Lothar Krist

vorgeet

(Eine eisig-kalte Geschichte, die unser Leben von Heute geschrieben hat.)

Anita hat heute Geburtstag. Man stelle sich vor, sie ist heute sechzehn Jahre alt geworden. Ein echter Feiertag. Ab heute darf sie bis zwei Uhr früh ausgehen. Papa hat es ihr versprochen. Und heute, wow, heute darf sie sogar bei ihrer besten Freundin Elfi schlafen und ausbleiben, so lange sie nur will. Sie hat auch noch ihre andere beste Freundin Astrid eingeladen und deren Freund Gunni, um den sie Astrid ein wenig beneidet, weil der so wunderbar Gitarre spielt und am Brucknerkonsi Musik studiert. Und Singen kann er wie der John Lennon von den Beatles.

Auch Elfis Freund Gerd ist mit dabei. Und natürlich ihr Lieblingscousin Peter, dann Elfis großer Bruder Renee und dessen ziemlich steiler Freund Wauki, der eigentlich Walter heißt, und der immer so saugeile Witze auf Lager hat. Also langweilig würde es auf dieser Feier mit Sicherheit nicht werden.

Einen eigenen Freund hat Anita noch keinen. Sie hat auch noch keinen richtigen gehabt. Im Gegensatz zu all ihren anderen Freundinnen, die alle so ungefähr in ihrem Alter sind, ist sie noch Jungfrau. Sie kommt sich deshalb echt schon ein wenig komisch vor, insbesondere dann, wenn ihre Freundinnen über ihre geilen Sexerlebnisse tuscheln und damit angaben, was sie nicht Alles am Wochenende angestellt hätten. Ihre Freundinnen durften nämlich schon viel länger ausbleiben, ihre Väter und Mütter waren da nicht gar so streng.

Renee und Wauki haben sich beim Bundesheer kennen gelernt, sind seitdem die besten Freunde und studieren nun gemeinsam im ersten Semester Jus. Echt nette Jungs. Beide möchten eines Tages Staatsanwalt oder Richter werden. Sie haben auch vor in die Politik groß einzusteigen und sie träumen beide davon, wie sie dereinst mithelfen werden, dieses versaute Gesellschaftssystem zu reformieren. Es ist hoch an der Zeit, dass dieser stinkende Protektions- und Subventionssumpf ausgetrocknet wird. Dieser nur noch korrupte Geld- und Politadel aus dieser Giergeneration glaubt doch tatsächlich, dass sie sich ewig aus unserem Volksvermögen ungestraft bedienen dürfen. Dieses Selbstbedienungsgesindel hat keinerlei Skrupel mehr. Man muss sich da ja nur diese EU-Banditen in Brüssel anschauen. Das Kotzen kann Einem da kommen.

Wenn diese Selbstbereicherungskaste erst einmal ordentlich gewaschen, also gerichtet ist, soll kein läppischer Euro an diesen Beinen kleben bleiben, darin sind sich Renee und Wauki einig. Dieses ganze bis auf den letzten Knochen völlig korrupte Politgesindel gehört enteignet, und zwar bis auf den letzten Cent. Auch die Anderen in der Runde können sich dieser Meinung ohne allzu große Probleme anschließen. Sogar der Gunni, der ein kleiner Softi ist, er absolviert gerade den Zivildienst in einem Altersheim, hat nie was dagegen gesagt.

Sie sind in einem Altstadtbeisl von Linz eingekehrt. Afrikanisch essen gehen ist gerade der absolute Hit. Alle waren schon mal dort, nur Anita noch nicht. Und das Schöne daran: die liebe Oma bezahlt den ganzen Schmaus mitsamt allem Drum und Dran, Nachspeise und das Saufen inbegriffen. Sie muss ihr nur die Rechnung bringen, und die soll ruhig geschmalzen sein. So hat es die Omi gesagt. “Lasst es Euch gut gehen!“ Die Omi kann sich das ja locker leisten.

Bei Elfi zu Hause hat der Wauki sie Alle auf eine Line vom besten Speed und auf ein E, eins-a Qualität, eingeladen. “Voreen“ ist immer gut, hat der Wauki gemeint. Ha! “Voreen!“ Dieses Wort hat Anita noch nie zuvor gehört. Dieses Wort steht mit Sicherheit heute noch nicht im Duden, hi. Anita hat auch noch nie zuvor so vorgeet. Einmal im letzten Sommer auf Peters Geburtstagsparty hat sie ihren ersten Joint geraucht und eine Line Speed gezogen. Auch auf diesem Gebiet waren ihr all ihre Freundinnen und Freunde weit voraus.

