Hildegard Grygierek

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben......

....und das was wir, meine Freundin Gudrun und ich in den zwei wertvollsten Wochen des Jahres, unseren langersehnten Ferien auf Long Island erlebt haben, war nun wirklich nicht von schlechten Eltern, bzw. Müttern. Noch vor Antritt der Reise überschlugen sich schon gleich die Ereignisse. Mama stolperte beim abendlichen Joggen um ihren Wohnzimmertisch dermaßen unglücklich, dass der durch Röntgenaufnahmen bestätigte, angeknackste Fuß eingegipst werden musste. Glücklicherweise ließ sich kurzfristig „Essen auf Rädern“ arrangieren und meine Tochter Katrin durch Taschengelderhöhung überreden, während der gesamten Ferienzeit für Oma´s Unterhaltung und Treppenhausreinigung zu sorgen. Gudruns Mama sah sich noch kurz vor unserer Abreise aus gesundheitlichen Gründen außerstande für sich selbst einzukaufen, geschweige zu kochen, so dass Guddis Sohn Marcel ebenfalls durch Taschengelderhöhung überredet wurde, sich etwas, zumindest zwei wochenlang um Oma zu kümmern. Aus den Nachrichten erfuhren wir über einen evtl. Streik bei der „IBERIA“, ausgerechnet die Gesellschaft, welche uns über Spanien mit zweistündigem Aufenthalt in Madrid nach New York bringen sollte. Ganz schlecht vor Aufregung und mit Magendrücken stieg ich am Abreisetag früh morgens in das Auto meiner Freundin, um uns von ihrem Ehemann zum Flughafen nach Düsseldorf bringen zu lassen. Unterwegs plagte mich die Angst, Günter, so heißt die andere Hälfte meiner Freundin bitten zu müssen, noch mal anzuhalten, um mich in irgendeiner Autobahntoilette zu übergeben oder eine Notdurft zu verrichten. Durch ziemlich vorlaute Techno-Klänge aus einem supermodernen Autoradio und extrem rasanter Fahrweise schaffte es Guddis ausgeschlafener Göttergatte, mich vollkommen von meinem Problem abzulenken. In Düsseldorf angekommen dankte ich nicht nur dem lieben Gott und verabschiedete mich auch höflich von Günter. Als für Gudrun „Time to say good bye“ gekommen war, heulte sie spontan ihrem Günter die Schulter nass. Kaum zu glauben, so kannte ich meine beste Freundin nun überhaupt nicht. Zwar wusste ich immer ihren ausgeprägten Familiensinn zu schätzen, aber mit solch einer Abschiedstragödie die sich bis kurz vor Paris erstreckte, hätte ich niemals gerechnet. Bis sie sich endlich so richtig auf Amerika freuen konnte, waren sämtliche Vorräte an Papiertaschentüchern verbraucht. Tapfere Freundin, gerade von dem einen Schreck erholt wartete auf uns schon die nächste Überraschung. Mit Grauen denke ich an die Flughafenhalle in Madrid, die uns endlos lang und riesig erschien, da wir absolut den „Terminal 1“ nicht ausfindig machen konnten. Das Suchen der schlecht ausgeschilderten Hinweistafeln und das Befragen des Personals nach dem richtigen Weg brachte uns nicht weiter. Entweder schickte man uns gleichzeitig in mehrere verschiedene Richtungen, oder man verstand uns erst gar nicht. Endlich dann nach über einer Stunde des verzweifelten Suchens führte uns der Zufall, eher glaube ich an die Hilfe unseres Schutzengels, zu der Stelle die uns erleichtert aufatmen ließ. Es war der spurlos verschwundene Terminal und es blieb uns sogar noch so viel Zeit, aus den monumentalen Fenstern der Flughafenhalle einige Fotos vom vertrockneten und kargen Landesinneren zu schießen, natürlich nur so weit das Auge bzw. das Objektiv reichte.
