Georg Kaiser

Die Stunden aus Gummi



Ich habe die Liebe der Frauen nie als etwas konstantes erlebt, niemals als etwas worüber man sicher sein kann, dass es am nächsten Tag noch existieren würde. Seit meiner frühesten Erfahrungen in der Liebe konnte oder wollte ich nicht mich in die Illusion einsteigern, dass ein Versprechen eine Garantie bedeutet, nein...an Versprechungen habe ich nie geglaubt, es fällt mir schwer und warum ich so veranlagt bin ist eine überflüssige Frage, denn ich trug den Keim des Zweifelns seit meinem ersten Atemzug, seit meine Augen das Licht dieser Welt zum ersten Male erblickt haben und alle schöne Wörter und Liebkosungen seitens der Frauen können daran nichts ändern. Liebeswörter sind Hülsen mit duftendem Luft gefüllt, Versprechungen sind tote Blätter im vertrackten, dunklen Wald des menschlichen Schicksals.

Es gibt Männer die an die Macht der Liebe fest glauben (ob es Frauen gibt die ebenfalls daran glauben weiss ich nicht), diese Männer sind irgendwie davon überzeugt, dass man Glück besiegeln kann wie ein Mietvertrag oder ein Busabonnement, nicht bewusst versteht sich, sondern aus einem Akt des reinen Vertrauens, im reinen Glauben, dass gegenseitige Liebeserklärungen auch dazu dienen die Dauer des gemeinsamen Glücks zu festigen und zu verlängern. Das wäre kein Problem in einer idealen Welt aber unsere Welt wurde von einem unsichtbaren, unergründlichen Gott und nicht von Rosemund Pilcher erschaffen und nicht von ungefähr gibt es Sätze wie „Das Fleisch ist schwach“. Im Grunde genommen bemitleide ich Menschen, die man als Frischverliebten in Restaurants, Bars oder Parks leicht identifizieren kann. Beim Anblick zweier Menschen die sich umarmen und öffentlich ihr Liebesglück zur Schau stellen ertappe ich mich selber dabei wie mein Blick auf sie gerichtet etwas von Mitleid hat, sie haben nicht falsch gelesen: weder Neid oder Frustration, sondern Mitleid...ich denke oft ungewollt: „Wie viele Verletzungen stehen noch bevor.“ Oder „Sie wissen nicht worauf sie sich einlassen“ und diese Gedanken kommen aus einer dunklen Tiefe meiner Seele, wie ein Abwehrreflex der nicht mit dem Intellekt zusammenhängt, als nichts erlerntes sondern als eine angeborene Fähigkeit mit welcher Man auf die Welt kommt wie die Augenfarbe oder das Charakter. Der Anblick zweier Verliebten stimmt mich eher melancholisch und veranlasst mich zu vergegenwärtigen wie zerbrechlich Versprechungen im Grunde genommen sind und nicht an das Gegenteil zu denken, dass es Liebe auf der Welt noch existiert.

In den Einsamen Stunden in welchen nicht einmal die Erinnerung an leidenschaftlich erlebten Beziehungen das Gewicht der Zeit und ihre niederschmetternde Langsamkeit lindern kann, in den „Stunden aus Gummi“ wie ich sie nenne und in welchen ich die Photos von ehemaligen Liebhaberinnen beobachte erscheint mir die Zeit vor ihnen wie eine riesige Masse aus durchsichtigem Stoff durch welche ich mich durchkämpfen musste und die Zeit nach ihnen wie die selbe zähe Masse durch welche meine Existenz gleiten muss trotz aller Widerständen auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft ohne Form und ohne Gesicht. Klar, ich habe mehrere Arbeitgeber, das Geld ist nie ein Thema und das ist gut so, aber das Geld und die Anerkennung in meinem Beruf sind für mich eher ein Segel mit welchem die Reise durch die durchsichtige Masse der Zeit einfacher gestaltet wird aber sie ändert nichts an der Konsistenz dieser Masse genau so wenig wie der Wind und die Segeln eines Bootes das Wasser weniger dicht machen können in welchem das Boot sich befindet und von A nach B manövriert. Manchmal wird von einer Frau die Frage aufgeworfen ob ich mich nicht nach einem Zuhause oder nach Liebe sehne, und die Frage wird nur mit einem verlegenen Schweigen beantwortet. In diesem Augenblick der Frage erscheint mir die Masse der Zeit zäher und undurchsichtiger, sie erscheint vor meinen Augen wie ein Ozean ohne Karten und ohne Entdecker vor mir...keine Wolken, keine Sturmwarnung, der Himmel über das Meer bleibt der selbe, nur das Meer wird fremd, sowohl seine Oberfläche als auch seine Tiefe wie eine ausserirdische flüssige Welt die geheimnisvoll und unterschwellig bedrohlich vor mir steht.