War vielleicht auch ganz gut so? Danach hat sie sich nämlich ab Mitternacht bei Tante Karin, der Mutter von Peter, bitterlich ausgeweint. Sie hat einen Depressiven gekriegt - vom Joint, gleichzeitig aber auch einen Redefluss - vom Speed, so was Irres kannte sie bis dahin auch noch nicht. Das war echt ein böser Tripp, echt furchtbar - sie hat sich dann am nächsten Tag dafür geschämt. Sie hat ihrer Tante ihr ganzes und so armselig langweiliges Leben erzählt, stundenlang. Arme Tante, wenn sie heute daran denkt. Was wird die nun wohl von ihr denken? Shit!

Die Tante hat sie in die Arme genommen, getröstet und gemeint, es wäre vielleicht eh ganz gut, dass sie noch keinen Freund hätte. Je später sie damit anfangen würde, sie würde schon sehen, umso schöner werde es für sie werden, und so weiter und so weiter. Mensch, was weiß diese Tante schon. Die hat ja keine Tochter, also hat sie auch keine Ahnung, wie das ist, wenn man die Letzte ist.

Anita glaubt heute noch, dass die Tante kein bisschen Ahnung davon hatte, was da Alles in ihrem Garten abgelaufen und wieso sie so irre drauf gewesen ist. Die Eltern heute sind ja alle so dumm, sie haben Alle ja echt keine Ahnung, was ihre Kinder heute so treiben, ha, und dabei sind sie ja Alle erfahrene 68er, oder zumindest fast, hi, und darauf bilden sie sich Alle auch noch Was drauf ein. Na ja, vielleicht wollen sie ja auch lieber Nichts davon wissen. Die Tante hat jedenfalls gemeint, sie soll lieber Nichts mehr trinken. Hihi. Sie hat es ihr versprochen, ha, aber geholfen hat es Nichts. Sie ist dann irgendwann gegen Morgen auf der Hollywood-Schaukel traurig eingepennt und hat dann auch noch den wunderschönen Sonnenaufgang glatt verschlafen. Das kann sie sich heute noch nicht verzeihen.

Na ja, jedenfalls sind dieses eine E und die Line Speed schon in Anita “gefahren“, als sie die Stiege zum Restaurant hinauf gestiegen ist. Irre, so ein Feeling hatte sie noch nie. Es war, als würde sie auf einer Wolke schweben. Wauki hat dann oben, nachdem sie es sich auf den dicken, runden Polstern am Boden in einem eigens für sie reservierten kleinen Raum gemütlich gemacht hatten, gemeint, dieses Feeling müssten sie jetzt festhalten. Und er hat dann an Alle noch ein E ausgeteilt, welches sie mit den ersten Trinks runter gespült haben.

Der Schmäh lief gewaltig. Als dann das Essen kam, angeblich Schaf, Ziege, Gazelle und so, dazu Mais und ein Haufen anderes Zeugs, manches undefinierbar, aber egal, es schmeckte wunderbar, da sagte der Wauki auf seine lustige und oft so freche Art: “Mahlzeit! Lasst Euch die Neger gut schmecken!“ Wie haben sie da Alle gelacht. Die ersten Bissen blieben ihr glatt in der Luftröhre stecken.

“Neger essen!“ Immer wieder sagte es irgendjemand, so dass die Lacherei kein Ende mehr nahm. “Lasst sie Euch gut schmecken!“ Ach wie geil. Wenn das die Oma wüsste. “Meine Oma, meine Gutoma bezahlt das “Essen“!“ Da lachten sie dann wieder Alle. Alle kannten ja Oma. Oma war früher nämlich Deutsch- und Geografielehrerin in einem humanistischen Gymnasium, ein paar Jahre lang war sie dort sogar die Direktorin. Aber dann hat die Partei wieder einmal gerufen und da konnte Gutomi nicht Nein sagen.

