zimmer durfte, war sie bereits wach und starrte mit leerem Blick die Decke an.
"Miyuki.", flüsterte er, als er sich an ihr Bett setzte.
"Warum? Warum hast du das getan?", fragte sie mit lauter Stimme.
Irritiert blickte er sie an.
"Warum wohl? Ich wollte nicht, dass du stirbst. Ich wollte dich nicht verlieren!"
"Aber jetzt wirst du sterben.".
"Sie hätte sich tatsächlich für mich umgebracht? Das,.". Das hatte er nicht erwartet.
"Natsuna wird dich umbringen!", kreischte Miyuki schon fast hysterisch.
"Glaubst du, die kann gegen mich was ausrichten?", er grinste siegessicher und fügte noch leise hinzu: "Schlaf, ich werde über dich wachen und sie in deinem Traum auslöschen."
Sie tat wie ihr geheißen und schlief auch bald ein.
Friedlich lag sie das und atmete leise, kaum hörbar. Schon bald erschien ihr wieder Natsuna, doch sie blieb gefasst, da sie keine Angst mehr zu haben brauchte. Sie hoffte zumindest, dass Shiro erscheinen würde. Würde er doch?
"Wie konntest du es wagen zu überleben? Nun ja, dann glaubt jetzt eben Shiro daran!"
"Was tue ich?", fragte eine Stimme hinter ihr. Shiro trat einen Schritt aus der Dunkelheit hervor und stand nun knapp hinter Natsuna.
"Oh.", brachte sie nur noch heraus.
"Los, kämpfe!", forderte er sie auf.
"Wenn du meinst", erwiderte sie gleichgültig und etwas zu siegessicher.
Shiro wurde zum Vampir Kuroi und flog demonstrativ vor ihr her.
"Komm, zeig mir was du kannst!", stachelte er.
"Du wolltest es ja nicht anders", seufzte sie nur und rannte mit einem Affenzahn auf ihn zu. In der Hand hielt sie das Messer, mit dem sie auch Miyuki bedroht hatte. Die Luft sauste durch ihr Haar und an ihren Ohren vorbei. Geschickt wandte er sich zur Seite und entging somit der Messerspitze, die Natsuna auf ihn gerichtet hatte. Er verpasste ihr einen harten Schlag mit seinem Ellenbogen und sie kam geräuschvoll auf dem Boden auf.
"Ich habe dich unterschätzt", brachte sie unter Würgen hervor.
"Steh auf, oder hast du schon genug?", machte er sich über sie lustig.
Sie jedoch sah von unten zu Miyuki hinauf und meinte: "Soll ich dir mal was sagen? Ich bin überhaupt nicht Natsuna, sondern."
Miyuki blieb der Mund sperrangelweitoffen stehen und sie blickte die angebliche Natsuna ungläubig an.
"Was soll das heißen?"
Das kleine Mädchen nahm seine wahre Gestalt an. In Wahrheit war sie eine abstoßende Kreatur, mit kaum Kleidung am Leib, grün grauer Haut und gelben Augen. Ihr Mund stand gefährlich offen und zu sehen waren fürchterlich gelbe Reißzähne. Ihr Haupt zierten einige spärlich und bereits graue und weiße Haare, die strähnig hinunter hingen.
Miyuki sank geschockt auf die Knie. Die ganzen Wochen der Verzweiflung und Qual waren nur gespielt? Natsuna musste gar nicht wegen ihr leiden?
Auch Shiro blickte fassungslos in die Fratze des Monsters.
"Ich hätte nie gedacht, dass du dein eigen Fleisch und Blut verrätst", warf die Dämonin ihm vor und rappelte sich auf. Sie schien wieder bei Kräften zu sein.
"Mein eigen Fleisch und Blut? So etwas wie du gehört nicht zu meiner Familie."
Grimmig und auffordernd blickte er sie an.
Sie erhob sich daraufhin, ohne Flügel, in die Luft und flog einige Meter über ihm. Er schoss ebenfalls mithilfe seiner schwarzen Schwingen in den Himmel. Dort lieferten sie sich erst einmal einen harten Schlagabtausch, bis Shiro schließlich die Oberhand gewann. Für ihn war es ein Leichtes, sie zu besiegen, nur er wollte mal wieder ein wenig Spaß. Darum versuchte er den Kampf solange wie möglich zu gestalten. Sie taumelte in der Luft und sank immer mehr ab. Als sie nun so knapp über dem Boden schwebte, setzte Shiro dem ein Ende und schoss eine riesige, obwohl eine kleine auch gereicht hätte, schwarze Energiekugel auf sie zu. Sie wurde schwer getroffen und knallte mit enormer Geschwindigkeit in den Boden. Es staubte gewaltig und Shiro landete sanft neben Miyuki, die dem ganzen Spektakel aufmerksam zugesehen hatte.
"Danke", sagte sie leise.
"Gern geschehen", flüsterte er ihr ins Ohr, was eine Gänsehaut an ihrem ganzen Körper auslöste.
Der Staub hatte sich gelegt und sie sahen das Monster in einem riesigen Krater liegen.
Miyuki war überglücklich und fing an zu lachen. Freudig sah Shiro sie an. Endlich. Endlich konnte er wieder ihr Lachen sehen. Endlich war sie nicht mehr traurig und schwach.




Der Seraphim Misha


A
m nächsten Tag in der Schule nahm alles wieder seinen gewohnten Gang. Miyuki hing mit Shiro und Shinya herum und konnte es wie immer nicht erwarten, bis die Schulklingel das Ende der Schule verkündete. Miyuki wusste nun auch ihr Leben so zu schätzen, wie es ist. Nachdem sie das Trauma erlitten hatte und es überwunden hatte, begrüßte sie ihr Leben neu. Zum Glück hatte sie sich Shiro anvertraut und er ihr geholfen, sonst würde sie noch immer Nacht für Nacht von der angeblichen Natsuna terrorisiert werden. Aber wie sollte sie sich bei Shiro bedanken? Ein einfaches Wort würde nicht genügen für die Mühe die er hatte. Sie müsste es mit Taten sagen, also fing sie ihn nach Unterrichtsschluss ab.
"Hey, Miyuki. Was gibt's?", fragte er sie überglücklich, da er froh war, dass sie ihn mochte, ja, dass sie überhaupt noch lebte.
"Ich wollte mich noch einmal bedanken und dich fragen, ob du heute Nachmittag mit mir in ein Café gehen würdest?"
"Nö."
"Was?!", total geschockt blickte sie ihn an.
"Ich meinte", beruhigte er sie sofort, "dass ich nicht heute Nachmittag, sondern jetzt gleich gehen will."
Sie atmete erleichtert auf und er grinste ihr frech ins Gesicht. Schon hatte er sie gepackt und rannte los. Aus dem Packen wurde langsam ein Hand-in-Hand.
"Musstest du so rennen?", keuchte Miyuki erschöpft, als sie sich gegenüber von ihm auf einen Stuhl niederließ.
Er lachte sie nur an.
Es war März. Die Sonne schien schwach und wärmte kaum. Ein frischer Wind wehte dann und wann. Trotzdem saßen die beiden draußen. Sie bestellten sich jeder einen Kaffee und redeten. Redeten über alles Mögliche und erfuhren das erste Mal viel mehr über den jeweils anderen. Shiro sah vergnügt zu, wie der Wind mit ihren langen, lockigen, braunen Haaren spielte. Sie sah es ebenfalls gern, wie Shiros Haare von ihm durcheinander gebracht wurden. Beide lächelten einander an und waren glücklich. So etwas hätten sie viel früher schon einmal machen müssen, nur gab es immer irgendwelche Krisen und Probleme zu überwältigen. Sie hatten schon fast vergessen, wie sich Frieden anfühlte. Miyuki spürte erst einen, dann zwei und dann immer mehr Regentropfen, bis plötzlich ein Sinnflutartiger Regen einsetzte. Shiro zog schnell seine Jacke aus und hielt sie über die Köpfe der beiden.Ihre Gesichter kamen sich ganz nah und Miyukis Wangen wurden trotz des kalten Wetters heiß. Sie sah ihm in seine durch und durch blauen Augen und versank darin. Er nahm ihren Kopf in seine Hände und zog ihr Gesicht ganz nah an seins. Plötzlich spürte sie seine weichen Lippen ganz sanft auf ihren. Es fühlte sich gut an. Wohlige Schauer liefen ihr über den Rücken. Sie erwiderte den Kuss.
Beide befanden sich im siebten Himmel. So schnell und heftige der Regen gekommen war, ebbte er auch wieder ab. Sie lösten sich voneinander und wünschten sich, dass der Regen noch viel länger angedauert hätte.
Sie standen auf und machten sich auf den Weg nach Hause. Shiro wrang seine klitschnasse Jacke aus und Miyuki musste lachen, als sie sah, was für ein Gesicht er dabei zog. Er sah sie vorwurfsvoll an und wrang weiter. So lang, bis die Jacke einigermaßen trocken war. Shiro legte seinen Arm um sie und sie fühlte sich sicher und geborgen. Die Luft war frisch und sauber. Von den Gräsern am Wegesrand perlten die Regentropfen. Die zwei platschten durch die Pfützen, die sich am Gehweg gebildet hatten.

In der Nacht erschien Miyuki wieder der Engel und sprach: "Du musst schnell in die andere Welt und ein großes Problem lösen."
"Und das wäre?", hakte sie nach.
"Der Engel Misha wird seit einiger Zeit vermisst. Du musst sie suchen und befreien."
"Und warum?"
"Was ist das denn für eine Frage??? Na ja, sie gehört zu den Seraphim, du weißt, das sind die höchsten Engel. Sie war sehr wichtig für uns. Schon seit langer Zeit steht sie treu in meinen Diensten und hilft, wo sie kann. Seitdem sie verschwunden ist, fehlt mir sozusagen meine rechte Hand."
"Okay, ich mach es", antwortete Miyuki mit einem unerwarteten Elan. Die letzten Ereignisse hatten ihr unglaubliche Kraft gegeben.
Schon bald befand sie sich in einem ihr noch unbekannten Teil der anderen Welt. Vor ihr erhoben sich riesige Berge und Gletscher. Sie ging mutig drauflos. Auf einmal stand Akarui vor ihr.
Es war ihr sehr peinlich. Vor allem, weil sie ihn so abgewiesen hatte.
"Hallo", sagte sie etwas schüchtern.
Er wirkte freundlich und entspannt, aber auch etwas aufgewühlt.
"Ich werde dir helfen Misha zu finden."
Beide machten sich auf den Weg und dank Akarui und seinen Anweisungen - er war hier schon öfter - gelangten sie schließlich zu einem Wasserfall.
"Und was jetzt?", fragte Miyuki, die sich inzwischen mit ihm angefreundet hatte.
"Ich spüre sie ganz deutlich. Ähm, geradeaus!?"
Vor ihnen befand sich der Wasserfall.
"Bist du dir da sicher?", fragte Miyuki ungläubig.
Ohne zu antworten ging er einfach durch die aus großer Höhe stürzenden Wassermassen und verschwand. Sie tat es ihm gleich und als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass sie sich in einer rieseigen Steinhöhle befanden. Die Wände waren aus großen braunen Steinen und ziemlich feucht.
Ein gellender Aufschrei ließ die beiden zusammenfahren und auf einmal tauchten aus allen Ecken der Höhle Dämonen ohne besondere Merkmale auf. Miyuki verwandelte sich in den schwarzen Engel und feuerte ihre Energiekugeln ab. Akarui tat dies ebenfalls. Es erinnerte sie irgendwie an ein Computerspiel. Ein ziemlich einfaches, denn nach kurzer Zeit waren alle vernichtet. Sie gingen durch ein Loch in der Wand, das gerade von einem zugrunde gegangenen Dämon freigegeben wurde. Vor ihnen lag nun ein riesiger See, der nur schwer zu überqueren sein würde.
"Was nun?", fragte Miyuki.
"Schwimmen", meinte Akarui, dem gerade auch nichts Besseres in den Sinn kam.
"Was?", stieß Miyuki hervor, "wir werden erfrieren!" Es war tatsächlich eiskalt hier drin.
Akarui wollte ihr nicht glauben, ging zu dem See und fasste mit einem Finger hinein. Augenblicklich zuckte er zusammen. Sein Finger war schon blau gefroren. Schnell nutzte er seine Engelskräfte und wärmte ihn wieder auf.
"Ich glaube, du hast Recht."
Sie lächelte triumphierend und urplötzlich kam ihr eine Idee. Sie konzentrierte sich stark. Akarui sah sie nur verblüfft an und fragte sich, was sie damit bezwecken wollte. Ihre ruhmvoller Gedanke fruchtete: Aus dem See schossen kleine Steine. Einer nach dem anderen. Grade groß genug, um darauf zu gehen.
"Wollen wir?", fragte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Er nickte nur und schon befanden sie sich "auf See". Es gestaltete sich manchmal etwas schwierig, da die Steine sehr nass und glitschig waren. Sie rutschten öfter aus, konnten sich aber immer wieder retten. Auf einmal schoss wenige Zentimeter neben Miyuki ein Seemonster aus dem Wasser und spritzte beide an. Es riss sein großes schuppiges Maul bedrohlich auf und fackelte auch nicht lange. Sofort ging es auf Miyuki los, die aber, dank ihrer schnellen Reaktionsfähigkeit, dem Angriff ausweichen konnte. Sie sprang auf einen andren Stein hinüber. Fast wäre sie abgerutscht. Ihre Füße suchten noch vergeblich nach Halt, während das Monster sie wieder attackierte. Akarui war unterdessen von dem Schwanz der Bestie ins Wasser gefegt worden. Er schwamm hastig wieder an die Oberfläche, atmete schwer und versuchte sich an den Felsen wieder empor zu ziehen. Doch er scheiterte. Sie waren zu nass. Ihm war, als fröre ihm sein gesamter Körper ein. Er mobilisierte seine Kräfte und hielt sich so lange es möglich warm. Das Monster hatte Miyuki am Bein erwischt. Eine lange Wunde erzog sich vom Ober- bis zum Unterschenkel. Akarui wollte ihr helfen, doch es fehlte ihm die Kraft dazu. Er konnte nur tatenlos zusehen. Aber sie wusste ganz gut, sich alleine zu helfen. Sie war inzwischen sehr zornig geworden, und so verstärkte sich ihre Macht um ein vielfaches. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich, öffnete die Augen wieder, zielte auf das Monster. Mit einem markerschütternden Schrei sank es unter. Das Wasser verfärbte sich rot.
Schnell eilte sie zu Akarui und probierte ihn aus dem See zu ziehen. Vergebens. Sie rutschte selbst fast hinunter. Also erhob sie sich in die Lüfte. Ihre schwarzen Engelsflügel erschienen und trugen sie empor. Sie nahm Akaruis Hände und flog gleich mit ihm zum anderen Ufer.
"Warum denn nicht gleich so?", seufzten beide am anderen Ufer angekommen. Vor ihnen erschien eine riesige Steinfestung, doch von deren Mauern wollten sie sich nun gar nicht aufhalten lassen. Was aber gehörig scheiterte. Sie versuchten es mit Energiekugeln und auch mit Händen und Füßen, aber sie waren einfach schon zu geschwächt, als dass sie noch die Kraft dazu aufbrächten.
"Was tun?", Akarui sah Miyuki fragend an.
"Hm", sie überlegte kurz, "Wir bräuchten jemanden, der sehr stark ist und dieses Tor mit Leichtigkeit aufbrächte. Kennst du vielleicht so jemanden?" Gerade eben, als sie diesen Satz aussprach, war ihr eine Person eingefallen.
"Shiro!", rief sie.
"Kuroi?", Akarui blickte etwas angenervt vor sich hin, "Den?"
"Ich weiß, du kannst ihn nicht leiden, aber wir wollen doch Misha retten."
"Na gut, ich kenne sonst niemand anderes."
Sie versuchte telepatisch mit ihm in Kontakt zu treten, was sich als schwierig erwies. Nach ungefähr zehn Minuten saß Akarui gelangweilt auf einen Stein und malte mit einem Stock im Sand herum.
"Ah!"
"Was?", er war hoffnungsvoll aufgesprungen.
"Fast hätte ich es geschafft!!!", regte sie sich auf.
Er seufzte enttäuscht und setzte sich wieder um weiter zu kritzeln.
Endlich nach weiteren 15 Minuten gelang es. Sie hatte es geschafft.
Sie unterhielt sich per Gedanken mit ihm und er sicherte ihr mit Freude zu. Er liebte es zu kämpfen. Schon bald hatte er sich her teleportiert.
"Hi, Miyuki!", begrüßte er sie freundlich und meinte dann eher grimmig zu Akarui: "Tag."
Es fing gewaltig an zu knistern und die Luft wurde so dick, dass man sie hätte schneiden können. Miyuki wies Shiro auf das Tor hin und in Null Komma Nix war es in die Luft gesprengt worden. Sofort stürmte Shiro hinein und bekämpfte freudig die dort auftauchenden Dämonen. Miyuki und Akarui warfen sich Vilsagende Blicke zu. Die Schattenwesen waren schnellstmöglich aus dem Weg geschafft worden, da Shiro ordentlich Hand angelegt hatte. Das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten. Sie betraten den nächsten Raum, in dem es ebenfalls eiskalt war, was Shiro gar nichts ausmachte. Es war dort stockfinster und man konnte die Hand vor Augen nicht erkennen. So irrten sie erst einmal ziellos durch den Raum.
"Kannst du nicht aufpassen?", hörte Miyuki Akarui schnauzen.
Shiro erwiderte darauf genervt: "Oh, entschuldigen Sie Majestät."
"Ganz ruhig", versuchte sie die beiden zu beruhigen.
"Du willst, dass ich ruhig werde?", fragte Shiro anscheinend unmittelbar hinter ihr. Er konnte in der Dunkelheit sehen und war Akarui absichtlich auf den Fuß getreten. Sie spürte seinen Atem im Nacken und ihre Härchen stellten sich auf. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter und fasste ihr um die Hüfte. Sie legte ihren Kopf nah an seinen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in den Mägen der beiden aus.
"Eine Frage: Was ist denn nun?", drängte Akarui.
Langsam lösten sie sich. Shiro nahm ihre Hand behutsam in seine, damit sie ihm nicht abhanden kommen konnte. Sein Gefühl war begründet: Aus den Schatten schoss ein mächtig großer Wolf. Fenriz, der die beiden schon im Schullandheim belästigte. Diese Schmach, von diesem überdimensionalen Köter besiegt worden zu sein, verfolgte Shiro seitdem die ganze Zeit. Er war der einzige, der ihn sehen konnte. Die andren zwei hörten nur den rasselnden Atem der Bestie.
Seit diesem Tag der Niederlage hatte Shiro hart trainiert und war um einiges stärker geworden.
Er flüsterte Miyuki beruhigend ins Ohr, die das Tier schon längst wahrgenommen hatte:
"Keine Gefahr. Ich pass auf dich auf."
Shiro verstärkte seinen Griff und hielt ihre Hand nun ganz fest. Mit einer einzigen riesigen Energiekugel, die für einen Moment den Raum erhellte, brachte er das Vieh zur Strecke. Es sank getroffen auf den Boden. Warum war es überhaupt hier? Gab es mehrere davon? Er führte Miyuki sicher um Fenriz herum und sie standen schon sicher an der Türklinke, als sie einen dumpfen Aufprall vernahmen.
"Autsch!", ertönte es von Akarui. Er war über Fenriz gestolpert.
Shiro lachte sich schadenfroh halb tot und beruhigte sich erst wieder, als Miyuki ihm unsanft in die Rippen stieß.
Im nächsten Raum war es, wie sollte es anders sein,
eiskalt. Vor ihnen erstreckte sich eine riesige Fläche aus Eis, die es zu bewältigen galt.
"Es hat nicht zufällig wer Schlittschuhe dabei?", fragte Akarui, konnte sich die Frage aber selbst beantworten. Mutig machte er den ersten Schritt auf der rutschigen Eisfläche und schlitterte unbeholfen weiter, bis -klatsch- er schon wieder auf der Nase lag. Shiro konnte sich gerade noch das Lachen verkneifen.
"Au, mein Steißbein!", schrie Akarui.
Shiro hatte sich inzwischen auch auf ein rutschiges Abenteuer eingelassen und stand auf der Eisbahn. Miyuki stieg noch etwas zweifelnd von einen auf den andren fuß, doch auf einmal streckte er ihr seine Hand entgegen. Er sah sie grinsend an. Sie nahm etwas zögerlich seine Hand, die ihre sanft umschloss und behutsam aufs Eis zog. Sie fühlte sich vollkommen sicher. Allein schon seine Hand gewährte ihr Schutz. Es schien Shiro keinerlei Probleme zu bereiten auf der rutschigen Fläche zu laufen. Schon bald hatten die beiden und Akarui, dieser unter Mühen, das andere Ende erreicht. Sie waren jetzt zwar sicher, aber es gab hier keine Tür, die in den nächsten Raum führte.
"Vielleicht.", begann Akarui, kam aber nicht weiter, da sich unter ihnen eine Falltür öffnete. Sie fielen fünf Meter in die Tiefe. Unten kamen sie in einem riesigen Schneeberg auf. Neugierig blickten sie sich in der kargen Steinhöhle, die nur an einigen Stellen Schnee aufwies, um. An der Decke hingen massenweise Eiszapfen hinunter. Und dann endlich erblickten sie den lang gesuchten Seraphim: Auf einer riesigen Plattform in der Mitte stand ein enormer Eiskristall, der - sie glaubten es kaum - Misha enthielt. Ihr fast unbekleideter Körper schien leblos. Sie hatte grell grüne Augen, die vor Schreck weit offen standen und langes silbernes Haar, das ihr bis zum Po reichte. Natürlich stürmten beide darauf zu und hämmerten dagegen. Nur Shiro verweilte still an seinem Platz, der das ja nur wegen Miyuki mitmachte. Akarui schien verzweifelt und am Boden zerstört. Mit sehnsüchtigem Blick sah er Misha an. Eine Energiekugel würde den Kristall samt Inhalt, sprich Misha, zerstören.
Also, was tun? Und als sie so nachdachten, erschien aus einem Hintereingang, der sich gerade aufgetan hatte, ein Dämon, der wie ein einziger Eiszapfen aussah. Sein Körper bestand nur aus Eis. Sofort schoss Miyuki eine Energiekugel auf ihn ab, aber er ließ eine riesige Eiswand entstehen und blockte somit ihren Angriff ab.
"Ihr werdet sie nie befreien können!", lachte der Eiszapfen auf.
Akarui Teleportierte sich hinter den Eismensch, während Miyuki ihn von vorne beschoss. Schließlich traf er ihn vernichtend und jämmerlich schmolz er dahin.
"Alle Achtung, Miyuki. So viel Kraft hätte ich dir nicht zu getraut", meinte er anerkennend.
"Du hast ihn doch besiegt", sagte sie etwas beschämt.
Sofort rannten sie wieder zu Misha und plötzlich, vielleicht durch den Tod des Dämons ausgelöst, schmolz das Eis und sie kam frei. Sie fiel erschöpft geradewegs in Akaruis Arme.
Sie lächelte glücklich und geschafft.
"Akarui."
Fröhlich beobachtete Miyuki die beiden. Shiro betrachtete die Szene mit ungerührter und gleichgültiger Miene. Irgendetwas schien sich bisher ihrer Kenntnis entzogen zu haben.
"Wie geht es dir?", fragte Akarui besorgt.
"Jetzt, wo ihr mich gerettet habt, blendend."
"Was läuft da eigentlich?", fragte Miyuki äußerst neugierig.
Rot wie zwei überreife Tomaten starrten die beiden auf den Boden und Akarui erklärte schließlich: "Sie war schon immer meine beste Freundin. Hielt zu mir als es mir schlecht ging. Auch als ich wegen der Abfuhr von dir ziemlich geschafft war. Sie tröstete mich liebevoll und erst da habe ich erkannt, dass sie meine einzige Liebe ist. Nur, ich weiß nicht, ob sie das auch erwidert."
"Natürlich", sagte Misha schwach.
"Wirklich?"
Überglücklich sah Akarui sie an. Langsam näherten sich ihre Lippen und sie versanken in einem langen und leidenschaftlichen Kuss. Shiro langweilte das Ganze ein wenig und deshalb schnappte er sich kurzerhand Miyuki, drückte ihr ein Küsschen auf die Wange und verließ mit ihr diesen Ort.




