Petra Schneider

Der kleine Delfin III



Was für eine Erkenntnis. Ganz stolz schwamm er nun durch das Meer und versuchte immer und immer wieder irgendwie ein Adler zu sein. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Wenn wir doch alles sein können, warum klappt es dann nicht? Fragte er sich und wieder führte ihn sein Weg in ein anderes grosses Meer. Er fühlte sich gefangen aber auch frei und konnte sich das nicht erklären. So sehr er sich auch den Kopf zerbrach.
Irgendwann als er in diesem neuen Meer schwamm, wieder völlig damit beschäftigt, wie er fliegen könnte, kreiste der Adler über ihm. Er erkannte ihn sofort. Es war der Adler, den er bereits gesehen hatte. Damals auf dem anderen Meer. Damals, als er die Erkenntnis hatte, dass er alles sein kann und kein kleiner Delfin sein muss. Doch, was hatte sie ihm gebracht? Er schwamm weiter im Meer und konnte nicht fliegen. Verzückt sah er zu dem Adler empor, der elegant seine Kreise drehte. Schaute ihm zu, wie einfach und trotzdem erhaben er über ihm schwebte und wünschte sich, auch fliegen zu können.
Aufeinmal, ohne grosse Vorankündigung kam der Adler in rasantem Flug, wie ein Pfeil, der ins Meer stürtzt, immer näher auf den kleinen Delfin zu. Es schien fast, als wolle er ihn erdolchen. Der kleine Delfin bekam es mit der Angst zu tun und tauchte weit unter Wasser, um dem nahenden Unglück zu entgehen. Lange blieb er dort unten. Aus Angst. Denn er wusste nicht, was geschehen war. Wenn der Adler einfach nur vom Himmel gefallen wäre, dann wäre er doch nicht so schnell und so wie ein Pfeil gefallen. Nein. Es sah sehr bedrohlich aus und vor dieser Gefahr musste er sich erst mal in Sicherheit bringen. So lange er es aushalten konnte blieb er unter Wasser. Als es nicht mehr ging, lugte er vorsichtig erst mit der Nasenspitze, dann mit dem Kopf aus dem Wasser. Drehte sich nach allen Seiten, doch der Adler war nicht mehr zu sehen. Weder in der Luft. Noch im Wasser. Er war spurlos verschwunden.
Er schüttelte sich, denn er hatte einen ganz schönen Schreck bekommen. Richtete seine Flossen, die total zerzaust waren und als er wieder auf das Meer schaute, entdeckte er in der Nähe einen neuen Delfin. Wo kam der jetzt her, dachte der kleine Delfin. Den habe ich doch vorher gar nicht gesehen. Seltsam. Ich bin hier die ganze Zeit herum geschwommen. Doch da war kein Delfin. Da er bereits viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte begegnete er dem neuen Delfin recht misstrauisch. Langsam schwamm er auf ihn zu. Da war ein seltsames Gefühl. So, als ob er ihn kannte. Wusste aber nicht woher. Das Gefühl war da, aber er konnte es sich nicht erklären. Der neue Delfin schwamm neben ihm und der kleine Delfin erzählte ihm von seinem Leben. Er erzählte alles, was er erlebt hatte und wie er sich dabei gefühlt hatte. Auch davon, was er alles gelernt hatte in der letzten Zeit und von seinen Erkenntnissen. Der neue Delfin hörte einfach nur zu. Sagte hier und da mal etwas. Ging mit ihm die Gedanken mit und gab ihm das Gefühl, dass er verstanden wird. Nein, viel mehr noch. Der kleine Delfin fühlte sich so richtig wohl. Mit der Zeit taute das Misstrauen und auch die Zweifel verschwanden, er wurde immer freier. Denn er spürte, dass er nicht überlegen muss, was er sagt. Dass er nicht nachdenken muss, was er tut. Dass der neue Delfin nicht sagt, was er zu tun oder zu lassen hat. Dass er nicht fragt, was er will. Er fühlte sich wohl, weil der neue Delfin ihn einfach nur sein lies. So, wie er schon immer sein wollte. Dass wurde ihm klar. Wenn der neue Delfin jetzt mein Spiegel ist, dachte der kleine Delfin, dann lasse ich mich doch jetzt sein, wie ich bin. Dann sage ich mir nicht mehr, was ich zu tun und zu lassen habe. Dann frage ich nicht mehr, was ich will, sondern dann bin ich. Denn ich sehe doch mich in dem Spiegel. Wahnsinn, dachte der kleine Delfin. Wieder habe ich etwas gelernt.
Längst schon war der neue Delfin sein innigster Freund geworden. Obwohl es in seinem Herzen immer noch Zweifel gab, da er noch an dem Delfin hing, den er glaubte so sehr zu lieben. Bei dem er glaubte, die Sicherheit und Geborgenheit zu finden, die er immer suchte. Er dachte noch an ihn und ab und an kamen Gedanken, dass dass, was er jetzt mit diesem Delfin hat, er doch auch mit dem anderen Delfin hätte haben können. Dass, wenn doch alles EINS ist, es doch egal ist, ob er mit diesem oder dem anderen zusammen ist. Es ist doch nur ein anderer Körper. Dieser Gedanke kam oft hoch. Doch gleichzeitg schoss ihm auch der Gedanke in den Kopf, dass es nicht sein kann, denn wenn alle gleich sind und es egal ist, warum bin ich dann auf der Welt. Schliesslich habe ich schon erfahren dürfen, dass nichts ohne Grund geschieht und dass alles vorbestimmt ist. So schaute er sich die Gedanken nur an und liess sie vorüberziehen. Genoss einfach das Leben mit dem neuen Delfin, denn die Zeit mit ihm war einfach nur schön.