Und so ist Omi SPÖ-Stadträtin geworden. Die ganze Familie war ja so stolz auf Omi. Nun hat sich die Treue der ganzen Familie zur SPÖ endlich ausgezahlt. Endlich hatte die Familie ein hohes Viech in der Politik, so hat es Papa gesagt, echt super. Da würde der Papa jetzt endlich in dieser scheiß schwarzen Landesregierung weiter kommen. Oma hat ihm versprochen, dass er den nächsten freiwerdenden roten Abteilungsleiterposten bekommt. Angeblich soll es im Sommer so weit sein, da geht einer in Frühpension. Krankheitshalber, dabei soll er aber gar nicht krank sein. Aber die Partei wird Das schon richten. Man kennt ja nicht umsonst einen Arzt, der der Partei verpflichtet ist.

Na ja, jedenfalls hat die Oma immer zu ihr gesagt, wenn sie mal einen Schwarzen gesehen haben: “Liebe Anita, du weißt doch, “Neger“, so was Schlimmes sagt man nicht!“ Ha, und heute zu ihrem Geburtstag waren sie “Neger essen“, wie der Wauki gesagt hat. Ach wie geil, so megamegageil. Anita ließ sich das Essen schmecken, so weit sie halt essen konnte, wegen der dauernden Lacherei.

Wauki ist dann nach dem Essen mit Renee aufs Klo gegangen und hat auf dem Klodeckel für Alle eine Line Speed aufgelegt. Er hat nicht gespart, die Lines waren gut fünfzehn Zentimeter lang und nicht gerade dünn. Sie sind dann Alle nacheinander aufs Klo gegangen, o Gott, noch dazu aufs Männerklo, man stell sich das mal vor. Oma und Mama würden glatt umfallen, und noch glatter, wenn die Beiden wüssten, wieso!?

Und als sie wieder gesessen sind, da hat der Wauki sein Lieblingsthema lustig weiter gesponnen. “Na, haben Euch die Neger geschmeckt?“ Alle lachten wieder. Die Ecstasy-Tabletten, der Speed, irre, das Zeug fuhr gewaltig. Anita fühlte sich, als würde sie mit Schallgeschwindigkeit auf einem Fliegenden Teppich in zehntausend Meter Höhe über den Blauen Planeten rasen. Geil. Und den Anderen erging es nicht viel schlechter.

Renee sah seinen Freund augenzwinkernd an und meinte: “Verdammt gutes E!“ Der Wauki sah Anita dann augenzwinkernd an und sagte: “Für meine süße kleine Anita zum Geburtstag, da gibt es natürlich nur das Beste. Selbst das Fleisch der Neger war heute so unheimlich zart. Ich habe es selbst ausgesucht, eben vom Besten. Dein Geburtstag ist halt für uns Alle ein Feiertag.“ Da hat sie sich dann wieder halb auf ihrem Polster zerkugelt und sich den armen Bauch gehalten.

Sie waren darin Alle einer Ansicht: “Ja, die Neger haben irre gut geschmeckt. Neger essen wir demnächst wieder.“ Da haben sie dann gemeinsam den x-ten Lachkrampf gekriegt. Anita hat ihre Elfi umschlungen und sie haben sich halb dumm gekugelt vor Lachen. Anita wusste natürlich, dass ihre Unterhaltung schon mehr als nur makaber war. Aber egal. Bestes E eben - zum Geburtstag. Man wird doch mal eine Ausnahme machen dürfen von den Anstandsregeln, die immer wieder von irgendwelchen Gutmenschen aufgestellt werden. Da kam kein schlechtes Gewissen auf. Haha, und scheiß drauf!

Und immer wenn ein Lachsturm einmal kurz nachgelassen hat, dann hat Irgendjemand “Ja, Neger essen gehen wir bald wieder!“ oder so was Ähnliches gesagt. Und wieder blies der Sturm gewaltig. Sie haben wie die Irren gelacht. Am Montag wird ihre ganze Klasse schwer neidisch sein, wenn sie die Geschichte vom Geburtstagsfest erfahren. Wahrscheinlich wird sie diese Geschichte hundert Mal erzählen müssen.

