Vor langer Zeit flogen tausend Vögel über die Stadt der Enilesen. Eine riesige Flut von Tieren. Ununterbrochen bevölkerten sie die Hausdächer. Nach einer gewissen Zeit aber, flogen sie weiter über das Land der 70 Dörfer. Man nennt es auch Land der Freiheit, denn die Menschen dort geniessen die seelische Nähe der Gemeinschaft und lieben sie in Freiheit. Das Land ist umgeben von sanften Hügeln und Felsen. Weich liegen sie neben den fruchtbaren Feldern der Enilesen.
Manchmal, wenn der Mond am Himmel steht und ihnen gute Nacht wünscht, steht ein Mädchen draussen vor dem Haus und betrachtet ihn. Ihre blonden Haare liegen auf den Schultern und die blauen Augen schauen traurig und wehmütig, und doch mit einer grossen Offenheit und Vertrautheit hinauf zum Mond, zu Mister Mondalh, wie sie den Mann im Mond nennt. Sie hat ihn noch nie gesehen, denn er ist nicht als menschliche Person erkennbar. Sie betrachtet nur seine Augen und seinen Mund im mondähnlichen Gesicht.
Sie reden nächtelang über Geschichten vergangener Zeiten und über seelische Belanglosigkeiten. Seine Stimme fühle sich an wie von der Seele gesprochen. Nicht verbal und doch so echt und nachvollziehbar, erzählte sie einmal ihrer besten Freundin Akiamona.
Mister Mondalh ist ein Wesen. Sie weiss nicht genau woher er kommt, aber sie hat das Gefühl, dass er aus dem Reich der Elfen stammt.
Eines Tages, als sie sich plötzlich an eine Geschichte erinnerte die Mister Mondalh erzählte, wurde ihr einiges klar. Sie begann zu weinen. Sie fragte ihre Mutter, ob sie nach Hause gehen könne, denn es sei ihr nicht gut. Für die Mutter war es kein Problem den Marktstand alleine weiter zu führen. Sie ging nach Hause. Besser, sie ging nach Hause in den Wald. Sie fühlt sich nirgends so wohl wie dort. Oft, wenn sie etwas brauchte und es ihr nicht so gut ging, setzte sie sich neben den grossen Stein beim Elbau- Weg. Der führt direkt zum Fluss der Nimmer- Gesehenen- Sagen.
Sie verschränkte die Arme auf ihren Knien und begann zu weinen.
„Was hast du?“ fragte Grossstein, der liebenswürdige, leicht angeschlagene Fels neben ihr, der schon mehr als tausend Jahre auf dem Buckel hatte, aber nach eigener Aussage noch weiter tausend leben werde. Sie hob den Kopf und schaute in seine lieblichen, warmen Augen.
„Mister Mondalh erzählte mir vor langer Zeit eine Geschichte, bei der ich erst jetzt erkannt habe, welchen Wert sie für mich hat“, die Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie wischte sie mit dem Ärmel weg.
„Welchen Wert hat sie denn für dich?“ fragte Grossstein zurück und rollte mit seinen grossen Augen. Das macht er immer, wenn er am Nachdenken ist.
„Er erzählte mir, dass immer im Frühling tausend Vögel über unsere Stadt fliegen und, dass es seine sind. Doch eines Tages flogen nur 999 zurück, denn einer blieb in der Stadt. Er flog tagelang hin und her, auf der Suche nach einem goldigen Wesen, dessen Namen er nicht wusste. Eines Morgens als ich die Fensterläden öffnete, flog ein Vogel auf unser Dach und sprach mit mir: ‚Glaube tief in dir an den Schatz der nie verloren gehen wird. Denke immer daran, dass er mehr Wert hat, als das Gold der Liebe, denn es ist die Perle der Freundschaft.’ Er liess eine bläuliche Perle fallen, die von drei kleinen, geschwungenen Bögen aus reinem Silber eingefasst sind. Er flog davon. Ich bedankte mich noch, aber er war schon weg. Von da an trage ich sie immer um den Hals, weil ich betrachtete es als Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung der Tiere.“ Sie hielt inne und zeigte Grossstein, die Perle.
