Hermann Larsen

Als ich einmal Kurt Cobain war

Wenn ich mich und mein Leben so anschaue, kann ich trotz meiner selektiven Wahrnehmung und der auf Optimismus programmierten subjektiven Deutungsmuster nicht leugnen, dass ich irgendwann gründlich vom rechten Wege abgekommen bin. Im Gegensatz zu Rotkäppchen wurde ich nicht einmal gewarnt. Wahrscheinlich wurden die Weichen von wem auch immer so frühzeitig und wohl auch so endgültig gestellt, dass freier Wille in meinem Fall nichts weiter als eine Chimäre ist und ich guten Gewissens jede Verantwortung für den Verlauf meines Lebens von mir weisen kann. Einer meiner Zeugen ist Carl Gustav Reich, ein unserer Familie freundschaftlich verbundener Pflanzenpsychologe, der beim gemeinsamen Würstchen-Grillen einmal die Vermutung äußerte, meine Pedanterie und Verklemmtheit habe seine Ursache womöglich darin, dass ich als Kleinkind zu selten mit meinen Fäkalien gespielt habe. Das klingt plausibel, auch wenn mich die infantile Amnesie darin hindert, mir meine damaligen Gewohnheiten ins Gedächtnis zu rufen. Das von Carl Gustav Reich vermutete Versäumnis hole ich übrigens mittlerweile nach. Es ist eine ganz angenehme Abwechslung in meinem monotonen Alltag. Seit vier Jahren habe ich mein Bett nicht mehr verlassen. Nicht weil ich ein Brian-Wilson-Epigone wäre, sondern weil ich zu einem immobilen, amorphen Sechs-Zentner-Fettberg mutiert bin. Schuld sind meine Drüsen. Eventuell auch meine Schokoladensucht. Oh ja, ich bin süchtig nach Schokolade! Oder auch Kalovaschde, wie mein schwäbischer Großvater, ein überzeugter Wernicke-Aphasiker, liebevoll zu sagen pflegte. An meiner Sucht besteht kein Zweifel. Mittlerweile vertilge ich zwei Kilo täglich. Nur Schokolade. Sonst esse ich nichts. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Kartoffeln, keine Nudeln, kein Brot, kein Reis, keine Milchprodukte, kein Obst, kein Gemüse. Nichts. Das würde ich alles gar nicht herunterbekommen. Trinken kann ich nur Wasser. Das hat natürlich Folgen. Meine Zähne fallen aus. Die Haare auch. Mangelerscheinungen, sagt der Arzt. Er meint, wenn ich so weitermache, werde ich keine 30. Ich habe eine Wochenration Schokolade dagegen gewettet. Und zwar Trauben-Nuss, meine Lieblingssorte. Meine Mutter pflegt, mich zu pflegen. Sie leert täglich die Bettpfanne, wäscht mich wöchentlich mit den Waschlappen (einer für oben, einer für unten, einer für die Mitte), und wechselt monatlich die Batterien meiner Fernbedienungen. Ich habe für alles Mögliche Fernbedienungen. Sogar mein Bett, eine speziell angefertigte Stahlkonstruktion, hat eine Fernbedienung zum Verstellen der Rückenlehne. Und einen ferngesteuerten Tisch habe ich auch. Der hat eine konkave Ausbuchtung für den Bauch, genau wie der Schreibtisch von Thomas von Aquin, der ja auch nicht gerade eine Bohnenstange war. Ohne meine Mutter wäre ich verloren. Sie ist es, die mir die Schokolade besorgt. Die bekommt sie günstig von ehemaligen Arbeitskollegen meines Vaters, der lange Zeit in einer großen Schokoladenfabrik gearbeitet hat. Bis er sich nach 27 Jahren Betriebszugehörigkeit mitten in der Mittagspause wortlos in die Conchier-Apparatur stürzte und so seinem Leben ein spektakuläres Ende setzte. Wenn ich nicht schlafe oder Schokolade esse, denke ich an früher. Es gab Zeiten, da konnte ich selbständig mein Geschäft verrichten. Ich konnte laufen und sogar im Stehen meine Füße sehen. Das weiß ich so genau, weil es eine Weile eines meiner Hauptvergnügen war, zu Konzerten zu gehen und dabei stundenlang auf meine Schuhspitzen zu starren. Danach gelüstete es mich auch am Abend des 7. April 1994. Während es in Berlin zeitweise Sprühregen und Graupelschauer gab, genoss Gary Smith seine letzten Stunden als unbekannter Elektriker. Ich warf mir eine doppelte Portion Beta-Blocker ein und machte mich trotz meiner Kopfschmerzen