Dick sitzt mit aufgerollten Ärmeln an seinem Schreibtisch. Er hat die Ärmel seines Hemdes nicht hochgekrempelt, weil es so warm in seinem Büro ist, sondern weil er so viel Arbeit hat. Es hat sich einiges angesammelt, weil er mit einem privaten Problem beschäftigt gewesen war – falsche Zeitform: er hat immer noch ein privates Problem, aber er hofft, daß er dennoch etwas Arbeit nachholen kann.
Der Summer auf seinem Schreibtisch meldet ihm, daß ihn seine Sekretärin sprechen will. Sara ist nicht seine persönliche Sekretärin (auch wenn er manchmal dieses Gefühl hat), sie ist die Vorzimmerdame und für ihn und noch vier seiner Kollegen zuständig. Hätte er eine eigene Sekretärin, hätte er auch ein größeres Büro, einen eigenen Parkplatz und wesentlich mehr Geld.
Dick drückt auf den kleinen weißen Knopf, der Summer verstummt und die Verbindung mit dem Vorzimmer ist hergestellt.
„Mr. Scotts, ein Anruf für sie.“ Tönt die Stimme der Sekretärin blechern aus dem kleinen Gerät.
„Danke, Sara. Stellen sie es bitte durch.“
Dick steckt seinen Arm aus um den Hörer von der Gabel zu nehmen, als sich irgendwo in seinem Inneren eine Stimme drängend zu Wort meldet: Nimm nicht ab! Das ist natürlich Blödsinn, doch die Stimme beharrt darauf, gehört zu werden: Nimm das Telefon nicht ab! Es kann nichts Gutes dabei heraus kommen, glaub mir!
Aber Dick glaubt seiner inneren Stimme nicht und nimmt das Telefonat entgegen.
„Dick Scotts, Architekturbüro Hammer & Cline. Mit wem spreche ich?“
„Ja, guten Tag, ...“
Solche Anrufer findet er immer amüsant. Vor allem, weil er noch nie in Erfahrung bringen konnte, weshalb sie zu Beginn des Gespräches „ja“ sagen. Er hat keine Frage gestellt, die so beantwortet werden könnte. Es sei denn, der Anrufer würde „Ja“ heißen, aber diesen Fall hat er bisher noch nicht erlebt.
„... mein Name ist Mrs. Dickens, ich bin die Gruppenleiterin ihrer Tochter.“
Jetzt weiß Dick mit Sicherheit, daß etwas nicht in Ordnung ist. Seine Tochter ist 4 Jahre alt und verbringt die Stunden in denen er arbeiten muß (er bezeichnet die Zeit absichtlich immer als Stunden – Tage, könnte er wahrscheinlich nicht mit seinem Gewissen vereinbaren), in einer Kindertagesstätte. Dick hat noch nie einen Anruf von dort bekommen. Solche Anrufe bedeuten immer das gleiche, ebenso wie Anrufe, die einen mitten in der Nacht erreichen – vorzugsweise gegen 2 Uhr: nie etwas Gutes, immer etwas Schlechtes.
Gut, daß er sitzt, denn er spürt, wie seine Knie weich werden. Er weiß noch nicht, was passiert ist und doch durchlebt er jetzt schon einen kleinen, klitzekleinen Anflug von Feigheit : noch bevor Mrs. Dickens weiter spricht, möchte er den Hörer auf die Gabel werfen und den Kopf, wie ein Strauß in den Sand stecken. Einfach verschwinden, keine Verantwortung tragen, nichts wissen.
Da das Hasenfuß-Gefühl aber genauso schnell vergeht, wie es gekommen ist, wappnet er sich für das Unvermeidliche. Vielleicht ist Nell ja auch nur von der Schaukel gefallen und hat sich den Fuß verstaucht. Vielleicht hat sie sich dabei aber auch das Genick gebrochen...