„Weißt du was das zu bedeuten hat?“ fragte er wissend. Er war plötzlich freudig erregt.
„Ja, Mister Mondalh erzählte am Ende seiner Geschichte, dass dieses Zeichen der Freundschaft, die ewige Kraft der Mongul- Völker hat. Es ist ein Waldelfenvolk, welches bei der Quelle des Flusses der Nimmer-Gesehenen-Sagen wohnt. Sie haben dem Fluss die Kraft gegeben, Sagen zum Verschwinden zu bringen, da sie unehrlich und heuchlerisch seien. Aber sie füllten ihn mit ihrer ganzen Weisheit, welche sie seit Urzeiten hüten. Sie schufen auch die Perle der Freundschaft, die Umgahl. Mehr erzählte er nicht und doch wurde mir bewusst wie wichtig diese Perle für mich ist. Sie ist ein Teil von mir und doch werde ich sie nicht ewig behalten können. Sie ist nur für ganz wenige bestimmt, die die Kraft der Umgahl aufnehmen können. Ich lebte lange mit ihr, ohne mir ganz im Klaren zu sein, welche Bedeutung sie eigentlich für mich hat. Jetzt weiss ich, dass ich sie nicht mehr länger haben kann. Ich muss mich trennen, aber warum?“ Sie bricht ab und beginnt zu weinen. „Ich weiss nicht warum. Ich möchte nicht und doch ist die Zeit gekommen, dass ein anderes Wesen die Perle tragen kann. Es ist, als werde mir ein Teil von mir weggenommen.“
„Die Perle der Mongul verschwindet nie einfach so“, sagt Grossstein. „Ich kenne die Kraft und die Macht der Umgahl. Ich durfte sie auch mal tragen.“ Er lächelt sie an. Sie schaut auf. „Ehrlich?“
„Ja, ich durfte sie lange tragen und musste sie auch abgeben. Weißt du wer ihn bekam? Er wurde dir übertragen, mein Schatz.“ Er schaut sie mit einem tiefen verbundenen Blick an. „Er geht nie verloren, denn überall wo sie war hinterlässt sie Kraft zum Loslassen und lässt erkennen, dass nichts verloren gehen kann, wenn man weiss, welche Bedeutung es für einen gehabt hat. Das ist das Geheimnis der Umgahl. Wer gelernt hat zu schätzen, wer gelernt hat einen Menschen zu lieben, ohne ihn in Fesseln zu legen, kann sie aus den Händen geben, ohne Angst zu haben, den geliebten Menschen zu verlieren. Die Perle der Freundschaft ist die Kraft, geliebte Menschen loszulassen und zu erfahren, dass sie immer wieder kommen. Sie zeigt, dass Freundschaft Liebe, Freisein und eine grosse Achtung des anderen Menschen ist. Wer das erkannt hat, kann die Umgahl abgeben, denn ihre Kraft ist ewig.“
Sie steht auf, umarmt ihn und gibt ihm einen Kuss auf seine Stirne. Sie dreht sich um und geht glücklich nach Hause, denn sie weiss, was sie spürt ist Liebe. Liebe der Freundschaft.
Auf dem Heimweg begegnet sie Farfallina, dem Schmetterling. Eines ihrer treusten Tierchen. Zusammen pfeifen sie und singen leise ein altes Lied der Enilesen vor sich hin:
The truth begin to bloom,
When the sun has come,
Love stay on the bottom,
Cause the eternity is born
Stay by my side,
When the winter is coming,
Enjoy with me the sun,
When the summer is coming
Honesty, be in my heart,
You’re the construction of love,
Hold me in your arms,
When I cry my tears
Go into the world,
Look, the love is everywhere,
I’m with you, forever,
cause I let you go
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2004.
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Gegen meine Willen
von Doreen Kniewel
Gemma und Patrice - zwei Freundinnen, die sich in einem kleinen Detail unterscheiden:
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