Philip Neumann

Atlantis - Die Besetzung Hekataions

In den Tagen des Stobaios, hoher König von Atlantis, begab es sich, dass des Expansionsstreben der Atlanter seinen Höhepunkt erreichte. In alle Winkel des Inselkontinents wurden Expeditionstruppen entsandt, die das Land erschließen sollte. Die schwerste Aufgabe erhielt der junge Rittmeister Themistokles aus Basileia, der sich in den Feldzügen gegen die Südlinge hervorgetan hatte. Seine Truppen wurden in den äußersten Norden Atlantis' befohlen, ein Gebiet, das in seiner Ungastlichkeit von kaum einem Landstrich übertroffen wurde, denn von der Küste weg erstreckte sich eine riesige Sumpflandschaft nach Süden hin....

Der Eingang zur Bucht musste wohl keinen Steinwurf entfernt sein, doch mit dem gestrigen Abend war ein schier undurchdringlicher Nebel aufgezogen, der eine Einfahrt unmöglich machte. Chrysippos stand auf dem Achterdeck des Schiffes, auf die Reling gestützt und starrte in die graue Wand, die sich keine fünf Meter vor seinem Gesicht in die Höhe zog. Obwohl die See ruhig war schwankte das Schiff im leichten Gang der Wellen. Abgesehen von ihm selbst befand sich nur die Freiwache an Deck, der Rest hatte sich in den Bauch des Schiffes verzogen und würfelte, schlief oder betrank sich.
Lange war es noch nicht hell, doch scheinbar hatte die Sonne noch keine Kraft gefunden den Nebel zu vertreiben. "Geisterhaft," dachte der Heermeister bei sich und trat einen Schritt zurück. Themistokles hatte befohlen den Morgen abzuwarten ehe er dieses Nest nordischer Piraten, das von den Atlantern Hekataion geheißen wurde, früher aber unter dem Namen Dun Laoghre mehr oder weniger bekannt war. Wohl eher weniger, denn Chrysippos hatte noch nie davon gehört, wohl aber von Nordatlantis, ein Grund weswegen er diesen Auftrag nur mit größtem Widerwillen ausführte. Doch was war ihm anderes übrig geblieben? Themistokles hätte niemals einen Wunsch des Königs abgeschlagen und er selbst hätte seinen Rittmeister und Freund niemals im Stich gelassen. Seit den Feldzügen im Süden kannten sie sich, schon als Themistokles nur ein unbedeutender Hauptmann war und er der Führer einer Hundertschaft. Themistokles war schließlich in den Range eines Rittmeisters aufgestiegen und befehligte mehrere Armeen, doch hatte er sich Chrysippos erinnert und ihn zu seinem Heermeister gemacht.
"Land in Sicht. Backbord querda," meldete der Ausguck und Chrysippos stürzte wieder zur Reling und spähte in die Ferne. Tatsächlich, der Nebel schien sich zu lichten und es tauchten langsam die Konturen einer Landschaft vor ihm auf. "Weckt den Rittmeister, rasch," brüllte er der Freiwache zu, ohne seinen Kopf zu wenden, als hätte er Angst alles wieder verschwamm, wenn er das Ziel aus den Augen ließ. Und nun kam auch endlich die Sonne durch und brach den letzten Widerstand des Nebels, der sich nun so rasch verzog, wie er gestern gekommen war. Es bot sich ein atemberaubender Blick: Aus dem Meer erhoben sich zwei felsige Hügelketten, die ins Land hineinreichten und letztlich zusammenliefen, ohne sich jedoch zu berühren. Diese Felsformation bildete sowohl eine natürliche Bucht, wie auch eine geschützte Nische, in der das Städtchen lag.

