Marlene Wolfback

Rätsel(-haft): Mord

„Sie haben nicht lange Zeit“, wies der Mann in dem eleganten schwarzen Anzug den Mitarbeiter der Elektro- Firma hin.
„Und“, arrogant betrachtete er das weiße Namensschild auf der weißen Arbeitsuniform, „Pablo, wenn sie meinen Vater wecken, ist es nicht gut um sie bestellt. Er braucht seinen Schlaf, stören sie nicht seine Ruhe, ich gebe ihnen eine halbe Stunde.“
Pablo hatte keine Chance. Er hatte eine halbe Stunde um eine von drei Glühbirnen auszuwechseln, die sich im Dachgeschoss dieses Anwesens befanden. Nun stand er, alleingelassen von diesem unheimlichen Typen, da und schnaufte erst einmal durch.
Er setzte sich auf eine der hölzernen Weinkisten und begann zu grübeln. Tausende Gedanken schossen in seinen Kopf, doch sein Arbeitsauftrag schien an seiner Schädeldecke zu festkleben. Und diese wiederum dachte nicht daran, ihm auch nur einen Tipp in seine Gehirngänge abzuseilen. Dann eben nicht.

Als sein Arbeitgeber ihm die zweiflüglige Holztür geöffnet hatte, bat er Pablo unfreundlich, schnell einzutreten. Hatte dieser Korinthenkacker sich wirklich hinter ihm umgeblickt? Dachte er im Ernst, jemand wäre Pablo gefolgt? Wieso dieses Misstrauen? Und wieso überhaupt, könnte Pablo nicht zu Hause sein und Fußball schauen?
‚Auf dem Dachboden sind drei Lampen. Wechseln sie die Kaputte aus … stören sie nicht seine Ruhe … schnell, treten sie ein … sie haben nicht lange Zeit.’
Die Worte von diesem Scapello hallten in seinem Kopf wieder und verdrängten andere Hirngespinste.
‚Konzentrier dich alter Junge, du schaffst das’, sprach Pablo sich selbst Mut zu.
Wenig Zeit, das hieß für ihn, der jetzt hier im Keller saß und sich den Kopf zermalmte, er dürfte nicht ständig nach oben laufen. Wie auch? Schon allein vom Keller bis unter das Dach benötigte er wohl einige Minuten. ‚Ich gebe ihnen eine halbe Stunde.’
„Tssss“, machte Pablo ungläubig.
Der junge Elektriker starrte auf einen alten Stromkasten der unleserlich beschriftet waren. Entnervt trat er auf ihn zu und betätigte einen der kleinen Schalter, der mit einem Pfeil nach oben versehen war. Danach verließ er den Keller und schaute die Wendeltreppe entlang nach oben.
Nichts. Die Luke zum Dachboden lag scheinbar nicht über der Treppe. Wie auch, man musste sie ja über eine Leiter betreten können. Pablo trat der Schweiß auf die Stirn. Er kehrte um und ging wieder auf die Weinkiste zu. Schnaufend sah er sich um. In Weinregalen stapelten sich sichtbar antike Weinflaschen. Über einem der Regale blinkte ein rotes Licht, das wohl von einer Überwachungskamera stammte. Pablo wurde mulmig zumute.
Was wäre eigentlich, wenn der Vater wach werden würde? Oder wenn er in einer halben Stunde immer noch auf seiner Weinkiste sitzen würde? Nervös ging Pablo auf und ab. Er sah in das Auge der Kamera und stellte sich vor, wie dieser Scapello-Wichser jetzt mit seinen Brüdern Karten spielte, während sie Wetten darüber abschlossen, ob er die Glühbirne auswechseln könnte oder eben nicht.
‚Der Gewinner bekommt … Die Waffe in die Hand.’ Pablos Augen weiteten sich unbewusst und er schüttelte den Gedanken von drei gröhlenden Männern fix ab.
‚Drei Glühlampen … nicht wecken…..’, seine Gedanken pulsierten.
„Jaa!“ entfuhr es dem jungen Elektriker. Selbstsicher schritt er auf die Schalter zu. Er betätigte zwei und setzte sich auf die Weinkiste. Nervös trippelten seine Hände auf seinen Schenkeln. Wiederum sah er sich um. Nach einiger Zeit bediente er einen der beiden Schalter zum zweiten Mal.