Gefährlicher Auftrag


M
itten in der Nacht verschwamm Miyukis Traum, wenn man es als solchen bezeichnen konnte, da es nur aus grauen Nebelschwaden bestand, von dem Engel unterbrochen, der ihr schon seit Herbst gelegentliche Besuche bei Nacht abstattete. Sie schien sehr hektisch und aufgeregt.
"Wir haben eine wichtige Entdeckung gemacht", verkündete der Engel und durchbrach so Miyukis graue Nebelschwaden.
Miyuki sah sie etwas überrascht an, fragte dann aber doch, nach einem kurzen Moment um die Situation zu erfassen, nach, was sie denn entdeckt hätten.
"Wohl eins der größten Verstecke, der Dämonen, die auf die Erde geschickt wurden."
"Aha, und du willst jetzt, dass ich es sozusagen ,säubere'?"
"Ja, sozusagen."
Miyuki willigte ein und erkundigte sich sofort danach, wo sich die Dämonen, die auf der Erde leben konnten, aufhielten.
"In einer alten Villa, die einen üblen Ruf als Spukhaus genießt, dank der Monster, die sich darin einquartiert hatten. Es ist bei euch gerade April, hab ich Recht?"
"Ja, warum fragst du?"
"Ich habe da so einen gewissen Plan."
"Immer raus damit", forderte Miyuki.
"Also, ich dachte mir, dass du damit vielleicht länger brauchen könntest und die Osterferien nutzen könntest, um dort quasi dein Lager aufzuschlagen und zu bleiben, bis alle bösen Geister vertrieben sind."
"Na ja", sie blickte auf den Boden, "Von mir aus. Aber meinst du, es fällt den andren nicht auf, wenn ich ihnen eröffne, dass ich mal so für längere Zeit in ein vermeintliches Spukhaus gehe, um Ferien zu machen?!"
"Da hast du auch wieder Recht", meinte der Engel und fing an zu Grübeln, legte seine Stirn in Falten.
Auf einmal sprang Miyuki auf, die sich im Laufe des Gespräches in den Schneidersitz gesetzt hatte.
"Ich hab's!!!"
"Schrei hier nicht rum, sag's mir einfach", drängelte der Engel, der anscheinend keine Zeit zu verlieren hatte.
Peinlich berührt beruhigte sie sich wieder und rückte mit der Sprache heraus:
"Ich dachte da an so etwas, wie einen Test. Also, einen, bei dem man Leute in ein Haus schickt und sie dort leben lässt, um zu sehen, ob es spukt", am Rande und flüsternd fügte sie hinzu: "War doch in Rose Red von Stephen King genauso." Sie kicherte ein wenig vor sich hin.
"Aber es soll natürlich kein echter Test sein, oder? Ein einfacher Vorwand, vermute ich."
"Genau, das meinte ich."
"Gut, dann schlage ich vor, dass du dieses ,Projekt' mit deinem Bruder und Shinya, die ja von deiner Aufgabe nichts mitkriegen sollen, durchführst."
Mit Hundeblick sah sie den Engel an.
"Nein, Kuroi kommt nicht mit! Kannst du dir gleich von der Backe schmieren, meine Liebe."
Gekränkt blickte sie den Engel an.
"Ist mir egal, ob du jetzt schmollst", entgegnete der Engel leichtfertig und verschwand, da ihr diese ewigen Diskussionen sowieso allmählich auf den Nerv fielen. Sie ließ eine beleidigte Miyuki zurück, na gut, dann eben ohne ihn.
Es war noch ein Woche bis zu den Osterferien. Sie quälten sich durch die mehr als langweiligen Schulstunden, die noch anstanden, bevor es endlich in die Heißersehnten Ferien ging. Miyuki musste an die Abschlussprüfungen denken, für die sie bestimmt ewig lange davor schon anfangen müsste zu lernen. Es war ja noch etwas hin. Ihr größtes Problem bestand wohl in Mathematik, ihrem absoluten Hassfach. Darüber wollte sie sich nun wirklich keinen Kopf machen.
In einer Pause zog sie Shinya einmal zur Seite, um ihm die Idee mit dem Geisterhaus zu unterbreiten.
"Ja, klar! Spitzen Idee! Du kennst mich doch, bei so etwas könnte ich nie nein sagen. Und Shiro?"
"Der. ähm.", sie zögerte, "kann nicht und sprich ihn besser nicht drauf an, sonst wird er noch sauer, weil er nicht kann, OK?"
"OK, alles klar."
"Bis dann", meinte Miyuki.
Die letzte Woche verging wie im Flug und schon war es Samstag und Tsunku und Miyuki holten Shinya mit dem Auto ab. Und wer jetzt denkt, dass Shiro sich wirklich täuschen hat lassen, liegt völlig falsch. Natürlich hatte er alles mitgekriegt und ließ es sich nicht nehmen, mit Miyuki die Osterferien zu verbringen. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch die Kämpfe mit den Dämonen, die bevorstanden.
Sie standen vor dem prächtigen alten Eisentor und staunten nicht schlecht, als plötzlich, wie aus dem Nichts Shiro auftauchte, einen guten Tag wünschte und so tat, als ob er auch eingeladen gewesen wäre. Sie spähten in den Garten, in dem sich ein langer Weg zu Haustür des Hauses entlang zog. Das Tor quietschte geräuschvoll, als Shiro es ungeduldig aufstieß und so die ehrfurchtsvolle Atmosphäre störte.
Sie schlenderten den Weg entlang und sahen mal rechts, mal links. Im Garten stand ein alter und bemooster Steinbrunnen, der größtenteils schon mit Efeu überwachsen war. Sonst gab es nicht viel zu sehen, außer vielleicht das völlig verwilderte Grünzeug um das Haus herum, das wirklich eine große Fläche des Grundstückes in Besitz nahm. Mindestens hundert Tannen standen zwischen dem ganzen Gestrüpp. Endlich vor der Tür angekommen und den riesigen Garten durchquert, konnten Miyuki und Shiro bereits die Auren der Dämonen spüren, die in dem Haus ihr Unwesen trieben. Die Tür war aus sorgfältig gearbeitetem Holz und statt einer Türklinke bleckte ihnen eine widerwärtige Fratze ihre Zunge entgegen. Miyuki nahm mutig die Klinke, die aus der Zunge des Ungetüms bestand, in die Hand und machte vorsichtig die Tür auf. Das spärliche Tageslicht fiel in den sonst völlig dunklen Raum und erhellte ihn ein wenig. Es war früher Abend.
Von der Tür bis zur riesigen Holztreppe mit aufwendigen Verzierungen erstreckte sich ein blutroter Teppich. Shiro gefiel es hier, was er natürlich für sich behielt.
Die vier erkundeten das Haus und sahen sich alles einmal genau an. Das Badezimmer, was etwas überholt wirkte, sowie die Küche, das Wohnzimmer und sogar eine Bibliothek war vorhanden. Sie kamen im oberen Stockwerk an und ihnen strahlte direkt das rot und orange Licht der untergehenden Sonne entgegen, das durch vier riesige aneinander gereihte Fenster hineinflutete, die sich gegenüber des Treppenabsatzes befanden. Hier oben gab es nur noch einmal ein Badezimmer, abermals etwas alt, und die Schlafzimmer. Es gab insgesamt zwei. Die Jungs bezogen das größere, wobei Shinya auf dem Boden schlafen und Tsunku und Shiro in einem Bett, was beiden gar nicht recht war. Shinya machte es nichts aus, auf dem Boden zu nächtigen. Die drei stritten sich noch, während Miyuki sich mit großen Augen in ihrem Zimmer umsah. Sie stellte die Koffer auf den Boden. Jetzt wollte sie sie nicht mehr ausräumen.
Eine Woche, dachte sie.
Miyuki ließ sich aufs Bett plumpsen und betrachtete die Decke und deren herrliches Stuckmuster. Sie zeigte kleine Engel, die von den Wolken zu ihr herunter sahen. Einer blies auf der Posaune. Sie sahen alle fröhlich aus, nur einer stand mit düsterem Blick am Rande. Luzifer, der gefallene Engel, wegen dessen Verbannung die anderen wohl so fröhlich waren. Shiros Vater. Bei dem Gedanken grauste es sie und wie gerufen, standen plötzlich die andren drei im Türrahmen. Sie sah überrumpelt zu ihnen herüber. Sie sahen gestresst aus.
"Miyuki, wir haben ein Problem!", eröffnete ihr Tsunku.
"Und zwar", führte Shinya den Satz weiter, "haben wir nicht genug Platz zum Schlafen."
Shiro verdrehte nur die Augen. Sie lachte.
"Das ist nicht zum Lachen!", protestierte Tsunku ärgerlich.
"Was soll ich denn da tun?", fragte sie unter Kichern.
"Wir hätten gedacht, du weißt Rat!?", stieß Shinya aus.
"Warum denn ich? Könnt ihr das nicht alleine regeln?"
"Nein!"
Sie nahm Blickkontakt mit Shiro auf, der ihr zu verstehen geben versuchte, das er doch bei ihr schlafen könnte. Miyuki nickte nur kurz zu den andren zwei hinüber und wollte ihm klarmachen, was die andren dann denken könnten. Er deutete ihr, dass es doch egal sei. Inzwischen hatten Tsunku und Shinya die Gesten der beiden bemerkt und räusperten sich kurz.
"Äh,. ja?", fragte Miyuki etwas verwirrt. Dann ging das gestikulieren von Neuem los: Tsunku wies mit einer Handbewegung auf Shiro und ihr Bett und sah sie fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern, als wolle sie sagen, dass es ihr egal sei. Tsunku und Shinya tauschten viel sagende Blicke aus und binnen einer halben Minute waren sie schnell in ihr Zimmer gesaust und hatten Shiro seine Koffer vor den Latz geschnallt.
"Hier, bitte sehr", meinte Shinya und Tsunku fügte hinzu:
"Viel Spaß noch!"
Grinsend machten sie sich vom Acker.
Shiro grinste Miyuki an und legte sich auf ihr Bett, starrte die Decke an. Auch ihm fiel der Stuck auf, doch sie konnte keine Gefühlsregung feststellen.
Ungefähr eine Stunde später hatten sie fertig ausgepackt und das Essen stand auf dem Tisch. Schade, dass Brownie nicht da war. Er wäre bestimmt sehr nützlich gewesen. Sie mussten nun mal ohne ihn auskommen. Nach dem Essen fing Shiro Miyuki ab und flüsterte ihr zu:
"Heute Nacht fangen wir mit den ersten Dämonen an."
Sie nickte nur und alle begaben sich auf ihre Zimmer. Später, als Tsunku und Shinya schliefen, stahlen sich die beiden leise aus ihrem Zimmer.
"Und wo sollen wir suchen?", wisperte Miyuki Shiro zu.
"Immer mir nach", gab er zurück.
Auf Zehenspitzen schlichen sie durch das Haus und schon bald waren sie an ihrem Ziel angelangt: eine kleine, bisher unentdeckte Kammer. Vorsichtig stieß Miyuki die Türe auf und trat herein. Ihre Augen hatten sich schon an die Dunkelheit gewöhnt. Es roch verdammt muffig. Sie stolperte über einen Besenstiel und krachte gegen etwas Klappriges. Ihr Herz schlug mit fünffacher Geschwindigkeit. Sie vermochte kaum zu atmen. Aber schreien? Nein, niemals! Plötzlich schoss hinter dem Skelett ein Schatten hervor und schnellte an ihr vorbei. Shiro wollte sich gerade erkundigen, ob sie was entdeckt hatte, als der Schatten auch an ihm vorbei flitzte. Hinter sich schlug er die Türe zu. Das Licht, das von draußen in die Kammer geströmt war, verlosch. Miyuki befand sich ganz allein mit dem Skelett in einem dunkeln, engen und muffigen Raum. Shiro wurde fast panisch vor Angst um sie. Er rüttelte so fest er konnte an der Tür, doch sie blieb verschlossen.
"Miyuki, ich hol dich gleich hier raus. Sieht aus, als hätte er die Tür mit einem Zauber belegt. Warte hier!"
Sie zitterte am ganzen Körper, doch sie wollte darauf vertrauen, dass er wieder zurückkam.
Er rannte dem Dämon wie ein Wahnsinniger hinterher, durfte aber nicht zu viel Krach erzeugen, da die andren zwei ja schliefen. Sie rannten durch die schmalsten Gänge, die man sich vorstellen konnte, und die von den vieren auch noch nicht entdeckt worden waren.
Die Minuten vergingen und Miyukis Vertrauen in Shiro wurde immer schwächer, aber sie hielt durch und wartete. Die Luft wurde immer stickiger und das Skelett war so bedrohlich nah. Es schien fast so, als würde es sie ansehen.
Endlich hatte Shiro den Dämon, der bei Licht aussah, wie eine zu groß geratene Ratte mit grünem Fell und viel zu scharfen Krallen. Es fauchte ihn an und fletschte die Zähne. Shiro verwandelte sich in Kuroi, sein zweites Ich, den Vampir, und erledigte den Dämon mit einem Schlag, obwohl er ihn gern noch viel mehr gefoltert hätte, aber er musste seine Miyuki retten.
Diese stand noch immer dicht an das Skelett gedrängt, das plötzlich zu grinsen begann.
So ein verdammter Mist, dachte Shiro wütend. Der Dämon hatte ihn in eine Art Labyrinth gelockt.
Miyuki war wie versteinert: Sie war unfähig sich zu bewegen und ihr Herz, das sich einigermaßen beruhigt hatte, fing wieder an zu rasen. Das Skelett grinste sie mit seinen von Spinnweben umgebenen Zähnen an. Es zog hinter seinem Rücken eine Armbrust hervor. Sie kannte ihn: Das war der Tod! Sie musste handeln.
Shiro war abermals falsch abgebogen und stand vor einer kahlen, steinernen Wand. Es war zum verrückt werden! Dieses dumme Mistvieh! Es hatte sich tatsächlich erlaubt, ihn in die Irre zu führen. Wenigstens hatte es das mit seinem Leben bezahlt. Er irrt weiter und langsam war ihm, als ob der die Strecke wieder erkannte.
Miyuki verwandelte sich in den schwarzen Engel und machte sich kampffertig, formte in ihren Händen eine schwarze Energiekugel, zielte auf ihn und stellte mit Schrecken fest, dass das Skelett sie offenbar schon länger im Auge hatte und nahm genauer Ziel. Sie stand da mit offenem Mund und vor Schrecken geweiteten Augen. Doch sie nahm all ihren Mut zusammen.
Shiro geriet langsam wieder auf den richtigen Weg. Nur noch eine Kurve und - ja! Endlich, er befand sich wieder außerhalb des Labyrinths. Hinter ihm, wo gerade noch der Irrweg gestanden war, befand sich nur noch eine Mauer aus grauem Stein. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren. Wer weiß was alles auf dem Spiel stand.
Miyuki entschloss sich kurzerhand einfach loszufeuern. Sie tat dies gleichzeitig mit dem Skelett und sein Pfeil prallte gegen ihre Energiekugel. Ein wahres Kräftemessen begann. Der Pfeil drohte ihre Kugel zu zerspalten und drang mit immer mehr Geschwindigkeit in sie ein. Sie schien auseinander zu brechen, aber so wollte Miyuki es nicht enden lassen und mobilisierte ihre Kräfte. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Es war nicht unangenehm, sondern eher das Gegenteil und plötzlich fühlte sie sich stärker als zuvor.
Nur noch wenige Meter und Shiro hatte es geschafft. Er bog haarscharf und mit einem Affenzahn um die letzte Kurve und konnte gerade noch vor der Tür der Kammer abbremsen. Rasch zog er sie auf und wurde durch die Energie, die Miyuki und der Tod freisetzten, zurückgeschleudert, als die schwarze Energiekugel den Pfeil zerstörte und daraufhin den Tod zunichte machte. Doch man konnte ihn nicht töten, er war unsterblich. Sie wurde ebenfalls zurückgeschleudert und landete auf Shiros Körper. Er gab nur einen dumpfen Ton von sich.
Beide verwandelten sich zurück. Miyuki war völlig geschafft und so musste Shiro sie nach oben tragen, was er sehr gerne tat. Er legte sie neben sich aufs Bett und sah sie an. Sie blickte zurück und bedankte sich leise. Sie musste mehr trainieren. Er nahm sie sanft in seine Arme und drückte sie an sich. Bald darauf waren sie eingeschlafen.








Hast du Angst im Dunkeln?


D
ie Sonne schien durch das große Fenster neben dem Bett in dem Miyuki und Shiro schliefen. Sie blinzelte und öffnete die Augen und blickte geradewegs in die von Shiro. Er lächelte verschlafen und löste langsam seine Arme von ihrer Taille, stand auf und sah aus dem Fenster. Dort draußen konnte man den verwilderten Garten sehen. Er hätte schwören können, etwas zwischen den Büschen gesehen zu haben, aber das war ihm erstmal egal. Miyuki stapfte unterdessen ins Bad und machte sie fertig.
Dann gesellte sie sich zu ihrem Bruder und Shinya, die bereits unten am großen hölzernen Tisch saßen und ihr Frühstück genossen.
"Na, wie war die Nacht Schwesterchen?", fragte Tsunku sie mit äußerst hinterhältigem Grinsen.
Er spielte darauf an, dass Shiro die Nacht mit ihr verbracht hatte.
"Ha, ha. Sind wir heute wieder witzig", gab sie schnippisch zurück und gab ihm bevor sie sich setzte einen Klaps auf den Hinterkopf und sein Lachen erstarb.
"Werd doch nicht immer gleich aggressiv", maulte Tsunku.
"Sei nett zu mir und es bleib dir erspart", sie strich sich gerade ihr Brot und meinte noch: "Du kannst dir gleich noch eine einfangen."
Miyuki grinste vergnügt Richtung Tür.
"Hä? Was redest du wieder für wirres Zeug, Kleine?", fragte ihr noch unnahender Bruder und drehte seinen Kopf auch langsam Richtung Tür. Shinya, der die Situation schon länger erfasst hatte, sagte nur:
"Mach dich auf was gefasst, Kumpel."
"Oh", begann Tsunku, "Morgen, Shiro."
Er grinste etwas geniert und fing sich einen viel sagenden Blick von ihm ein. Das weitere Frühstück verlief friedlich.
"Und das ist wirklich ein Forschungsprojekt?", erkundigte sich Shinya, "Also 'nen Geist, oder so was hab ich noch nicht vor die Linse gekriegt."
Er bekam keine Antwort, da diese wohl eindeutig ausgefallen wäre.
Später beschlossen sie in der Bücherei zu stöbern. Shiro stand gelangweilt an der Wand und beobachtete sie. Die andren waren begeistert von den ganzen alten Schinken, die sich hier wohl schon seit Jahrzehnten befanden und hauptsächlich von Dämonen, Monstern, Poltergeistern und deren Beschwörung oder Austreibung handelten.
Tsunku und Shinya verdrückten sich, um nach seltsamen Wesen zu suchen, während draußen ein milder Frühlingsregen einsetzte. Freudig sah Miyuki aus dem Fenster:
"Ich liebe Regen!", rief sie aus und sauste die Treppe hinunter zur Haustür.
Shiro folgte ihr ebenfalls im Laufschritt und als er unten ankam, stand die Tür offen. Miyuki lief draußen voller Freude durch den Regen. Ihm blühte bei diesem Anblick glatt das Herz auf. Langsam schritt er auch nach draußen und umfasste von hinten ihre Taille. Sie war pitschnass. Fühlte sich aber dennoch gut an. Sie drehte sich zu ihm um und strahlte ihm ins Gesicht. Ihr nasses Haar hing ihr im Gesicht. Von ihrem Pony tropften kleine Wassertropfen auf ihre Nase. Shiro strich ihr einige Haarsträhnen aus der Stirn. Er war inzwischen auch nass geworden, denn es regnete wie aus Kübeln. Sie hüpften noch einige Zeit draußen herum und patschten durch die Pfützen, bis der Regen aufhörte. Glücklich waren sie sich in die Arme gefallen. Sie konnten den Atem des jeweils anderen ganz dicht an ihrer Haut spüren und wohlige Schauer jagten ihnen die Rücken hinunter.
Miyuki löste sich abrupt von ihm und spurtete ins Haus. Shiro rannte sofort hinterher. Er fand sich durch die nassen Fußspuren, die sie hinterlassen hatte, schnell wieder. Sie hatte sich im Wohnzimmer vor den Kamin gekauert und sah den züngelnden Flammen zu, die ihr Wärme spendeten. Er setzte sich gemächlich dazu und drückte sie näher an sich.
Später trafen sie wieder auf Tsunku und Shinya, die außer einer Spinne, einer Schnecke, einer Ratte und einer Kröte nichts Außergewöhnliches aufstöbern hatten können. Sie vergnügten sich trotzdem noch bis in den Abend hinein mit den Frischgefangenen Tierchen und versuchten ihnen Kunststücke beizubringen, was natürlich nicht glückte.
In den späten Abendstunden begaben sie sich alle in ihre Betten.
Miyuki war noch halb wach, während neben ihr Shiro schon ruhig und gleichmäßig atmete. Sie ließ einen Fuß über der Bettkante baumeln. Plötzlich wurde ihr kalt, ganz schrecklich kalt und sie wollte ihren Fuß wieder zurückziehen und unter der Bettdecke wärmen, als sie einen gewaltigen Widerstand spürte. Etwas hielt ihren Fuß fest! Etwas unter dem Bett. Sie zog mit aller Gewalt, aber umsonst. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie fühlte sich schrecklich und da kamen ihr wieder längst verdrängte Kindheitserinnerungen in den Sinn. Als ihre Mutter einmal auf einer Reise gewesen war, hatte ihr Stiefvater sie immer zu Bett gebracht und erzählte ihr schaurige Geschichten. Unter anderem auch von Monstern unter dem Bett und Geistern, die überall ihr Unwesen trieben. Dann deckte er sie zu, schaltete das Licht aus und ging. Sie war immer völlig verängstigt in ihrem Bett gelegen. Unter der Bettdecke versteckt und das Herz schnell schlagend. Irgendwann war sie dann unter Ängsten eingeschlafen und litt noch an schrecklichen Alpträumen. Und jetzt, jetzt waren ihre Kindesängste Wahrheit geworden, aber vor so etwas fürchtete sie sich doch jetzt nicht mehr, oder doch? Der Dämon zog immer fester und schien sie mit sich hinabziehen zu wollen.

