Hannah Kraus

Philosophie

"Liegt hinter dem, was geschieht, ein Wille oder ein Sinn?"
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Sofie trat ein. Leise, fast geräuschlos hängte sie ihren Regenmantel an einen der Haken an der Tür. Schweigend setzte sie sich auf den einzigen der vier unterschiedlich aussehenden Stühle, der noch frei war. Keiner der drei Männer nahm eine Notiz von ihr.
"Ich glaube, dass alles vorherbestimmt ist. Alles hat einen Sinn. Auch wenn ich mir in den Finger schneide, irgend einen Sinn hat es. Und wenn alles vorherbestimmt ist, dann muss auch jemand es gewollt haben. Also liegt hinter allem was passiert, ein Wille und ein Sinn. Ich gebe euch ein Beispiel. Ich fahre jeden morgen zur Baustelle, zu meiner Arbeit. Ich fahre mit dem Bus. Einmal habe ich im Bus keinen Sitzplatz mehr gefunden, und musste deshalb nahe der Tür stehen bleiben. An der nächsten Haltestelle stieg eine junge Frau ein. Als der Bus dann wieder anfuhr, stolperte sie. Wenn ich nicht da gestanden hätte, um sie aufzufangen, dann hätte sie sich vielleicht das Genick gebrochen. Später habe ich dann erfahren, dass sie ein berühmtes Buch geschrieben hat. Das wäre nicht passiert, wenn ich nicht das gestanden hätte und..."
Der eifrige, relativ junge Mann wurde unterbrochen.
"Danke, Jake, das reicht. Aber es kann auch Zufall gewesen sein. Nichts ist vorherbestimmt, aber alles hat seinen Sinn. Wir haben unser Leben selbst in der Hand und müssen sehen, was wir daraus machen."
Eine Weile schwiegen alle. Der Mann, der zuvor gesprochen hatte, der an den Zufall glaubte, räusperte sich. Er war schon etwas älter, sein Haar ergraute bereits. Er war der einzige Dunkelhäutige in der Runde. Mit einer minimalen Bewegung zündete er seine Pfeife an.
"David, du sollst nicht rauchen. Wir dürfen unsere Zigaretten auch nicht rauchen, warum solltest du deine Pfeife rauchen dürfen?"
Ohne ein Wort legte David seine Pfeife wieder zurück. Der Mann, der ihn ermahnt hatte fuhr sich mit der linken Hand durch den Bart.
"Also, ich glaube keins von beidem, oder beides. David, Jake, ihr habt beide Recht. Oder keiner von euch. Wissenschaftlich gesehen hat David recht, es gibt keinen Beweis, dass alles vorbestimmt ist. Die Religionen, oder die meisten, behaupten das Gegenteil. Aber die Wissenschaft ist auch eine Religion. Man kann das nicht so sagen. Nichts ist alles, deshalb hat keiner von euch beiden Recht, genauso, wie ihr beide Recht habt."
Jake war sichtlich verwirrt.
"Aber wenn Nichts alles ist, dann ist doch alles..."
"Nichts."
Die drei Männer starrten Sofie an. Sie hatten alle bemerkt, als Sofie eingetreten war, aber keiner hatte sie zur Kenntnis genommen. Sie hatte dieses eine Wort mit einer so großen Überzeugung gesagt, dass die Männer sprachlos waren.
"Da hast du Recht, Sofie. Aber dann ist der Sinn des Lebens..."
"...dass das Leben keinen Sinn hat, da Alles nichts ist, Bo."
Für Sofie war das ein sehr langer Satz. Sie hielt sich immer im Hintergrund, sagte nie viel. Die Männer vergaßen oft ihre Anwesenheit, oder dachten, sie könne ihren Gedankengängen nicht folgen. Da meldete sich Jake wieder zu Wort.
"Wenn Alles nichts ist, dann kann ich ja gehen."
Er hatte darauf gehofft, dass die anderen lachen würden, aber Bo bemerkte nur ruhig, während David und Sofie schwiegen.
