Burkhardt Brinkmann

In Eberbach fängt der Süden an

In Eberbach, am Neckar, fängt der Süden an. Gewiss, im “Ländle“ südlich von Hessen liegt die Stadt am nördlichen Rand. Für uns aber ist es der südlichste Punkt, den wir am Wochenende mit meiner südhessischen RMV-Netzkarte erreichen können. Beim Verlassen der Bahnhofshalle hören wir italienische Laute auf dem Vorplatz. Und fast immer, wenn wir dort sind, scheint die Sonne.

Bevor Sie indes beginnen, mit kalten Verstand den Kausalzusammenhängen hinter diesem Naturphänomen nachzuspüren, möchte ich Sie in die sonnendurchglühten Gassen des hutzelputzigen Altstadtvierecks entführen. Der Blaue Hut behütet es im Südosten; der Rosenturm im Nordosten und, etwas versteckt, der Haspelturm im Westen. Merkwürdig in der Form reckt sich der Mantel- oder Pulverturm im Südwesten empor. Quasi ein hochgezogenes Mauereck und innen begehbar, was fortifikatorisch nachteilig war, touristisch aber durchaus von Nutzen ist. Der an seinem Fuße aufgestellten historischen Kanone hätte er kaum standgehalten.

Im benachbarten Thalheimschen Haus wäre die Königin Viktoria von England beinahe geboren worden (behauptet besonders das Café Viktoria), doch ist den Briten die Schande erspart geblieben, dass die Leitfigur ihrer viktorianischen Epoche in der Stadt der Wildschweine zur Welt kam. Viere dieser Tiere - man kann sie auf einer privaten Webseite http://www.sb68manm.de/Eberbach/Bilder/Eberbach-28.jpg  besichtigen - stehen als Bronzeplastiken gleich in der Nähe herum, und auch sonst sind sie allüberall und in vielerlei Materialien präsent. Uns sind sie im Wald, auf dem Berg bei den drei Burgen, auch schon in echt über den Wanderweg gelaufen; zum Glück nicht vor die Füße.

Eberbach ist eine Bankstadt. Insoweit könnte man es mit Frankfurt vergleichen, wo ich arbeite. Dort freilich wird im Plural die Bank zu Banken, während sie in Eberbach zu Bänken mutieren. Das Besondere an letzteren ist, dass sie von Eberbacher Bürgern (wie auch von einigen dankbaren Gästen) gestiftet wurden. Ausruhen kann man sich auf ihnen so faul, wie bei dem derzeitigen Zinsniveau das Geld auf den Banken.

Neckarsteinach schmückt sich mit dem Prädikat “Vierburgenstadt“. Eberbach hätte, wenn es denn damit werben wollte, deren gar fünfe anzubieten, wenngleich nicht alle dicht beieinander. Drei davon sind mangels historischer Namensüberlieferung als Vorder-, Mittel- und Hinterburg katalogisiert. Im Jahre 1340 ist das Städtchen samt Archiv abgebrannt. Im übrigen war es in seiner mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fiskalgeschichte ohnehin meist ziemlich abgebrannt. In Zeiten, wo sich die Menschen manchmal noch von Eicheln ernähren mussten, hatte der Staat erst recht die gleichen Finanzprobleme wie heute, wo Millionen von Steuerzahlern nicht einmal einen Eichel vollfüttern können.

In Eberbach-Rockenau steht die Burgruine Stolzeneck. Besonderheit: auf einer Treppe kann man in der Schildmauer hoch- und oben auf der Mauerkrone herumlaufen.

Auf dem Ohrsberg erhebt sich nicht nur ein Aussichtsturm; dort ruhen auch, fast völlig unbekannt, die Reste einer fünften Burg. Der Ohrsberg wurde vom Neckar geschaffen, welcher mal um den Berg herumgelaufen ist, der deshalb geomorphologisch als “Umlaufberg“ bezeichnet wird. Um aber schneller zum Ziel zu kommen, hat der Fluss im Laufe der Zeit ein paar Schleifen abgeschnitten und somit die gleiche Strategie verfolgt, wie sie in neuerer Zeit auch viele Firmen und mittlerweile sogar der Staat erproben. Mäandrierende Flüsse freilich bauen gelegentlich auch wieder neue Schlingen auf.