Diese Gedanken schießen ihm in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf, so daß die Gruppenleiterin am anderen Ende der Leitung keine Verzögerung in Dicks Reaktion bemerkt, als dieser antwortet:
„Was kann ich für sie tun?“ Dick glaubt nicht, daß Nell sich den Fuß beim schaukeln verstaucht hat, er vermutet, daß der Anruf etwas mit seiner Frau zu tun haben könnte. Wie richtig er damit liegt, wird er in den nächsten Sekunden erfahren.
„Ja, wissen Sie, Mr. Scotts, ...“ Wieder dieses „ja“, aber diesmal amüsiert es ihn nicht.
„..., vielleicht ist es ja auch nur übertriebene Vorsicht, schließlich ist sie Nells Mutter ...“ Die Erzieherin macht eine Pause und scheint ihn stumm aufzufordern, die Initiative zu ergreifen.
Ein hoher Klingelton, der direkt vom Stammhirn zu kommen scheint, schrillt in seinen Ohren. Dick hat schon oft in Büchern gelesen, daß bei jemandem die Alarmglocken schrillen und er fragt sich, ob dieser nervende Ton damit gemeint sein könnte. Aber dieses Klingeln stört seine Konzentration, und das darf er nicht zulassen. Er muß (muß, muß, MUSS) wissen, was Jane getan hat.
„Können Sie mir bitte sagen, was vorgefallen ist?“ Dick ist erstaunt, wie ruhig und gefaßt seine Stimme klingt. Mrs. Dickens scheint seine Reaktion jedenfalls zu beruhigen denn sie fährt gelassener fort:
„Ich habe mich nur gefragt, wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, ob es richtig ist, daß Ihre Frau die kleine Nell so früh abgeholt hat. Denn wissen Sie, Mr. Scotts, so etwas sollte eigentlich mit uns abgesprochen werden.“
Und warum rufst Du Mistkuh dann erst an, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? möchte er sie anschreien. Aber ist es denn wirklich ihre Schuld? Ihn, ihn selber trifft wohl die größte Schuld an dieser Situation. Er hätte damit rechnen und im Hort Bescheid sagen müssen. Doch er hatte nicht damit gerechnet. Damit nicht.
Er weiß nicht, was er dieser Gruppenleiterin, Mrs. Dickens sagen soll. Soll er ihr etwa sagen: Hey, das ist schon in Ordnung, meine Tochter ist nur gerade von ihrer durchgeknallten Mutter entführt worden; aber das ist Okay.
Statt dessen sagt er „Danke.“, und legt auf.
Einen Augenblick bleibt er noch an seinem Schreibtisch sitzen, unfähig das verrückte vibrieren seiner Muskeln (man könnte auch sagen, er zittert wie Espenlaub) unter Kontrolle zu bringen. Seine Gedanken überschlagen sich wie ein Clown im Zirkus, der Purzelbäume schlägt. Was soll, was kann er tun? Die Polizei rufen? Da war er gestern erst um Anzeige gegen seine Frau zu erstatten – und mußte unverrichteter Dinge wieder gehen. Er muß selber Aktiv werden!
Als Dick sich ruckartig von seinem Stuhl erhebt, stößt er mit dem linken Oberschenkel an einen kleinen Stapel technischer Zeichnungen für einen Gartenpavillon, so daß die einzelnen Blätter mit einem leisen Flüstern zu Boden sinken. Mit schnellen Schritten (nur nicht rennen, sagt er sich immer wieder, nur nicht rennen, sonst gerätst Du in Panik und verlierst noch das letzte bißchen Deines Verstandes. Nur nicht rennen!) verläßt er sein Büro, und läuft auf die Aufzüge zu. Hektisch drückt er die zwei Knöpfe gleichzeitig und wartet. Von einem Bein auf das andere tretend wartet er ungeduldig, so lange er kann; doch als nach fast 8 Sekunden noch immer keiner der beiden Fahrstühle sein Kommen signalisiert, macht er auf dem Absatz kehrt und stürmt zur Treppe. Er hechtet die Stufen – zwei, drei auf einmal nehmend – halsbrecherisch hinunter. Es sind sieben Stockwerke und es grenzt an ein Wunder, daß er dabei kein einziges Mal stürzt.