In New York angekommen, machte ich dann mit einer Begrüßungstragödie meiner Freundin erst mal Konkurrenz. Sunshine mein Schwager, der meiner Schwester vorauslief um uns zu begrüßen und sich um das Gepäck zu kümmern, wurde von mir dermaßen schluchzend angefallen, dass einige Fahrgäste vor Rührung anfingen mitzuheulen. Welch eine dramatische Wiedersehensfreude, aber schließlich war es schon wieder ein Jahr her, dass ich meine über alles geliebte Schwester, die es vor fünfzehn Jahren nach Long Island verschlagen hat, das letzte Mal gesehen habe. Die lange Trennung gab mir somit das Recht sie vor Freude zuzuheulen, wobei mir aus meinen verweinten Augenwinkeln nicht entging wie hilflos und erschrocken Gudrun nach Halt suchte. Also hakten Inge und ich sie unter und exakt von da an waren wir das neue, unzertrennliche „Dreiergespann“; zumindest für die nächsten zwei Wochen, in denen wir nur gelegentlich durch Inges Berufstätigkeit auseinander gebracht wurden. Ab und an musste sie sich schon mal im Büro sehen lassen. An dieser Stelle sei dem verständnisvollstem Chef den ich je kennen gelernt habe, Mr. Monte und seiner Frau, ein herzliches „Dankeschön“ ausgesprochen.
Nach fast dreistündiger Autofahrt über den Highway in die Hamptons konnte ich es kaum erwarten, den Ozean, die Dünen, die Möwen, Montauk, das Gurneys Inn mit den nettesten Mitarbeitern der Welt, die Nachbarn, meinen lieben Neffen, das Haus meiner Schwester und all das, was ich so schrecklich vermisst habe wiederzusehen.
Auch Gudrun fühlte sich von den Eindrücken und erst recht durch die Zeitverschiebung so aufgewühlt, dass wir die ersten schlaflosen Nächte nutzten, uns stundenlang über den klaren Sternenhimmel zu wundern und nach UFO`S Ausschau zu halten, während sich der Rest meiner Familie im Tiefschlaf ausruhte. Einig waren wir uns darüber, dass irgendwie alles anders ist auf Long Island, sogar der Himmel war größer, wie einst schon der Deutsche Poet „Max Frisch“ in seinem Buch über die Hamptons bzw. Montauk beeindruckt feststellte. Zwei Wochen Ferien verliefen wie im Flug, ein erlebnisreicher Tag übertrumpfte den anderen. Wir ließen nicht aus, mehrere Male mit dem Hampton Jitney nach New York City zu fahren. „River Dance“ am Broadway zu sehen und die aufregend beleuchtete City bei Nacht zu bestaunen, war für mich mit das „Allergrößte“, gefolgt von der Freiheitsstatue und dem World Trade Center. Ein Erinnerungsfoto sollte uns, ich glaube es war in der 107 Etage des berühmten World Trade Centers, unglaublich viel Spaß bringen. Das können sicherlich einige Leute bestätigen, die uns aufmerksam dabei beobachteten wie wir drei mittelalterlichen, nicht mehr so schlanken Weibsen darauf bestanden, mit ganzer Kraft gemeinsam in einer Fotokabine, die als kleiner Pkw mit Zwei-Personen-Sitz aufgemacht war, Platz zu finden. Gudrun, unsere Kleinste blieb beim vergeblichen Versuch frontal mit aufs Foto zu kommen ständig auf der Strecke. Das heißt, Guddi fiel auf ihrer rechten Seite immer wieder aus dem „Wagen“, sobald Inge von der linken Seite auch nur die leiseste Annäherung tätigte sich mit vors Objektiv zu zwängen. Von einer „Goldenen Mitte“ konnte in dieser Position, in der ich mich befand, nicht mehr die Rede sein. Eingequetscht von meiner lieben Schwester und der besten Freundin ließ mich ein rettender und platzsparender Einfall auf Befreiung hoffen. Mit einem langgezogenen Gesicht und einer herunterhängenden Lippe erhoffte ich meinen beiden Mitstreiterinnen genügend Raum zu bieten, mit aufs Foto zu passen. Guddis Grimasse verriet, dass sie von meiner Idee ganz angetan war, denn durch hochgezogene Augenbrauen glaubte sie, genügend Platz für Inge zu schaffen, die dann lächelnd über unsere Köpfe auf uns herabsah. Knopfdruck und Schuss; dieses perfekte Erinnerungsfoto handelte uns sogar Beifall von „Außen“ ein.