und der feucht-kalten Witterung auf den Weg ins „Kropotkin“. Das war ein alternativer Jugendklub, der seinen Namen einem russischen Anarchisten verdankte und Nachwuchsbands die Möglichkeit gab, live vor Publikum aufzutreten. Erwähnenswert wäre noch, dass die Türsteher Neonazis aus aller Herren Länder waren. Der brutalste von ihnen war Janus Ducek aus Prag. Er hatte mich schon einmal aus dem Fenster geschubst, weil ich seinen Gruß nicht erwidert hatte. An diesem Abend war er dagegen sehr freundlich und boxte mir nur ermahnend in die Seite. Nachdem ich fünf Mark Eintritt gelöhnt und dafür einen Stempel auf das Handgelenk gedrückt bekommen hatte, enterte ich den verräucherten Vorraum, der abgesehen von zwei Billardspielern, die ohne Kugeln mit sich selbst spielten, leer war. Die anderen Gäste, etwa achtundsechzig, waren im gut gefüllten Musikraum, wo die Band – ein Trainingsjackenträger-Trio mit schiefen Scheiteln und den krummen Rücken eingefleischter Vegetarier – bereits zu spielen begonnen hatte und gerade dem Ende eines Stücks entgegendilettierte. Hier wurde die Genfer Instrumentenrechtskonvention massiv verletzt. Es handelte sich bei dieser Band ohrenscheinlich um eine musizierende Kopfarbeiterbrigade. Die erkennt man unter anderem daran, dass sie niemals Lieder, Songs oder sogar Nummern spielen, sondern immer Stücke. Dies bestätigte sich sofort bei der nächsten Ansage des Brigadeleiters: „Vielen Dank, der Applaus ist berechtigt. Das nächste Stück, das wir spielen, ist sehr eklektizistisch. Eigentlich das einzige eklektizistische Stück in unserem Programm. Es heißt ‚Sterben um halb sieben auf dem Garagendachboden ist nicht so schlimm, außer es passiert dir selbst’.“ Der Sänger brüllte „1, 2, 3, 4!“ und startete dann ein viertelstündiges, höchst elegisches InstrumentalSTÜCK. So in der Art „Carlos Santana auf Grünem Knollenblätterpilz “, gar nicht mal sooo übel. Leider gab es direkt vor mir zwei ekstatische Walküren, die ihre mit alten Jurte-Beuteln nur notdürftig verhüllten XXL-Oberkörper unrhythmisch schüttelten und mir beim Schlenkern mit den Haupthaar-Rastazöpfen fiese Schuppengeschwader ins Gesicht schleuderten. Nach circa 48 Sekunden hatte ich die Nase voll und entschloss mich zum geordneten Rückzug. Ich schlängelte mich an nickenden und zuckenden Gestalten vorbei und steuerte schnurstracks einen gerade frei gewordenen Stehplatz an der Seitenwand an. Fortuna war mir weiter hold und ließ mich eine herrenlose, auf dem Boden liegende Bierflasche entdecken. Sie war sogar schon leer. Ich umschloss die leicht klebrige Flasche fest mit der rechten Hand, schob die linke Hand in die Hosentasche, schmiegte mich mit dem Rücken an die kühle, raue Betonwand und starrte auf meine Schuhspitzen. Herrlich! Erst jetzt konnte ich „Sterben um halb sieben auf dem Garagendachboden ist nicht so schlimm, außer es passiert dir selbst“ richtig genießen. Ich vergaß Sein und Zeit und verlor dabei Vernunft und Urteilskraft. Weg waren Wille und Vorstellung. Erst nach dem nächsten Stück, „Wittgensteins Brüder “, dachte, also war ich wieder. Ich öffnete die Augen und erblickte im Publikum einen leibhaftigen Indianer. Er war von etwas mehr als mittlerer Gestalt, dabei sehr kräftig gebaut. Seine Haltung zeigte etwas wirklich Edles und aus seinen Bewegungen konnte man auf große körperliche Gewandtheit schließen. Sein ernstes Gesicht war ebenmäßig geschnitten und hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Seine Augen besaßen einen ruhigen, beinahe milden Ausdruck, den Ausdruck einer stillen, inneren Sammlung. Sein Kopf war unbedeckt. Das dunkle, blau schimmernde Haar hatte er in einen helmartigen Schopf aufgebunden, durchflochten mit einer Klapperschlangenhaut, worin eine Adlerfeder steckte – das Zeichen der Häuptlingswürde. Er trug mit Stachelschweinborsten geschmückte