Auf dem Parkplatz angekommen, rennt er zu seinem Auto, fummelt wertvolle Sekunden am Schloß herum, bis er merkt, daß er versucht, den verschlossenen Wagen abzuschließen und steigt schließlich ein.
Er sitzt im Auto und weiß nicht, was er tun soll. Er weiß nur, daß er zu seiner Tochter muß. Seiner kleinen Tochter, die nichts dafür kann, daß seine Frau nicht mehr alle Tassen im Schrank hat; einen Sprung in der Schüssel hat; nicht mehr ganz dicht ist; den Zug nach Nimmernimmerland bestiegen hat.
Weil er keinen Anhaltspunkt hat, wo sich die beiden aufhalten könnten, beschließt er, einfach durch die Gegend zu fahren und die Augen offen zu halten. Er verläßt den Parkplatz Richtung Norden. In dieser Richtung liegt ihr Haus und etwa 4 Kilometer weiter, der Kindergarten.
Mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit drängelt er sich durch den (glücklicherweise nicht so dichten) Hausfrauenverkehr. Gerade überholt er einen sandfarbenen Jeep, und obwohl er weiß, daß der Wagen seiner Frau dunkler ist, schaut er trotzdem in das Auto. Es ist eine Frau mit Kind. Aber nicht seine Frau mit seinem Kind. Er rast weiter.
„Immer die Augen offen halten.“ Er merkt, daß er Selbstgespräche führt, aber in der Abgeschiedenheit seines Autos, findet er das nicht so schlimm.
„Immer schön die Augen offen halten. Irgendwo müssen sie ja sein. Wie weit kann man in der kurzen Zeit kommen?“
Doch dann fällt ihm ein, daß die Frau am Telefon nur gesagt hat, daß Nell „so früh“ abgeholt wurde, nicht wann. Und er hat sie nicht gefragt.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ brüllt er sich selber an und schlägt bei jedem Wort auf das Lenkrad.
Er ist jetzt in der Boston Street. In diesem Teil der Stadt sind alle Straßen nach irgendwelchen Städten und Bundesstaaten benannt. Hier zweigt links die Virginia Road ab und rechts geht es in die Florida Street.
Ohne es recht zu merken setzt er den Blinker und biegt rechts ab. Die Washington Street verläuft parallel zur Boston und zweigt von der Florida Street ab. Ihr Haus steht in der Washington Street.
Ganz nebenbei kommt ihm der Gedanke, Jane könnte mit Nell noch einmal in ihr Haus gefahren sein. Nicht um den Lieblingsteddy seiner Tochter zu holen, den hat Jane schon, aber vielleicht um ein paar Sachen zu packen.
Er biegt in die Hauptstadtstraße (wie er sie gerne nennt) ein und sieht den Jeep seiner Frau am anderen Ende auf die Houston Road steuern.
Mit einem Satz schießt der alternde Volvo vorwärts, als Dick das Gaspedal mit grimmiger Freude durchtritt.
„Jetzt hab ich Dich, und so schnell wirst Du mich auch nicht wieder los, Du Miststück!“
Die Straßen sind nur mäßig mit Verkehr belebt, und doch ist es Dick nicht möglich, zu dem Wagen seiner Frau aufzuschließen. Aber er macht sich deshalb keine großen Sorgen. Seine einzige Aufgabe besteht im Augenblick darin, den Jeep nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fahren jetzt wieder auf der Boston Street. Wenn sie auf dieser Straße weiter fahren, werden sie über kurz oder lang auf die Bundesstraße kommen. 25 Kilometer weiter kommt dann die Autobahn, aber Dick glaubt, daß er seine Frau schon auf der Bundesstraße erwischt. Falls nicht, muß er sich einem neuen Problem stellen, aber er schiebt den Gedanken an die Autobahn erst mal beiseite und konzentriert sich auf den Stadtverkehr.