She comes at night
When you are all alone
And when she whispers
Your blood shall run cold
You better hide before she finds you
(Ice Queen - Within Temptation)

Sie wollte nicht schreien, wollte Shiro nicht aufwecken und sich schon wieder von ihm retten lassen. Es war ihre Angelegenheit. So fasste sie sich ein Herz und ließ sich mitziehen. Sie kam mit einem dumpfen Aufprall unten in einem feuchten Kellergewölbe an und blickte um sich. Angestrengt sah sie in die Dunkelheit, in der Hoffnung, etwas zu sehen und da tauchte auch schon der Dämon auf. Er war groß, grau mit gelb - orangen Augen und bleckte das ihrer Meinung nach viel zu gut bestückte Gebiss. Speichel lief ihm an den Mundwinkeln hinunter und tropfte mit einem Geräusch, das die Stille zerriss, auf den kalten Steinboden. Miyuki verwandelte sich und schritt mutig auf das Vieh zu. Es wich erst erschrocken über ihren Mut zurück, machte dann jedoch einen Satz nach vorne. Sie schoss ihm eine Energiekugel direkt in seinen Bauch, doch sie prallte ab. Geschockt blickte sie es an und ihr Herz beschleunigte sein Schlagtempo.
Doch plötzlich hatte sie wieder das seltsame Gefühl in der Magengegend. Nicht unangenehm. Sie fühlte sich merkwürdig, aber sicher. Der Raum erhellte sich durch ein blendendes gleißendes Licht, das von einer zierlichen Gestalt ausging, die in der Mitte des Raumes zu schweben schien. Das Licht war warm und wohltuend. Mit einem Schlag wurde die Bestie von der Gestalt vernichtet. Neugierig blickte Miyuki sie an, aber ihr Blick wurde nicht erwidert. So schnell sie gekommen war, verschwand sie auch wieder. Wer war dieses seltsame Mädchen? Sie schlug die Augen auf. Es war Morgen und sie lag sicher neben Shiro im Bett, der noch leise atmete. Schwerfällig rappelte sie sich auf und verdrückte sich ins Bad. Die ganze Zeit kreisten ihre Gedanken um dieses Ereignis. Plötzlich ging die Badezimmertür auf und Shiro stand gähnend vor ihr. Sie lächelte ihn nur an und schob sich an ihm vorbei, wobei sie ihm sanft über die Wange strich.
Die andren beiden waren noch nicht wach und so beschloss sie, ihren Bruder und dessen Freund zu wecken. Sie lagen, jeder in eine andre Richtung gedreht, im großen Doppelbett. Erst zog sie ihnen die Decken vom Leib und meinte dann:
"Na, Brüderchen, wie war deine Nacht?"
Er blinzelte noch verschlafen, sah sie dann erst mal empört an und schnappte sich ein Kissen.
Sie hielt schützend ihre Hände vors Gesicht und dann prallte auch schon das Kissen mit voller Wucht gegen sie.
"Hey, ich will auch mal!", rief Shinya und schon flog das zweite und letzte Kissen.
Miyuki bewaffnete sich zum Gegenangriff, als es auf einmal an der Haustür schellte.
"Ich geh schon!", sagte sie und zog sich somit geschickt aus der Affäre.
Schwermütig räumten die andren zwei die Kissen und Decken ordentlich ins Bett.






Das seltsame Mädchen

M
iyuki wollte gerade die Tür öffnen, als die drei Jungs geräuschvoll die Treppe hinuntergeschlittert kamen und hinter ihr Halt machten.
Die Tür knarrte und schwang auf. Vor ihnen stand eine junge Frau, eher noch ein Mädchen von ungefähr 16 Jahren und lächelte in die Runde. Sie hatte langes, blondes Haar, das in der Sonne glitzerte. Ihre blauen Augen strahlten richtig.
"Guten Tag", meinte Miyuki freundlich.
"Hallo, ich bin Hisa, die Gründerin der Aktion an der ihr teilnehmt. Um zu sehen ob es spukt, ihr wisst schon", stellte sie sich vor.
"Sehr erfreut", sagte Tsunku erfreut, stieß Miyuki zur Seite und schüttelte dem Mädchen die Hand.
Miyuki war unterdessen kreidebleich geworden und sah hoffnungsvoll zu Shiro hinüber, der sie ebenfalls erstaunt ansah. Wer wusste denn noch von ihrem Plan, ihre Mission als Test zu tarnen?
Wer war dieses Mädchen, das so gut bescheid wusste?
Tsunku hatte sich die Freiheit genommen und ihren seltsamen Besucht Hineingebeten.
Miyuki und Shiro bildeten das Schlusslicht und flüsterten aufgeregt. In der Küche angekommen, hatte Tsunku sofort den Tisch gedeckt. Miyuki zog ihn etwas unsanft zu Seite und fragte:
"Was bist du denn heute so gut drauf? Gefällt sie dir, hm?"
"Ach,. ja, du hast recht. Na und?"
Schon war er wieder zu dem Mädchen geeilt, das sichtlich geschmeichelt war. Später entführte er sie schon wieder und zeigte ihr das Haus. So gut hatte ihm noch nie ein Mädchen gefallen, dass er es so in Beschlag nahm. War auch eigentlich gar nicht seine Art, doch irgendetwas ging von ihr aus, das ihn magisch anzog. Nach einer guten Stunde gab er sie wieder frei. Das Mädchen spähte durch den Türspalt ins Wohnzimmer, vor dessen Kamin Shiro mit Miyuki saß. Sie unterhielten sich, was sie aber sprachen, verstand sie nicht. Das Mädchen klopfte und trat mit einem "Herein", von Miyuki ins Zimmer.
"Ich will ja nicht stören, aber", sie sah in Shiros zorniges Gesicht und bekam sofort zu spüren, dass er ihre Gegenwart nicht sehr schätzte, fuhr aber trotzdem fort:
"Ich werde mit euch dieses Haus die restliche Woche bewohnen, nur. wo kann ich schlafen?"
"Ähm, gute Frage.", meinte Miyuki nachdenklich.
"Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne bei dir schlafen." Das Mädchen sah Miyuki fragend an.
"Von mir aus gerne, aber.", sie deutete auf Shiro, dessen Miene sich schlagartig noch mehr verfinstert hatte.
"Es tut mir furchtbar Leid, ich kann auch auf der Couch schlafen."
Miyuki stieß Shiro sanft mit dem Ellenbogen an. Er seufzte leise, kaum hörbar und nickte nur unmerklich.
"Dankeschön!"
Strahlend verließ sie das Zimmer.
"Entschuldigung", sagte Miyuki leise, "Aber sie ist nun mal der Gast und ich wollte nicht unhöflich sein."
"Schon gut", meinte Shiro nur, drückte sie an sich und legte seinen Kopf ganz nah an ihren, sodass sie den Atem des jeweils anderen auf der Haut spüren konnten. Er erklärte sich bereit, unten auf der Couch zu schlafen. Wegen des Geisteraustreibens sollte sie ihn wecken kommen. Kurze Zeit später lösten sie sich voneinander, denn jeder hatte noch etwas zu erledigen. So begab sich Miyuki also ins Bad.
Ihre Kleidung glitt auf den Boden und langsam stieg sie in die Dusche und drehte das Wasser auf. Es schoss kalt aus dem Wasserhahn. Schnell stellte sie es wärmer.
Shiro, der mal eben aufs Klo musste, öffnete nichts ahnend die Badezimmertür, von der aus man genau auf die Dusche sehen konnte.
Er schluckte einmal schwer, war dann aber sofort hingerissen. Zwar sah er sie nur von hinten, aber sie bot trotzdem einen verführerischen Anblick. Am liebsten wäre er jetzt zu ihr in die Dusche gestiegen. Gerade, als der diesen Gedanken gefasst hatte, hörte er Schritte. Sie kamen von rechts. Die Person würde also genau an ihm vorbeikommen. Sollte er sich beim Spannen erwischen lassen? Nein, aber flüchten kam jetzt nicht mehr in Frage. Schnell zog er die Tür mit Wucht zu, doch das blieb nicht ohne Folgen. Der Passant hatte ihn nicht bemerkt, dafür aber Miyuki. Blitzschnell wirbelte sie herum und erblickte Shiro. Dieser war total überrascht von ihrer plötzlichen Reaktion. Sie ließ einen entsetzten Schrei los, der Shiro so erschreckte, dass er hinzufallen drohte. Er stürzte bereits, als er die Möglichkeit wahrnahm, sich an etwas festzuhalten. Er zögerte nicht lange und ergriff es. Es schepperte und fiel mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf Shiro.
"Shiro!", rief Miyuki verärgert.
"Wa- Wa-.", stotterte er, als er bemerkte, was da auf ihm gelandet war. Nichts Geringeres als die Schublade mit Miyukis Unterwäsche. Beide liefen rot an. Diese Szene bot einen amüsanten Anblick: Miyuki stand mit hochrotem Kopf unter der Dusche, Shiro zugewandt, welcher von Unterwäsche und einer Schublade begraben auf den Fliesen lag.

Hisa ging gerade den Gang entlang, als Miyuki zur Badtür hinaus kam. Sie wurde nicht bemerkt und sie sah dem Mädchen ein wenig zu.
Es schlenderte langsam den Weg entlang und auf einmal umgab sie ein helles eisblaues Licht, das blitzschnell wieder verlosch.
Verwundert rieb sich Miyuki die Augen, öffnete sie wieder und das Mädchen war weg. Hatte es sie bemerkt?
Ihre Gedanken kreisten noch eine Weile um sie. Sie kannte ihren Plan und leuchtete blau auf!
Am Ende des dritten Tages lag das geheimnisvolle Mädchen bereits im Bett, als Miyuki hineinkam. Sie hatte den andren noch eine gute Nacht gewünscht. Mit leisen Schritten tapste sie ins Bett und war bald darauf mit einem gedankenvollen Kopf eingeschlafen. In ihren Träumen schritt das Mädchen einen langen Gang auf und ab und leuchtete dann und wann einmal blau auf. Es ließ sie einfach nicht los. Die Bilder des Traumes wurden plötzlich durch ein vibrieren unterbrochen und zerrissen. Sie hatte ihr Handy unter ihr Kopfkissen gelegt, um Hisa nicht zu wecken.
Miyuki raffte sich auf, schlich aus dem Zimmer und lief die Treppe hinunter. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Sie tastete sich durch das finstere Haus, was ihr aber keine Angst mehr bereitete. Seit sie als Engel durch die Nacht wanderte, fürchtete sie sich nicht mehr, wenn es dunkel wurde. Manchmal stieß sie sich den Zeh an einem Gegenstand oder einer Türschwelle und war nah dran, ein paar Flüche loszulassen, was sie aber unterdrückte. Das Licht wollte sie nicht anmachen, wer wusste schon, wer oder was alles darauf aufmerksam werden konnte. Endlich hatte sie das Wohnzimmer gefunden, in dem Shiro noch friedlich schlief. Die Rollläden waren nicht zugezogen worden und von draußen schien der silbernen Sichelmond hinein und erhellte den Raum ein wenig.
Miyuki ging langsam auf die Couch zu. Shiros Brust hob und senkte sich, während er leise ein- und ausatmete. Sie beugte sich zu ihm hinunter und betrachtete ihn eine Weilte, strich ihm sanft ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. Einen festen Schlaf hatte der! Sie hatte nicht bemerkt, dass ihr Hisa gefolgt war. Sie stand ein paar Meter weiter entfernt im Türrahmen und sah diesem Geschehen weniger begeistert zu.
Miyuki gab Shiro ein Küsschen auf die Stirn und er schlug langsam die Augen auf. Sie war im Mondlicht noch schöner als sonst. Er war etwas verwirrt, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, da er sie andauernd ansehen musste. Er beugte sich hoch zu ihr und küsste sie sanft.
Hisa war längst wieder verschwunden und wartete darauf, dass sie gebraucht werden würde.
Die Dämonen, die sie bis jetzt vernichtet hatten, waren knapp ein Drittel, der hier existierenden Schattenwesen.
Sie machten sich auf den Weg und schlugen gleich ein paar kleinere Exemplare KO. Nach einer Weile kamen sie zu einer großen hölzernen Tür, die ihnen bis dato verborgen geblieben war.
Miyuki versuchte sie aufzudrücken, doch sie ruckte und rührte sich nicht.
"Lass mich mal", bot Shiro ihr seine Hilfe an, schob sie zur Seite und rüttelte. Nichts.
Er lächelte verlegen.
"Ich hab's gleich!"
Wieder stürzte er sich auf die Tür und zog mit aller Gewalt daran.
"Gibt's doch nicht!", grummelte er erzürnt und klemmte sich an den Türgriff.
"Shiro", sagte sie mit leiser Stimme.
Keine Reaktion.
"Shiro", sagte sie mit normaler Stimme.
Nichts.
"Shiro!!!", brüllte sie, sodass es ihn vor Schreck nach hinten umschmiss.
"Was ist passiert?", panisch schoss er auf sie zu.
"Nichts", gab sie etwas angenervt zurück, "Aber schau mal: Was sagt dir dieses Schild?"
Sie deutete auf ein rotes Messingschild, das hoch oben an der Tür hing und darauf stand:

Was glaubst du wohl, wer du bist?
Der, der du versucht diese Tür mit bloßer Muskelkraft zu öffnen?

Shiro ballte die Fäuste.
"Wollen die mich verarschen?!"
Verärgert über den, seiner Meinung nach, dummen Spruch, verwandelte er sich kurzerhand in Kuroi, sein zweites ich, sozusagen.
"Ich weiß gar nicht, was du hast", warf Miyuki ein, "ist doch eine nette Geste."
"Aber nicht wenn man sie zu spät liest. Das müsste besser sichtbar gemacht werden!"
Sein Blut kochte.
"Jetzt reg dich doch nicht gleich so auf."
"Doch tu ich. Komm mit", er nahm sie mit festem, aber nicht schmerzvollem Griff, an die Hand, "jetzt wird ein paar Dämonen in den Arsch getreten!!!"
Er sprengte die Tür mit einer Energiekugel, die eigentlich viel zu groß war, in die Luft und zog Miyuki hinter sich her.
"Mann, da ist ja einer sauer", flüsterte sie vor sich hin.
Als sie den nächsten Raum betraten, drehte sie sich noch mal schnell um und es war ihr so, als hätte sie am Eingang einen schwarzen Schatten umherhuschen sehen.
War wohl nur Einbildung, beruhigte sie sich, beschleunigte trotzdem ihren Schritt. Shiro zog sie eilig hinter sich her. Er kochte vor Wut.
Ein kleiner Dämon, eigentlich nur eine undefinierbare Masse, schoss vor ihnen aus einem Gang und wurde sofort von Shiro dem Erdboden gleichgemacht. Er grinste zufrieden. Es liefen ihnen noch einige kleinere über den Weg und jeder, den Kuroi platt gemacht hatte, entlockte ihm ein triumphierendes Lachen.
Sie kamen nach ungefähr einer Viertelstunde zu einem nächsten Raum, der über und über voll von Dämonen war. Hauptsächlich größeren.
"Ha ha!", entfuhr es Shiro.
Er ließ Miyukis Hand los, rannte und kam schlitternd vor dem Eingang des Raumes zum Halten.
"Ha ha!", wiederholte er nochmals und zeigte auf die Dämonen, die sichtbar überrascht waren.
"Jetzt hab ich euch, ihr fiesen Schilder-Verstecker!"
Er ballerte wie von Sinnen mitten in den Raum hinein und tötete ein paar Dämonen oder vernichtete die Innenausstattung, die eigentlich sehr geschmackvoll war. Plötzlich kamen von hinten etliche auf Miyuki zu, die sich in den dunklen Engel verwandelte und mit Leichtigkeit einige zerstörte. Endlich! Endlich schaffte sie es auch ganz alleine.
Hinter ihr krachte es verdächtig. Shiro war über einen Fußschemel gestolpert und auf die Nase gefallen.
"Verdammt!" Er ließ noch weitere Flüche los.
Miyuki drehte sich eilig um und sah gerade noch rechtzeitig, wie ein ekliger Dämon sich über ihn beugte und gerade eins verpassen wollte, doch sie war schneller. Stürmte auf ihn zu und ließ die hinter ihr einfach stehen. Sie verpasste ihm erstmal einen Ellenbogen Hieb. Er landete völlig verdattert auf dem Boden. Dieser Dämon war der letzte in diesem Raum. Sie ließ eine Energiekugel auf ihn los, worauf er sich in Staub auflöste. Panisch drehte sie sich um, in der Sorge, die übrigen Dämonen, mit denen sie vorher gekämpft hatte, lagen schon auf der Lauer und würden sie jeden Moment überraschend attackieren. Doch, falsch gedacht. Sie fand keinen mehr vor. Nur ein paar Aschehäufchen. Wohin um Himmels Willen waren sie alle verschwunden? Oder wer oder was hatte sie bezwungen. Etwas verdattert drehte sie sich wieder zu Shiro um, der noch immer am Boden lag. Eine Blutlache hatte sich gebildet. Schnell nahm sie ihn am Arm und zog ihn auf die Beine. Er war volle Kanne auf die Nase gekracht, welche jetzt ununterbrochen blutete.
"Das war es wert!", meinte er wieder mit guter Laune.
Er sah entspannter aus.
"Lass uns gehen", schlug Miyuki heftig gähnend vor, "Ich bin nämlich ganz schön müde."
"Und wer verarztet mir meine Nase?", fragte er mit Hundeblick.
"Nimm ein Taschentuch, außerdem gibt's da nicht viel zu verarzten. Komm schon, ich will ins Bett."
Bald fanden sie den Weg wieder hinaus, zwar erst nach einigen Fehlversuchen, da in kurzer Zeit noch mehr Gänge erschienen waren.
Miyuki holte ihm nur noch, nach einigem Betteln, ein Taschentuch und hielt es ihm unter die Nase.
"Gute Nacht", meinte sie erschöpft.
"Danke, gute Nacht. Träum was Schönes."
Als sie die Treppe erreicht hatte, meinte sie, einen Schatten in Richtung ihres Zimmers huschen zu sehen.
Alles Einbildung, ich glaube, langsam drehe ich durch, meinte sie in Gedanken und stapfte langsam die Treppe hoch. In ihrem Zimmer war es dunkel und Hisa lag schon seit langer Zeit im Bett. Sie verwandelte sich zurück und legte sich dazu. Doch was war das? Im schwachen Licht des Mondes, meinte Miyuki einen blutigen Kratzer auf der Wange des Mädchens zu sehen. Der existierte doch vor ihrer Mission noch nicht, oder etwa doch?
Am vierten Tag ihrer siebentägigen Mission wachte Miyuki durch den Geruch frischen Kaffees auf. Hisa war bereits aufgestanden und nach unten gegangen, so wie es aussah.
"Seltsames Mädchen", dachte sie und machte sich dabei fertig.




Tsunku und Hisa?