Er kostete jeden Tag, jede Stunde und jede Sekunde in Hingabe mit ihm aus und mit der Zeit verschwanden sämtliche Zweifel, die er je hatte. Er dachte zwar manchmal noch an den anderen Delfin. Doch es war nur noch eine schöne Erinnerung. Ein Denken, an eine schöne Zeit. Ein Kapitel in seinem Leben und es machte ihn glücklich, dass er bei dem anderen Delfin, auch, wenn dieser es erst gemerkt hat, als sie sich trennten, eine kleine Flamme in seinem Herzen entzündet hat. Der kleine Delfin war überwältigt von seinen Gedanken. Was durfte er doch alles schon lernen und erfahren. Es war wunderbar.
Darüber vergass er allerdings nicht, dass er gerne fliegen wollte und auch das erzählte er dem neuen Delfin. Der nun immer an seiner Seite schwamm. Mit dem er viele Abenteuer erlebte und mit dem er viel Spass hatte.
Es war an einem wunderschönen Tag. Die Sonne schien. Sie glitzerte im Wasser. Die herrlichen weissen Wolken standen am Himmel. Die Luft war klar. Da nahm der neue Delfin den kleinen Delfin bei der Flosse. Sie schwammen ein Stück und aufeinmal, der kleine Delfin wusste nicht, wie ihm geschah, da hoben sie sich aus dem Wasser. Erst nur bis zum Bauch, dass war ja nicht schlimm. Dann bis zum Schwanz. Was schon recht seltsam war und als die Schwanzflosse, das letzte Stückchen aus dem Wasser ragte. Ja, der Kontakt zum Wasser ganz fehlte, da spürte der kleine Delfin, dass etwas wunderbares geschieht. Er konnte kaum glauben, was passiert war. Er war ein Adler und neben ihm und da war es ihm klar, warum der neue Delfin ihm so vertraut war. Er war der Adler. Der, der über ihm flog, der, den er so sehr bewundert hatte und der, der wie ein Pfeil vom Himmel auf ihn zu stürzen drohte.
Noch konnte der kleine Delfin das gar nicht alles fassen. Bevor er es noch ganz begreifen konnte sausten sie zusammen durch die Luft. Flogen über Felder und Wiesen nachdem sie das Meer hinter sich gelassen hatten. Doch damit nicht genug. Es ging immer höher und höher. Sie überflogen die Berge. So etwas hatte der kleine Delfin noch nie gesehen. Wahnsinn. Flogen in den Wolken. Über den Wolken. Bis sie die Erde unter sich liessen. Da ging erneut eine Verwandlung vor und sie waren keine Adler mehr, sondern Lichtstrahlen. Wundervoll, glänzende, leuchtende, strahlende Lichtstrahlen. Was geschieht hier? Dachte der kleine Delfin. Wo bin ich? Er kam gar nicht nach mit dem Staunen. Schon ging es wieder weiter und sie trafen auf viele andere Lichtstrahlen. Es wurden immer mehr. Bis sie sich schliesslich zu einem einzigen grossen Licht zusammen fanden. Wahnsinn. Schoss es dem kleinen Delfin durch den Kopf. Dass ist es. Ja, dass ist es.
Er war so begeistert, dass er sich kaum beruhigen konnte. Es war wie nach Hause kommen. Wie ankommen. Ein herrliches, ein wunderbares Gefühl. Einfach sich fallen lassen. Total schön. Hier will ich bleiben. Dachte der kleine Delfin.
Lange genoss er die Eindrücke, plauderte mit diesem und jenem Lichtstrahl. Erkannte viele andere Delfine in diesen Lichtstrahlen wieder und freute sich des Lebens. Bis der neue Delfin, der stets an seiner Seite war, zu ihm sagte, dass es Zeit sei zurück zu gehen. Zurück? Sagte der kleine Delfin. Wohin? Auf die Erde, sagte der neue Delfin. Denn Du hast eine Aufgabe. Eine Aufgabe? Der kleine Delfin überlegte und erkannte, dass er nun dort war, woher er gekommen ist. Ja, von hier ist er gekommen und hier geht er auch wieder hin. Wenn er seine Aufgabe erfüllt hat. Denn die Aufgabe und dass war ihm nun ganz klar geworden, ist, dass er anderen kleinen Delfinen hilft sich selbst zu finden und ihnen als Spiegel dient. Jetzt, wo er weiss, woher er gekommen ist und wohin er wieder geht, hat er auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Denn es ist nur heim gehen, wenn er seine Aufgabe auf der Erde erfüllt hat. Die Aufgabe, das Licht in die Welt zu tragen, es in anderen erneut zu entzünden, damit sie es erleuchten lassen können und sich selber wieder finden.Denn das Licht ist in jedem von uns. Anderen als Spiegel zu dienen, um ihnen so den Weg zu sich selbst zu zeigen. Ihnen zu zeigen, was die meisten der kleinen Delfine vergessen haben.... woher sie kommen und was ihre Aufgabe ist...und, dass sie das Licht nicht suchen müssen, sondern es seit Anbeginn in sich tragen.
Etwas traurig diese schöne Gegend und das herrlich gute Gefühl zu verlassen, aber glücklich über diese wunderbare Erfahrung und voller Vorfreude auf die Zeit mit dem neuen Delfin, ließ er sich von ihm an die Hand nehmen und es ging zurück zur Erde, in ein glückliches, zufriedenes Leben...
...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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