Dick fällt auf, daß Jane ihn anscheinend noch nicht bemerkt hat. Weder biegt sie abrupt ab, noch fährt sie mit überhöhter Geschwindigkeit oder verhält sich anderweitig auffällig. Sie rechnet wohl nicht damit, daß er ihr schon auf den Fersen ist.
„Du fühlst Dich wohl sehr sicher?“ nachdem er die Frage laut ausgesprochen hat, merkt er, daß es genau das ist, was er möchte. Sie soll sich sicher fühlen. Sie soll sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung halten. Wenn sie ihn jetzt schon bemerkt, kann es leicht zu einem Unfall kommen. Seine Frau ist ihm egal, aber seine Tochter sitzt auch in diesem Auto und er will kein unnötiges Risiko eingehen.
Sie passieren in einem Abstand von etwa 25 Sekunden das durchgestrichene Ortsschild von Porta Beach. 2 Autos liegen noch zwischen ihm und dem Jeep. Er wird ungeduldig. Bis zur Autobahn sind es noch etwa 24 Kilometer.
Der rechte Blinker des Jeeps leuchtet auf.
„Was zum Teufel soll das?“, er ist ehrlich erstaunt. „Wo willst Du hin?“
Noch bevor er die Frage ganz gestellt hat, weiß er es. Jane hat vor 4 oder 5 Jahren ein kleines Haus (Bruchbude wäre die korrektere Bezeichnung für das „Anwesen“) am Lake Fishborn von ihrer Tante geerbt. Sie waren nur einmal da, um es sich anzusehen und gleich wieder abgefahren. Die Renovierung des Häuschens hätte sie in den Ruin treiben können.
Auch er signalisiert seine Absicht, rechts auf die Landstraße abzubiegen. Keiner der beiden anderen Wagen setzt den Blinker.
Dick fährt jetzt 500 Meter hinter seiner Frau. Im Gegensatz zur Bundesstraße liegt die Landstraße verträumt, einsam und mit leichtem Hitzeflimmern in der Landschaft. Es ist kein anderes Auto zu sehen, weder auf ihrer, noch auf der gegenüber liegenden Fahrspur. Er gibt Gas.
Sie hat ihn bemerkt. Er erkennt es an ihren hektischen Kopfbewegungen. Auch sie gibt Gas. Beiläufig registriert Dick, daß die Tachonadel gerade auf 140 zittert.
Er weiß, er hat den Überraschungsmoment auf seiner Seite; sie hat ihn zwar gesehen und ist auch gleich schneller geworden, aber er hat schon eine höhere Geschwindigkeit als sie. Jetzt ist sein rechter Kotflügel schon neben ihrem linken Hinterrad.
Der Jeep hat seine besten Tage auch schon fast vergessen. Er hat zwar mehr PS unter der Haube als der Volvo und im Gelände würde sie ihm mit ihrem Wagen einfach stehen lassen; aber hier auf der Straße zeigt es sich, daß sein Auto die höhere Endgeschwindigkeit erreicht. Er spürt mehr, als er es hört, das satte Schnurren der 8 Zylinder die ihn unerbittlich und unaufhaltsam an dem vergleichsweise kleinen Jeep vorbei ziehen.
Er gerät für einen Moment aus der Fassung; er hat seine Tochter gesehen. Sie sind durch zwei Scheiben Sicherheitsglas voneinander getrennt und rasen mit fast 160 km/h über die Landstraße – und doch meint Dick, seine Tochter zu hören. Er sieht, wie sich ihre Lippen bewegen und hört dabei ihre Stimme:
„Bitte, Daddy, hilf mir! Hilf mir, Daddy!!“
Er hat auch ihre verweinten Augen und die rote Nase gesehen. Er haßt seine Frau mehr denn je und zwingt dem Volvo noch ein paar km/h ab.
Er hat seine weinende Tochter hinter sich gelassen und ist nun auf der Höhe seiner Frau. In ca. 500 Metern Entfernung sieht er eine Rechtskurve. Vorher muß er an dem Jeep vorbei sein.
