Andrea Küppers

Prager Streifzüge

Prag, alte ehrwürdige Stadt an der Moldau. Hier wurde europäische Geschichte geschrieben. Die Prager Fensterstürze sind nur ein Beweis dafür. Ein anderer die vielen Adelspalais auf der Kleinseite und im Burgviertel. Schließlich der Hradschin (Prager Burg) selber. Sie ist mit einer Länge von 570 Metern und einer Breite von 128 Metern die größte Burg der Welt. Das Burgviertel, das u. v. a. auch ein Kloster besitzt, ist so groß, dass es eine abgeschlossene Stadt bildet. Dort kann man auch den bekannten St.-Veits-Dom, in welchem die böhmischen Könige gekrönt wurden und das vielbesuchte Goldmachergäßchen mit seinen winzigen ehemaligen Wohnhäusern der einst an der Burg beschäftigten Waffenschmiede bewundern. Aber Prag hat noch sehr viel mehr zu bieten. Für mich ist sie ein geschichtsträchtiges riesiges Freilichtmuseum.

Die Kleinseite verlässt man zu Fuß am günstigsten über die Karlsbrücke. Diese 1357 erbaute und mehrere hundert Meter lange Brücke wird beidseitig von insgesamt 30 Skulpturen gesäumt. Auf der gegenüberliegenden Moldauseite angekommen erreicht man bald die Altstadt. Im Mittelalter lag dort der Schnittpunkt von Handelsstraßen aus allen Himmelsrichtungen Europas. Das Herzstück der Altstadt bildet der Altstädter Ring. Auf ihm kann man u. a. Sehenswürdigkeiten das gigantische Denkmal Jan Hus (Reformator), das Haus zur Minuten, in welchem zu früherer Zeit Minutenzigaretten hergestellt wurden und die Teynkirche besichtigen.

Sehr beeindruckend finde ich auch das aus dem 14. Jh. stammende Altstädter Rathaus dessen Turmbesichtigung lohnenswert ist. Es besitzt prunkvolle Ratssäle, welche ebenfalls angeschaut werden können und eine astronomische Uhr aus dem 15. Jh. Diese wird auch Aposteluhr genannt und ist ein Kunstwerk besonderer Art. Immer zur vollen Stunde öffnen sich dort zwei kleine Fenster. Dann schüttelt der als Skelett symbolisierte Tod eine Sanduhr, zieht an einer Glocke, während ein Osmane gleichzeitig den Kopf schüttelt.
Danach treten Christus und die zwölf Apostel in Erscheinung. Am Ende des Spektakels kräht ein Hahn.

Dieses Schauspiel ist für mich ein Vorgeschmack für die Mystik, die mich im jüdischen Viertel erwartet. Prag hatte seit dem 12. Jh. eine der größten und bedeutendsten Judenstädte Europas. Als erstes erreicht man die Altneusynagoge, das älteste noch bestehende jüdische Gotteshaus Europas (siehe bitte auch Kurzgeschichte “Der Golem“ in der Rubrik Historie). Die ehemalige Judenstadt verfügte außerdem noch über viele andere Synagogen und kulturelle Einrichtungen. Nach dem Völkermord durch die Nationalsozialisten wurden die meisten Synagogen in jüdische Museen oder Memorials umgewandelt. Sehenswert ist auch das alte jüdische Rathaus, es besitzt ein Zifferblatt dessen Zeiger linksherum laufen. Aber wenn die vielen Raben über dem alten jüdischen Friedhof krähen, erreicht die Mystik für mich seinen Höhepunkt.

“Ich sah die unzähligen aneinandergeschichteten Steintafeln und die uralten Holunder, welche ihre knorrigen Äste drum schlingen und drüber breiten. Ich wandelte in den engen Gängen und sah die Krüge von Levi, die Hände Aarons und die Trauben Israels. Zum Zeichen meiner Achtung legte ich, wie die anderen, ein Steinchen auf das Grab des hohen Rabbi Jehuda Löw bar Bezalel. Dann saß ich nieder auf einem schwarzen Steine, und der Schauer des Ortes kam im vollstem Maße über mich. Seit tausend Jahren hatten sie hier die Toten des Volkes Gottes zusammengedrängt, wie sie die Lebenden eingeschlossen hatten in die engen Mauern des Ghetto...“

aus “Holunderblüte“ von Wilhelm Raabe.
Ich habe das Gefühl hier ist die Zeit stehengeblieben.

Weitere Prager Sehenswürdigkeiten sind das Gemeindehaus welches im Jugendstil von 1911 erbaut wurde und in welche am 28.10.1918 die Proklamation der Tschechoslowakei stattfand, die im 14. Jh. gegründete älteste Universität Mitteleuropas, der Pulverturm der 1475 erbaut wurde und schöne Verzierungen besitzt, die St.-Niklas-Kirchen (Kleinseite und Altstadt), das Loretoheiligtum u. a.

Schöne Spaziergänge kann man auf der anmutigen Insel Kampa unternehmen. Diese erreicht man über eine Steintreppe an der Karlsbrücke, wobei man zunächst auf den ruhigen Kampaplatz stößt. Auf dieser romantischen Insel, eine Häusergruppe wird auch “Prager Venedig“ bezeichnet, kann man durch die schönen Gärten des ehemaligen Adels schlendern und die tollen Ausblicke auf die Moldau und die gegenüberliegende Seite sowie der Karlsbrücke genießen.

Auf dem Königsweg kann man den Spuren der böhmischen Könige folgen. Er führte vom heute nicht mehr vorhandenen Königshof beim Pulverturm durch die Zeltnergasse auf den Altstädter Ring, weiter durch die Karlsgasse über die Karlsbrücke und die Nerudagasse schließlich hinauf zur Burg. Er heißt so, weil es der Weg war, den die Könige die im St.-Veits-Dom gekrönt wurden, gezogen sind.