Als der Mann an die Tür klopfte, um ihn zu wecken lag Themistokles bereits lange wach. Ohnehin hatte er kaum geschlafen, denn so erging es ihm immer vor einer Schlacht. Als aber endlich die Nachricht eintraf, dass sich der Nebel verzogen hatte war er kaum noch zu halten gewesen. Rasch entsprang er dem Bett, erfrischte sich kurz an einer, mit Wasser gefüllten Bronzeschale, und schlüpfte dann in sein Gewand. "Tritt ein," rief er mit schneidendem Ton nach draußen, denn jemand musste ihm helfen die Rüstung anzulegen.
Der arme Teufel fing sich mehr als eine Schelte ein, denn an diesem Morgen konnte es dem Rittmeister gar nicht schnell genug gehen, doch bevor ihm endgültig der Geduldsfaden riss war der Seemann endlich fertig und durfte sich entfernen. Als Themistokles ihm nachblickte fiel ihm ein, dass dieser Matrose wahrscheinlich noch niemals einem anderen eine Rüstung angelegt hatte und in diesem Fall war die Geschwindigkeit bemerkenswert gewesen. Anerkennend nickte der Feldherr, was ein guter Drill nicht ausmachen konnte. Mit diesen Männern segelte er schließlich schon seit anderthalb Jahren und hatten seine Launen ertragen, doch war aus einem wahllosen Haufen eine disziplinierte Truppe geworden, was gleichermaßen für die 150 Seeleute wie für die 320 Soldaten galt.
Mit großen Schritten nahm er sie Stufen und trat durch eine Luke hindurch an Deck. "Chrysippos," brüllte er und nur wenige Sekunden später stand der Heermeister vor ihm. "Jetzt wo sich der Nebel gelichtet hat werden wir nicht länger warten. Die Bogenschützen verladet auf die Glaukon, sie werden uns Rückendeckung geben. Die anderen drei Schiffe werden landen. Lasst die Soldaten antreten." "Jawohl, mein Herr," entgegnete Chrysippos mit einem Nicken und mischte sich unter die Mannschaft, die von der Nachricht hervorgelockt worden war und nun auf dem Vorderdeck stand. Zweifellos ein hervorragender Offizier und Freund, wenn auch Themistokles in Gegenwart dritter Wert darauf legte, dass Chrysippos ihn so ansprach, wie es Rang und Titel verlangten. Das stärkte die Moral der Truppe, denn keiner sollte glauben, dass Themistokles seinen Heermeister, aufgrund persönlicher Beziehungen ausgewählt hatte.
"Heute Abend, Männer, werden wir in dieser Halle speisen." Mit der Linken deutete der Rittmeister auf ein Punkt, der oberhalb der Stadt auf dem östlichen Gebirgszug lag und wohl das Hauptgebäude der Stadt war. Unbändiger Jubel ertönte vom Schiffsdeck, denn ein jeder war nach einer 18-monatigen Reise mehr als begierig darauf zu kämpfen und endlich am Ziel zu sein. "Herr, Chrysippos lässt melden, dass das Heer kampfbereit ist. Auch die Bogenschützen befinden sich inzwischen auf der Glaukon." Ein Themistokles unbekannter Mann war an ihn heran getreten und machte Meldung. Er nickte kurz und bedeutete dem Untergebenen mit der Hand, dass dieser sich entfernen dürfe. "Kapitän, signalisiert den anderen Schiffen, dass wir aufbrechen," er machte eine kurze Pause, "und lasst Segel setzen." Befehle waren vom Achterdeck zu hören, die Hippodermes seinen Seemännern zubrüllte und nur wenige Augenblicke später fielen die Segel mit dem Wappen des Themistokles, der Sonne auf blauem Grund. Die Masten ächzten als der Wind in den Stoff fuhr und langsam nahmen die Schiffe Fahrt auf. Angespannt bahnte sich Themistokles einen Weg zum Bug. 30 Meter noch trennten sie vom Strand.

Weiße Gischt schäumte um das dunkle Holz und schließlich liefen die Schiffe unter lautem Krachen auf Grund. Behände schwang sich der Rittmeister über die Reling und landete in knietiefem Wasser. Während er auf den Strand zulief hielt er sein Schild über den Kopf, denn gewiss hätte er für den Feind ein prächtiges Ziel abgegeben. Der König hielt nicht viel davon, dass Themistokles gerne in der ersten Reihe kämpfte, doch der König war nicht hier und die Männer bewunderten und liebten ihn dafür.
Hinter eiferten seine Soldaten dem Anführer nach und stürzten sich von der Bordwand ins kühle Meer hinab. "Phalanx in Formation. Bringt mit mein Pferd," schrie Themistokles nach hinten. Unzählige Male hatten sie dieses Landungsmanöver auf dem Weg nach Norden geprobt, was den Männern freilich gar nicht geschmeckt hatte, doch nun zeigte das Exerzieren Früchte und schon bald stand alles in Reih und Glied, hielt sich unter den Rundschilden versteckt und wartete. Jedoch schienen die Verteidiger keine Pfeile für die Atlanter verschwenden zu wollen. Fragend blickte Themistokles zu Chrysippos hinüber, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. Gute Bogenschützen hatte der Rittmeister gefürchtet, denn diese allein hätten genügt um den Angriff zu einem Debakel werden zu lassen, doch auf den hölzernen Palisaden vor ihnen blieb es ruhig. "Bringt die Ramme. Phalanx vorrücken," Chrysippos bellte die Anweisungen weiter und schon kurze Zeit später hatten sich zehn Männer bereit erklärt den schweren Baumstamm zu tragen. Wider Erwarten brauchten sie nur einen Stoß und das Tor schwang nach innen auf. Beinahe Enttäuscht steckte Themistokles das Schwert in die Scheide, winkte Chrysippos zu sich, um gemeinsam das Tor aus der Nähe zu betrachten.

"Völlig morsch und durchgefault. Scheinbar haben sich die Piraten nicht für Ausbesserungsarbeiten an den Palisaden begeistern können." Angewidert ließ Chrysippos ein nasses Stück Holz fallen, dass einst wohl als Torriegel gedient haben mochte. Längst war klar, dass sie nur eine Ruinenstadt erbeutet hatten, denn die gesamte Siedlung war verwüstet und zerstört worden. Die niederen Häuser aus grauem Stein waren zerfallen, die Strohdächer eingestürzt. Lange konnte es noch nicht her sein, denn hier und da schwelte noch ein Feuer und an manchen Wänden klebte Blut. Doch vor allem stank es unerträglich nach verbranntem Holz und verfaulendem Fleisch. "Durchsucht jedes einzelne Haus, Männer. Wehe euch, ihr lasst auch nur ein einziges Haus," befahl Themistokles, als sich die Truppen später am Marktplatz versammelt hatten, um das weitere Vorgehen zu besprechen, ehe er selbst mit Chrysippos und einigen Soldaten die lange, steinerne Treppe zur Halle hinaufstieg. "Na dann wollen wir einmal sehen, was uns hier erwartet. Brecht das Tor auf." Krachend schwangen die Flügeltüren auf, doch was die acht Männer sehen konnten verschlug ihnen den Atem.....

Kritik in jeder Form ist natürlich sehr erwünscht-Philip Neumann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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