Plötzlich bekommt er einen Schlag von rechts. Nicht er selber, der Wagen. Metall reißt über Metall. Er hört das Kreischen in seinen Ohren; und er spürt es im Innersten seiner Knochen, Sehnen und Muskeln. Das Geräusch macht ihn fast Wahnsinnig und es will nicht aufhören.
Er hat es geschafft, sein Auto nach dem Schlag in der Spur zu halten, doch der Druck wird immer stärker. Er will einen flüchtigen Blick zu seiner Frau werfen, aber der Blick bleibt nicht flüchtig. Er ist von dem Haß in ihren Augen für einen Moment gebannt. Er kann den Blick nicht von diesen himmelblauen Augen wenden, die ihn einmal voller Liebe angestrahlt haben und ihn jetzt aufspießen wie einen exotischen Käfer auf eine Stecknadel. Die Farbe würde er jetzt auch eher mit „stahlblau“ bezeichnen. Wahrnehmung ist eben selektiv.
Zeit. Die Zeit hat sich in etwas verwandelt, das sich kontinuierlich in die Länge zieht und ihn dabei anspringt wie ein durchgedrehter Rhesus-Affe, der in seinem Wahn immer wieder gegen die Stäbe seines Käfigs springt. Die Zeit arbeitet rasend schnell gegen ihn und will doch nicht vergehen. Die Rechtskurve, die vor ein paar Augenblicken noch so weit entfernt war, befindet sich schon direkt vor ihm. Aber das grausame Kreischen des Metalls stellt seine Trommelfelle seit einer wahren Ewigkeit auf die Probe. Er scheint es schon seit Jahren, vielleicht sogar seit seiner Kindheit zu hören.
Er erkennt, daß er nur 2 Möglichkeiten hat: entweder steigt er mit aller Kraft auf die Bremse und setzt sich wieder hinter den Jeep (sofern sich die Wagen nicht ineinander verkeilt haben, dann landen sie vermutlich alle in dem Graben neben der Straße), oder er gibt Vollgas. Sollten sich die beiden Autos tatsächlich verkeilt haben, wäre Gas geben auch nicht die ideale Lösung.
Seitdem Jane ihn (vor Jahren? Sekunden?) gerammt hat, konnte er nur reagieren. Jetzt will er agieren. Er hat sich entschlossen, lieber alles auf eine Karte zu setzen; er tritt mit ganzer Kraft auf das Gaspedal.
Zuerst passiert - nichts. Hat sich das Blech des Jeeps untrennbar mit dem Metall des Volvo verbunden? Dann verändert sich die Geräuschkulisse um ihn herum. Das hohe metallische Kreischen wird zu einem tiefen Reißen. Aus dem Augenwinkel bemerkt er eine ungewohnte Bewegung. Er wirft einen kurzen Blick zur Beifahrertür. Sie bewegt sich, als hätte ein unsichtbarer Fahrgast den verspäteten Einfall, doch noch mitfahren zu wollen. Dick hat jetzt Schwierigkeiten, den schweren Wagen in der Spur zu halten. Die Schnauze des Volvo wird nach rechts gezogen, währen das Heck nach links ausbrechen will. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. Es kostet ihn enorme Anstrengung dem Druck nicht nachzugeben.
Plötzlich hört er erneut einen lauten Knall. Gleichzeitig läßt der Widerstand mit einem Schlag nach. Der Volvo schießt ungebremst auf die rechte Seite der Straße. Dahinter liegt auch ein Graben. In dem wird er gleich landen, wenn er nichts unternimmt. Er nimmt den Fuß endlich vom Gas und tritt auf die Kupplung, während er gleichzeitig das Bremspedal fast durch den Unterboden drückt.
Eine Vollbremsung wie aus dem Lehrbuch, schießt es ihm durch den Kopf. Doch nur bis zu dem Augenblick, in dem ihm der Jeep in das Heck knallt. Dies ist der bei weitem lauteste Knall, den er heute gehört hat, untermalt vom unmelodischen klirren berstenden Glases. Unkontrollierbar gerät der Volvo ins schleudern. Dick verliert den Überblick. Er fühlt sich wie in der verrücktesten „Raupe“ der Welt, in der die Wagen nicht nur im Kreis fahren, sondern sich auch gleichzeitig um die eigene Achse drehen.