Prompt machte er sich auf den Weg nach oben. Treppensteigen. Zwei, vier, sechs, acht.
Pablo nahm immer zwei Stufen auf einmal. Im Erdgeschoss angekommen betrachtete er die Eingangstür. Er ging weiter und sah eine Kamera an der Wand gegenüber der Tür.
‚Bloß schnell weiter, raus hier’, mahnte ihn sein Instinkt. Zwei vier sechs acht.
Auch in der zweiten Etage summte eine kleine weiße Kamera während ihr schwarzes Auge ihn beim Vorbeigehen verfolgte.
Pablo beschloss, seine Schuhe in dieser Etage zu lassen.
‚Vater schläft doch’, machte er sich im Gedanken über Scapello lustig.
Zwei, vier, sechs, acht und noch mal: zwei, vier, sechs, acht.
Nun stand er vor der Klappe, die oben an der Decke über ihm thronte.
‚Los komm, mach mich auf, ich habe eine Überraschung für dich’, ging es ihm durch den Kopf und vor seinen Augen spielte sich ein Comic ab.
Er sah den braunen dussligen Kojoten, der eine hölzerne alte Klappe an einer Höhlenwand öffnete und dem mit einem Mal hunderte von Dynamitstangen entgegen schossen.
Ein höhnisches Meep-Meep rief Pablo aus seiner Starre und er zog mit einem langen Haken die Klappe auf und öffnete die Klapptreppe vollständig. Geschickt kletterte er die Stufen hinauf und sah sich um. Im schummrigen Licht zeichneten sich die Silhouetten von Schränken, Truhen und Pappkartons ab. Der Boden war verdammt groß. Es war kalt hier und so trat Pablo schnell auf die erste Glühlampe zu. Er tastete unbeholfen nach dem grauen Glaskörper, da in dieser Ecke des Dachbodens das schwache Licht der mittleren nicht mehr hinreichte. Die Birne war kalt. Weiter ging es, vorbei an der in der Dunkelheit blendenden Funzel.
Auf dem Weg zur dritten Glühbirne stolperte Pablo. Panisch sah er nach unten. Eine Schwelle verdeckte hier wohl Stromkabel.
‚Wo schläft der Vater? Ist er wach? Sind hier Kameras?’, seine Gedanken überstürzten sich und er sah sich um. Nichts. Langsam ging er weiter. Er stieß mit dem Kopf gegen die letzte Lampe die zu pendeln begann. Die Berührung mit ihr war warm gewesen. Er tastete nach der Glühbirne und tatsächlich wärmte das Glas seine kalten und schweißigen Handflächen auf. Mit einem triumphierenden Lächeln auf dem Gesicht drehte er die Glühbirne und wechselte sie schließlich. Auf dem Rückweg nach unten war er froh, nicht die Stimme eines alten gebrechlichen Mannes zu hören. Er hatte alles richtig gemacht oder? Würden die Scalpello ihn nun endlich gehen lassen? Oder würden sie ihn sicherheitshalber doch auf dem Dachboden in der Kühltruhe unter der Lampe lagern, die ständig durchbrennt, da sie häufiger an und aus geht als alle anderen?

Wieder ein neues Mafia-Opfer
38-jähriger Elektriker musste sterben


Madrid. In der Nacht zum Montag fanden Jugendliche an einem Fluss die Leiche des 28-jährigen Pablo Buscelli. Alarmiert riefen sie die Polizei.
Buscelli war wohl Tage zuvor von einem Auftrag nicht zurückgekommen, so sein Arbeitgeber.
„Er sollte eine Glühbirne reparieren, im Hause“, der aufgebrachte Elektrikermeister wühlt in seinen Papieren, Sekunden später erstarrt seine Miene.
Scapello, stand auf dem Auftragsbescheid.
Warum der junge Elektriker nach seinem Auftrag nicht lebendig das Haus verlassen durfte ist noch ungewiss. Die Polizei tappt im Dunkeln, ein Sonereinsatzkommando wurde zu Rate gezogen, doch das Plädoyer des Staatsanwalts lautet, die Anklage wegen mangelnder Beweise fallen zu lasssen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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