S
ie stieß als letzte zur Runde hinzu und kam gerade passend, als Shiro über seine blutige Nase ausgefragt wurde.
"Was hast du denn da gemacht, Alter?", fragte Shinya neugierig.
"Nenn mich nicht Alter. Und überhaupt, was sollte dich das angehen?"
"Oh, Entschuldigung, dass ich überhaupt existiere."
Beide verstummten und widmeten sich wieder ihrem Frühstück.
Miyuki seufzte leise und ließ sich in ihren Stuhl sinken. Eine unangenehme Stille regierte im Raum. So beendeten sie das Frühstück eben stumm.
Miyuki beschloss Hisa heute besser kennen zu lernen. Irgendetwas ließ sie sich in ihrer Nähe geborgen fühlen. Nur was? Genau das wollte sie nämlich herausfinden.
Nach dem Frühstück nahm sie sich gleich ihrer an.
"Ähm,. Hisa?"
"Ja, was gibt's?", fragte diese freundlich.
"Hm, ja, also ich wollte dich ein wenig besser kennen lernen, da du ja jetzt bei uns wohnst und ich dachte, wir könnten ja etwas gemeinsam unternehmen?!"
"Klar, gerne."
"Klasse, nur was? Wir sitzen hier in diesem Anwesen fest."
"Gute Frage", seufzte Hisa.
Sie verstanden sich auf Anhieb glänzend. Da es in dieser Geistervilla nur wenig zu entdecken gab, beschlossen sie, sich einfach zu unterhalten. Nach ungefähr einer Stunde Smalltalk rückte Miyuki mit dem brisanten Thema heraus. Sie verstummte auf einmal und fing etwas stockend an:
"Hisa, eine Frage. ähm, warum zum Teufel.", sie brach ab. So eine dümmliche Frage!
Bei "Teufel" zuckte Hisa ein wenig zusammen.
"Oh, entschuldige."
"Was wolltest du fragen, Miyuki?"
"Also, äh,. blau!"
"Was?!", fragte Hisa irritiert.
"Der Himmel und eigentlich."
"Was denn?"
"Warum leuchtest du blau auf?!", schoss es aus ihr heraus.
Hisa lachte. Lachte fröhlich und befreit.
"Du hast es also herausgefunden, hm?"
"Eigentlich hab ich noch gar nichts herausgefunden."
Sie sah peinlich berührt auf den Teppich auf dem die zwei saßen. Es war ein älteres Exemplar mit vielen Ornamenten darauf.
Hisa kicherte.
"Sie haben mir da oben schon gesagt, dass ich es wohl nicht lange verbergen werden könnte."
"Da oben, hä?"
Miyuki verstand nur noch Bahnhof.
"Nun gut, also ich weiß was du bist und was Shiro ist."
"Oh, oh."
Hisa lächelte wieder. So hätte Miyuki sie gar nicht eingeschätzt.
"Keine Angst, ich will euch nicht auseinander bringen, sollte aber doch etwas aufpassen, das nicht das Schlimmste passiert." Sie grinste erfreut.
Miyuki wurde puterrot.
"Du weißt alles? Ehrlich?"
"Ja, und zwar weil ich ebenfalls ein Engel bin. Ein Eisengel."
"Das ist ja fantastisch", rief Miyuki aus, packte Hisa unverhofft an den Armen und zog sie mit sich nach oben. Der Eisengel kuckte ein wenig überrascht, freute sich aber trotzdem mit dem schwarzen Engel. Sie drehten sich schwungvoll im Kreis, bis auf einmal die Tür aufflog und ihr Tanz jäh erlahmte.
Ein total perplexer Tsunku stand in der Tür.
"Hab ich was verpasst?", fragte er sichtlich verwirrt.
Beide lachten nervös auf und meinten nur:
"Nichts, es ist nichts."
"Äh, ich glaub, ich geh mal wieder."
Er schüttelte den Kopf und verließ das Zimmer.
"Mein Bruder. Du kennst ihn sicher schon."
"Ja."
Sie war ein wenig rot im Gesicht geworden.
"Aha,.", meinte Miyuki triumphierend, "Du magst ihn?"
"Jaa, schon etwas.", sie lächelte verzerrt.
"Hey, das ist ja großartig!"
"Was? Wieso denn?"
"Bist du so dumm, oder tust du nur so, Hisa?", bohrte sie nach, "Liegt doch wohl auf der Hand!"
"Du willst doch nicht. Du kannst doch nicht. Du."
"Keine Angst, ich krieg das hin", sie grinste siegessicher, da sie ja wusste, das Tsunku auch ein wenig verliebt war.
"Ich bin gleich wieder da, warte kurz auf mich!", rief sie Hisa im Rausgehen über die Schulter hinweg zu.
"Aber was.?"
Miyuki ließ eine verdatterte Hisa zurück, die auf ihrem Teppich saß und Löcher in die Luft starrte, bis Miyuki wieder zurück war. Und endlich ging die Tür leise auf. Aber auch nur kurz.
Tsunku wurde von Miyuki ruckartig durch den schmalen Türspalt geschleudert und schnell schloss sich die Tür wieder.
"Miyuki? Was wolltest du mir den zeigen?", fragte Tsunku, der auf dem Boden direkt neben Hisa aufgekommen war, "Miyuki?! Oh, Hisa."
"Hallo", sagte diese verlegen.
Die hörten von draußen, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde.
"Miyuki, du kannst doch nicht!" Tsunku stürmte zur Tür und hämmerte dagegen.
Nach fünf Minuten gab er auf und setzte sich zu Hisa auf den Teppich.
"Und wie geht's dir so?", fragte er etwas schüchtern.
"Gut."
Langsam kam ein Gespräch in Gange. Aber nur sehr schleppend. Von ihrer zweiten Identität, dem Eisengel, erfuhr er aber nicht.
Miyuki hing gespannt mit einem Ohr an der Tür und lauschte, als sie von hinten auf einmal einen kalten Atemhauch im Nacken spürte. Verängstigt drehte sie sich um und blickte in kalte, graue Augen. Als sie in diese sah, fühlte sie sich furchtbar traurig. Ihr war, als würde sie in ein tiefes, schwarzes Loch fallen. Jegliche Freude und Glück entwichen aus ihrem inzwischen schwach gewordenem Körper. Sie fühlte nichts mehr. Nur noch tiefe Leere. Ihre Hände wurden schlapp und Tsunku und Hisa vernahmen das Geräusch eines Schlüssels, der geräuschvoll auf dem Holzboden aufkam. Der Dämon kickte sie in den Magen, worauf sie umkippte und er sie mit Leichtigkeit mitnehmen konnte.
"Was war das eben?", fragte Hisa.
"Hatte Miyuki den Schlüssel?", fragte Tsunku.
"Keine Ahnung, aber ich denke schon. Wer sollte ihn sonst haben?"
"Oh, Kacke! Warum sollte ihr der so einfach aus den Fingern gleiten?"
"Du hast Recht. Ich hoffe ihr ist nichts passiert." Hisa wusste genau, was passiert war. Die Dämonen hatten was damit zu tun. Sie hatte ihre Anwesenheit gespürt.
"Scheiße!", Tsunku sprang hektisch auf und trommelte wieder gegen die Tür. Diesmal aus Angst um seine kleine Schwester. Was könnte ihr nur passiert sein? Sie Herz schlug ihm jetzt bis zum Hals. Er hatte versagt. Er hätte auf sie Acht geben sollen!
"Miyuki! Miyuki!" Unaufhörlich trommelte er gegen die Tür.
Er hatte ebenfalls eine schlechte Vorahnung. Irgendetwas Übernatürliches musste da vorgefallen sein. Er wusste ja von Miyukis zweitem Ich. Sie hatte es ihm auch nur erzählen dürfen, weil er einer ihrer Verwandten ist. Selbst er hatte sich in dem Moment, als der Dämon erschien, furchtbar unwohl gefühlt.
Hisa stand auf und ging zu Tsunku, legte ihre Hand auf seine Schulter und streichelte sie sanft. Tränen rannen über seine Wangen. Wenn Miyuki jetzt etwas passieren sollte!
Jetzt ging ihm ein Licht auf: Er wusste, warum sie hier waren. Nun war alles klar. Wie konnte er so dumm sein? Sie waren nur hierher gekommen, damit Miyuki Dämonen töten konnte! Und jetzt hatte eines dieser Monster seine Schwester entführt. Er schlug noch einmal kräftig gegen die Tür und sank dann langsam an ihr hinunter.
Hisa ging ebenfalls in die Knie. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter, was ihm gleich wieder ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit vermittelte. Irgendetwas ging von ihr aus. Sie hatte eine unglaubliche Aura.
Hisa durfte sich nicht so einfach Menschen zeigen, da sie nie einer gewesen war und keine engen Angehörigen hatte. Falls sie es tun würde, würde man sie verstoßen. Nur, was nun?
Sie dachte scharf nach und da kam ihr die rettende Idee: Shiro!
Per Gedankenübertragung erreichte sie in knapp zwei Minuten (sie kann es um einiges besser als Miyuki). Shiro saß gerade mit Shinya im Garten und starrte Löcher in die Luft, als ihn Hisa erreichte.
"Shiro, du musst helfen!"
"Was willst du denn in meinen Gedankengängen? Wie kannst du das denn überhaupt? Wobei soll ich dir helfen und warum eigentlich ich?"
"Ich bin ein Eisengel, aber das spielt jetzt keine Rolle! Miyuki wurde von einem Dämon entführt!"
"Ach, du heilige Sch.! Ich bin unterwegs!"
Er sprang schnell aus dem alten knorrigen Stuhl auf, in dem er bisher seelenruhig gesessen war und meinte nur zu Shinya:
"Ich bin nur kurz mal weg!"
Er hetzte durch das ganze Haus, durchsuchte jeden Winkel, doch er fand nichts.
Shiro konnte sich auch nicht vorstellen, dass auch nur noch ein Dämon überlebt hatte, denn bei dem Überfall in ihrem Geheimversteck hatten sie alle restlichen Schattenwesen besiegt. Oder hatten sie etwa einen übersehen?
Er bog haarscharf um die Ecke und da erblickte er etwas Eigenartiges.

"Ihr wird nichts passieren, keine Angst", beruhigte mittlerweile Hisa den aufgelösten Tsunku.
"Ich hoffe es auch, wirklich", murmelte er geistesabwesend.
Es ging ihm inzwischen wieder etwas besser, denn Hisa strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Sie nahm seine Hand und hielt sie fest.
"Keine Angst", flüsterte sie leise.
Er legte sein Gesicht auf ihre Schulter und wagte nicht mehr aufzusehen.

Vor Shiro erstreckte sich ein ewig langer Gang, der jetzt wohl zum ersten Mal auftauchte.
"Verflixt, ich hasse dieses vermaledeite Haus!", fluchte er erzürnt.
Wenn Miyuki nur nichts zustößt, dachte er verzweifelt.
Er hastete den Gang entlang und entdeckte Erstaunliches.

"Sei nicht traurig. Es wird alles gut." Hisa sprach Tsunku gut zu.
"Warum musste ihr das passieren? Miyuki hat nie etwas Böses getan, trotzdem passieren ihr immer die schrecklichsten Sachen."
Er weiß also, was sie ist, dachte Hisa.
"Mach dir mal keine Sorgen. Sie wird es schaffen."
Sie versuchte ihn aufs Neue aufzuheitern, doch es schlug nicht ganz so an, wie erhofft.

"Dieses verfluchte Haus! Was soll das hier!?"
Shiro war am Abgrund der Verzweiflung angekommen. Was geschah wohl gerade mit seiner Miyuki, während er hier in einer Sackgasse herumtrödelte?

Der Dämon hatte Miyuki sicher in sein Versteck gebracht. Glück und Freude waren gänzlich aus ihr entwichen. Sie fühle sich schwach. Fiel immer weiter in dieses kalte und tote schwarze Loch. Er stieß sie gegen die kalte Steinwand und lachte dreckig. Miyuki hustete. Es ging ihr dreckig. Ihr wurde immer kälter, sie vermochte kaum zu atmen. Wenn der Dämon sie anfasste, war es die Hölle. Er kam auf sie zu. Ängstlich rutschte sie, so gut es eben ging, näher an die Wand heran.

"Sie wird zurückkommen, Tsunku. Glaub mir!", sprach Hisa auf den am Boden zerstörten jungen Mann neben ihr ein.
"Ich hoffe es inständig. Ich könnte mir nicht vorstellen ohne sie zu sein. Sie fehlte mir schon die Jahre, in denen ich von Zuhause weggelaufen war."

Shiro starrte die Wand an.
"So ein Mist!"
Er war fest entschlossen, seine Miyuki zu retten, doch nur wie? Das Haus brachte ihn zur Weißglut. Doch der Wut wich allmählich Verzweiflung. Schnell machte er kehrt und rannte den Weg zurück. Er schoss gerade aus dem Gang hinaus, als die Gasse hinter ihm verschwand. Wo hatte der Dämon sie nur hingebracht?
Er hetzte weiter durch das Haus, bis erneut ein Weg erschien.

Mit leerem Blick sah Miyuki dem Dämon in die Augen und fiel immer weiter. Er packte sie am Handgelenk und umschloss es fest. Schließlich war sie am Grund des Loches angekommen. Ihr war fast so, als entwiche in diesem Moment ihre Seele. Die Kälte stieg ins Unermessliche. Der Dämon zog sie auf die Beine und hielt sie. Die Kraft zu stehen fehlte ihr. Keinen Schritt hätte sie mehr machen können. Er schmiss sie noch einmal mit voller Wucht gegen die Steinwand. Unsanft kam sie auf dem Boden an. Unglaubliche Schmerzen durchfuhren ihren nun fast leblosen Körper.

"Du musst wirklich sehr an ihr hängen, stimmts?", fragte Hisa Tsunku.
Zur Antwort bekam sie nur ein ersticktes
"Ja" zu hören. Er war wirklich nicht in der Laune großartig zu reden. Also schwiegen sie sich eine Weile an. Hisa strich ihm sanft und beruhigend über den Rücken, der gelegentlich, durch sein Schluchzen, zuckte.

Mit einem Affenzahn, angetrieben von der Angst, der Verzweiflung, jagte Shiro den neuen Gang hinunter. Er schien ewig lang, unendlich. Shiro verwandelte sich unterm Rennen in Kuroi und konnte so ein wenige schneller laufen. Doch, würde es reichen? Da, endlich. Da kam etwas in Sicht. Was war das denn?

Miyuki lehnte erschöpft und kraftlos, ohne jegliche schöne Erinnerung, ohne Glück, ohne Gefühle an der kalten Steinwand. Gerade noch nahm sie wahr, wie der Dämon ein weiteres Mal und dreckig lachend auf sie zukam und sie am Handgelenk packte. Zu gern hätte sie sich gewährt, ihm etwas entgegen gesetzt. Doch in ihrem Zustand war selbst das Laufen eine Zumutung. Was tun? Sollte das ihr Ende sein? Der Dämon schnürte seinen Griff enger, hob sie hoch in die Luft. Unbeweglich, fast leblos, baumelte sie an seiner Klaue durch die Luft. Sie atmete schwer und fror wahnsinnig.

"Bitte hör doch auf zu weinen, Tsunku!", flehte Hisa, "Sie wird zurückkommen!" Verzweifelt sah sie ihn an.
"Und was ist, wenn nicht? Ich würde es nicht überleben!"
"Sag so etwas nicht", sagte Hisa mit erstickter Stimme. In der kurzen Zeit, in der sie ihn kennen gelernt hatte, hatte sie ihn doch sehr gern gewonnen und ihn so traurig zu sehen, machte sie unglücklich.
"Schlaf", flüsterte sie fast unhörbar.
"Wie könnte ich in so einer Situation schlafen?"
Sie hob ihre Hand und hielt sie über seinen Kopf. Im Nu war er zusammengesunken und auf dem Teppich eingeschlafen.

Shiro starrte ungläubig auf die riesige und schon morsche Holztreppe, doch er raste sie sofort hinauf. Nur keine Zeit verlieren. Er rannte gerade über die fünfte Stufe, als diese durchbrach.
"Mist, verdammter!", schimpfte er aus Panik. Mit aller Gewalt zog er seinen Fuß weiter und machte sich auf den Weg, die weiteren 300 Stufen zu erklimmen. Er atmete schwer, machte aber trotzdem keine Anstalten langsamer zu laufen, oder gar eine Pause einzulegen. Hoffentlich war nicht schon alles zu spät!

Das schwarze Nichts, in das Miyuki gefallen war, war gerade dabei, sie zu verschlingen. Immer näher und näher kam es. Von allen Seiten schoss es auf sie zu. Der Dämon verstärkte seinen Griff. Umso länger er sie hielt, desto schlimmer wurde ihr zumute, als ob das noch möglich gewesen wäre. Der Dämon lachte laut auf, als er plötzlich Schritte vernahm und vor Schreck, den fast leblosen Körper fallen ließ. Wie konnte das sein? Wer hätte ihn denn hier schon finden sollen? Doch nicht etwa.? Sein Verdacht bestätigte sich in weniges Sekunden. Die knorrige Tür schwang auf und darin stand wohl der schrecklichste Vampir der Unterwelt.

Hisa strich Tsunku sanft über seine Schulter. Sein Atem ging regelmäßig, doch die Tränen rannen weiter. Sie legte sich ihm gegenüber und sah ihm beim Schlafen zu. Auf einmal fühlte sie etwas Seltsames und konnte sich nicht mehr zurückhalten. Langsame beugte sie sich vor und berührte ganz sanft seine Lippen mit den ihren.

"Wie kannst du es wagen, du niederes Insekt, meine Miyuki zu entführen? Ich mach dich alle, das schwör ich dir!"
In dem Moment erblickte er Miyuki, die leichenblass und schlaff auf dem Boden lag, zu Füßen des Dämons.
Er selbst fühlte sich in der Gegenwart dieses Monsters nicht unwohl. Ihm machte es nicht das Geringste aus.
"Noch einen Schritt weiter und die Kleine ist tot!", säuselte der Dämon genüsslich, obwohl ihm doch ziemlich mulmig war, hier Kuroi, dem Sohn Satans gegenüber zu stehen. Er hob seinen Fuß und setzte ihn auf Miyukis Kopf.
"Bleib wo du bist, oder ich trete zu!"
"Du mieses Drecksschwein!", brüllte Kuroi. Das Herz war ihm in die Hose gerutscht, als der Dämon seinen Fuß auf ihren Kopf gesetzt hatte. Nie im Leben wollte er sie verlieren. Was sollte er jetzt aber tun?

Hisa löste ihre Lippen von den seinen und hielt sich schuldbewusst die Hand vor den Mund. Es war falsch gewesen! Wenn er es nun nicht gewollt hatte? So etwas dürfte sie nie tun. Die Farbe wich ihr aus dem Gesicht.
"Es tut mir Leid", flüsterte sie vor sich hin, doch Tsunku hörte es nicht. Er schlief dank ihres Zaubers einfach weiter. Sie fühlte sich so schuldbewusst, obwohl der den Kuss nicht einmal bemerkt hatte. Gleich würde sie Miyuki helfen können. Sie hoffte nur, es ging ihr den Umständen entsprechend gut.

Miyuki öffnete zögerlich die Augen, als sie Shiros Stimme wahrgenommen hatte.
"Shiro", sie lächelte schwach und fast unmerklich.
Er bemühte sich zurückzulächeln, doch sein Gesicht drückte nur das aus, was er gerade fühlte. Angst. Es erfreute den Dämon sichtlich, dass er die beiden so in der Hand hatte. Auf einmal fielen Miyukis Augen wider zu und sie befand sich im schwarzen Nichts, das ihr bedrohlich näher kam. Doch es blieb wenige Zentimeter von ihr in Distanz. Shiros Gegenwart half ihr sehr. Nur würde es ihr helfen?
"Lass sie gehen, du.", grimmig sah Shiro den Dämon an.
"Warum sollte ich? Ich werde reichlich belohnt, wenn ich sie bei meinem Meister abliefere. Deinem Vater, nicht wahr? Was würde der wohl sagen, wenn ich ihm verrate, was mit dir und diesem Cherubim läuft?"
"Gar nichts weil du nämlich gar nicht mehr dazu kommen wirst, das schwöre ich."
"Ich habe dich in der Hand. Wie willst du sie denn retten?"
Gute Frage, dachte Shiro, antwortete aber:
"Das lass mal meine Sorge sein."
"Da bin ich aber mal gespannt!"
Ich auch, dachte Kuroi.

Hisa ging noch einmal ganz sicher, das Tsunku auch wirklich schlief und verwandelte sich dann in den Eisengel. Aus ihrem Rücken schossen zwei wunderschöne, blaue Flügel. Sie versuchte Miyukis Aura zu orten, doch es war schwerer als gedacht. Es war fast keine mehr zu spüren, aber sie schaffte es trotzdem. Gekonnt teleportierte sie sich in das Versteck des Dämons und tauchte direkt hinter ihm auf.
Zu spät merkte er, dass sie aufgetaucht war. Auch in ihr kroch dieses Gefühl des Unbehagens in die Knochen, doch schnell formte sie in ihrer Hand eine eisblaue Energiekugel, die sie zielsicher auf den Dämon zuschoss.
Mit einem entsetzten Schrei löste er sich auf.
Langsam wich das schwarze Nichts Miyuki von der Seite und sie sah ein Licht in der Dunkelheit leuchten.
Kuroi verwandelte sich in Shiro zurück und sah Hisa dankbar an, schoss aber dann sofort zu Miyuki. Der Eisengel teleportierte sich unterdessen zurück zu Tsunku und nahm ebenfalls ihre wahre Gestalt an.

Tsunku öffnete verschlafen die Augen.
"Miyuki! Wo ist sie? Wie geht es ihr?!"
"Keine Angst, sie wird jeden Moment erscheinen."
Es ist nicht zu entschuldigen, dass ich in solch einem Moment geschlafen habe, dachte er betrübt.

Shinya lag im Garten auf seinem Holzstuhl und besah sich die untergehende Sonne.
"Schön. War ein schöner Tag. Wo ist nur Shiro hin? Der ist bis jetzt nicht wieder aufgetaucht. Egal. Wahnsinn! Was für ein atemberaubender Sonnenuntergang zum Abschluss eines herrlichen Tages!" Er streckte sich genüsslich und blieb noch liegen, bis die Sonne untergegangen war.