Der Wauki, der in der blauen Studentenverbindung und leicht, aber eh nur ganz leicht rechts angehaucht ist, und der die Neger deshalb nicht so mag, weil sie Alle Diebe und Drogendealer wären, der hat dann noch gemeint: “Und wenn wir dann alle lästigen Neger aus der Linzer Altstadt hinaus gegessen haben, haha, dann essen wir auch noch den Koch.“

O Gott! Anita hat noch nie so viel und auch noch nie so lange gelacht. Ihre Bauch- und Wangenmuskeln waren zum Zerreißen angespannt, sie brannten. Alles tat ihr schon so weh, aber sie konnte einfach nicht aufhören zu lachen. “Neger essen!“ Ha, wie geil, so megamegageil. Und die Omi, eine echte alte 68erin, wie sie immer stolz von sich behauptete - sie ließ kein Familienfest aus, ohne sie Alle philosophisch zu betreuen, ha, und diese Omi bezahlte diese ganze Gaudi auch noch. Anita verbrannte fast am Lachen.
Sie dachte dann daran, als sie die Rechnung bezahlte, wie sie der Oma die Rechnung vorlegen für das Neger-Essen und ihr dabei in die Augen sehen würde. Sie konnte nur hoffen, dass das gut gehen möge und sie nicht wieder einen von diesen Lachkrämpfen kriegt. Frau Gutfrau zahlt das Neger-Essen. Ha, und dabei sagt man “Neger“ doch nicht. Hahaha.

Das hat sie dann den Anderen erzählt, als sie die Stiege runter sind. Wauki hat dann unten gemeint: “Ne, deine Oma hat völlig Recht. “Neger“ sagt man nicht, so schlimm denken wir Gutmenschen nicht.“ Da hat es Anita dann mit der Elfi in das Telefonhütterl auf dem Hauptplatz gewandelt, vom E, vom Speed, und vor lauter Lachen. Und als sie wieder halbwegs gerade gestanden sind, da hat der schlimme Wauki noch ein Schäuferl nachgelegt. Er sagte staubtrocken: “Neger isst man!“ Hahahaha. Und er setzte prustend nach: “Und wenn wir Alle aufgegessen haben, dann essen wir auch noch den Koch.“

Sie sind fast gestorben daran und dabei mit zwei Taxis zum Cazin-Club gefahren. Im Taxi haben sie weiter gelacht. Der Taxilenker, der zufälligerweise ein echter Österreicher war, der hat ihre Geschichte verstanden. Er hat auch gelacht und ihnen beim Aussteigen noch eine schöne Nacht gewünscht.

Vor der Technohütte, in der Anita zuvor noch nie gewesen ist, - sie hat nur die irrsten Geschichten davon gehört, und wie geil man dort abtanzen kann, o Gott, da hat der Wauki dann seine letzten E ausgeteilt. “Voreen ist immer gut!“ Das letzte Etscherl aus dem Sackerl hat er Anita persönlich aufs Zungerl gelegt. Das müsse sein, wie er sagte. Sie haben es mit einem Schluck Whiskey aus Waukis Flachmann hinunter gespült.

Drinnen wurden sie nämlich in einem Vorraum von uniformierten Aufsichtspersonen abgegriffen und durchsucht. Nicht arg. Für die Mädchen hat das eine Frau gemacht. Sie mussten auch die Taschen leeren und so. So ist das heute halt. Die Welt ist heute ja so mit Drogen verseucht. Die Kinder müssen beschützt werden.

Ha! Vom “Voreen“ haben die Erwachsenen ja noch Nichts gehört. Schließlich gibt es in der Welt der Erwachsenen ja nicht, was nicht sein darf und schon gar nicht, was noch nicht im Duden steht. So ist das halt. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Geschichten dieser Art. Diese Abstierlerei durch den Sicherheitsdienst soll ja auch bloß das schlechte Gewissen der Gutmenschengemeinde beruhigen, die an die Philosophie der absoluten Freiheit des Individuums verloren ist. Grenzen gibt es keine, zumindest nicht, wenn man es geschickt anstellt und vielleicht auch noch ein Privilegierter ist.

Dieses alte Narrenvolk hat ja keine Ahnung, ha, und Chance schon gar nicht. Drinnen gab es dann nach gut zwei Stunden sogar noch einen Nachschlag. Das Stück Ecstasy kostete zwar zwölf Teuros, also um zwei mehr als zur Zeit draußen, aber es gab genug davon. Wauki hat ihr erzählt, dass die Dealer ein paar Mädchen hätten, die würden die Sackerl zwischen den Beinen gut versteckt herein schmuggeln. Dafür bekämen sie ein paar E geschenkt. Man müsse nur wissen, wer gerade das Zeug verkaufen würde. Und Wauki, der angehende Saubermann und zukünftige Richter oder Staatsanwalt, er kannte sie Alle.

