Klaus-Peter Behrens

Das Tor zwischen den Welten Teil 5

Zum zweiten Mal in dieser Nacht wurde Tom unsanft geweckt. Irgend jemand trat ihm kräftig in die Seite. Tom, der glaubte, gerade einen Alptraum gehabt zu haben, in dem ein bärtiger Irrer mit einer Axt eine Rolle spielte, war dankbar, aufzuwachen, wenn auch nicht auf solche Weise.
„Aua“, stöhnte er und schlug die Augen auf, um sie gleich wieder zuzumachen. „Ich träume immer noch“, dachte er, als er den grimmigen Gart erblickte. Doch ein erneuter Tritt bewies ihm das Gegenteil.
„Los, hoch mit dir“, hörte er das Wesen mit einer Stimme sagen, die an das Aneinanderreiben von Kieselsteinen erinnerte. „Wer seid ihr und was habt ihr in der Mine von Medara zu suchen?“ Dabei musterte der Zwerg die vor ihm liegenden Menschen auf eine Weise, wie Kammerjäger gewisse Insekten in feuchten Kellerräumen zu betrachten pflegen. Tom nahm dies mit Beunruhigung zur Kenntnis. Vorsichtig versuchte er daher, sich zurückzuziehen. „Mine von Medara?“, ächzte er fragend, um Zeit gewinnen, während er sich nach Dean umsah, der mit einem herzhaften Stöhnen seine Rückkehr in die Welt der Lebenden bekundete.
„Hey, Dean, wach auf, Überraschung“, rief Tom.
„Ach du liebe Güte“, krächzte dieser, nachdem er nach einem kurzen Blick in die Runde den grimmigen Zwerg erblickt hatte. „Wo sind wir denn gelandet?“
„In der Mine von Medara“, erklärte Tom, während er gleichzeitig durch eindeutige Zeichen mit seinen Händen und verdrehten Augen Dean zu verstehen zu geben versuchte, was er von dem geistigen Zustand des Zwerges hielt.
„Interessant“, murmelte der immer noch leicht benommene Dean vorsichtig, während Tom sich langsam erhob, um weiteren auffordernden Tritten zu entgehen.
„Vielleicht bekomme ich mal eine Antwort“, knurrte Gart, ungeduldig auf den Füßen wippend, während er seine Axt vielsagend hin und her schwingen ließ. „Kein Mensch ist je hier eingedrungen. Das ist ausschließlich Zwergengebiet. Zwerge seid ihr aber eindeutig nicht, aber was dann? Zauberer? Diebe? Spione?“ Ein drohender Unterton schwang in seiner Stimme mit.
„Studenten“, antwortete Dean phantasielos und musterte voller Interesse die Stollenwände. Im Gegensatz zu Tom beunruhigte ihn der Zwerg nicht so sehr, dazu war er von der Umgebung viel zu beeindruckt. Gründlich musterte er die Kacheln am Boden, die glatten, verzierten, goldfarbenen Gangwände und die Fackelbeleuchtung. Dies war nicht mehr der Gang, den sie gerade noch erkundet hatten, soviel stand fest. Soweit er erkennen konnte, zog sich der Gang in beide Richtungen beträchtlich in die Länge, nur von der Öffnung zum alten Gang, war keine Spur zu sehen. Das war allerdings beunruhigend. Dean wandte seine Aufmerksamkeit dem Zwerg zu. Dieser versuchte gerade ergebnislos einzuordnen, was Dean mit der Bezeichnung „Student“ gemeint haben könnte. Tom unterbrach seine Überlegungen.
„Schöner Tag zum Holzhacken. Du bist wohl gerade auf dem Weg in den Wald. Nette Axt! Wie wäre es, wenn du uns mit nach draußen nimmst, dann machen wir uns wieder auf den Weg und stören dich nicht länger.“
Hoffnungsvoll sah Tom auf den Zwerg hinunter. Doch dieser war entweder zu der Erkenntnis gelangt, dass Studenten etwas höchst Widerwärtiges sein mußten, oder ihm stand der Sinn nicht nach Holzhacken. Jedenfalls hob er drohend mit einer Hand seine Axt, während er mit der anderen eine Pfeife aus der Hosentasche zog, der er einen grellen Pfiff entlockte. Die Freunde hielten sich überrascht die Ohren zu. Zu allem Überfluß sah Tom einen Augenblick später etwas, das sein Stimmungsbarometer endgültig auf arktische Temperaturen sinken ließ. An den jeweiligen Gangenden erschienen gleich mehrere Zwillingsausgaben des Zwerges, alle bis an die Zähne bewaffnet und alle mit einem Ausdruck im Gesicht, der darauf schließen ließ, dass ihnen der Begriff Gastfreundschaft völlig fremd war.
Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, und die beiden Freunde fanden sich fest verschnürt an die Gangwand gelehnt wieder. Die Zwerge unterhielten sich derweilen leise miteinander und warfen den beiden immer wieder mißtrauische Blicke zu, wobei ihre Augen wie kaltes Glas glitzerten. Dann führten sie die Freunde ab. Deren Proteste blieben unbeachtet, und so fügten sie sich murrend in ihr Schicksal. Der seltsame Zug machte sich auf den Weg durch die Unterwelt von Medara. Unterwegs begegneten ihnen zahlreiche weitere Zwerge, die Karren mit Gestein durch die Gänge schoben und gelegentlich kamen sie an lodernden Feuern vorbei, an denen emsig gearbeitet und zur Beunruhigung der Freunde fast ausschließlich Waffen gefertigt wurden. Schon nach kurzer Zeit hatten sie jede Orientierung verloren. Zu viele riesige Höhlen hatten sie durchschritten und zu viele schwindelerregende Abgründe überquert. Ständig ging es hinab und wieder hinauf. Und überall war das allgegenwärtige, monotone Geräusch von Gestein bearbeiteten Spitzhacken zu hören. Schließlich endete der Marsch vor einer massiven Stahltür in einem kleinen schlecht beleuchteten Gang.
Gart enthielt sich jeden Kommentars, als er die schwere Tür aufschloß und öffnete. Einer der Zwerge nahm Ihnen die Fesseln ab und mit einem Stoß in den Rücken wurden die beiden Freunde in den Raum befördert. Hinter ihnen fiel die Tür mit einem lauten Geräusch ins Schloß und sich entfernende Schritte ließen erkennen, dass Dean und Tom nun allein waren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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