Margit Farwig

Erinnerung an Weihnachten

Vom Adventskranz fällt Licht auf Bilder aus vergangener Zeit. Im Schein der Kerzen pochen Gedanken leise an Türen der Erinnerung:
Kurz vor Schulschluss brennt die Zeit auf den Nägeln. Ein paar Minuten, gleich wir es klingeln. Noch nicht. Immer noch nicht. Endlich! Schrill macht die Klingel ein Ende: Einpacken, grüß Gott Frau Schulte, raus!
Wir stürmen die Treppe hinunter, berühren kaum die Stufen, nehmen drei auf einmal. Hinter der Schulpforte eilen wir in alle Himmelsrichtungen. Am Fuße der Mauritiuskirche hätten wir vier Freundinnen gern Flügel ausgebreitet. Der Berg! Eine halbe Stunde Schwitzen liegt vor uns.
Der Graben an der rechten Straßenseite ruht wie frisch gebettet. Eine ungeheure Aufforderung. Wir springen hinüber, herüber, bis uns die Ohren glühen.
Ich lasse die Erinnerung weiter ins Zimmer kriechen. Duft von frischem Tannengrün läßt meine Gedanken über Schneefelder streifen. Unter der Schneedecke ruhen geborgen Geschichten. Zwischen glitzernden Eiskristallen drängen sie an die Oberfläche.
Mutter höre ich sagen: “Margit, kannst du mal dieses Kleid anprobieren? Du hast dieselben Maße wie die Tochter von Frau Busch. Sie hat ein Kleid bestellt und möchte Katrin damit zu Weihnachten überraschen.“ Liebevoll schaut sie auf ein halbfertiges, mit Reihfäden zusammen gehaltenes Kleid, das noch keine Ärmel trägt. Meine Augen strahlen einen Traum aus rotgelben Karos an. Ich steige hinein und lasse mich hin- und herdrehen. Mutter steckt hier und da eine Nadel fest, die
sie zwischen zusammen gepressten Lippen hervorholt und betrachtet zurückgelehnt die Änderung. Nickt. Zuletzt setzt sie die Ärmel ein.
Am nächsten Tag ist wieder Anprobe. Die roten Kugelknöpfe, in zwei Reihen angeordnet, blinzeln mich an und der rote Lackgürtel mit der goldenen Schnalle windet sich um meine Taille. Ich kenne das Mädchen nicht, aber nun sehe ich es vor mir in diesem Kleid. “Es passt, es passt wie angegossen!“, rufe ich. Mutter steckt die Länge ab und sagt: “Das wär´s! Heute Abend wird das Kleid fertig sein. Sei so gut und bringe es morgen gleich nach dem Mittagessen zu Frau Busch.“
Am anderen Morgen träume ich während des gesamten Unterrichts, dass ich mich in diesem wunderschönen Kleid vor dem Spiegel im Flur hin- und herdrehe, sehe mich jeden Sonntag feierlich angezogen zur Kirche gehen und zu den Freundinnen. Lebt wohl, ihr roten Kugelknöpfe! Lebe wohl, du roter Lackgürtel mit der goldenen Schnalle!
Mittags renne ich nach Hause, atme erleichtert auf, als ich höre, dass das Kleid bereits abgeholt wurde und nicht ich es bin, die es wegbringen muss. -
Draußen vor dem Fenster treibt der Wind hastig Schneeflocken vor sich her wie damals am Heiligen Abend, als warmes Licht u n s e r e Wohnstube erhellt für das Mädchen, für mich, in rotgelbem Kleid mit roten Kugelknöpfen und rotem Lackgürtel mit goldener Schnalle.

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