Auf dem Neckar reiste einst, an Eberbach leider nur vorbei, auch Mark Twain, angeblich als Passagier auf einem Floß aus Baumstämmen. Beinahe wäre er in einem gischtenden Unwetter, als inchhohe Wellen das Floß beleckten, elendiglich ertrunken. Seinen Lesern im fernen Amerika konnte er solche Geschichten vorflunkern; in Wirklichkeit gab es zwar viel Holzflößerei auf dem Fluss, aber der alte Lügenbold ist ganz bequem mit der Eisenbahn gefahren, welche nach seinen Beobachtungen damals von hauptsächlich italienischen Arbeitern gebaut wurde. Da hat er ausnahmsweise mal die Wahrheit gesagt, wie wir vergleichbar in der Geschichtsschreibung der Mühltalbahn nachlesen können (http://www.muehltal-hessen.de/geschich/index.htm). Samuel Langhorne Clemens ließ den Italienern völkerpsychologische Gerechtigkeit widerfahren: “It seems that the heavy work in the quarries and the new railway gradings is done mainly by Italians. That was a revelation. We have the notion in our country that Italians never do heavy work at all, but confine themselves to the lighter arts, like organ-grinding, operatic singing, and assassination. We have blundered, that is plain“ schrieb er in seinem Buch “A Tramp abroad“ (“Bummel durch Europa“). (Und, bitte bitte, schreiben Sie den Buchtitel nicht aus Versehen als: “A Tramp, a broad“!)

Wir freilich wollen jetzt weder schaffen noch Übersetzungsprobleme lösen, sondern lediglich zu Mittag essen. Wo und was? Schnitzel in der “Sonne“, Jägerbraten im “Adler“? Auch der “Grüne Baum“ führt hier keine Akropolis im Wirtshausschilde, sondern ist ein weiteres Refugium der deutschen Kost. Unseren anschließenden Caffé Latte trinken wir aber lieber bei den Parisis, in einer einfachen Café-Bar fast wie in Apulien. Signor Parisi zog aus dem Gargano-Gebirge, also von dort her, wo einstmals germanische Recken zum schwertschwingenden Erzengel Michael hinpilgerten, nach Norden. Seine Frau kam gar aus der Türkei: una coppia mediterranissima, gewissermaßen.

Trotz allem fühlt sich nicht jeder Einheimische in Eberbach heimisch. Ein geheimnisvoller Bon Jovi Fan taucht auf seiner anspruchsvoll gothic-gestylten Webseite http://home.arcor.de/jonbonjovi/home.html die Stadt in ein flammendes Rot und droht dem Besucher: “Eberbach das Dorf der Verdammten“ und “Eberbach ist ein verfluchter Ort am Rande des Odenwaldes, den man besser meiden sollte“. Die Einwohner kippt er in einer Animation vom Ohrsberg-Aussichtsturm runter: “Ohrsbergturm-Bouncing“, nennt er das. Nun ja, wer sich so viel Mühe macht, muss seine (Heimat-?)stadt doch wohl lieben. Schreibt ja auch selbst: “In Ewwabach is es soo schee“. (Dass er diesen Satz als Zitat auf der Seite “Farmerquotations“ bringt, wollen wir mal als Mittel künstlerischer Verfremdung deuten.)

Sogar Universitätsstadt war der Ort einstmals; das freilich nur dann, wenn in Heidelberg die Pest wütete.
Auch steht in hoher Gunst, in Eberbach die Kunst. Rosina Wachtmeister höchstselbst hat sich schon einmal aus dem Süden aufgemacht, um dort ihre Picasso-Katzenkunst zu präsentieren und zu signieren.

