Angela Heise

Ein beinahe-Seitensprung

Carmen ist noch müde als der Wecker schellt. Kein Wunder, gestern abend hat sie lange mit Jörg gestritten. Sie ärgerte sich fast mehr über ihre eigene Schusseligkeit, als über seine Eifersucht. Wieso hatte sie auch den Zettel mit dem Namen der Cocktailbar, auf der die Telefonnummer von Dirk stand aufgehoben?
Dirk, der neue Berater in der Firma ist ganz anders als Jörg. Groß, Sonnenbank gebräunt, Figur eines Fitneßfans, aber am auffälligsten sind die Augen. So ein Grün hat Carmen noch nie gesehen. Wenn er sich mit ihr unterhält funkeln kleine Sternchen darin. Als er am Naachmittag bei ihr saß und mit ihr ein paar Dinge durch sprach legte er seine Hand auf ihr Bein. Klar, sie hätte die Hand weg schieben müssen, aber es fühlte sich gut an und sie genoss es umworben zu werden. Nach der Arbeit war sie mit ihm in dieser kleinen Cocktailbar gewesen. Da wollte sie schon länger einmal hin, aber Jörg hatte abgewunken. Dazu hatte er keine Lust. Erst hatten sie geredet, dann zog er sie an sich und begann sie zu küssen. Irgendwann wanderte seine Hand unter den Rock und strich an den Schenkeln hoch. Carmen stöhnte leise und genoß die Zärtlichkeit. Als Dirk sie los liess war sie verwirrt. Dirk zahlte rasch die Drinks und nahm ihre Hand. In stillem Übereinstimmen gingen sie hinaus. “Zu mir, oder zu Dir?“ fragte Dirk und sah sie erwartungsvoll an. In diesem Moment wurde Carmen schlagartig nüchtern. Sie hauchte ihm bedauernd einen Kuss auf den Mund und schüttelte den Kopf. Sekunden später war sie im Schacht der U-Bahn verschwunden.
Jörg saß im Wohnzimmer und wies zur Uhr, als sie daheim ankam. Carmen murmelte etwas von Besprechung und hing den Mantel auf. Als sie in der Küche rasch ein Brot bereitete kam Jörg hinein. Wütend hielt er ihr den Zettel hin. “Besprechung“! zischte er. Carmens Versuch alles zu erklären scheiterte. Jörg war sauer und irgendwie gefiel er sich auch in der Rolle des armen Betrogenen. Wie so oft gab ein Wort das nächste und letztlich war ein heftiger Streit im Gange.
Warum konnte Jörg ihr nie zeigen, dass er sie begehrte? Bei ihm war es selbstverständlich, dass sie da war. Ein neues Kleid? Jörg merkte es nie. Ob Parfüm, Friseurbesuch, Kleidung, wenn sie ihn nicht darauf hinwies würde es nicht registrieren. Sex gab es fast garnicht mehr. Meistens schlief Jörg, wenn sie zu Bett ging oder er hatte sich hinter einem Buch verschanzt. Sie gingen fast nie gemeinsam aus, unternahmen wenig. Alltag eben, aber gelegentlich wünschte Carmen sich einfach mehr. Wann Jörg ihr das letzte mal Rosen geschenkt hatte? Sie konnte sich nicht erinnern, es musste ewig her sein. Jörg schenkte praktische Sachen, wenn überhaupt und nur bei einem Anlass.
Seufzend zog Carmen sich an. Es wurde Zeit ins Büro zu gehen. Sie zog vor dem Spiegel rasch die Lippen nach und legte Parfüm auf. Aus den Augenwinkeln sah sie Jörg, der verstrubbelt auf dem Weg in die Küche war. Carmen öffnete einen Knopf der Bluse mehr als sie sonst machen würde. Jörg sah sie an und zog sie an sich. “Du riechst gut“, meinte er.
Als sie nach der Arbeit aus dem Bürogebäude kam stand Jörg vor ihr. Verlegen grinsend streckte er ihr eine rote Rose entgegen. “Cocktail gefällig?“ fragte er. Carmen nickte heftig und hakte sich unter. Gemeinsam gingen sie in die nette Cocktailbar. Für`s erste war der Frieden wieder hergestellt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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