Unaufhaltsam und wie immer viel zu schnell näherte sich der Abreisetag. Für Ingrid verständlicherweise ein Glückstag, immerhin hatte sie uns in den letzten vierzehn Tagen ständig im Schlepptau. Um uns zum JFK-Airport zu bringen, wählte sie wegen der intakten Klimaanlage klugerweise das Auto ihres Mannes. Allerdings ein Schaltwagen, mit dem sie, wie sich später unweigerlich herausstellte, nicht so viel Erfahrung hatte. Aber es heißt ja, Übung macht den Meister und somit bot sich hier für sie die einmalige Gelegenheit, eine mehrstündige Übungsfahrt anzutreten. Hilfreich und geduldig erklärte Gudrun ihrer neu dazu gewonnen Freundin das Schalten und die Kupplung. Alle Mühe und Anstrengung sollte sich lohnen, denn bereits am Flughafengelände begriff Inge, wie viel einfacher das Anfahren im ersten Gang ist. Am Iberia-Schalter angekommen staunten wir nicht schlecht über eine Menschlange ohne sichtbares Ende und nach einer Stunde geduldiger Wartezeit ließ man uns freundlicherweise wissen, dass gestreikt wird und in Frage steht, ob in den nächsten Stunden überhaupt noch ein Start stattfindet. Informationszettel wurden an die bereits unruhigen und entnervten Fluggäste verteilt. Natürlich standen mir vor Verzweiflung die Tränen in den Augen und Gudrun drückte sich hilfesuchend an meine große Schwester. Ingrids schon immer stark ausgeprägter Beschützerinstinkt ließ sie zu einer Größe heranwachsen, das selbst Ms. Liberty neidisch zu ihr hinaufgeschaut hätte, denn kurz entschlossen befahl sie Gudrun beim Gepäck stehen zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren bis wir wieder zurück sind. Ich ahnte Schlimmes, auf jeden Fall Aufregendes. Wenn Inge erst mal loslegt, au weia, was hat sie sich wohl ausgedacht!? Auf den Fersen folgend hastete ich hinter ihr her an den Menschenmassen vorbei, einen umlagerten Schalter im Visier. In Kurzform gab sie mir während der Marathon verdächtigen Rennerei Verhaltens-Anweisungen und erklärte aus voller Überzeugung, dass sie Guddi und mich auf jeden Fall nach Deutschland kriegen würde. Mit einem Ohr vernahm ich mehr als erschrocken, dass sie spontan eine Herzattacke von mir erwartete und ich sofort losheulen sollte. Schauspielerische Fähigkeiten kann man mir zusprechen, denn mein vorgetäuschter Herzanfall war absolut überzeugend und während sich der mitleidige Mitarbeiter am Schalter krampfhaft um eine Umbuchung bei einer anderen Gesellschaft bemühte, fühlte Ingrid ganz professionell alle paar Minuten meinen Puls und spendete mir (k)gönnerhaft Trostworte. Eine halbe Stunde sollte es dauern bis wir aus den Unterlagen der geänderten Buchung entnehmen konnten, dass uns der Rückflug in die Heimat mit Delta-Airlines nach Frankfurt und von dort aus mit der Lufthansa nach Düsseldorf führt. Vorteilhafterweise blieb uns dadurch sogar noch der lange Aufenthalt in Madrid erspart. Inge ließ es sich selbstverständlich nicht nehmen uns im Zubringer-Bus zum richtigen Terminal zu begleiten, wo wir fast im letzten Moment durch die Schleuse eilten, um die Maschine mitzubekommen. Ein lautes, für alle zu vernehmendes „I love you“ warf sie mir noch hinterher und wieder flossen Tränen.
Kaum eine Woche wieder zu Hause weiß ich mit ziemlicher Sicherheit:

„Geliebtes Montauk, Du hast mich verzaubert, bald komme ich wieder“!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.03.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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