Beim Hineingehen haben sie sich noch gegenseitig versprochen, dass sie auf einander aufpassen würden, insbesondere auf Anita würden sie Alle ein Auge werfen, schließlich war sie ja noch neu hier und kannte sich nicht aus. Nach dem letzten E gingen sie gleich wieder tanzen. Doch nach einer guten halben Stunde schlug auf einmal das viele E zu. Peng! Auf einmal war es aus mit dem Lachen.

Wauki meinte noch: “Verdammt! Scheiße! Das letzte E von diesen Albanern war kein “gutes“. Wir haben wohl ein böses Tier geschluckt, das sich mit der anderen Pharmazie nicht gut verträgt. Scheiße! Ich hätte es ja wissen müssen! Kauf nie was von Leuten, die du nicht richtig kennst, und schon gar nicht, wenn es Albaner oder Nigerianer sind. Shit!“

Anita hat es dann auch gleich gefühlt. Auch sie ist ganz leise geworden. Sie hatte ein Gefühl, als stünde sie mitten drin im Auge eines wilden Hurricanes. Totale Gefühlsstille. Die Gaudi war wie weg geblasen. Ihr Herz stand still. Gleichzeitig aber pochte es wie irr. Ein böser Sturm blies dann kurz darauf durch ihren ganzen Körper. Das eine böse E zog gegen die drei “guten“ in den Krieg. Dieser “Krieg“ fühlte sich an, als würde er ihren ganzen Körper in milliarden Stücke reißen.

Die Jungs hat es glatt in das nächste freie Sofa in einem Nebenraum hinein geet. Dort lief Alles auf Chill-Out. Wauki meinte noch zu ihr, sie solle nur ja keine Angst kriegen. Das wird schon wieder. Er hätte das schon öfters erlebt. Nur cool bleiben und keine Panik aufkommen lassen, dann wird Alles wieder gut. Dann hat es ihn durch die Wand geblasen. Kein Wort wurde mehr gesagt. Wauki und Renee haben sich aneinander gelehnt, gerade, dass sie nicht Händchen gehalten haben. Aber diese Hände benötigten sie, um ihre Oberkörper vor dem Auseinanderreißen zu bewahren.

Astrid wollte auf einmal nur noch nach Hause. Der Gunni auch. Der Gerd schloss sich ihnen an, worauf Elfi extrem angefressen war. Sie konnte nicht heim - in diesem Zustand. Wenn ihre Eltern sie so sehen, dann würden sie ihr glatt alle Vergünstigungen streichen. Doch dem Gerd war das wurscht. Er ließ Elfi eiskalt allein.

Weil auf dem Sofa bei Renee und Wauki kein Platz mehr frei war, hat sich Anita mit Elfi und Peter auf ein Sofa ganz hinten in eine Ecke gesetzt. Der ganze Raum war voller Leute, die sich zusammen gehalten haben. Fast Alle hatten dabei wie ihre zwei Freunde die Arme fest, ganz, ganz fest um ihren Leib gelegt. Manche schliefen, den Mund weit geöffnet, die Kinnladen zuckten dabei. Manchen rann die Nase. Manche rotzten dauernd damit. Viele hatten ihre Knie so stark zusammen gepresst, dass diese Knie mit Sicherheit einen Knorpelschaden bekamen.

In Anita kam Panik auf. Angst zersägte ihre Seele, ihr Herz, ihr Hirn. Was ist, wenn es mich zerfetzt? Was wird die Mama sagen? Oma dreht durch. Der Papa sperrt mich wieder um Mitternacht ein. Sie hatte einen Schüttelfrost. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie bibberte nur noch. Dann hat sie die Arme fest wie die Anderen um ihre Brust gepresst, sie hat ihren wild auseinander platzenden Körper zusammen gehalten.

Da war Elfi auf einmal weg. Auf einmal war auch Peter nicht mehr da. Elfi hat das ganze Klo angespieben und kam nie mehr zurück. Irgendwann waren dann auf einmal ein paar Jungs da. Sie grabschten an ihr rum. Sie wollte das nicht. Aber sie konnte nicht Nein sagen. Reden ging nicht, und wehren schon gar nicht. “Du musst Was trinken! Viel Flüssigkeit zu dir nehmen, das hilft.“ Und sie hat getrunken. Ab da weiß sie dann Nichts mehr. Irgendwann hat man sie wohl abgeschleppt. Anita hat heute keine Ahnung: Wie?