Miyuki öffnete langsam die Augen und sah in Shiros besorgtes Gesicht. Doch noch war sie zu schwach und schon fielen ihr die Augen wieder zu.
"Miyuki!", brüllte Shiro verzweifelt. Er stand kurz auf und ging etliche Male im Kreis.
"Nur die Ruhe bewahren", mahnte er sich selbst und ging wieder in die Knie.
Er besah sie sich ein wenig und fing dann an, sanft über ihre Wange zu streicheln. Etwa fünf Minuten später schlug sie die Augen erneut auf und sah ihn diesmal lächeln. Aber noch immer nicht, war sie stark genug. Der Dämon hatte ihr sämtliche Kräfte gekostet.
Panisch betrachtete Shiro sie und wusste sich keinen Rat mehr. Vielleicht einfach warten? Er hasste es, sie so schwach und krank zu sehen. Lieber sah er sie lächeln. Ganz langsam und vorsichtig stützte er sich mit seinen Händen auf den kalten Steinboden auf und näherte sich ihrem Gesicht mit seinem. Ganz zärtlich berührten sich nun ihre Lippen. Ihre waren kalt, doch es störte ihn wenig. Kaum hatte er sich von ihr gelöst, öffnete sie zum wiederholten Male ihre Augen. Sie versuchte sich aufzuraffen, doch es scheiterte. Shiro lächelte sie sanft an und nahm sie dann in seine Arme.
Er trug sie auf Händen sicher die Treppen hinunter und den Gang entlang, bis zu dem Zimmer, in dem Tsunku und Hisa bereits warteten.
Behutsam setzte Shiro Miyuki wieder ab und sie ging die paar Meter zu dem Zimmer alleine. Er hielt sich dezent im Hintergrund, als sie das Zimmer aufsperrte.
Die Tür ging langsam auf und Tsunku sprang vor Freude auf. Sie hatte die Tür noch nicht mal geöffnet, da riss er sie ihr schon aus der Hand. Mit freudig glänzenden Augen sah er sie an. Die Tränen, die er geweint hatte, hatten glänzende Spuren an seinen Wangen hinterlassen.
Er hat geweint, dachte Miyuki, wegen mir.
Tsunku küsste sie auf die Wangen, die Stirn und drückte sie schließlich fest an sich. Er fühlte, wie schwach sie noch auf den Beinen war und hob sie hoch. Nie wieder wollte er, dass ihr etwas so Schlimmes widerfährt. Schrecklich war es, das merkte er sofort an ihrem Zustand. Er wirbelte sie freudig durch die Luft und flüsterte ihr dann ins Ohr:
"Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Wenn du nicht zurückgekommen wärst, hätte ich es nicht überlebt. Ich liebe dich."
"Ich dich auch", hauchte sie glücklich zurück.


When you've cried I'd wipe away all of your tears
When you screamed I'd fight away all of your fears
(My Immortal - Evanescence)

Wie gern hätte Shiro ihr das auch gesagt, aber er konnte es einfach nicht. Zu niemandem hatte er das bis jetzt gesagt. Aber sie wird die einzige sein, die es je von ihm zu hören bekommen würde, das schwor er sich. Er würde gerne auch so offen über seine Gefühle sprechen können, aber es war ihm unmöglich. In seiner Vergangenheit war ihm das ausgetrieben worden.



Home, sweet Home!


Nach einiger Zeit der Wiedersehensfreude, beschlossen sie zu Bett zu gehen.
"Könnten wir morgen bitte wieder fahren?", fragte Miyuki flehend in die Runde.
"Klar", meinte Tsunku und die andren aus der Runde nickten erleichtert.
"Geht ihr schon mal ins Bett. Ich habe noch was zu erledigen", fiel es Shiro wieder ein. Hastig rannte er aus dem Anwesen und kam erst im Garten wieder zum Halten.
"Shinya! Da bin ich wieder!", keuchte er atemlos.
"Was? Ach, du. Ich dachte du kommst nicht mehr. War doch ein schöner Tag, nicht? Wenn du wüsstest, was du verpasst hast. Dieser Sonnenuntergang!"
"Ja ja, ist ja schon gut. Wollte dir nur fairnesshalber Bescheid sagen, dass wir morgen abreisen." Shiro drehte sich weg und ging langsam und entspannt zurück ins Haus. Er seufzte. Wieder eine Nacht auf dieser schrecklichen Couch. Die Sprungfedern stachen immer so sehr in den Rücken. Er war schlimmeres gewohnt.
"Gute Nacht, Tsunku. Schlaf gut!", rief Miyuki ihrem Bruder zu.
"Nacht, Schwesterchen. Nacht, Hisa."
Hisa war ganz rot geworden und meinte leise "Gute Nacht".
Im Bett unterhielten sich die zwei Engel noch über dies und das. Unter anderem den heutigen Tag und ganz besonders über Tsunku.
"Was war so los bei euch?", fragte Miyuki neugierig.
"Nichts", log Hisa und lief erneut putterot an, "gar nichts."
"Ha, wer's glaubt", stocherte sie weiter, "Erzähl doch!"
"Nein, da war nichts!", beharrte Hisa eisern. Sie konnte ihr doch nicht sagen, dass sie ihn geküsst hatte, als er schlief.
Plötzlich wurde Miyuki ganz nachdenklich und sprach mit ernster Stimme:
"Ich bitte dich, mach meinen Bruder glücklich."
"Aber er ist doch glücklich mit dir", antwortete Hisa überrascht über den Gemütswechsel von Miyuki.
"Mag sein, aber er braucht doch auch mal eine richtige Freundin. Er hatte bis jetzt nur eine, die ihn aber nicht zu schätzen wusste. Sie hatte ihn hinter seinem Rücken mit einem anderen betrogen und deshalb bitte ich dich, dass du ihn nie verletzt."
"Ich verspreche es."
Hisa war sich nicht so sicher, wie Miyuki, die anscheinend fest davon überzeugt war, die beiden würden zueinander finden.
"Aber da ist noch etwas", flüsterte Hisa leise, "Er dürfte nie erfahren, dass ich ein Eisengel bin."
"Keine Angst, das wird der nicht."
Miyuki wünschte sich so sehr das Glück für ihren Bruder.
Urplötzlich und wie aus dem Nichts, drückte Hisa, den Zweiköpfe kleineren Engel an sich.
Von Hisa ging so viel Wärme aus. Bestimmt war sie die richtige für Tsunku. Bestimmt.
Später dann kam auch Shinya zu Tsunku ins Bett und bald herrschte im Haus totenstille, bis auf ein Quietschen, das ab und zu zu hören war, wenn Shiro sich auf der kleinen, alten Couch drehte. Jedes Mal wurde er erneut davon wach. Es war zum Wände hochgehen!
Am nächsten Morgen wollte niemand mehr länger hier bleiben und frühstücken, außer vielleicht Shinya, der aber überstimmt wurde. Als sie alle gepackt hatten, stießen sie erleichtert das große Eisentor auf und traten hinaus in die Freiheit.
Schon bald hatten sie alle in Tsunkus kleinem Auto einen Platz gefunden. Wenn auch ein wenig eng aneinander gedrückt, ging es los. Manchmal herrschte hinten, wo Shiro, Shinya und Miyuki saßen ein wenig Gerangel wegen belanglosen Sachen, wie "Shiro steht auf meinem Fuß!"
"Dann mach dich nicht so breit!", wurde Shinya angeschnauzt, der zu seinem Leidwesen in der Mitte saß.
"Seit doch still, ich bekomm schon Kopfschmerzen!", quengelte Miyuki, die sich das Getobe der beiden aus nächster Nähe mit anhören musste.
"Selber", bekam sie im Chor zurückgemotzt. Während sich Shiro und Shinya rangelten und drauf und dran waren, dem jeweils anderem den Kopf einzuschlagen, saß Miyuki mit genervtem Blick daneben und ließ manchmal eine Drohung los, die aber im Getöse der andren beiden unterging.
Vorne jedoch saßen Tsunku und Hisa, die sich trotz dem Lärm aus der Hinterbank gut unterhielten. Hisa dachte immer an Miyukis Worte gestern Nacht. Sie würde ihr bestes geben!
"Hilfe! Ich halt's nicht mehr aus! Hisa, Tsunku!", maulte Miyuki, "Die beiden sind nicht zum aushalten."
Sie musste schreien, damit es überhaupt zu den beiden vorne durchdrang.
"Damit wirst du schon fertig, Kleine", machte Tsunku ihr Mut und wendete sich Hisa zu, die einen Lachanfall erlitten hatte.
Eine lustige Truppe, dachte sie sich.
"Würdet ihr bitte mal still sein? Meine Ohren", nervte Miyuki hinten weiter an den beiden Streithähnen herum, doch wieder wurde sie ignoriert. Sie versuchte sogar schon dagegen anzusingen, doch auch das schlug gehörig fehl.
"OK, ihr wollt es anscheinend nicht anders", drohte Miyuki, wurde aber sowieso nicht gehört.
Tsunku und Hisa lachten sich vorne schon scheckig, wegen Miyukis verzweifelten Attacken.
Mit einem Mal verpasste sie Shinya, der ja neben ihr saß, solch einen gewaltigen Rempler, dass der sofort still war und sich den Arm, der getroffen wurde, mit wehleidigem Blick rieb.
"Hast du ne Meise?", fragte er überrumpelt.
"Nein, aber du und Shiro ja wohl!"
"Hey, lass mich mal ganz aus der Sache raus, ja?", forderte Shiro.
"Warum sollte ich? Du machst doch genauso mit", entgegnete sie angenervt.
"Er hat doch damit angefangen, dass ich auf seinem Fuß stehen würde!"
"Ist doch scheißegal, du musst doch dann nicht weitermachen!"
"Doch!"
"Ach, macht doch was ihr wollt", meinte sie eingeschnappt, aber ab da herrschte Stille. Hinten zumindest. Vorne unterhielten sich Tsunku und Hisa in Ruhe weiter.
Nach einiger Zeit hielten sie bei Shinya und setzten ihn vor seiner Haustür ab. Wenig später wurden sie auch Shiro los. Nur Hisa musste ihnen erst erklären, wo sie wohnte. Sie wusste es selbst nicht so genau, da sie ihre Wohnung noch nicht einmal betreten hatte. Es gestaltete sich ein wenig schwierig, doch nach einigem Verfahren war es schließlich doch noch geschafft. Freundlich verabschiedeten sie sich und wünschten einander schöne Restferien. Doch sie sollten nicht besonders schön werden. Viel Arbeit kam noch auf die Engel zu. Zuerst einmal aber herrschte noch Ruhe.
Völlig geschafft, aber überglücklich erreichten die beiden Geschwister ihr gemeinsames Haus. Miyuki stürmte los und riss die Haustür auf. Schon kam ihr Brownie entgegen geflogen, der während ihrer Abwesenheit das Haus in Schuss gehalten hatte. Sie hörte gar nicht auf die Rufe von Tsunku, der sich alleine mit dem Gepäck der zwei abquälen musste.
Gut gelaunt trat sie über die Schwelle. Endlich! Endlich wieder Zuhause!
Wie sie das alle vermisst hatte.
Schreie.
"Tsunku, das schaffst du schon!"
Zufrieden ließ sie sich in den blauen Sessel sinken und starrten eine Zeit lang nur vor sich hin, bis ein gewaltiges Poltern zu vernehmen war: Tsunku schleifte die Koffer über die Treppe vor dem Haus mit sieben Stufen. In den letzten Ferientagen lümmelten sie alle nur Zuhause herum, oder wollten es tun. Gleich am nächsten Morgen stand bei Miyuki eine alte Bekannte vor der Tür.
"Was willst du denn hier?", fragte Miyuki genervt und war drauf und dran die Tür wieder zuzuschlagen, doch der Besuch schob seinen Fuß dazwischen. Ihr strohblondes Haar glitzerte in der sonne.
"Lass mich in Ruhe!", schnauzte Miyuki zornig und zog fester an der Tür. Furcht hatte sie vor der mickrigen Dämonin nicht mehr. Hatte sie schon lange nicht mehr. Wieso auch? Noch nie hatte sie es geschafft, sie zu besiegen. Also, warum Furcht?
"Zick hier nicht so rum", meinte Aya gelassen und zog nun auch mit aller Kraft an der Türklinke.
"Lass sie los, Aya! Du machst sie noch kaputt!" Miyuki hängte sich mit ihrem gesamten Körpergewicht an den Türgriff. Aya ebenfalls. Die Tür gab bereits knacksende Laute von sich.
"Ich muss dir doch noch was sagen", protestierte Aya.
"Mich interessiert es aber nicht!", fauchte Miyuki.
"Mir doch egal. Lass mich rein!"
"Niemals! Meinst du, es interessiert mich, welchen Dämon du wieder auf mich hetzt?"
"Oh, das sollte es aber.", sie versuchte geheimnisvoll zu klingen.
"Dann sags mir doch einfach hier!"
Keine der beiden lockerte ihren Griff um die Klinke.
"Das ist so unpersönlich. Na komm schon!"
"Neiiiiiin!"
"Was wird das hier, wenn's fertig ist?"
"Oh, Morgen Tsunku", meinte Miyuki den Griff der Tür umklammernd, verlegen.
Erst jetzt realisierte er, dass die beiden an seiner Tür hingen.
"Meine Tür! Seid ihr wahnsinnig? Zack, zack! Weg da!", kreischte er fast hysterisch, "Das ist nicht gerade billig!"
Etwas peinlich berührt ließen beide den Griff los. Tsunku betrachtete kummervoll seine Türklinke, die, wenn man sie antippte, bedrohlich hin- und her schaukelt. Mit Tränen in den Augen kniete er sich davor hin und ließ gleich Brownie kommen.
"Meine Tüüüür.", heulte er.
Unterdessen hatte Miyuki Aya nach draußen gestoßen, wo sie ihre Konversation weiterführen konnten.
"Was wolltest du mir sooo wichtiges sagen?", fragte Miyuki uninteressiert.
"Pff, jetzt sag ich's dir nicht mehr." Schmollend drehte sie sich weg.
"Gibt's das? Jetzt führ dich mal nicht so auf!"
"Püh, mir doch egal."
"Hör jetzt gefälligst auf zu schmollen!", nörgelte Miyuki.
Fünf Minuten standen sie unbeweglich und ohne einen Laut von sich zu geben auf der kleinen Grünflache vor Miyukis Haus. Bis es Miyuki dann zu blöd wurde und sie Aya abermals anfuhr:
"Hör zum Donnerwetter auf zu schmollen.!"
Keine Reaktion.
Sichtlich angesäuert kickte Miyuki Aya ans Schienbein.
"Spinnst du? Das tat weh!"
"Stell dich nicht so mädchenhaft an."
"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin eins!", kreischte Aya völlig von der Rolle.
"Wenn du mir das jetzt nicht gesagt hättest."
"Ach, sei doch still", murrte Aya.
"Welchen Dämon willst du mir denn wieder auf den Hals hetzen?"
Stille.
"Sag schon!", drängelte Miyuki.
"Schon."
"Haha", künstelte sie, "sehr witzig. Red halt einfach!"
"Für das, was du dir grad eben geleistet hast, bekommst du einen doppelt so starken Gegner. Hast du nun davon."
"Schön. Und wann soll ich ihn vernichten?"
"Das werd ich dir jetzt auf die Nase binden."
"Ja."
"Nein, träum weiter. Er wird ganz überraschend aus dem Hinterhalt auftauchen. Dann, wenn du es am Wenigsten vermutest."
"Kein Problem. Sonst noch was?"
"Nein, ich frag mich nur noch eins.", flüsterte Aya leise vor sich hin.
"Was denn?"
"Ach, das willst du gar nicht wissen."
Aya beendete den Satz und löste sich in Luft auf.
"Dumme Kuh", murmelte Miyuki beim Reingehen vor sich hin.
Die Ferien verstrichen, kaum dass sie angefangen hatten. Besonderes hatte keiner mehr erlebt, außer dem Trip in der Geistervilla, versteht sich.
Alle Schüler hatten unter großem Gemotze Platz genommen und warteten ungeduldig auf ihren Lehrer, der kurz darauf erschien. So zogen wieder einmal sechs, in den Augen der Schüler, sinnlose Stunden voller Verschwendung ins Land. Als endlich die Schulglocke ertönte, war die Schülerschar kaum noch zu halten.
"Noch sechs Wochen bis zu den nächsten Ferien! Ich halts nicht aus!", war Shinyas Kommentar.
Miyuki ärgerte sich im Stillen auch darüber, aber es war ja ihr letztes Schuljahr. Dann endlich hatte sie es geschafft und musste nie wieder die Schulbank drücken. Unverhofft rempelte sie jemand von der Seite an.
"Wer.?!", fauchte sie zuerst und wollte schon ausholen und demjenigen eine entsprechende Strafe verpassen, doch sie hielt inne, als sie erkannte, um wen es sich handelte.
"Man, Shiro!"
"Was denn? Sei nicht so zimperlich."
"Sei du nicht so brutal, aber egal. Was gibt's?"
"Nichts Besonderes."
"Warum musst du mich dann so anrempeln?", fragte sie leicht angenervt.
"So halt", gab er locker zurück.
"Ach, du machst mich wahnsinnig.", fing sie an und als er ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, fügte sie schnell noch hinzu: "Manchmal."
Zufrieden lächelte er sie an.
Miyuki strich ihm kurz durchs Haar und drehte sich dann mit einem "Bis morgen!" weg und lief nach Hause.
Glücklich sah er ihr noch eine Weile nach, bis man sie nur noch schemenhaft erkennen konnte.
"Alles läuft so gut!", freute sich Miyuki im Stillen, "War da nicht noch so ein Plan von Aya? Ach, wen kümmerts."
Zuhause angekommen wurde sie gleich herzlich empfangen. Brownie war, wie immer, sofort zur Tür geeilt. Es war zwar schön, so begrüßt zu werden, doch sie hasste den Schulalltag einfach zu sehr.
Nach dem Mittagessen klingelte das Telefon.