Auch die Neustadt, der Name trügt, denn sie wurde bereits 1348 gegr., möchte ich bei meiner Stadtbeschreibung nicht auslassen. Der 750 Meter lange und 60 Meter breite Wenzelsplatz, der jedoch eher einem Prachtboulevard gleicht, dominiert die Neustadt. Auf ihm befinden sich Hotels, zahlreiche Geschäfte, Restaurants und Cafes. Am oberen Ende wird dieser Platz von dem monumentalen Gebäude des Nationalmuseums und dem gigantischen Bronzedenkmal Herzog Wenzels begrenzt.

Ihn assoziiert man mit Ereignissen der jungen tschechischen Geschichte. 1939 rollten die Panzer der Wehrmacht über ihn, im Sommer 1968 mussten dort die Prager erneut zusehen wie ihr Staat überrollt wurde. Diesmal von der Roten Armee, welche am 21. August 1968 den Prager Frühling beendete. Hier fand am 16. Januar 1969 vor dem Sockel des Wenzelsdenkmals die Selbstverbrennung des Studenten Jan Pallach statt. Er setzte damit ein Fanal gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes. Der bislang letzte politische Höhepunkt fand hier im November 1989 mit der samten Revolution statt, welche schließlich auch in der damals noch vereinten Tschechoslowakei zur politischen Wende führte.

Neben vielen Kirchen, mehreren Museen, Theatern und einigen Palais befinden sich in der Neustadt auch zwei Klöster, das Neustädter Rathaus, der botanische Garten, ein dem Komponisten Antonin Dvorak gewidmetes Lustschloss und vieles mehr.

Nicht unangesprochen möchte ich auch die Möglichkeiten der kulinarischen Genüsse lassen. In Böhmen aß und isst man gut und Bier ist mit Abstand das Nationalgetränk Nr. 1, es gibt über ein Dutzend Sorten. Die Auswahl der Lokalitäten ist groß. Man kann zwischen erstklassigen Restaurants, bodenständigen Gasthöfen, Bier- und Weinstuben wählen. Viele befinden sich in alten Kellergewölben oder barocken Palais. Jede scheint seine eigene Geschichte zu haben und in vielen verkehrten in schon längst vergangenen Zeiten hohe Persönlichkeiten. Sie tragen klangvolle Namen wie “Zum kleinen Bären“, “Zum König von Brabant“ oder “Zu den drei Straußen“. Im ehemaligen Judenviertel heißen sie z. B. “Zum Golem“ oder “Bei der alten Synagoge“. Wer kennt ihn nicht, den Prager Schinken oder böhmischen Karpfen, den es in fünf verschiedenen Variationen gibt? Nationalgerichte sind außerdem Schweinebraten mit Kraut und Knödeln, gebratenen Geflügel und als Nachtisch liebliche Mehlspeisen.

Abschließend möchte ich dem “Literarischen Kaffeehaus“ ein längeres Kapitel widmen. Wie in vielen anderen Metropolen z. B. Budapest, Wien oder Berlin gab es auch in Prag reges intellektuelles Leben in den Kaffeehäusern. In diese Cafes kamen Schriftsteller, Schauspieler und Studenten. Sie befanden sich in der Nähe von Theatern, Verlagen oder Zeitungsredaktionen. Ins Kaffeehaus kam die künstlerische Prominenz um zu reden, zu diskutieren, zu politisieren und zu schreiben. Sie waren ein Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Sie konkurrierten auch untereinander. Das Niveau wurde an der Anzahl der verschiedenen, ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften und der dort verkehrenden Persönlichkeiten gemäßen.

In Prag lebten Tschechen, Juden und Deutsche miteinander bzw. eher nebeneinander. Unter vielen anderen Kaffeehäusern war das Cafe Arco, das Cafe Union und das Cafe Slavia sehr populär. Im Cafe Arco trafen sich die deutschsprachigen und im Cafe Slavia die in tschechischer Sprache schreibenden Literaten. Das Cafe Union war sogenannter neutraler Boden in welchem beide Kreise verkehrten. Zu den größten Prager Schriftstellern, welche in die Geschichte eingingen, gehören u. a. Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Jaroslav Hasek und Jan Neruda. Der extrem hohe Anteil an jüdischen Literaten darf nicht unerwähnt bleiben. Da sie sich schon immer mit der Deutschen Kultur stark verbunden fühlten, schrieben sie hauptsächlich in Deutscher Sprache. Vor bzw. während des Holocaust mussten sie Prag verlassen, andernfalls wurden sie in Konzentrationslager deportiert bzw. ermordet. Nach dem Einmarsch der braunen Vernichtungsmaschinerie verloren die Kaffeehäuser mehr und mehr an Bedeutung.

In den heute noch bestehenden traditionsreichen Cafes erinnert der vergoldete Stuck an den alten Glanz, die prunkvollen Kronleuchter besitzen eine K. u. K.-Patina und in der Luft scheint noch der Geist von einst lebendig. Im Cafe “Franz Kafka“ kommt mir in den Sinn, dass Prag selbigen gegen seinen Willen nicht weggehen ließ. Deshalb behauptete er “Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen“.

Auch ich reise immer wieder sehr gerne in diese märchenhafte von Mystik geprägte Stadt und gewinne stark den Eindruck, dass sie auch mich mit ihrem unvergleichlich geheimnisvollen, nebulösen und geschichtsträchtigen Charme jedes Mal tiefer in ihren Bann zieht.






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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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