"Sicher, Jake. Wenn das stimmt, wenn Alles nichts ist, dann hat auch nichts einen Sinn. Dann könnten wir auch aufhören, zu diskutieren. Wenn du willst kannst du gehen."
"Nein, ich glaube nicht, dass alles sinnlos ist. Und ich glaube auch nicht, dass Alles nichts ist. Sonst könnten wir ja durch die Türen gehen, ohne sie zu öffnen, schweben..."
"Nein."
Sofie unterbrach Jake. Sie redete heute mehr als gewöhnlich.
"Nein. Wenn alles nichts ist, dann existieren nicht nur die Wände nicht, sondern auch wir. Alles ist eine Illusion. Nichts ist real."
"Also diskutieren wir hier auch nicht, sondern bilden uns das ganze nur ein?"
"Das ist meine Meinung, David. Ob es stimmt kann ich nicht sagen."
"Wieso können wir eigentlich nicht durch Wände gehen?"
Bo stellte diese Frage. Er warf sie einfach in den Raum hinein, ohne eine Antwort zu erwarten. David antwortete.
"Engel können durch Wände gehen. Warum wohl?"
"Weil sie leicht wie Luft sind, natürlich."
"Nein, Jake. Wir können durch Nebel gehen. Und wir sind fester als Nebel. Also sind Engel noch fester als wir. Wenn Engel leicht wie Luft wären und deshalb durch Wände gehen könnten, dann wäre es hier ganz schön zugig."
Jake lachte. Er fing sich aber sofort wieder, als er bemerkte, dass das nicht als Witz gemeint war. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann klingelte ein Handy. Jake griff seins.
"Sorry..."
Schnell ging er aus dem Raum. Die anderen schwiegen, bis er zurückkehrte. Aber es dauerte lang. David, Bo und Sofie waren in Geduld geübt. Schließlich kam Jake wieder herein und griff seine Jacke.
"Sorry, meine Mutter. Ich soll sofort zu ihr nach Hause kommen. Meine Patentante hat Geburtstag."
"Hast du das etwa vergessen, Jake?"
"Nein, natürlich nicht, Bo... Okay, ich habe es vergessen. Deshalb muss ich jetzt sofort los."
David hielt ihn noch kurz zurück.
"Was willst du deiner Patentante denn schenken?"
"Keine Ahnung, ich finde noch etwas."
"Schenk ihr Legosteine."
Diesen Vorschlag machte Bo.
"Warum denn Legosteine?"
"Legosteine sind das genialste Spielzeug der Welt. Ich glaube, selbst David könnte damit noch stundenlang spielen. Denk dir aber auch noch eine Erklärung aus, warum Legosteine das genialste Spielzeug der Welt sind. Und jetzt lauf schnell."
Jake hob noch einmal schnell die Hand zum Gruß, dann hastete er aus dem Kellerraum. Auf der Treppe nach oben nahm er immer drei Stufen auf einmal. Die drei Verbliebenen hörten einen Automotor aufheulen. Sie schwiegen noch eine Weile. Dann erhob David sich und ging ohne ein Wort hinaus. Nach zwei Minuten folgte Bo ihm. Nur noch Sofie blieb sitzen. Sie betrachtete die unterschiedlichen Stühle. Dann sagte sie in den leeren Raum hinein: "Legosteine sind das genialste Spielzeug der Welt, weil man alles aus ihnen bauen kann, und es wieder auseinander bauen kann, und wieder zusammen bauen kann, und wieder auseinander... Man kann sozusagen ,Gott' spielen."
Dann erhob sie sich. Sie schrieb eine kurze Notiz in ihr Notizbuch, dass sie Legosteine kaufen wollte, dann ging sie schnellen Schrittes aus dem Raum. An der Treppe blieb sie kurz stehen, dachte nach, ging dann aber weiter. Draußen regnete es. Sie ging zu ihrem Fahrrad, schloss es auf und fuhr in die Nacht hinein. Es war spät geworden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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