Besonders aber verstehen sich die Eberbacher auf die Kunst, Feste zu feiern. Das große Volksfest ist der Kuckucksmarkt, ein Rummel zwar wie in vielen anderen Städten, doch ist der Name etwas Besonderes. Den haben die Leute vom anderen Ufer, die Neckarwimmersbacher nämlich, den Eberbachern angehängt, nachdem sie einem von denen einen gebratenen Kuckuck als leckere Taube auf dem Gasthausteller untergeschoben hatten. Die Eberbacher haben fürchterlich Rache genommen, indem sie nicht nur Neckarwimmersbach eingemeindeten, sondern auch ihren Rummel dort drüben auf dem jenseitigen Neckarufer feiern.

Schöner, für unseren Geschmack, ist das Frühlingsfest. Sonntags wird ein Kinderflohmarkt in der Altstadt und auf der Promenade vor der neckarseitig noch voll erhaltenen Stadtmauer veranstaltet. Jedoch sind die meisten der anbietenden “Kinder“ aus dem Alter, wo man noch keinen Führerschein machen darf, längst entwachsen.
Die Stadtmauer übrigens erfüllt noch heute einen nützlichen Zweck. Hochwasser hält sie zwar nicht ab, doch sind die Hochstände der Hochwässer in den Laibungen der Tordurchbrüche in Stein gemeißelt. So kann die Nachwelt sehen und staunen, dass (wenn ich nicht irre) der Rekordstand schon 1828 erreicht wurde.

Auch der “Apfeltag“ ist nicht nur vom Namen her etwas ganz Spezielles. Auf dem Alten Markt vor dem Alten Rathaus (jetzt ein vorbildliches Heimatmuseum) steht eine alte Kelter, aus welcher frischer Apfelsaft in die Gläser strömt. Eine lange Reihe von Verkaufstischen bietet am Leopoldsplatz leckere Apfeltorte (ziehe ich der Viktoria-Torte allemal vor), und wenn´s von oben feuchten sollte, können wir in der Dr.-Gustav-Weiß-Schule katholischen Kuchen genießen, während der Herr die aufmüpfigen Protestanten am Alten Markt im Regen stehen lässt.

Dann werden die Tage länger und die Abende dunkler, und kurz bevor das astronomische Jahr sich seinem Tiefpunkt zuneigt, kommt der letzte, und intimste, der Eberbacher Märkte: der Weihnachtsmarkt. Der wird nicht groß beworben, hier sind die Einwohner unter sich, sitzen im Zelt der Deutschritter am wärmenden Holzofen und trinken Feuerzangenbowle. Die Ritter freilich, welche das Getränk einschenken, trinken keine Bowle: sind noch zu jung dazu. Ein Bläserensemble spielt Weihnachtslieder auf dem Balkon jenes Hauses, in welchem beinahe die Königin Viktoria zur Welt gekommen wäre, und wenn wir Hunger haben, knabbern wir Kuchen am Stand von Robin Dog, dem Verein für die entrechtete und geknechtete Tierwelt.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof durchstreifen wir noch einmal die Parkanlagen vor dem Kurhaus (der Name und die Anlagen haben sich erhalten, obwohl die Kurstadt-Hoffnungen aus vergangenen Zeiten begraben sind) mit ihren farbenfrohen Blumenbeeten und exotischen Bäumen.

Aus Stoccarda, auch Stuttgart genannt, kommt schließlich jener Zug, welcher uns von den frohen Festen entführen will. In Eberbach tauscht er die E-Lok gegen ein Diesel-Wiesel aus und trägt uns als Schlummernde über hohe Viadukte und durch lange finstere Tunnel durch die dunkel dämmernden Jagdgründe der Nibelungen zurück ins Hessenland.

Alles fließt: das Wasser im und die Ereignissse am Neckar auch. So füge ich denn dieser zeitgebundenen Geschichte besser das Entstehungsdatum bei: Januar 2005.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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