Die Kämpfe nehmen kein Ende


"Ja", meldete Tsunku sich.
"Hallo", antwortete eine ihm nur zu gut vertraute Stimme. Hisa.
"Ah, hallo, Hisa, wie.?", gerade wollte er fertig antworten, als ihm das Telefon aus der Hand gerissen wurde.
"Miyuki, sag mal spinnst du? Ich wollte gerade.!", erhob ihr großer Bruder Protest.
"Eh für mich", meinte sie frech und begrüßte Hisa.
"Miyuki, sei nicht so. Gib mir auch mal!", plärrte er und zog ungeduldig an ihrer Schuluniform.
"Lass das jetzt", motzte sie ihn an und schob ihn ungeduldig beiseite.
"Du bist gemein", schmollend verzog er sich.
"Na, geht doch. Was sagst du, Hisa?"
Durch ihre kleine Auseinandersetzung mit ihrem Bruder hatte sie gar nicht verstanden, was der Eisengel versucht hatte ihr zu sagen.
"Ach, schon in Ordnung, aber sag mal. Ich darf doch später noch mit ihm telefonieren?"
Hoffnungsvoll spitzte sie ihre Ohren.
"Ja ja, klar. Also, was gibt's denn nun?"
"Dämonen."
"Menno, ich will aber nicht."
Sie seufzte, das war wohl ihr Schicksal. Seit ungefähr einem dreiviertel Jahr musste sie schon gegen die Schattenwesen kämpfen.
"Ich bin ja auch noch dabei. Sie befinden sich, so weit ich weiß, im alten Lagerhaus am Stadtrand. Weißt du zufällig, wo das ist?"
"Klar, ich bin gleich bei dir. Bis -.", wollte Miyuki gerade das Telefonat beenden, als Hisa noch rufen konnte:
"Ich will doch noch mit Tsunku telefonieren!"
"Oh,. ups. Sorry. Tsunku, komm mal! Telefon für dich!"
Wie ein geölter Blitz war Tsunku in sekundenschnelle angerannte gekommen und hatte sofort den Telefonhörer in der Hand.
Als er endlich einmal auflegte, verabschiedete sich Miyuki bereits wieder.
"Ich muss weg! Bis heute Abend.", leise fügte sich noch hinzu: "Vielleicht."
Es gab keine Garantie dafür, dass sie je wieder zurückkommen würde. Zwar war das Risiko immer dabei, aber was war mit Ayas Falle, die angeblich ach so genial und gefährlich sein sollte? So schlimm konnte die gar nicht sein. Mit frischem Mut schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr zu Hisa, die mit dem Drahtesel ungefähr eine Stunde weit entfernt wohnte.
"Puh, na endlich!", stöhnte sie angekommen, da sie mit vollem Antrieb unterwegs gewesen war. Sie klingelte und Hisas Mutter öffnete gut gelaunt. Na klar, sie wohnte ja auch noch bei ihren Eltern. Zumindest als Sterbliche. Bald darauf war Hisa auch erschienen und beide fuhren mit den Rädern an den Stadtrand. In einer Dreiviertelstunde war das Ziel erreicht. Sie stiegen ab.
"Elende Fahrerei. Ich will auch den Führerschein", motzte Miyuki noch vor sich hin und klappte gerade die Stütze ihres Rades aus. Hisa dagegen war schon mutig in Richtung Lagerhalle gegangen.
Schnell eilte sie ihr hinterher. Sie stoppten vor dem Eingang und verwandelten sich vorsorglich schon mal hier, bevor sie das riesige Gebäude betraten. Hier waren Dämonen, kein Zweifel. Beide konnten die Auren der bösen Kreaturen spüren. Klar und deutlich.
Sie taten den ersten Schritt, was einen lauten Widerhall erzeugte, doch dieser wurde bald von jähem Geschrei unterbrochen. Kleine Wieselartige Monster schossen ihnen um die Beine herum und schlugen, wenn man nicht schnell genug war, die spitzen und messerscharfen Zähnchen in die Beine ihrer Gegner. Zu dem waren sie klein, schnell und wendig.
"Ungeziefer", schimpften die Engel und machten nach einigen gescheiterten Angriffen und schmerzhaften Bissen, weitere Versuche, um dem Kleinvieh beizukommen.
Beinahe. Dann: Die ersten vernichtenden Treffer. So langsam hatten sie den Bogen raus. Und siehe da, nach etwa zehn Minuten waren die knapp 25 kleinen Dämonen dem Erdboden gleichgemacht.
Nach einem kurzen Moment des Ausatmens bröckelten auf einmal kleine Steinchen, die immer mehr zu großen Brocken wurden, von der Decke. Über ihnen führten eine Treppe und ein damit verbundener Gang um das ganze obere Stockwerk.
Erschrocken wichen beide in die Mitte des Raumes und stellten sich Rücken an Rücken.
Das schwache Sonnenlicht, das gerade noch ein wenig Licht gespendet hatte, drohte völlig unterzugehen. Ein paar Minuten standen die Engel so, bis aus dem Obergeschoss ein Lachen ertönte, das bei beiden eine Gänsehaut auslöste.
Irgendwie kam Miyuki diese Stimme bekannt vor. Nur, wer war das noch gleich?
Wie vom Blitz getroffen stand sie nun da. Diese Stimmte. genau! Das war doch niemand geringeres als Abunai persönlich.
Aber wie und vor allem warum? Was war mit dem Zauber ihrer Mutter geschehen?
Urplötzlich sprang Abunai von der oberen Brüstung und kam direkt vor Miyuki am Boden auf.
"So sieht man sich wieder", säuselte er vergnügt.
"Was fällt dir ein?", schnauzte Miyuki und trat einen Schritt nach vorne.
"Hey, werd mal nicht gleich frech!"
"Du hast mir gar nichts zu sagen!"
Anscheinend war der Zauber ihrer Mutter wirkungslos geworden. Da hatte bestimmt Aya ihre Finger mit im Spiel. Aber zugegeben, so überraschend war das jetzt auch nicht.
"Reiß dein Maul nicht so auf, du Miststück!"
"Was fällt dir ein, so mit mir zu reden?"
Wutentbrannt sahen sich die beiden in die Augen, wobei Hisa nur stumm und etwas ängstlich daneben stand.
"Wer spielt denn nur?"
"Was denn überhaupt?"
"Na, mit meinem Bruder!"
Geschockt stand Miyuki da. Nie, wirklich nie würde sie mit Shiro spielen.
"Du hast doch gar keine Ahnung!"
"Pah, du gebrauchst ihn doch nur. Warum sonst sollte sich ein Engel mit einem Vampir abgeben?"
Abunai war sichtlich erzürnt. Sein Bruder bedeutete ihm anscheinend sehr viel.
"Wegen einem Gefühl, das man Liebe nennt!" Als sie diesen Satz beendet hatte, stürzte sie auf ihn zu und beschoss ihn mit einer schwarzen Energiekugel. Durch Miyukis stürmische Aktion hatte auch Hisa Mut gefasst und startete nun ebenfalls einen Angriff.
Könnte Miyuki ihn töten? Würde Shiro ihr das verzeihen? Außerdem war Abunai überhaupt nicht so schlecht, davon war sie mehr als überzeugt, nur irgendjemand, und sie konnte sich schon denken, wer es war, hatte ihm erzählt, sie würde Shiro nur ausnutzen. Allein schon der Gedanke widerstrebte ihr.
Abunai wich beiden Attacken geschickt aus und flog nun mithilfe seiner Flügel über ihren Köpfen.
"Liebe? Du willst mir doch nicht erzählen, dass sich so ein Geschöpf wie du auf so einen wie uns einlässt?", schrie ihr Abunai empört zu. Sein Gesicht drückte wahnsinnige Wut aus.
"Doch, aber genau so ist es!", rief sie empört zurück.
"So etwas würde sich doch ein perfekter Engel niemals erlauben! Red keinen Stuss!"
"Ich dürfte ja gar nicht mit ihm zusammen sein, aber ich will es nun mal."
"Verarschen kann ich mich selbst. Kämpfe!"
Mit einem triumphalen Grinsen im Gesicht kam er langsam wieder heruntergeschwebt.
"Hisa, das ist meine Sache. Halt dich bitte raus, OK?"
"Nun gut, aber solltest du in Gefahr sein, muss ich eingreifen."
Blitzschnell kam Abunai auf sie zugeeilt und erwischte sie an ihrem Arm.
"Was sagst du nun?", meinte er bissig.
Verbissen sah sie ihn an, aber er war zu stark.
Was nun?
Mit ihrer anderen Hand formte sie unbemerkt eine weitere Energiekugel und schoss sie ihm ans Handgelenk, sodass er hätte loslassen müssen. Doch er klammerte sich eisern und entschlossen an ihren Arm.
Miyuki biss die Zähne zusammen und versuchte loszurennen, sich einfach loszureißen, doch es war ebenfalls vergebens. Sie kam nicht wirklich voran. Nun drückte er so fest zu, dass es schmerzte.
Sie kniff beide Augen zu.
Wieder schoss sie eine Energiekugel auf sein Handgelenk. Zwar war er schwer verwundet, doch er ließ nicht locker.
Jetzt kam auch Hisa dazu, die es nicht mehr mit anzusehen vermochte.
"Lass sie gefälligst los!", rief sie und rammte ihm von hinten einen Eiszapfen in den Rücken, den sie davor mit ihren Kräften gefertigt hatte.
Erschrocken starrte Miyuki erst Hisa, dann Abunai an.
"Was hast du getan?", fragte sie Hisa bestürzt.
Langsam lockerte sich sein Griff und er sank tödlich verletzt zu Boden. Das Blut rann in Massen aus seiner Wunde und färbte den Boden in seiner unmittelbaren Nähe rot.
Schnell kniete sich Miyuki zu ihm hinunter auf den Boden.
Wieder zu Hisa gewandt schrie sie:
"Tu was! Er wird sonst sterben!"
Doch diese stammelte nur:
"Es. Es tut mir Leid, glaub mir, ich dachte nur, dass."
"Ist mir egal! Hol Hilfe!"
Sie eilte schnell aus der alten Lagerhalle und stürmte ins nächste Haus.
"Miyuki, du.?", fragte Abunai schwach und unterbrach. Blut floss aus seinem Mund.
"Ist schon gut. Hisa wird bald da sein, du musst nicht sterben", beruhigend sprach sie auf ihn ein und strich ihm mit der Hand über den bebenden Körper.
"Ich glaube,. ich habe mich in dir geirrt."
"Was?", flüsterte Miyuki überrascht.
"Sei gut zu Shiro, er hat es verdient. Nach all dem Schlechten."
"Ja, das werde ich", versprach sie leise und völlig aus der Fassung gebracht.
Was mochte Shiro wohl alles durchlebt haben?
Abunai lächelte glücklich und schloss die Augen. Es war zu Ende.
"Bitte nicht.", schluchzend warf Miyuki sich über ihn.
Nach einigen kurzen Augenblicken stand Hisa in der Tür und hatte Verband dabei, den sie sich bei der nächst besten Familie geliehen hatte.
Sie fand Miyuki deprimiert über ihm kauernd und ein gewaltiger Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie ließ den Verband fallen und ging langsam auf Miyuki zu. Als sie sie an der Schulter berührte, schreckte sie auf. Mit Tränen in den Augen sah sie Hisa an.
"Er ist tot", murmelte sie leise, "aber er ist glücklich gestorben."
"Es tut mir so Leid. Ich wusste nicht, dass.", begann Hisa bedrückt, wurde aber von Miyuki unterbrochen.
"Ist schon gut. Jetzt muss ich es nur noch Shiro beibringen.", sie versuchte gequält zu lächeln, was gründlich misslang, denn immer noch rannen ihr stumme Tränen die Wangen hinunter.
Hisa strich ihr die Tränen aus den Augen und umarmte sie.

Mit klopfendem Herzen und total zerstreut stand Miyuki, einen Tag nach Abunais Tod an der Haustür von Shiro.
"Klingel doch endlich!", tadelte sie sich selbst in Gedanken.
Sie war selbst noch deprimiert über den plötzlichen Tod von Abunai und jetzt sollte sie das auch noch Shiro beichten. Wie würde er reagieren?
Ihre Hände zitterten gewaltig. Sie wollte ihn nicht verletzen und ihm die erschütternde Wahrheit erzählen. Hisa hatte zwar angeboten, es ihm auszurichten, doch Miyuki meinte, es wäre besser, wenn sie es täte. Was für ein dummer Vorschlag! Jetzt stand sie nun schon seit einer geschlagenen Viertelstunde vor Shiros Haus und wusste nicht weiter.
Schließlich fasste sie sich ein Herz und drückte mit ihrem zitternden Zeigefinger die kleine Klingel.
Sie vernahm Schritte im Gang. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Wie wollte sie es überhaupt anstellen? Was, wenn er sie dafür verantwortlich machen würde?
Die Tür wurde langsam geöffnet.
Shiro.
Ihr Herz verkrampfte sich und schmerzte wahnsinnig. Sie ballte die Fäuste.
"Hi, Miyuki! Was führt dich hier her?", er lächelte erfreut, doch sein Lächeln erstarb rasch, als sich ihre Miene nicht bewegte, sondern nur noch ernster und niedergeschlagener wurde.
"Was-. Was ist los mit dir?", fragte er besorgt und legte seine Hände auf ihre Schultern.
"Es geht um. deinen Bruder. Er hat Hisa und mich gestern angegriffen."
Sein Gesicht sagte mehr als tausend Worte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sein Bruder!
"Das Schlimmste kommt noch", sie schluckte schwer bevor sie fort fuhr.
"Bei dem Versuch mich zu retten, hat Hisa Abunai.". Sie brach ab. Fasste dann aber doch neuen Mut, als Shiro sie gespannt ansah.
"Getötet!", brüllte sie verzweifelt und Tränen schossen ihr aus den Augen.
Sie sah Shiro in sein ebenfalls schmerzverzerrtes Gesicht. Sekunden verstrichen und schienen Stunden zu dauern, ehe Shiro die aufgelöste Miyuki zu sich zog und ganz dicht an sie drückte.
Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in seinem Hemd.
Doch plötzlich spürte sie etwas Warmes an ihrem Hals hinunter rinnen.
"Shiro? Weinst du?", fragte sie vorsichtig.
Keine Antwort.
"Es tut mir so Leid! Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen! Weine nicht, sei nicht traurig!", rief sie leise.
"Ich möchte nicht, dass du traurig bist! Es tut mir weh, dich so verletzt zu sehen!"
Sanft strich sie ihm mit ihrer Hand über den Kopf und mit der anderen über seinen zitternden Rücken.
"Er ist.", fügte sie noch dazu, "glücklich gestorben."
Shiro hob den Kopf und sah sie an. Die Tränen hatten Spuren hinterlassen und noch immer liefen sie ihm die Wangen hinunter.
"Ich bin für dich da", flüsterte sie sanft und strich ihm die Haare aus dem Gesicht.
Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern die Konturen seines Gesichtes nach. Er hatte sich nun ein wenig beruhigt.
"Danke, Miyuki.", flüsterte er und fügte hinzu:
"Ich. liebe dich."
Das erste Mal in seinem Leben. Endlich. Endlich hatte er sich überwunden. Obwohl ihm in seiner Kindheit jahrelang gelehrt wurde, Gefühle wie Liebe oder Freundschaft nicht zuzulassen, aber er hatte es geschafft. Diese Worte hatten eine ganz besondere Wirkung und sie sollten nur für Miyuki sein, jetzt und für immer.
Eine leicht rötliche Färbung machte sich in Miyukis Gesicht breit und ein überglückliches Lächeln überzog ihr Gesicht.
Sie war so wunderschön, wenn sie lächelte. Selbst Shiros Miene hellte sich wieder ein wenig auf.
"Shiro, ich liebe dich auch", hauchte sie ihm ins Ohr. Glücklich hob er sie in die Luft und wirbelte sie herum.
"Wenn es dir Recht ist und wenn es dir hilft, dann würde ich heute Nacht bei dir bleiben", meinte sie freundlich, gleichzeitig auch besorgt.
"Nichts hilft mir. besser als deine Gegenwart", er lachte.
Aber sie wusste, dass tief in ihm Schlimmes vorgehen musste.
Es dämmerte bereits, als sie sein Haus betraten. Eine kleine und bescheidene Bleibe. Miyuki fühlte sich sofort wohl.
Später gingen sie zu Bett. Da Miyuki keinen Schlafanzug dabeihatte, lieh ihr Shiro freundlicherweise eines seiner T-Shirts, das ihr fast bis zu den Knien reichte.
Es war still im Bett. Shiro war vollkommen in sich gekehrt und dachte über diesen Verlust nach. Abunai, sein Bruder. Mit ihm hatte er den grossteil seines Lebens verbracht. Er hatte ihn wahrlich geliebt.
Er lag mit dem Rücken zu Miyuki gekehrt. Er wollte nicht, dass sie ihn so sah. Wie verletzt er war, wie am Boden zerstört. Auf einmal schlang sie ihre Arme von hinten um ihn.
Und legte ihren Kopf an seinen nackten Rücken. Er roch gut. Sie küsste ihn sanft, was eine Gänsehaut hervorrief.
Shiro genoss es ohne gleichen und konnte so seine Sorgen wenigstens ein wenig vergessen. Sie spendete ihm Trost, wie keine andere. Er wollte auf ewig mit ihr vereint sein. Sie zu verlieren wäre wohl das allerschlimmste, was ihm passieren könnte. Er betete, dass dem nie so sein würde.
Bald darauf waren beide friedlich eingeschlafen.


My heart is breaking-
just for you.
And these tears I'm crying-
are for you, just for you.
And my arms are open-
just for you, just for you.
(Lionel Richie - Just for You)

Der Kampf gegen Aya


Am nächsten Mittag war Miyuki schon längst wieder heimgekehrt.
Die letzte Nacht war unbeschreiblich und wunderschön. Er hatte sie einmal gebraucht; Einmal konnte sie ihm helfen. Sie fühlte sich gut, sehr gut sogar.
Aber eines rief in ihr den Verdacht wach, etwas zu verpasst haben. Da lagen doch tatsächlich Tsunku und Hisa gemeinsam auf der Couch und kuschelten!
Hisa war eng an Tsunku geschmiegt, nur er erblickte seine Schwester und deutete ihr, einfach leise vorüberzugehen. Wie er das nur wieder angestellt hatte. Auf jeden Fall hatte es wohl in der letzten Nacht stattgefunden.
Ja, ja, wenn frau einmal nicht zu Hause ist, dachte Miyuki und schmunzelte, verzog sich dann aber schleunigst in ihr Zimmer, um nicht weiter zu stören.
Als sie da so ruhig auf ihrem Bett lag mit geschlossenen Augen, begannen sich die Gedanken in ihrem Kopf zu überschlagen, für die sie bis jetzt keine Zeit gehabt hatte.
War Akarui der starke Gegner von dem Aya gesprochen hatte? Warum hatte er sterben müssen? Nichts geschieht grundlos, hatte ihre Mutter immer gesagt. Aber welchen Grund gab es für seinen Tod? Weil Shiro leiden sollte? Das hätte Aya doch nie gewollt.
Noch andere Gedanken tauchten auf. Warum stand sie nicht öffentlich dazu, dass sie und Shiro ein ,Pärchen' waren? Vielleicht, weil sie es nicht durfte? Das war gewiss ein wichtiger Grund.
Sie seufzte. Ihr Kopf schmerzte bereits vom vielen Nachdenken. Shiro. Was tat er wohl gerade? Er musste wohl leiden, sehr stark. Sie hätte alles gegeben, wäre er nur wieder glücklich. Müde schloss sie die Augen und döste ein wenig.
Es tat einen großen Rumps, der Tsunku und Hisa vom Sofa fallen ließ.
"Was. Was war das?", fragten sich die beiden.
Auch Miyuki wäre beinahe aus dem Bett gekippt. Das konnte doch fast nur etwas Übernatürliches sein!
Sie raffte sich auf, schoss an dem perplexen Duo im Wohnzimmer vorbei, aus der Haustür hinaus.
Vor ihr stieg jede Menge Rauch auf, der durch den Aufprall von was auch immer verursacht wurde. Langsam lichtete er sich und man konnte die schemenhaften Umrisse einer Gestalt erkennen.
Auch Tsunku und Hisa waren dazu gestoßen.
"Was zum.!", rief Tsunku aus und besah sich den immer lichter werdenden Nebel.
Hisa ahnte ebenfalls Schreckliches. Ein Dämon. Ohne jeden Zweifel, so etwas spürten Engel nun mal.
Sie müssten sich wohl jeden Moment verwandeln, doch was würde Tsunku denken?
Schließlich und endlich hatte sich der Rauch völlig aufgelöst und Miyuki stockte der Atem. Nicht die schon wieder.
"Was ist das den für eine? Ach, die. Von letztens", bemerkte Tsunku grimmig, "Meine Tür!!!"
"Sei doch still", schnauzte Aya nur, "Deine Tür ist mir so was von egal. Ich bin hier, um deine Schwester und deine Freundin zu vernichten."
"Was, wie bitte? Die olle hat doch eine an der Klatsche! Legt hier 'ne riesige Show hin und erzählt noch was von sie wolle euch vernichten. Die ist doch auch nicht mehr ganz sauber.", meckerte Tsunku.
"Oh, ähm. Tsunku, ich glaube, wir müssen dir was erzählen", murmelte Miyuki.
"Bitte was?"
Vor seinen ungläubigen Augen verwandelten sie sich in den dunklen und den Eisengel.
"Jetzt wundert es mich auch nicht mehr, mit welchem Gesox ihr verkehrt. Hilfe."
Er nahm es eigentlich ganz gut auf. Jetzt standen aber andere Sachen im Vordergrund, als Tsunkus momentaner Zustand der Verwirrung.
"Erklären wir dir später", meinte Hisa freundlich, aber sie wirkte furchtbar nervös.
"Du bist wirklich ein Engel, Hisa?"
Großer Schrecken breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ein komisches Geräusch erklang. Sie bewegte sich nicht mehr.
"Hey, was ist los mit dir, Hisa?", fragte Tsunku verirrt.
Langsam kroch Eis an ihrem Körper hinauf.
"Hisa. was?", fragte er erst ungläubig und allmählich verzweifelt, als das Eis nun ihren gesamten Körper umschlossen hatte.
"Hisa!", schrie er panisch, "Hör auf mit dem Scheiß!"
Aber es war Realität.
Hätte er sich still verhalten und die Tatsache nicht ausgesprochen, sondern sich einfach damit zufrieden gegeben hätte, wäre das nicht passiert. Zu Miyuki dürfte er es sagen, da sie mit ihm Verwandt war, aber Hisa unterlag der Macht Gottes.
"Miyuki!!!", rief Tsunku total aus der Fassung gebracht. Doch diese reagierte nicht.
"Nun, Aya. Was willst du hier?", fragte Miyuki angriffslustig.
"Wie schon gesagt, euch vernichten!"
"Ach, du kämpfst mal persönlich, dass du dich zu so etwas hinunter lässt, oder hattest du nur immer zu viel Angst?", wollte Miyuki höhnisch wissen.
"Ganz bestimmt nicht!", fuhr sie Aya an, "Wirst du gleich sehen!"
Mit einer Energiekugel in der Hand stürmte sie auf die völlig verwirrte Miyuki zu und rammte sie ihr direkt in den Bauch. Eine riesige Wunde entstand. Sie blutete, was das Zeug hielt.
"Na, überzeugt?", fragte Aya mit verstohlenem Blick.
"Das war. ungerecht!", fauchte Miyuki und hielt ihren Bauch.
fiesen Grinsen auf den Lippen erhob sich Miyuki.
Mit einem gezielten Kick in Ayas Magen, lag die Dämonin zu ihren Füßen. Jetzt trat sie ihr in den Rücken.
"Du Biest!", kreischte Aya.
Verwundert sah Tsunku dem Geschehen zu: Miyuki war wirklich noch nicht am Ende und da war noch etwas. Wenn sie kämpfte, war sie so anders. So brutal und grausam, aber vielleicht musste das so sein, beruhigte er sich. Seine Schwester, ein dunkler und gnadenloser Engel.
Sanft strich Tsunku über Hisas eiskalte, aber glatte Wange und sah sie niedergeschlagen an.
"Keine Angst.", flüsterte er, "Miyuki kriegt das sicher wieder hin."
Es schmerzte ihn, in ihr erschrockenes Gesicht zu sehen. Ihre Augen und ihr Mund waren weit geöffnet.
Warum musste er nur so dumm sein?
Miyuki trat noch fester in Ayas Rücken, sie wähnte sich bereits als Siegerin, doch sie lag falsch. Wieder formte Aya eine Energiekugel, die sie Miyuki direkt ans Bein schoss.
Diese sank daraufhin auf den Boden und hielt sich besorgt den Fuß.
Tsunku wollte wieder etwas sagen, doch Hisa gebot ihm zu schweigen. Gebannt sah er weiter zu.
Miyuki konzentrierte sich und auf einmal schossen aus ihrem Rücken zwei wunderschöne, wenn auch schwarze Flügel und sie erhob sich in die Luft. Aya tat es ihr gleich, doch sie hatte keine Flügel.
Endlich war Miyuki einmal schneller und schoss auf Aya eine schwarze Energiekugel ab, die sie zwar nur an der Schulter traf, aber dennoch nicht ihre Wirkung verfehlte. Getroffen taumelte sie in der Luft.
Pfeilschnell, als hätten sie es vorher abgesprochen, schossen beide gegenseitig aufeinander zu. Ein schneller Schlagabtausch folgte, den man mit bloßen, menschlichen Auge nicht erfassen hätte können. So ging es auch Tsunku.
Einen Moment lang nicht aufgepasst und schon spürte Miyuki einen heftigen Schmerz in ihrem Gesicht. Aya hatte sie getroffen.
Schadenfroh lachte diese nun auf, doch dazu blieb ihr nicht mehr viel Zeit. Schon hatte Miyuki einen vernichtenden Treffer in ihrer Magengegend gelandet.
"Miststück", ächtete Aya aufgebracht und fletschte die Zähne. Der blanke Hass spiegelte sich in ihren Augen. Miyuki erschrak: So hatte sie Aya noch nie zuvor gesehen.
"Weißt du, was mit mir passiert, wenn ich dich jetzt nicht umbringe?", fragte Aya giftig, "Ich verrate es dir: Mein ganzer Körper und meine Seele werden vernichtet und unauffindbar in der Galaxie zerstreut." Ihr Blick wurde allmählich etwas der einer Irren. Verstört blickte Aya umher.
"Das kannst du doch nicht verantworten, oder?", stocherte sie weiter.
Miyuki hatte die ganze Zeit nur stumm vor sich her gestarrt und schluckte nun schwer. Konnte sie das wirklich verantworten? Wegen ihr würde Aya ausgelöscht.
Kämpfen, warum kämpfen? Ich will nicht mehr, dachte sie.
"Aya", begann sie, "Du wurdest zum Dämon um dich an mir zu rächen, stimmts?"
"Ja. Und? Was tut das jetzt zur Sache?"
"Ich möchte, dass du ein neues Leben beginnst und wieder so wirst, wie du früher einmal warst. Ich möchte nicht, dass du stirbst, denn.", sie stockte kurz und holte tief Luft, ". denn du warst einmal meine beste Freundin und ich mag dich immer noch sehr, . also bitte, komm wieder zur Vernunft!", rief sie jetzt.
Aya sah sie irritiert an und ihr Blick wurde langsam wieder normal, doch dann veränderte er sich schlagartig wieder.
"Hör auf!", schrie sie, "Hör auf mich anzulügen! Das ist doch nur eine Masche damit ich auf dich reinfalle und du leichtes Spiel hast!"
"Nein,.", flüsterte Miyuki, "Ich werde es dir beweisen."
Langsam schwebte sie auf den Boden hinunter und nahm wieder ihre normale Gestalt an.
"Nein, tu das nicht!", schrei Tsunku, der trotz seines Schocks wegen der zu Eis gewordenen Hisa das Geschehen aufmerksam verfolgt hatte.
"Ich vertraue ihr", sagte Miyuki sanft und lächelte.
Aya, zuerst wieder erstaunt, formte eine Energiekugel in ihrer Hand.
Tsunku drückte Hisa an sich, obwohl sie so eiskalt war. Seine Wärme hätte sie normalerweise zum Auftauen bringen sollen, doch das Eis schmolz nicht. Im Gegenteil: Es wurde nur noch kälter, aber trotzdem hielt er sie fest. Es fiele ihm nicht im Traum ein, sie loszulassen.
"Du bist so naiv, Miyuki, glaubst du wirklich, ich würde jetzt aufgeben?", fragte Aya.
Doch sie erwartete keine Antwort. Sie senkte ihren Blick und ließ die Kugel verglühen.
"Du hast Recht! Bitte, bitte sei mir nicht mehr böse! Ich konnte nicht anders und irgendwann lief mir alles aus dem Ruder! Ich wollte nie so werden, wie ich war, glaub mir. Können wir wieder Freundinnen sein, so wie früher.?"
Aya weinte. Tausend Tränen perlten ihr über das Gesicht und tropften auf ihre Kleidung, tropften hinab auf Miyuki.
Diese streckte die Arme gen Himmel und lächelte Aya zu.
Aya sah sie überglücklich an, schwebte langsam zur Erde zurück, nahm ihr normales Aussehen an und fiel Miyuki in die Arme, die ihr tröstende Worte zuflüsterte, um den Strom an Tränen, die ihr aus den Augen schossen versiegen zu lassen.
"Meinst du,. Meinst du, dass Gott mir verzeiht?", fragte Aya verzweifelt.
"Ja, das wird er", sagte Miyuki sanft und in diesem Moment tat sich der Himmel auf und sie Sonne strahlte hell auf die Erde hinunter.