In einem Firmenbus, es stank nach Werkzeug, Schweiß und Motorenöl, ist sie in einem Meer der Schmerzen aufgewacht. Tiergesichter, wild und böse, waren über ihr. Das Lachen der Tiere war so schrill. Die Tiere rissen böse Witze. “Schöne Grüße von General Mladic und von Slobodan Milosevic. Ha, wir spielen jetzt ein schönes Spiel. Das heißt “Umerziehungslager“. Wir sind die braven Tschetniks und du bist eine muslimische Nutte aus dem schönen Bosnien, die jetzt umerzogen wird. Hahaha!“

Anita starb fast daran. Das Lachen kriegt sie nie mehr aus ihrem Kopf. Sie hört es jede Nacht. Sie haben sie dann gegen Mittag irgendwo außerhalb der Stadt aus dem Auto geschmissen, nackt, die Kleider hinterher. Eine zufälligerweise kurz danach vorbei fahrende Polizeistreife hat sie aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht. Die unverzüglich eingeleitete Fahndung verlief erfolglos, sie konnte den Wagen nicht beschreiben. Sie hat sich auch keine Autonummer gemerkt. Daran hat sie erst gedacht, als das Auto nicht mehr zu sehen war.

Oma hat dann all ihre Beziehungen spielen lassen, damit die Geschichte nicht in die Zeitung kam. Sie hat den zwei Lokalreportern zweitausend Euros versprochen, wenn sie den Mund halten würden. Und die hätten ihn gehalten, bis heute zumindest. Na ja, Oma hat gemeint, wenn jetzt Nichts raus sickert, dann wäre die ganze Geschichte in ein paar Wochen vergessen. Auch sie sollte vergessen. Das Leben würde schon wieder weiter gehen.

Als mir Anita vor zwei Wochen diese Geschichte erzählt hat, hat sie in kurzen Abständen immer wieder kurz geweint. Sie zitterte dabei so leicht, sie schien mir so zerbrechlich. Ich hätte am Liebsten meine Arme um sie gelegt und sie getröstet. Aber ich bin ja schon ein älterer Mann. Und ich kenne sie ja kaum. Ich habe sie über Marina* kennen gelernt, jene Marina, die mir immer ihre Geschichten erzählt. Und außerdem: Vielleicht graust Anita ja ab nun vor jedem Mann, auch wenn der noch so anständig ist? Mir würde jedenfalls davor grausen. Und da war ich dann auf einmal sooo wütend.

Na ja, Anita hat mir dann noch hoch und heilig versprochen, dass sie nie wieder so Was angreifen würde. Drogen wären ab nun für sie passe. Diese Scheiße rührt sie nie wieder an.

Doch dann hat sie mich heute zu dieser Geschichte inspiriert. Sie kam völlig zugeet ins Lokal herein geschneit. Sie war wieder deppendüster dicht.

Anita ist gerade mal sechzehn Jahre alt. Wo wird sie enden? Ich weiß es nicht. Verdammt! Der Gutmensch lässt seine eigenen Kinder, seine Kindeskinder im Stich. Und wir Anderen auch, weil wir feige sind und zu all seinem Gequake schweigen. Endet hier eine einst so schön klingende Philosophie? Auch Das weiß ich nicht!

© Copyright by Lothar Krist (21.2.2004 von 01.50 - 4.00 Uhr im Cazin-Club Linz)
* Marina – meine Freundin aus “Monster bemonstern Marinas Welt“
“voreen“, „zugeet“ usw. - aussprechen, wie beenden, kommt von E, Ecstasy.
Wir Alten haben früher, als wir noch jung waren, „vorgeglüht“, soll heißen, wir haben uns zu Hause mit Alkohol in eine gute Stimmung versetzt, bevor wir in die Disco gegangen sind, wo wir uns die teuren Getränke manchmal nicht leisten konnten. „Vorglühen“ tun die Kinder von Heute natürlich auch noch, aber manche von ihnen schlucken vor dem Ausgehen noch schnell ein „Etscherl“, also eine Tablette Ecstasy, es können auch mehrere sein, und das nenne ich in dieser Geschichte erstmals „voreen“.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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