Nina ist eine Frau die sich nach Liebe sehnt, das glaube ich ihr sofort trotz ihrer sexuellen Appetit und ihre Experimentierfreude im Bett. Diese Frau stellte mir diese Frage vielleicht in der Hoffnung von mir zu hören was sie im tiefsten ihrer Herz hören wollte und mein Schweigen war Antwort genug...für sie ganz bestimmt, aber nicht für mich. Ich habe eine Weile überlegt wie meine Antwort auf eine solche Frage lauten kann falls es eine Antwort geben soll und ich denke, dass ich diese Antwort gefunden habe.

Ich würde Nina mit einer Schilderung einer „Stunde aus Gummi“ antworten: Manchmal sitze ich allein im oberen Stock des Bars „Spheres“ aus welchem man einen schönen Blick auf die neue, moderne Quartiere in Zürich-West hat, es handelt sich um eine riesige urbane Landschaft aus neuen Gebäuden, Supermärkte, Bürokomplexe und protzig- bunkerhaften Firmensitze von Versicherungen und Informatikschmieden strahlend in Aluminium, Chromstahl, Plexiglas und anonyme Schönheit. Das ganze Komplex liegt zwischen ein Industrieareal mit Baggern, imposanten Baukränen und alte Fabriken die auf den Ankunft der Abrissbirnen warten wie ein resignierter Gefangener auf den Ankunft des Henkers. Auf der rechten Seite habe ich einen Blick auf die Autobahn wo Karossen rasen, Trams sausen und alles von Reklamen und Verkehrsschildern beleuchtet, man sieht Beton, Glas, Autos, Fenster die Offenheit und intensives Lebensgefühl nach aussen vortäuschen, man sieht die durchleuchteten Gängen des Urbanen Komplexes in hübschen, fluoreszenten Farben grell gebadet, Grün und sanfter Rot, man sieht die neueste Migros- Filiale und ihre passende Fassade aus dunklem Glas und Aluminiumröhren die mit riesigen, freundlich wirkenden Plakaten zum Einkauf einladen aber die Menschen sind fast unsichtbar, sie bleiben wie verschluckt und verdaut in dieser Landschaft von pharaonischen Dimensionen und schlichtem Prunk. Man hört nur Motorenlärm und an manchen Abenden scheint es mir, dass die Bewohner dieser Stadt in der Stadt nicht Menschen aus Fleisch und Knochen sind ,sondern geisterhafte Gestalten aus einem Bild von de Chirico oder scheue, Phantasmagorische Wesen aus Metall, Stein und Silizium die sich tarnen und eine parallele Existenz führen weil sie sich vor Menschen fürchten. Ich beobachte diesen glänzenden Fremdkörper aus dem ersten Stock des „Spheres“ mit einem Weizenbier in einer Hand und eine brennende Zigarre in der anderen, der Rauch der Zigarre steigt und bildet wellenartige Formen in der dunklen Luft des Bars, verschmilzt mit den Röhren der Decke, werden eins mit den langsamen Stunden aus Minuten die zäh dahinfliessen, mein Blick wandert vom aufsteigenden Rauch auf das grosse Fenster von welchem aus ich die urbane glitzernde Metastase beobachten kann. In solchen Augenblicken bin ich in der melancholischen Musik des Bars eingetaucht und fast ein dahinschwebender Teil von ihr, die Musik verschmilzt mit dem Zigarrenrauch um zusammen eine blaue sanfte Wolke aus Tabak, Einsamkeit und nicht zu Ende gedachten Gedanken zu werden. Ich muss sie nicht zu Ende denken. Ich starre aufs Fenster und nur ein Satz geht mir durch den Kopf in aller Klarheit: „Das ist mein Fenster, das ist mein Zuhause“.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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