"Miyuki!", rief Tsunku abermals, der den ganzen Kampf über gewartet hatte.
"Was denn?", fragte sie ruhig, löste sich sanft von Aya und drehte sich zu ihm um.
Ihre eben gestellte Frage beantwortete sich von ganz allein.
"Hisa! Oh, mein Gott! Was ist passiert?", fragte sie völlig von der Rolle.
"Frag mich nicht!", erwiderte Tsunku überfordert.
"Lass sie erst mal los", meinte Miyuki.
"Nein", gab Tsunku zurück, der sie immer noch fest umklammert hielt, obwohl sich bereits Frost an seinem T-Shirt bildete.
"Lass sie los!"
"Nein!"
"Nun mach schon", drängelte Miyuki ungeduldig und zog an der eingefrorenen Hisa.
"Pass auf, sonst geht sie womöglich noch kaputt!"
"Ach, Quatsch."
Crack!
Auf einmal hielt Miyuki nur noch den Arm in Händen, an dem sie gerade noch voller Elan angezogen hatte.
"Ups.", stammelte sie kleinlaut.
"Ups?!", schrie Tsunku, "Ups?!"
"Es tut mir Leid, das wird schon wieder."
"Das wird schon wieder, ja klar!", sagte Tsunku ironisch.
Plötzlich kippte Miyuki um. Aya hatte sie gerade noch auffangen können.
Miyuki wurde in warmes Licht getaucht und blinzelte diesem entgegen, das von einem Punkt hoch über ihr kam.
Das kam ihr bekannt vor. Es war schon so lange her, dass das passiert war.
"Miyuki.", sagte der Engel mit den langen, blonden Haaren in der sanftesten Stimme.
Miyuki blieb stumm und lauschte.
"Um Hisa wieder normal zu machen, musst du ein bestimmtes Amulett finden."
"Wo denn?", fragte sie knapp.
"Es liegt gut versteckt in einem Wald."
"O.K. ich such es. Bringst du mich dorthin, bitte?"
"Ja, nur eins noch."
"Was?"
"Du bist doch nicht mehr ganz dicht! So an Hisa zu zerren, dass ihr der Arm abfällt!!!", brüllte der Engel und zerstörte die ganze Atmosphäre.
Miyuki zuckte völlig erschrocken zurück.
"Entschuldige mich", räusperte sich der Engel und schwebte mit einem Honigkuchenpferd-Grinsen wieder empor, als ob gerade eben nichts geschehen wäre.
"Die hat ja Nerven", seufzte Miyuki.


Das Amulett

Das helle Tageslicht blitzte Miyuki entgegen, als sie die Augen aufschlug.
"Puh, na endlich", freute sich Aya, "Wir dachten schon, dir wäre was Schlimmes zugestoßen. Was war.", sie wurde jäh unterbrochen.
"Miyuki!!! Mach sie gefälligst wieder ganz!", brüllte Tsunku sie an, sodass sie beinahe einen Herzinfarkt bekommen hätte.
"Schrei mich nicht so an! Ich mache sie schon wieder normal. Ich muss so ein Amulett in so einem Wald finden."
"Gut. Ich bleibe hier", stellte Tsunku klar.
"Was? So ein Theater machen und ihr dann selbst nicht helfen wollen?!", wollte Miyuki leicht angenervt wissen.
"Irgendwer muss doch auf sie aufpassen.", erklärte er etwas eingeschnappt.
"Ich komme mit."
"Ja wirklich? Danke, Aya. Auf dich kann man sich eben noch verlassen!", sagte Miyuki mit scharfen Unterton und sah Tsunku dabei schief an, der sich beleidigt wegdrehte.
Als Tsunku sie wieder anblickte, oder es zumindest wollte, waren sie auch schon verschwunden.

"Wenn du mir hierbei hilfst, wird dir Gott gleich doppelt so schnell verzeihen", meinte Miyuki aufmunternd, als sie mit Aya vor dem großen Wald stand.
"Ja, meinst du? Schön.", doch ihre Stimmung verschlechterte sich just, als sie den Wald ansah, der dort groß und unheimlich düster stand. Vier Meter oder höher waren die Tannen des Waldes. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken.
"Der sieht ja nicht gerade einladend aus", stellte sie fest, "Ich glaube, ich bleibe doch besser hier."
"Nichts da", meinte Miyuki bestimmend und packte Aya, die sich gerade umgedreht hatte, am Hemdkragen.
Ein Schrei, dem eines Hundes gleich, nur viel lauter und grausamer, hallte aus dem Wald.
Aya klammerte sich ängstlich und zitternd an Miyuki, die selber nicht viel mutiger war.
"Du musst auf mich aufpassen, schließlich hab ich keine Fähigkeiten mehr."
"Geht klar, Aya", sagte Miyuki in festem Ton, "Und wer passt auf mich auf?", fragte sie leise und weinerlich, als die den Wald betrat und fast nichts erkennen konnte.
Bei jedem Schritt, den sie taten knackste es geräuschvoll unter ihren Füßen. Dort lagen kleine Äste und viele braune und verwelkte Tannennadeln.
Miyuki ging voraus. Aya hinten fest an sie geklammert.
Sie gingen tiefer und tiefer in den Wald hinein, bis Aya eine ganz wichtige Bemerkung machte:
"Wie kommen wir hier eigentlich wieder heraus?"
Miyuki schluckte schwer. Gute Frage.
Sie waren jetzt bestimmt im tiefsten Herzen des Waldes aus dem es so schnell kein Entkommen geben würde.
"Wird schon schief gehen. Ich find den Weg schon wieder", beruhigte sie Aya schnell, die beinahe schon das Schluchzen angefangen hätte.
Sie schritten weiter durch die Dunkelheit. Man konnte nur Umrisse einer Person oder eines Gegenstandes sehen.
"Miyuki, lass uns wieder gehen. Da ist kein verdammtes Amulett."
"Stell dich nicht so an. Wir finden das schon."
Voller Elan zog sie ihre am ganzen Körper zitternde Freundin weiter.
Keine Spur.
"Siehst du das Aya?", fragte Miyuki eine Weile später.
"Was denn?", wollte Aya wissen, die ihren Kopf schon nicht mehr von Miyukis Schulter erhob, aus Angst irgendetwas Gruseliges zu entdecken.
Dafür, dass sie mal ein Dämon war, hat sie ganz schön viel Angst, dachte Miyuki.
"Na, den große Steinhaufen da vorne. Da gehen wir jetzt hin.", beschloss Miyuki und zog ihre Begleiterin mit.
Gerade wollte sie einen Fuß auf die Steine setzen, sprang ihr irgendetwas entgegen.
Es war sehr groß und kräftig. Mehr konnten sie nicht erkennen.
Sein Aufprall hatte Miyuki und Aya rücklings weggeschleudert.
"Verschwindet", knurrte es.
Es kam Miyuki nicht wie ein Monster oder gar ein Dämon vor.
"Wer bist du?"
"Sie, wenn ich bitten darf. Fängt hier doch glatt an mich zu Duzen. Ich bin der Wächter der heiligen Höhle. Noch mal: Verschwindet endlich!"
"Warum sollten wir?", fragte Aya frech.
Miyuki rempelte sie an.
"Du kannst doch nicht in so einem Ton mit ihm sprechen!!!"
"Weil das hier sicher kein Ort für so zarte Mädchen wie euch ist."
"Oh, wir sind also zart? Hi hi", kicherte Aya, worauf sie wieder angerempelt wurde.
"Lass mich ab jetzt einfach reden, O.K.?", meinte Miyuki, "Nehmen Sie sie nicht so ernst, ja? Also wir sind ganz richtig hier. Würden Sie mir bitte sagen, warum es in der Höhle so gefährlich sein sollte?"
"Na ja, . es wird erzählt, dass dort grässliche Monster hausen, die ein gewisses Amulett bewachen."
"Oh, wirklich? Das ist ja spitze!", riefen die beiden wie aus einem Mund.
"Ihr könnt da nicht reingehen! Das kann ich nicht verantworten!"
"Ja, das kann ich verstehen, aber vertrauen sie uns einfach", meinte Miyuki und ging langsam auf ihn zu.
"Wa- Was willst du, Mädchen?", fragte er völlig verdattert.
"Schlafen Sie jetzt.", flüsterte sie, als sie seine Hand von seiner Stirn über seine Augen gleiten ließ.
Er sank zusammen und fing an, regelmäßig zu Atmen.
"Wow, Miyuki! Ich hätte nie gedacht, dass du solche Tricks draufhast!", staunte Aya.
"Komm, gehen wir hinein."
"Und der Mann?"
"Den lassen wir liegen. Der wird schon bald wieder zu Bewusstsein kommen."
"Wie du meinst."
Mutig schritten sie in die Höhle. Es war kalt und feucht darin.
"Eklig", entfuhr es Aya.
Ihre Schritte hallten an den Wänden wider. Je weiter sie hineingingen, desto dunkler wurde es und desto näher rückte Aya wieder an Miyuki heran.
Plötzlich ein fürchterliches Fauchen.
"Hilfe!!!", plärrte Aya sofort.
"Psst", wisperte Miyuki ihr zu.
Sie verwandelte sich in einen dunklen Engel und war bereit zum Kampf.
Hinter der nächsten Kurve also verbarg sich das Monster. Mit festem und entschlossenem Schritt ging Miyuki auf es zu. Wobei Aya still wartete.
Miyuki bog mit klopfendem Herzen um die Ecke und erstarrte zunächst, als sie das gewaltige Gebiss des Monsters sah.
Viele scharfe Zähne. Vor allem die Eckzähne oben, sowie auch unten waren äußerst Furcht einflößend.
Jetzt viel ihr Blick auf die gelben Augen, die sich stechend auf sie richteten.
Das Wesen zischte bedrohlich.
Eine Riesenschlagen, die mindestens drei Meter lang war und eine grün und schwarze Musterung aufwies, schoss nun mit einem Affenzahn auf Miyuki zu.
Diese war im ersten Moment gelähmt und so war es der Schlange möglich, ihre Zähne in ihrem Arm zu versenken.
Miyuki schrie auf und riss sich gleich wieder los, was verursachte, dass die Schlange einen Teil ihrer Haut mitriss. Die Wunde fing sofort an, wie verrückt zu bluten.
Der Geruch von frischem Blut machte die Schlange noch aggressiver.
Miyuki hatte sich derweil wieder gefasst und würde sich nicht mehr so einfach überrumpeln lassen, wie gerade eben.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sie sich ihren Arm. Blut tropfte auf den Boden.
Sofort und blitzschnell kam die riesige Bestie auf sie zugeschossen, doch diesmal war Miyuki darauf gefasst und konnte nach rechts ausweichen.
Schnell formte sie eine Energiekugel in ihrer Hand und schoss diese auf das Monster ab.
Ein Teil ihres langen Körpers wurde somit herausgefetzt, aber sie blutete nicht. Aus ihrem Körper rann eine Art hellgrüner Schleim, der den Boden benetzte.
Miyuki sprang leichtfüßig auf den Rücken der Schlange und schoss ihr eine Energiekugel direkt in die erste Wunde, worauf die Schlange komische Geräusche von sich gab.
Eilig sprang Miyuki wieder von ihr herunter und rannte schnellstmöglich um die Kurve wieder zurück zu Aya.
Die Schlange indessen hatte sich um ein Vielfaches ihres Körpers aufgebläht und explodierte.
"Miyuki! Oh, mein Gott! Was ist denn mit dir passiert?", wollte Aya panisch wissen, als sie ihren zerfetzten Arm sah.
"Nicht der Rede wert. Gehen wir weiter.", meinte sie nur leichtfertig, "Es sieht schlimmer aus, als es ist."
"Boahr, die Schlange kann man ja jetzt total vergessen. Gut gemacht", lobte Aya sie, als sie um die Kurve gebogen war, "Iih, aber diese Schleim ist ja wohl mehr als widerlich."
"Kannst du laut sagen", stimmte Miyuki ihr zu und zog eine angewiderte Grimasse, dabei schleifte sie aus Versehen an der Wand mit dem Schleim entlang und schrie panisch auf.
"Was ist denn los mit dir?", fragte Aya.
"Ich hab den Schleim berührt. Hey, Moment mal, sieh dir das an!"
Erstaunt hob sie ihren Arm, mit dem sie an der Wand entlang geschliffen hatte.
"Deine Wunde. Sie ist verschwunden!"
Völlig baff starrten die beiden den Arm an.
"Das ist ja wohl Wahnsinn!", freuten sie sich.
Kurz darauf gingen sie weiter in der kalten und feuchten Höhle. Bogen um unzählige Kurven, ehe sie vor einem verschütteten Eingang ankamen.
"Das sieht nicht sehr einladend aus", stellte Aya fest.
"Aber ich denke, wir sind am Ziel", sagte Miyuki triumphierend, "Nur, wie kriegen wir diese Steine weg?"
Etwas genervt, dass sie dem Amulett so nah und doch so fern waren, kickte sie mit aller Gewalt gegen den größten Stein der vielen, die den Weg blockierten.
Total entgeistert sahen die zwei zu, wie die restlichen Steine zur Seite wichen und eine Tür frei gaben.
"Mann, haben wir ein Glück", sagte Aya baff.
Miyuki ging voraus und packte den Griff der Tür. Kräftig rüttelte sie an ihm und endlich ließ er sich hinunter drücken. Knarrend schwang die Tür zurück.
Ein kleiner Raum erschien. In seiner Mitte befand sich ein kleines Podest aus Stein. Und auf ihm lag das Amulett. Es war sehr klein, aber fein gearbeitet. Es war ein kleiner, weißer Stein in Silber eingearbeitet.
"Ist das hübsch!!!", rief Aya völlig aus dem Häuschen.
"Das ist aber nicht für dich, sondern für Hisa, vergiss das nicht", mahnte Miyuki sie.
Miyuki nahm das Amulett an sich und verwandelte sich zurück. Kaum dass sie es berührt hatte, gerieten die beiden in einen Sog.
Müde und geschafft wachten sie vor Tsunkus und Miyukis Haus auf.
"Puh, geschafft", seufzte Miyuki erleichtert und stand auf. Aya tat es ihr gleich. Gemeinsam öffneten sie die Haustür und traten ein.
"Tsunku, wo bist du?", rief Miyuki.
Kurz darauf erhielt sie Antwort:
"Im Wohnzimmer. Komm schnell!!!"
"Nur keine Hektik.", beruhigte sie ihn, als sie das Wohnzimmer betraten.
Er saß auf dem Boden, direkt vor der Eisgewordenen Hisa.
"Habt ihr das Amulett?", wollte er hoffnungsvoll wissen.
"Ja."
"Schnell tut was!"
Miyuki ging auf Hisa zu und legte ihr das Amulett in die noch vorhandene Hand.
Sogleich schmolz das Eis und Hisa war wieder frei. Auch ihr abgetrennter Arm taute wieder auf und fügte sich wieder an ihren Körper.
"Tut das gut", freute sie sich.
Voller Freude fiel sie Aya und Miyuki um den Hals.
"Danke, ihr zwei!"
"Hey, und was ist mit mir? Ich hab schließlich auf dich aufgepasst, als sie weg waren!", protestierte Tsunku.
"Oh, tut mir Leid", meinte sie grinsend, löste sich von ihren beiden Retterinnen und kam auf Tsunku zu.
Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, beugte sich ein wenig nach oben und gab ihm ein zärtliches Küsschen. Überglücklich legte er seine Arme um sie und drückte sie ganz fest an sich.
"Wir sollten besser gehen", schlug Miyuki vor.
Aber Aya hörte nicht. Sie war wie besessen von dem Anblick.
"Hey, Aya! Wir gehen!", wiederholte sie etwas lauter und zog sie mit in die Küche. Dort ließen sie sich an dem Küchentisch nieder.
"Hach, muss Liebe schön sein", schmachtete sie.
"Ja, ganz schön", seufzte Miyuki.
"Du, Miyuki?"
"Was denn?"
"Wie ist das jetzt mit dir und Tsunku?"
"Du liebst ihn doch auch."
"Nein, nicht mehr. Ich werde ihn dir überlassen. Du hast ihn verdient."
"Ach, wirklich? Was bringt dich auf den Gedanken?"
"Na ja, du hattest immer so viel Pech und da hast du das doch jetzt wirklich verdient."
Aya meinte es todernst.
Miyuki wurde ein wenig rot im Gesicht.
"Danke. Lieb von dir, Aya."



Das Ende?!


Am nächsten Morgen schwang Miyuki sich glücklich und befreit aus dem Bett, aber der Tag sollte nicht so bleiben. Bereits nach dem Mittagessen, als sie sich gerade für einen Spaziergang angezogen hatte und den Gehweg entlang ging, fühlte sie sich komisch. Ein stechender Schmerz hämmerte in ihrer Brust. Sie wollte wieder umdrehen und nach Hause gehen, doch plötzlich tauchten tausende von Dämonen auf und umringten sie.
"Was wollt ihr?", fauchte sie gereizt.
"Was sollen wir schon wollen? Dein Leben!", schrie einer vorlaut.
Die anderen flüsterten bedrohlich im Chor:
"Stirb! Stirb!", dieser ewige Singsang durchdrang ihren Körper und ließ sie frösteln.
"Das Ende ist nah", sagte wieder ein anderer, "Satan hat sich entschlossen, die Erde zu vernichten. Dass du Aya dazu verholfen hast wieder gut zu werden, war mitunter ein wichtiger Punkt, der ihn dazu gebracht hat. Doch zuerst wirst du noch etwas leiden."
Alle rings um ihn herum lachten auf mit ihren metallenen und kratzigen Stimmen. Eine Gänsehaut überzog Miyukis gesamten Körper.
Entschlossen verwandelte sie sich in den dunklen Engel.
Das Ende ist nah? Was sollte das heißen?, fragte sie sich im Stillen.
Das war jetzt aber erst einmal egal, nun musste gekämpft werden, doch sie hatte es sich einfacher vorgestellt, als es dann tatsächlich war. Der Horde Dämonen war sie nicht gewachsen.
Wenn sie sich einem Dämonen vor ihr zuwandte, musste sie etliche Schläge von hinten einstecken und umgekehrt.
Nach einer Weile, in der sie nur einen Dämon besiegen konnte, lag sie erschöpft und zusammengesunken auf dem Boden. Ihr Atem ging schwer. Blut tropfte ihr aus Nase und Mund.
"Ich gebe. nicht auf! Niemals!", rief sie und raffte sich wieder hoch. Mit festem Blick sah sie die Monster an, doch diese lachten nur höhnisch.
"Mach dir nichts vor", meinte einer.
"Tu ich doch gar nicht!"
"Na gut, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als deine Illusionen zu zerstören. Du kannst doch nicht einmal mehr stehen", gab er zurück.
Und wahrlich konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie schwankte erst ein wenig und knickte dann wieder um.
Ihr Gesicht war von der Anstrengung sichtlich gezeichnet.
Plötzlich fühlte sie einen harten Schlag gegen ihren Hinterkopf und alles um sie herum verschwamm und wurde schließlich schwarz.
Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich. Das Ende?