Mokassins, ausgefranste Leggins und einen elfenbeinfarbenen, ledernen Jagdrock, alles sehr einfach und dauerhaft gefertigt. Im Gürtel steckte ein Kratzstopfer, ferner hingen daran mehrere Beutel, worin all die Zutaten verwahrt wurden, die für einen gemütlichen Abend notwendig sind. In den Händen hielt der Indianerhäuptling eine armlange Friedenspfeife, deren Holzrohr dicht mit silbernen Nägeln beschlagen war. Mit dieser Pfeife ging der Häuptling von Gast zu Gast und bot ihm, sofern dieser männlichen Geschlechts war, einen tiefen Zug von seiner stinkenden Kräutermischung an. Kaum jemand lehnte ab. Was mich schockierte, war das Ritual nach dem Inhalieren. Der Häuptling nahm die Hand seiner Rauchkumpane und bedeckte den Handrücken mit einem langen, feuchten Kuss. Doch damit nicht genug. Im Gegenzug erwartete er, dass man mit seiner Hand ebenso verfahre. Kaum zu glauben, aber wahr – alle machten das unappetitliche Spiel mit und bedeckten den auffordernd an ihre Lippen gepressten haarigen Handrücken des Häuptlings mit einem mehr oder weniger intensiven Kuss. Hier waren bestimmt Drogen im Spiel! Mein Blutdruck stieg trotz der doppelten Portion Beta-Blocker auf dramatische Höchstwerte, als ich realisierte, dass die Reihe nun bald an mir sein würde. Ich schob die Umstehenden panisch zur Seite, flüchtete aus dem Musikraum, durchquerte eilig den verräucherten Vorraum, in dem immer noch die beiden Billardspieler ohne Kugeln mit sich selbst spielten, und stürzte in die Damentoilette, wo ich mich in einer Kabine einschloss. Mein Rücken war schweißnass. Ich konzentrierte mich aufs Atmen und ließ die Zeit vergehen, die Bierflasche fest im Griff. Weil ich so bemüht war, nicht zu schnaufen und/oder zu keuchen, bekam ich die Gespräche der Mädchen in den Nachbarkabinen nur am Rande mit. Einige Diskurs-Themen sind mir aber in Erinnerung geblieben: „Warum tragen Existenzialisten immer schwarze Rollkragenpullover? Ist der Drummer auf den süßen Sänger sauer? Habt ihr schon „Schindlers Liste “ gesehen? Kann man vom Musiklehrer schwanger werden?“ Es gefiel mir in der Kabine. Um mein Wohlbefinden noch zu steigern, zog ich mich komplett aus. Zugegeben: meine Socken ließ ich an. Da fiel mir mein in Schweinsleder gebundenes Onanier-Tagebuch vor die Füße und mir kam wieder in den Sinn, dass ich noch einige Nachträge machen müsste. Das tat ich dann auch: 06.04.94 08:11 – 08:13 Uhr Bett Phantasie 2 06.04.94 09:56 – 10:39 Uhr Klassenraum Phantasie 1 06.04.94 16:24 – 16:29 Uhr U-Bahn Phantasie 2 07.04.94 08:11 – 08:13 Uhr Bett Phantasie 2 07.04.94 15:26 – 17:53 Uhr vorm Spiegel Phantasie 1 07.04.94 17:54 – 17:59 Uhr Balkon Phantasie 2 07.04.94 22:38 – 22:39 Uhr Damentoilette „Kropotkin“ Phantasie 2 Zum besseren Verständnis muss ich noch die Phantasien erklären. Insgesamt hatte ich damals sogar drei. Die Nr. 3 („69 “ mit einem Affenbrotbaum) genehmigte ich mir nur am Wochenende. Nr. 1 ging (und geht immer noch) so: Ich spiele Mau Mau mit Uschi Obermaier, die in Polizeiuniform und im Schneidersitz bei mir auf dem Bett sitzt und dabei eine Juwel 72 raucht. Im Hintergrund läuft der Auftritt von Jefferson Airplane beim Monterey Pop Festival. Während Grace Slick mit ihrer Stimme eine Achterbahnfahrt veranstaltet, plätschert das Spiel so vor sich hin. Doch dann lege ich die Sieben Pik ab und sage: „Zwei ziehen!“, Uschi Obermaier kontert mit der Sieben Kreuz und sagt: „Vier ziehen!“, worauf ich die Sieben Herz präsentiere und kaum noch „Sechs ziehen!