Dann steht er.
Der V8-Benziner ist irgendwann während dieser wilden Drehorgie ausgegangen und jetzt sitzt er hier in der Stille. Er sitzt in seinem demolierten Wagen, betrachtet seine zitternden Hände auf dem Lenkrad und weiß nicht, was er als nächstes tun soll. Was wird jetzt von ihm erwartet? Erwartet überhaupt jemand etwas von ihm? Wenn ja, wer?
„Ich selber.“ Er schaut sich vorsichtig um. Etwa 50 Meter vor ihm liegt eine abgerissene Tür. So also hat sich der Volvo vom Jeep gelöst. Sein Wagen hat noch alle Türen, der Volvo hat das Duell gewonnen.
Er entdeckt den Wagen seiner Frau halb im Graben auf der anderen Straßenseite. Umständlich fummelt er an seinem Sicherheitsgurt, bis er ihn endlich öffnen kann. Er glaubt nicht, daß verunglückte Autos so schnell (und oft) in Flammen aufgehen, wie das Fernsehen einem weis machen will, aber er ist trotzdem beunruhigt. Er ist auch nicht Abergläubisch, aber die 13 kann er deswegen noch lange nicht ausstehen.
Erleichtert stellt er fest, daß ihm außer gehörigen Kopf- und Nackenschmerzen nichts fehlt, alles läßt sich problemlos bewegen. Er macht sich auf den Weg zu seiner Tochter.
Da das Heck des Jeeps in den Graben gerutscht ist, kommt er zuerst zu seiner Frau. Die Fahrertür fehlt und er kann Jane aufrecht hinter dem Lenkrad sitzen sehen. Aber das nimmt er nur am Rande wahr. Nell ist wichtiger. Sie kann er nicht sehen. Das hintere Fenster wurde durch den Unfall in undurchsichtiges Milchglas verwandelt. Er kann nur einen zusammengesunkenen Schemen erkennen.
„Sie ist TOT!“ schreit es in seinem schmerzenden Kopf. „Du hast sie UMGEBRACHT!“
Er reißt die Tür zu heftig auf, so daß sie ihm trotz der eingebauten Pneumatik gegen Hüfte und Oberarm knallt, doch das registriert er nur am beiläufig. Er sieht nur seine kleine Tochter, die reglos und mit gefesselten Händen und Füßen in ihrem Gurt hängt. Sie ist tot.
Schweißgebadet und mit einem unartikulierten Schrei auf den Lippen, wacht er auf. Hat er geschrien? Er weiß es nicht. Er hat Angst. Zitternd lacht er kurz auf. Deshalb nennt man Alpträume wohl auch Angstträume. Er glaubt, daß seine Tochter noch lebt, aber er ist sich nicht sicher. Er strampelt die zerwühlte Decke endgültig ans Fußende, steht auf und schleicht in das Kinderzimmer.
Nell liegt in ihrem Bett und träumt ihre eigenen Träume. Er hofft, daß ihre besser sind, als seine. Er geht wieder ins Bett.
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Kommentare sind bei mir immer gern gesehen, also: schreibt mir, was das Zeug hält!
Die ganze Geschichte könnt ihr übrigens auf meiner Homepage finden, unter dem Namen "Dick".Heike Riedel, Anmerkung zur Geschichte
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heike Riedel).
Der Beitrag wurde von Heike Riedel auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2005.
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Oft himmelsnah: Lyrische Begegnungen
von Rainer Tiemann
Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, wer Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen mag, wird Dinge erleben, die vielen verwehrt bleiben. Ihm werden Menschen begegnen, die sein Leben unverhofft bereichern.
Jeder, der sich bis heute ein wenig Romantik bewahrt hat, dem vor allem Menschlichkeit eine Herzensangelegenheit ist, wird gerne an diesen lyrisch aufbereiteten, magischen Begegnungen des Leverkusener Dichters Rainer Tiemann teilhaben.
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