Sie kam wieder zu sich und schlug die Augen auf. Was sie erblickte war ein bekannter Ort. Sie lag auf einer weichen Couch.
"Was mache ich hier?", flüsterte sie schwach und blinzelte gegen das Licht.
"Du bist wach,. Na endlich!", hörte sie eine nur zu vertraute Stimme sagen.
"Shiro? Was mache ich hier?"
Er beugte sich von hinten über die Lehne der Couch und blickte sie an.
"Weißt du nicht mehr? Die Dämonen hatten dich niedergeschlagen und ich kam gerade rechtzeitig, um dich zu retten. Ich habe sie alle besiegt."
"Danke, vielen Dank.", murmelte Miyuki erleichtert.
"Keine Ursache. Du siehst bedrück aus", stellte er fest, als sie ihren Blick senkte, "Was ist los?"
"Das Ende ist nah."
"Was sagst du da?", fragte er verwirrt und blickte sie ungläubig an.
"Das sagten die Dämonen zu mir.", erklärte sie schwach.
Er schien darüber ebenfalls sehr beunruhigt zu sein, doch er ließ sich nichts anmerken und meinte:
"Ach, die. Nimm sie nicht ernst. Die sagen das doch nur, um dir Angst zu machen."
"Das glaube ich dir nicht und du glaubst dir auch nicht."
Er seufzte tief und nickte.
"Du hast ja Recht."
Auf einmal wurde der Raum in Dunkelheit getaucht, sodass beide nichts, aber auch gar nichts mehr erkennen konnten. Nicht einmal die berühmte Hand vor Augen.
Shiro tastete sich mit seiner Hand zu Miyuki und umfasste die Ihre. Sie zitterte wie Espenlaub und war kalt.
"Keine Angst. Ich pass auf dich auf", flüsterte er leise.
"Ich glaube kaum, dass du das kannst, Kuroi", sagte eine Stimme.
Er zuckte zusammen und seine Hand schloss sich fester um die von Miyuki. Diese Stimme war ihm so bekannt und rief so viele schlechte Erinnerungen in ihm wach.
Schon lange hatte er gehofft, sie nie wieder hören zu müssen.
"Meinst du, ich hab nicht mitgekriegt, dass deine Gefühle mittlerweile echt sind? Hältst du mich für so bescheuert?"
"Nein, Vater."
Miyukis Körper bebte nun. Ihr Herz verkrampfte sich in ihrer Brust. Noch nie in ihrem gesamten Leben hatte sie solche Angst gehabt. Und noch nie ging von einem Dämon eine solche Kälte aus.
"Hiermit bist du nicht länger mein Sohn, geschweige denn ein Untertan. Du bist auch nicht mehr wert, als diese Engel. Und ich hatte dir vertraut.!", brüllte die Stimme, "Aber nun gut, stirbst du eben mit ihnen! Ich werde die ganze Welt vernichten. Wartet nur ab. Ach ja und Miyuki, ich hab da noch etwas für dich."
Er lachte dämonisch. Die Kälte und Dunkelheit wich aus dem Raum und auch er war nicht mehr anwesend.
Verängstigt klammerte sie nun an Shiros Arm.
Auf einmal bebte die Erde unter ihren Füßen und brach auf.
Als Miyuki sah, was sich da aus der Erde erhob, stockte ihr der Atem.
Sechs überdimensionale Kreuze brachen durch die Erde. Bis jetzt sah man nur die Spitzen, doch allmählich kamen noch mehr Details zum Vorschein.
Miyuki blieb beinahe das Herz stehen und sie krallte sich regelrecht in Shiros Arm.
Stumme Tränen bildeten sich in ihren Augen und rannen die Wangen hinunter, tropften auf den Arm von Shiro, der selbst total fassungslos und nach Luft ringend dem Spektakel beiwohnte. Erst ihre Tränen rissen ihn aus seiner Trance.
Nun waren die Kreuze vollständig ans Tageslicht getreten. An ihnen hingen sechs Kadaver.
Gekreuzigt, wie damals Jesus Christus von Nazareth, hingen dort die wichtigsten Menschen in Miyukis Leben. Eine Welt brach für sie zusammen. Am liebsten würde sie jetzt selbst sterben, als sie ihren über alles geliebten Bruder Tsunku, Aya, die sie vor kurzem noch bekehrt hatte, Yuuko, mit der sie sich wieder vertragen hatte, Kenichiro und Miho, von denen sie so schmerzlich Abschied genommen hatte und Shinya, mit dem sie bis vor Kurzem noch Spaß gehabt hatte, dort hängen sah.
Sie fing laut an zu schluchzen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Auch die beruhigenden Worte von Shiro und seine sanften Berührungen konnten sie nicht mehr beruhigen. Ihr Leben war, ihrer Ansicht nach, nun total sinnlos und leer. Klar, hatte sie noch Shiro, doch die anderen waren unersetzbar.
Sturzbachartig liefen ihr unzählige Tränen die Wangen hinunter. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Wollte Shiro bitten, sie nie alleine zu lassen, doch die Trauer schnürte ihr die Kehle zu und ihre Stimme versagte. Mehr und immer mehr kauerte sie sich auf der Couch zusammen und vermochte nicht mehr hinzusehen, wie die toten Körper, derer, die sie geliebt hatte, regungs- und gefühllos an den hohen, braunen Kreuzen hingen. Wollte nicht in ihre gepeinigten und schmerzverzerrten Gesichter sehen und auch nicht ihre gequälten und geschundenen, mit Blut übergossenen Körper.
Plötzlich war ihr, als ob sie die Stimmen ihrer alten Freunde hörte, die sie verzweifelt und mit erstickten Stimmen um Hilfe anflehten.
Geschockt legte sie ihre Hände auf die Ohren und rief, sie sollen doch aufhören.
Es kam ihr überhaupt alles vor, wie ein böser Traum, doch es war keiner, denn sie spürte Shiros warme Hände an ihrem Körper.
Sie wollte weg hier, nicht den Geruch des verwesenden Fleisches einatmen.
Mit leerem Blick sah sie Shiro Hilfe suchend an, während ihr die Tränen in Massen über das Gesicht strömten. Aber auch er war unfähig in diesem Moment einen klaren Gedanken zu fassen. Selbst er war zu Tode erschrocken, doch es machte ihm weit weniger aus als ihr, die vor ihm zusammengekauert und weinend auf dem Sofa saß.
Sie tat ihm so unendlich Leid. Am liebsten hätte er jetzt mit ihr getauscht und würde all diesen Schmerz auf sich nehmen, doch es war unmöglich.
Er hätte alles gegeben, wäre das hier nie passiert, würde sie glücklich leben können, doch das würde jetzt nie wieder der Fall sein.
Eine Gänsehaut entfaltete sich auf ihrem Körper, als sie wieder einmal den immer stärker werdenden Geruch des vermodernden Fleisches einatmete.
Das kann doch nicht wahr sein. Warum? Warum mussten sie nur wegen mir sterben?, dachte sie und das waren seit geraumer Zeit ihre einzigen Gedanken und sollten es auch noch für länger bleiben.
Sie schluchzte so laut und herzzerreißend, dass selbst Shiro nahezu angefangen hätte, zu weinen, aber er behielt die Beherrschung. Wenn er jetzt auch anfangen würde, würde sie sich bestimmt ganz vergessen.
Als ihre Augen endlich wieder Ausdruck hatten, spiegelte sich darin nur Angst und Grauen und natürlich unendliche Trauer, die durch die wohl nie versiegenden Tränen ausgedrückt wurde.
Sie zerbrach innerlich. Es war ihr, als hätte jemand gewaltsam ihr Herz herausgerissen und es in Stücke zerteilt. Und diese Stücke hingen jetzt an dem Kreuz. Das waren die Menschen, denen sie jeweils ein Stück ihres Herzens geschenkt hatte.
Shiro hatte sich bestmöglich gefasst und nahm sie nun in den Arm und drückte sie ganz fest an sich.
Er flüsterte beruhigende Worte, die ihr mitteilten, dass alles wieder gut würde und sie keine Angst zu haben bräuchte, doch er glaubte ja selbst nicht daran, also wie sollte sie es ihm dann glauben?
Selbst jetzt noch, war es ihr nicht möglich zu sprechen, geschweige denn mit dem Weinen aufzuhören.
Mit einem Schlag war ihr gesamtes Leben zerstört und unwichtig geworden. Sie wollte ebenfalls sterben. Hier und jetzt sofort.
"Töte mich!", schrie sie mit Tränenerstickter Stimme.
Shiro war geschockt und rüttelte sie heftig:
"Hör auf das zu sagen! Komm wieder zur Vernunft!"
"Bin ich doch schon!", heulte sie schreiend, "Ich will ohne sie nicht leben! Ich kann es nicht!"
"Natürlich kannst du. Du musst nur stark sein und an dich glauben und außerdem. bin ich auch noch da und das werde ich für immer und ewig sein."
Seine Worte rührten Miyuki nur noch mehr und noch mehr Tränen kullerten ihre Wangen hinunter.
Er meinte es ernst. Todernst.
"Ich weiß nicht", begann sie leise flüsternd, "wie ich es ohne sie schaffen kann. Mein ganzes Leben hatte ich mit ihnen ausgerichtet. Ich wollte sie nie verlieren. Ich wollte, dass sie immer bei mir sind, oder zumindest in meiner Nähe. Ich habe solche Angst vor dem Alleinsein. Und außerdem wollte ich nie, dass ihnen solche Schmerzen zugefügt werden und dass ihr Leben so früh endet. Ich wollte sie beschützen, aber gerade wegen mir mussten sie sterben."
"Dich trifft keine Schuld!", rief Shiro entsetzt.
"Doch! Weil ich lebe, weil ich geboren wurde und nur deswegen hängen sie jetzt dort!"
"Du konntest doch nicht wissen, dass sie einmal so enden! Du bist immer mutig deinen Weg gegangen und hast deine Aufgabe erfüllt und jetzt willst du einfach so aufgeben?"
"Ja,. weil es nichts mehr gibt, wofür sich das Kämpfen lohnt."
"Lohnt es sich denn nicht für dich Menschheit zu kämpfen? Dafür zu kämpfen, dass nicht noch mehr Menschen dein Schicksal oder das deiner Freunde erleiden müssen? Willst du nicht andere Leute vor solch einem Schmerz bewahren?"
"Du hast Recht.", sie seufzte, "Ich werde weiterkämpfen, für das Gute!"
Zwar hatte sie sich wieder einigermaßen beruhigt, doch trotzdem rannen ihr weitere, stumme Tränen das Gesicht hinunter. Aber sie lächelte. Nur ein kleines, verhaltenes Lächeln, aber ein Lächeln und das zählte für Shiro.
Er strich ihr mit den Fingern über das Gesicht und wischte ihr die Tränen von den Wangen und den Augen.
Sanft küsste er sie auf die Stirn.

Miyuki ging kurz entschlossen zu den Kreuzen, die dreimal so groß waren wie sie und von denen ein modriger Geruch ausging, von dem sie sich aber nicht stippen ließ.
Langsam schloss sie ihre Augen und fiel auf die Knie, faltete ihre Hände.
Sie betete ein stummes Gebet und bat bei diesem um den Frieden für ihre Freunde. Ihre Lippen bebten fast unmerklich, als sie das Gebet im Stillen zu Gott in den Himmel schickte und musste fast wieder anfangen zu weinen, doch sie blieb stark.
Nach ungefähr fünf Minuten erhob sie sich wieder und öffnete die Augen. Zwar erschauderte sie bei dem Anblick der leblosen Körper und der schmerzverzerrten Gesichter und dem strengen Geruch, doch ihr Blick blieb standhaft. Sie drehte sich um und löschte diesen Anblick sofort wieder aus ihrem Gedächtnis. So wollte sie ihre Freunde nicht im Gedächtnis behalten, sondern so, wie sie sie vor Kurzem noch gesehen hatte.
Sie würde sich bis zum Ende ihres Lebens und jeden künftigen Tag an sie erinnern.
Miyuki ging wieder zurück zu Shiro und fiel ihm in die Arme. Sie schluchzte und Tränen benetzten sein Oberteil. So stark war sie nicht, dass ihr der Anblick nicht das Geringste ausmachte. Noch immer hatte sie es nicht verarbeitet und würde es den Rest ihres Lebens nicht können, doch er gab ihr Halt.
In seinen Armen vergaß sie für wenige Augenblicke ihr Leid und fühlte sich sicher, als könnte ihr nichts Schlechtes der Welt irgendetwas anhaben.
Doch sie blieb realistisch. So war es nicht. Jetzt müsste sie kämpfen.
Kämpfen für die andren Menschen und ihnen ein Schicksal wie das Ihre ersparen. Damit nicht noch mehr Unschuldige leiden und ihr Leben lassen müssten.
Mit einem fest entschlossenen Blick sah sie zu Shiro hoch, der sie schon die ganze Zeit im Auge gehabt hatte. Ihr Herz raste, als seine Lippen den Ihren ganz nah waren, so wie bei ihrem ersten Kuss.
Sie wünschte sich nichts sehnlicher in diesem Moment, als dass er sie küsste und ihr Wunsch wurde erfüllt. Er beugte sich noch tiefer zu ihr herab und berührte ganz zart und sanft ihre Lippen.
Es war ihnen so, als hätte gerade jemand einen Schwarm Schmetterlinge in ihren Bäuchen entfesselt.
Doch auf einmal krachte es gewaltig hinter ihnen.

Für die Liebe an einem neuen Tag


Erschrocken fuhren sie auseinander und blickten sich um.
Ein ganzer Haufen von Dämonen.
"Ihr entkommt uns nicht!", riefen sie voller Zorn und stürzten sich auf die beiden.
Shiro wehrte sich tapfer, doch Miyuki stand da, wie in Trance.
"Miyuki! Was tust du da? Kämpf!", schrei Shiro.
"Kämpfen? Ich will nicht mehr kämpfen", flüsterte sie leise und starrte auf den Boden.
"Gerade hast du es doch noch begriffen! Du wolltest den anderen Menschen dein Schicksal ersparen und sie retten!"
"Ich will euch ja keine Hoffnungen zerstören oder so, aber die Menschheit ist bereits ausgerottet", erklärte einer der Dämonen und lachte dann diabolisch auf.
"Was?", rief Shiro völlig von der Rolle.
Auch für Miyuki war es ein großer Schock. Die Menschheit war bereits verloren. Es lohnte sich nicht mehr zu kämpfen.
Seit einem Jahr lieferte sie sich nun Kämpfe mit den Schattenwesen und hatte die Welt trotzdem nicht retten können.
Shiro wollte nun auch nicht mehr kämpfen. Entschlossen bahnte er sich gewaltvoll einen Weg durch die Dämonen hindurch auf Miyuki zu.
Sie sah ihn überrascht an, aber in ihren Augen spiegelte sich Enttäuschung.
Schnell drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn, nahm ihre Hand fest in die Seine und zog sie mit sich. Er stürmte aus dem Haus die Straße entlang.
Die Dämonen waren ihnen knapp auf den Fersen.
Die zwei rannten mit klopfenden Herzen und so schnell sie konnten.
Endlich.
Nach ein paar Minuten, die ihnen wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, erreichten sie ihr Ziel.
Die Kirche.
Blitzschnell schossen sie in die Tür hinein und schlossen sie ab, was aber eigentlich nicht nötig gewesen wäre, da Dämonen sowieso keine Gotteshäuser betreten konnten.
"Shiro, wie kannst du die Kirche betreten?", fragte Miyuki leise, "Du bist immerhin Satans Sohn!"
"Das ist so", begann er zu erklären, "Meine Mutter war ein Mensch. Satan wollte eine besonders gemeine Tat begehen und nahm eine Nonne. Dieser setzte er Abunai und mich ein und sie bekam uns schon nach wenigen Stunden des Schmerzes. Sofort nach der Geburt starb sie und Satan nahm sich uns an. Vielleicht weil sie eine sehr reine und gute Frau gewesen war, wurden Abunai und ich auch nicht so grausam, wie wir es eigentlich hätten werden sollen und deswegen kann ich auch die Kirche betreten."
"So ist das", murmelte Miyuki in sich gekehrt.
"Sei nicht mehr so traurig. Lass uns lieber unsere gemeinsame Zeit genießen.", flüsterte er ihr ins Ohr.
Verdutzt sah sie ihn an, lächelte aber gleich wieder.
Sanft hob er sie hoch und trug sie auf seinen Armen den Weg bis zum Altar.
Der Geruch von Weihrauch stieg Miyuki in die Nase.
In diesem Moment war sie, auch trotz den anderen Zuständen, überglücklich.
Vorne am Altar angekommen, schob Shiro alle Dinge, wie Bibel, heiligen Kelch, Hostien hinunter und legte Miyuki stattdessen hinauf.
Er selbst legte sich auf sie und fing an, sie zu Küssen.
Er küsste sanft und feurig zugleich. Sie fuhr mit ihrer Hand durch seine Haare und genoss seine Nähe und seine Wärme.
Langsam fing er an, ihren Hals zu küssen.
Shiro streifte ihr das Oberteil hinunter und fuhr mit der Zunge über ihre Brust.
Sogleich löste er auch noch den BH und zog ihr den Rock hinunter.
Miyuki küsste seinen Hals und zog dabei sein T-Shirt aus. Zärtlich fuhr sie mit ihren Händen über seine Brust und seinen Bauch, bis sie bei der Hose angelangt war.
Langsam und gefühlvoll öffnete sie diese und zog sie ihm aus.
Sie küsste und leckte seine Brust.
Gegenseitig zogen sie sich noch die Unterhosen hinunter .


.


.


.



Am nächsten Morgen erwachten beide völlig glücklich und eng umschlungen, aber bereits wieder angezogen.
Miyuki war die erste, die aufwachte.
Schnell hauchte sie ihm ein "Ich liebe dich" ins Ohr, worauf er die Augen aufschlug und stand auf.
Er tat es ihr gleich und umarmte sie von hinten.
Sanft legte er seinen Kopf auf ihre Schulter und meinte besorgt:
"Wir können uns hier nicht ewig verstecken."
Er nahm ihre Hand.
"Ja, du hast Recht. Aber was können wir tun?"
Im Nu wurde ihre Frage beantwortet.
Sie hörte plötzlich eine tiefe, aber sanfte Stimme, die ruhig zu ihr sprach:
"Obwohl du bereits ein gefallener Engel bist, musst du tun, was alle Engel in der Apokalypse tun müssen. Du musst die Erde retten, mit deiner gesamten Energie, sonst wird sie untergehen. Du wirst sterben. Jetzt und hier. Deine Kraft wird aus dir hinausströmen und die Erde heilen, ihr neue Energie geben."
Die Stimme verstummte.
Mit leerem Blick starrte Miyuki vor sich her.
Shiro bemerkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war und fragte:
"Miyuki, was ist los mit dir?"
Doch eine Antwort bekam er nicht mehr. Er hielt sie immer noch fest umklammert, aber sie reagierte nicht mehr auf den Druck seiner Hand.
Er schüttelte sie kräftig und verzweifelt.
Kein Lebenszeichen.
Auf einmal merkte er, dass ihr Herz nicht mehr schlug. Da fiel ihm ein, was sein Vater ihm einmal gelehrt hatte:
Wenn die Erde vor dem Untergang steht, opfert Gott seine Engel um sie zu retten.
Jetzt wurde ihm so einiges klar.
Sanft legte er sie auf den Boden, den heiligen Boden der Kirche nieder und kniete sich vor sie hin.
Tränen perlten in Strömen aus seinen Augen und tropften auf ihren leblosen Körper.
Ohne sie wollte und konnte er nicht mehr leben.
Er erhob sich und rief mit voller Kraft:
"Gott, du kannst meine Kraft ebenfalls haben! Nimm sie dir!"
Keine Reaktion.
Geschafft sank er in sich zusammen.
Warum wollte Gott seine Energie nicht?
Auf einmal fühlte er, wie seine Kraft aus seinem Körper wich.
Er war tot.
Gott hatte ihm seine bösen Taten verziehen und seine Hilfe angenommen.
Shiros lebloser Körper sank nieder auf den von Miyuki.
Kurz darauf lösten beide sich auf. Genauso wie viele andere Engel auch.


.Und die Erde erstrahlte kurz darauf in vollem
Glanze.










Ein neues Leben


"Tschüß Mama und Papa", rief ein Mädchen, "Ich muss in die Schule!"
"Auf Wiedersehen, Schatz", erwiderten ihre Eltern.
"Ich geh dann auch mal", sagte ihr großer Bruder.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Schule.
Das Mädchen wurde sogleich von ihren drei besten Freundinnen empfangen und ging mit ihnen weiter.
Ihr Bruder begrüßte erst einmal seine Freundin mit einem zärtlichen Kuss und dann seine zwei Kumpels.
Die Freundinnen des Mädchens gingen schon mal vor ihr in die Schule, da sie noch etwas zu erledigen hatte.
Gerade wollte sie nach Erledigung der Aufgabe in die Schule rennen, da sie sonst zu spät kommen würde.
Sie hatte ihren Blick nicht nach vorne gerichtet sondern nach rechts, da sie dort schnell noch einen Blick auf den Vertretungsplan erhaschen wollte.
Auf einmal knallte es.
Sie war geradewegs in jemanden hineingerannt.
Das Mädchen sah hoch und blickte in wunderschöne blaue Augen.
"Wo hast du denn deine Augen?", fragte er frech.
"Entschuldigung!"
Beide hatten wahnsinniges Herzklopfen und fühlten vom ersten Augenblick an eine seltsame Verbundenheit.
Beschämt machte sich das Mädchen auf in seine Klasse.
Sie kam gerade noch rechtzeitig.
Der Lehrer trat ein und hatte den seltsamen Jungen von vorhin dabei und sagte folgendes:
"Das ist euer neuer Mitschüler. Ach ja und außerdem, wir fahren nächste Woche ins Schullandheim."
Beigeisterung.
Zu Hause wollte das Mädchen gerade seine Hausaufgaben erledigen, als sie in einen plötzlichen Schlaf fiel.
Sie träumte, dass sie in einem Bett erwachte und ein helles Licht strahlte auf sie nieder. Dann erschien ein Engel.
"Du bist ein Seraphim, der höchste der Engelschöre. Du wirst bei Gott im Himmel sein. Wenn bei euch Nacht ist."
Dann verschwand er und das Mädchen erwachte erstaunt.
Tatsächlich fand sie sich in der nächsten Nacht im Himmel wieder und lernte drei andere Seraphim kennen. Unter ihnen die Freundin ihres Bruders.
Im Schullandheim erfuhr sie, dass der Junge, den sie angerempelt hatte, ebenfalls ein Engel war.
Bald verliebten sich die beiden.



Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wie herbstlich wird die Dämmerung,
wie gläsern ihrer Lüfte Kühle,
die Schatten liegen auf dem ›Grün‹
und rufen leis’ »Auf Wiederseh’n!«

Der Sommer sagt: »Adieu, macht’s gut,
ich komme wieder nächstes Jahr!«
Entflammt noch einmal mit aller Macht
den ganzen Horizont mit seinen bunten Farben!

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