“ sagen kann, weil ich den Gipfel bereits erreicht habe. Nr. 2 (zu dieser Zeit meine Lieblingsphantasie) läuft folgendermaßen ab: Auf dem Nachhauseweg mache ich einen kleinen Abstecher in die Berggasse 19, um in „Siggis Plattenladen “ nach neu eingetroffenen Second-Hand-Vinylscheiben zu suchen. Dabei fällt mein Blick auf den „Redbone“-Longplayer „Message From A Drum“ in einer limitierten Halfspeed-Version aus dem Jahre 1973. Die Platte kommt mir seltsam bekannt vor. Nach einer kurzen Inspektion weiß ich auch warum – die von mir höchstpersönlich aufgeklebte Signatur auf dem Cover und der von mir fein säuberlich mit Tinte auf der Schutzhülle verewigte Klaus Kinkel-Spruch („Wir werden Menschen sein. Wir werden es sein oder wir werden die Welt dem Erdboden gleichmachen bei unserem Versuch, es zu werden“) lassen keinen Zweifel zu – hier handelt es sich um MEINE Platte. Meine Platte, die ich vor ungefähr 23 Tagen meinem Klassenkameraden Ekkehard von Seckendorf ausgeliehen habe, damit er sich eine Sicherungskopie machen kann. Stattdessen hat er sich aber mit meiner Platte eine goldene Nase verdient. Ich beschließe, ihn zu einem Duell zu fordern (im Morgengrauen vor den Toren der Stadt) und kaufe meine eigene Platte für eine irrwitzig hohe Summe ein zweites Mal. Groß ist mein Erstaunen, als am Abend Ekkehard von Seckendorf vorbeikommt und mir die geliehene „Redbone“-Platte zurückbringt. Hier endet Phantasie Nr. 2. Nach Beendigen meiner Tagebucheintragungen zog ich mich wieder an und überlegte, wie ich jetzt weiter mit mir verfahren sollte. Plötzlich wurde es auf dem stillen Örtchen sehr laut. Vor meiner Kabinentür ertönte plötzlich a capella der Schlusschor aus Beethovens Neunter. Sehr eindrucksvoll und stimmgewaltig. Ich veranschlagte für diese Darbietung mindestens 15 gut ausgebildete Sänger und Sängerinnen. Was hatten die zu dieser späten Stunde auf der Damentoilette eines heruntergekommenen Jugendklubs zu tun? Als mir in den Sinn kam, dass dieser Menschenauflauf eine gute Gelegenheit für mich wäre, unauffällig diesen Schau- und Lauschplatz zu verlassen, stellte ich das Staunen ein und trat aus meiner Kabine heraus. Wie groß war meine Überraschung, als ich feststellte, dass der polyphone Gesang von einer einzigen Person stammte – ausgerechnet vom Indianerhäuptling, der ganz allein im Raum war und sich vorm Spiegel den Lidschatten nachzog. Als er meiner gewahr wurde, hörte er auf zu singen und kam behände wie ein Puma auf mich zu. Er musterte mich kurz vom Scheitel bis zur Sohle und sah mir dann tief und eindringlich in die Augen. Nach schätzungsweise sieben Augenblicken nickte er, als ob sich in dieser Sekunde eine lang gehegte Vermutung bestätigt hätte, trat einen Schritt zurück und raunte mir leise mit tiefer Stimme zu: „Uff! Du bist krank!“ In dieser Behauptung schwang sowohl Vorwurf als auch Mitleid mit – beides war für mich nicht nachvollziehbar. Verwirrt und eingeschüchtert wie ich war, ließ ich meine gewohnte Schlagfertigkeit vermissen. Wieder einmal blieb mir nur die Flucht. Ich stieß den adleräugigen Häuptling zur Seite und lief aus der Damentoilette, durch den verräucherten Vorraum (wo ich von den beiden Pseudo-Billardspielern aufgehalten wurde, weil sie mich für Kurt Cobain hielten und ein Autogramm verlangten, was ich ihnen natürlich nicht gab, weil ich dieser Götzenanbetung keinen Vorschub leisten konnte und wollte), vorbei an Janus Ducek, dem ich die leere Bierflasche in die Hand drückte und dann nur noch raus, raus, raus. Es fuhren zwar noch Straßenbahnen, aber ich ging die acht Kilometer nach Hause zu Fuß. Unterwegs fiel mir noch die eine („Geben Sie Gedankenfreiheit!“) oder andere Replik („Wohl zuviel Feuerwasser getrunken!“) ein, die ich der dreisten Rothaut hätte ins Gesicht schleudern können. Aber zu spät. Als ich am Tierpark vorbeikam, sah ich, dass wieder einige Pinguine ausgebrochen waren. Sie watschelten seelenruhig über die ruhige Hauptstraße. Auf halber Strecke machte ich an einem Süßigkeiten-Automaten Station. Mein Kleingeld reichte genau für eine Tafel Schokolade. Trauben-Nuss, meine Lieblingssorte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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