Wilfried Heise

Das endlose Rätsel



It’s a miracle, another miracle

Es geschah nicht häufig, dass Frauen ihn ansprachen oder gar noch deutlicher ihr Interesse bekundeten, weshalb er den intensiven Blick des Mädchens zuerst gar nicht wahrnahm. Er saß über seine Bücher gebeugt, so wie fast jeden Tag, umgeben von der konzentrierten Stille des großen Bibliotheksaales, einer Stille, die alle, die dort arbeiteten voneinander trennte und gleichzeitig miteinander verband. Dort lebte er, war er zu Hause, gleichsam unbehelligt von der Welt draußen mit ihren schrillen, hässlichen Tönen, die er kaum zu ertragen vermochte.

Gedankenverloren blickte er dem Mädchen ins Gesicht. Sie mochte Mitte zwanzig sein, und ihr Äußeres erinnerte ihn an die Abbildungen aus den Büchern, mit denen er sich beschäftigte. Beinahe erschien sie ihm wie sein eigenes Phantasiegebilde, so wie sie dort saß, mit dem langen blonden Haar und den dunklen ernsten Augen. Erst als sie den Mund ein wenig verzog zu einem, wie er meinte, spöttischen Lächeln, wurde er sich seiner unverhohlenen Neugier bewusst, mit der er sie anstarrte. Vergebens bemühte er sich, mit seiner Arbeit fortzufahren, und je mehr er sich dazu zwang, die Konzentration auf seine Bücher zu richten, desto unerbittlicher drängte sich das Bild des Mädchens in seine Gedanken. Fast körperlich spürte er ihren Blick und er ärgerte sich über sein Ausgeliefertsein, nicht nur an ihre Neugier, sondern vor allem an seine wachsende Unsicherheit und die daraus entstehenden verworrenen Gedanken. Nicht einen Augenblick zweifelte er daran, dass die Bekundung ihres Interesses lediglich eine Aufforderung an ihn darstellte, möglichst rasch in irgendeiner Weise aktiv zu werden. Wie dies geschehen sollte blieb ihm überlassen und damit begann das Problem. Keine Frau - und davon war er restlos überzeugt - träumte ernsthaft davon, nicht umworben zu werden aus einer Mischung von Phantasie, Romantik und Provokation, wie immer sich dieselbe real verwirklichen lassen sollte und in solchen Augenblicken der Verlegenheit bedauerte er zuweilen, nicht einen dieser modernen "Ratgeber" gelesen zu haben, die ansonsten lediglich eine ungeheuere Heiterkeit bei ihm auszulösen vermochten.

Angestrengt starrte er in seine Bücher und versuchte, gewissermaßen auch unter Zeitdruck, eine Lösung aus seinem Dilemma zu finden. Weder die Methode Humphrey Bogarts noch die Rezitation eines Minneliedes schienen ihm geeignet, die Brücke zu schlagen über die tiefe Kluft der Anonymität. Dabei - und dies wiederum erfüllte ihn auf eine Weise mit unerklärlicher Unruhe - empfand er beides als seiner Gefühlsverfassung nahezu kongruent. Doch natürlich hätte er sich eher die Zunge abgebissen, als auf ein vorgegebenes Verhaltensmuster zurückzugreifen, was ihm wie ein Verrat an sich selbst erschienen wäre. Gerade als er ernsthaft beschloss, das Mädchen endgültig aus seinen Gedanken zu verbannen, bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass sie sich langsam erhob. Das beinahe ärgerliche Erstaunen über seine Enttäuschung war mindestens ebenso heftig, wie der Schmerz, der ihn erfüllte, als sie - geräuschvoller, als in diesen Räumen üblich - ihre Papiere zusammenraffte und in eine große Tasche stopfte. Den unmittelbaren Impuls, ebenfalls aufzuspringen, um ihr zu folgen, unterdrückte er angesichts der Tatsache, dass sich mittlerweile einige ihm gut bekannte Kollegen eingefunden hatten, vor denen er sich nicht lächerlich machen wollte, obgleich er sich einen Narren schalt, dem in einer solch möglicherweise lebensentscheidenden Situation Bedeutung beizumessen.

Der Zwiespalt seiner Gefühle erdrückte ihn beinahe und als er, im Glauben, sie verließe den Saal, aufblickte, erstarrte er innerlich, als er wie durch einen Nebel wahrnahm, dass sie auf ihn zukam. Gleichzeitig erfüllte ihn ein solch unbeschreibliches Glücksgefühl, dass er am liebsten aufgesprungen wäre und das Mädchen umarmt hätte. Die Konsequenzen dieser Handlung zu überdenken blieb ihm glücklicherweise erspart, denn das Mädchen hatte vor seinem Schreibpult Halt gemacht und blickte mit dunklen Augen ernst auf ihn herab. Ihre unmittelbare Nähe verwirrte ihn, doch war ihm die Notwendigkeit, als Mann in einer solchen Situation souverän erscheinen zu müssen, wohl bewusst, wobei zum ersten Mal das Gefühl in ihm auftauchte, dass er, eigentlich all für ihn bisher gültigen Normen genau in diesem Augenblick bedenkenlos über Bord werfen könnte. Die Ungeheuerlichkeit dieser Idee berauschte ihn so sehr, dass er für einen Augenblick sogar den Gedanken vergaß, dass die Situation ihn trotz alldem aufforderte, zu handeln.

Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten, der ihm, unter dem dünnen Sommerkleid, das sie trug, weich und straff zugleich erschien, geheimnisvoll und unergründlich, aber auch von unbeschreiblicher Zartheit. Wieder sah er ihr ins Gesicht. Ihre Lippen waren von einem merkwürdigen Rot. Sie waren ungeschminkt - damit kannte er sich aus; er hasste Lippenstifte - und ihr Mund wirkte verletzlich, zeigte ihm die Verletzbarkeit ihrer Seele, und ihr Mut, zu ihm zu kommen, wartend und fragend, rührte ihn bis ins Innerste. Abrupt stand er auf. Eilig packte er seine spärlichen Aufzeichnungen zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Gemeinsam verließen sie die Bibliothek, begleitet von wenigen erstaunten Blicken, doch gleichzeitig unbeobachtet, so als wären sie bereits seit langem ein Liebespaar. Er hätte nicht zu sagen vermocht, wer von ihnen beiden seit diesem Augenblick der wegweisende Teil war und eigentlich war es ihm gleichgültig; nur wagte er kaum, dem Gefühl zu trauen, das unausgesprochene Einvernehmen beruhe tatsächlich auf Gegenseitigkeit.

Das gleißende Licht der Sonne blendete sie als sie ins Freie traten, und die glühende Sommerhitze raubte ihnen beinahe den Atem. Ein Blick genügte, und sie waren sich einig, dass sie den Weg zum Park auf der anderen Seite des Sees einschlagen würden. Sie lächelten einander zu, gleich zwei Verschwörern, die unerlaubt den Schlüssel zu der Tür aus der Welt der schattigen Kühle des Geistes an sich genommen hatten, um in den prachtvollen Glanz des Lebens zu gelangen. Das Glücksgefühl, das ihn in diesem Augenblick überkam, war unvergleichlich gegenüber allem, was er bislang erlebt hatte, und bedenkenlos ergriff er die Hand des Mädchens. Lachend liefen sie los, übermütig wie Kinder; die Straßenpassanten wichen zur Seite, es schien, als wüssten sie alle um das Leben und die Liebe, denn in ihren missmutigen Gesichtern spiegelte sich plötzlich die Erinnerung daran. Atemlos erreichten sie den Park und sie eilten dahin, bis der Lärm des Straßenverkehrs sie nicht mehr erreichte und nur noch das Zwitschern der Vögel und das emsige Summen der Bienen zu hören war.

Er stand ihr gegenüber unter schattenspendenden Bäumen, ausgeliefert nur noch seinem Verlangen sie zu berühren und ihr nahe zu sein. Er bemerkte, wie sich ihr Blick verschleierte; vorsichtig nahm er sie in die Arme und küsste sie sehr sanft. Für einen Augenblick erstaunte er, dass sein leidenschaftliches Verzehren nach ihr sich in einer solchen Sanftheit ausdrückte, doch das Mädchen erwiderte seinen Kuss mit solcher Hingabe, dass er sich endlich völlig selbst vergaß.

Später betrachtete er sie beinahe erstaunt, wie sie ihr Kleid wieder zuknöpfte und mit den Händen versuchte, ihr Haar in Ordnung zu bringen. Sie lächelte, als sie seinen Blick bemerkte. "Du bist schön", sagte er als Antwort. Es war das erste Mal, dass er überhaupt ein Wort an sie richtete, denn bis zu diesem Augenblick hatte er befürchtet, damit etwas zu zerstören, das weitaus kostbarer war als Konversation es je zu sein vermochte. Dabei interessierte ihn brennend, wie sie hieß, wie sie lebte und mit welchen Gedanken sie ihre Zeit verbrachte. Sie küsste ihn auf den Mund und sagte: "Ich liebe dich."

Ungläubig lachte er auf, denn wie konnte sie ihn lieben, da sie ihn doch nicht kannte, nichts über ihn wusste und mit Sicherheit nicht die geringste Ahnung hatte, wie kompliziert das Leben für ihn war. Er sagte ihr, was er dachte, doch sie schüttelte lachend den Kopf. Als sie mit gesenktem Blick gestand, dass sie ihn seit Wochen schon beobachtete, war er fassungslos. Er starrte sie an und wurde sich plötzlich seiner eigenen Empfindungen bewusst, denn natürlich, und das erkannte er in diesem Augenblick, war das, was er für sie empfand, ebenfalls Liebe, unabhängig davon, ob ein Austausch von biographischen Informationen stattgefunden hatte oder nicht. „Und Leidenschaft ist unwiderstehlich wie das Totenreich", sagte er und begriff zum ersten Mal den Sinn all der Worte um Liebe.

Ein lautes Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn aufschrecken. „Wir haben bereits geschlossen“, sagte der Mann ohne Bedauern. „Es tut mir leid ...“ Er sprang vom Stuhl, verwirrt und enttäuscht zugleich. Er schalt sich einen Narren, seine Zeit zu vergeuden mit Tagträumen und Phantastereien, die niemals Wirklichkeit werden würden. Ärgerlich über sich selbst packte er seine Aufzeichnungen zusammen und ging eilig davon. Erst als er ins Freie trat, in die angenehme Wärme des Sommerabends, beruhigte er sich wieder. Doch was blieb, waren Trauer und Schmerz über etwas, das er in diesem Augenblick für verloren glaubte. Dann fiel sein Blick auf eine schmale Mädchengestalt gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Sie lehnte an einer Mauer und sah direkt in seine Richtung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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